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Jüdisches Volksblatt · 1901-04-12 · 15 (12.4.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
15 (12.4.1901)
Date
1901-04-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jahrgang. rr*n*'Ts*fA/r*ir*+<rTim.K*m** Juden, erwerbet das Heimatsrecht zu Eurem und Eurer Kinder Schutze! Der Boykott als Kampfmittel. Wie lange ist es her, dass die volkliche Presse, ob christlich-social, ob deutschnational, die Parole in die Welt schrie: „Kauft nicht bei Inden!" Die Parole hatte ja auch den gewünschten Erfolg, die Juden spüren es am eigenen Leibe, was es heißt, boycottiert zu werden, und die Germanen aller Schattierungen frohlocken über den Erfolg dieser ihrer „nationalen Kleinarbeit"! Es scheint aber, dass diese Art Kleinarbeit bei den teutonischen Deutschen nicht so beliebt ist, wenn sie auf ihre eigenen Stammesgenossen augewendet wird. Da wurde, wie aus Provinzblättern hervorgeht, kürzlich in Olmütz seitens der Czechen der Boykott der deutschen Geschäftsleute proclamiert, und dieses Stückchen „nationaler Kleinarbeit" scheint den Deutschen sehr übel zu bekommen. Wenigstens ließ sich in einer großen Volksversammlung, die eigens für diesen Zweck nach Olmütz einberufen war, und welche, wie das „Deutsche Nordmährerblatt" berichtet, durch die Anwesenheit des Abgeordneten Dr. Eisenkolb „zu einem Markstein" in der Entwicklung der nationalen Hetze — pardon Sache geworden ist, über diesen Punkt der Professor Dr. Sommer sehr unangenehm hören. Nach Mittheilung des Herrn Professors ist in Olmütz von czechischer Seite „mit der bekannten brutalen Gewalt" ein Vorstoß gegen das erbgesessene Deutschthum unternommen worden. Das Häuflein Czechen in Olmütz hat den wirtschaftlichen Krieg gegen das Deutschthum auf seine Fahne geschrieben „(Rufe: Pfui!)" hat, sich „hinwegsetzend über Gesetz und Rech t", den wirtschaftlichen Vernichtungskampf gegen deutschen Handel und deutsches Gewerbe begonnen und den deutschen Geschäftsleuten den Krieg bis aufs Messer angesagt. Am 8. März haben an zwölf verschiedenen Orten czechische Hetzapostel Brandreden gehalten und den Boykott deutscher Geschäftsleute als Evangelium verkündet, und 20 Versammlungen wollen die Olmützer czechischen Concipienten mit ihren Schreibern, wie auch die unbeschäftigten jungen Aerzte in der Umgebung der Stadt abhalten, um den czechischen Bauern die Haut vom Leibe zu ziehen und ihnen dafür gute Lehren zu geben, wie sie sich beim Ein- und Verkaufe in der Marchstadt zu benehmen haben. „(Rufe: Hört! Hört!)" Man wird sich die tiefe Entrüstung, die sich in diesen Mittheilungen kundgibt, gut merken müssen. „Pfui" über den wirtschaftlichen Vernichtungskampf, der „sich über Gesetz und Recht hinwegsetzt". Schmach den Hetzaposteln, welche mit „Brandreden" den Boycott als Evangelium verkünden. Wären wir in Olmütz gewesen, wir hätten schärfstens mitprotestiert: „An den Galgen mit allen jenen Lumpen, welche den politischen Kampf auf das wirtschaftliche Gebiet übertragen"; „einen Strick jenem Gelichter, welches des leidigen politischen Geschäftes „Moses." Von Henry George. (Fortsetzung.) Ein Volk, das sich an den Despotismus gewöhnt hat, mag gegen einen Tyrannen sich auflehnen, es mag seine Gesetze und Bestimmungen umstoßen, hassen, was er liebte, und ehren, was er hasste — aber.es wird sich beeilen, einen anderen Tyrannen an seine Stelle zu setzen. Ein abergläubisches Volk mag einen reineren Glauben annehmen, aber es wird ihn bald zu seinen alten Ideen degradieren. Ein Volk, das Unterdrückung zu leiden hatte, mag sich gegen sie auflehnen, aber nur, um selbst Unterdrückung auszuüben, sobald es zur Macht gelangt. Denn die Verhältnisse bestimmen den Menschen. Und wenn wir bei einem Volke, das sich an Einrichtungen von einer bestimmten Art gewöhnt hatte, entgegengesetzte Einrichtungen platzgreisen sehen, so wissen wir, dass wir dahinter jene lebendige, ursprüngliche Kraft zu suchen haben : d i e M ä n n e r, die im Anfang der Dinge die Zustände schaffen. Das sehen wir am Exodus. Die frappanten Unterschiede zwischen ägyptischen und jüdischen Satzungen sind nicht äußerlich, sondern principiell. Die Tendenz der einen ist: Unterordnung und Bedrückung, die der anderen: die persönliche Freiheit. Eine merkwlirdige Entstehung! A u s d e m m e i st entwickelte n u n d l ä n z e n d st e n Despotismus wird die s r e i e st e epublik geboren. Empor zwischen den Klauen der Felsen- Sphinx erhebt sich der Genius menschlicher Freiheit, und die Trompeten des Exodus erklingen von der stolzen Erklärung der Menschenrechte. Man bedenke, was Aegypten war. Jahrtausende schon stehen seine mächtigen Monumente, die uns — wie einst die ägyptischen Priester den ruhmredigen Griechen — zuzurusen scheinen: „Ihr seid Kinder!" Und gerade die Größe dieser Monumente erinnert uns an die Berselavnng des Volkes — ist uns der ewige Zeuge einer Gesellschaftsordnung, die als ein erdrückendes Gewicht auf den Massen lastete. halber Existenzen untergräbt und vernichtet". So hätten lvir gerufen und die Freude erlebt, dass die engsten Gesinnungsgenossen Wolfs und S ch ö n e r e r s in unseren Ruf eingestimmt hätten! Leider wäre es auch hier nur beim Rufen geblieben, was ja im Hinblicke auf den Fortgang der nationalen Hetze sehr zu bedauern ist. Ja solch ein Boycott! Der bringt's sogar zuwege, dass in einer volklichen Versammlung Witze über den „Ritnalmord" gemacht werden, wenn selbst die „Ostd. R." sonst sehr ernst ist. Er bringt es zuwege, dass dieselben Gesinnungsgenossen sich höchlichst darüber entsetzen, die das „Kauft nicht bei Juden" mit brüllendem Heiloh aufnahmen und begeistert weitertrngen. „Ja," schrie der Herr Professor in die erregte Versammlung, „wenn die Czechen nnr noch dabei blieben, aus ihrer sogenannten Nationalpolizei bei den deutschen Geschäften Patrouillen aufzustellen; nein, sie greifen sogar bis ins Heiligthum der Familie hinein. Der „NaZincc" fordert die czechischen Frauen des Nativnalrathes direct ans, auch die D i e n st b o t e n zu organisieren, und weisr die letzteren an, das deutsche Geld ihrer deutschen Herrschaften auch gegen deren Willen offen oder mit Hinterlist zu dem czechischen Kaufmann, der czechischen Oebstlerin oder der czechischen Grünzeughändlerin zu tragen. (Rufe: Hört! Hört!)" Hört, hört, hört, hört, Ihr Germanen, so etwas wagt der Czeche gegenüber dem Germanen! Und von wem hat er es gelernt, Herr Professor Sommer? Herr K. H. Wolf, Herr Georg Schönerer? Von Euch! An den Juden habt Ihr das Exempel erprobt und auf Eure Stammesgenossen wird es jetzt angewendet. Euch sollte man nun dafür auf jene Bank legen, welche Herr Sommer für die czechischen Hetzer herbeiwünscht; Ihr müsstet vorneweg gerichtet werden, die anderen mögen dann Nachkommen. Wahrlich, wir Juden könnten heute eine grimmige Schadenfreude haben, wenn uns die Sache nicht mit angienge. Denn es ist zehn gegen eins zu wetten, dass in Olmütz unter dem Boykotte der Deutschen ebenso die Juden zu leiden haben, wie unter einem solchen, der gegen die Czechen gerichtet ist. Auch hier gilt das Sprichwort: „Haust Du meinen Juden rc.", und der erste, gegen den sich eine sinnlose nationale Rache richtet, ist leider der Jude! Wir können also nur mitklagen und mitverdammen jene Brutalität, welche das Haus und die Familie nicht schont, welche das wirtschaftliche Wohl einer Stadt, eines Landes, eines ganzen Reiches dem politischen Geschäfte opfert. So wie es heute in Olmütz die Deutschen am eigenen Leibe spüren, so werden es auch an anderen Orten die Czechen spüren. Der nationale Furor hält nicht ein, wenn er einmal entfesselt ist; dem „lichterfüllten" zweiten Jahrtausend war es Vorbehalten, den Ausspruch zu illustrieren, dass es von der Nationalität zur Brutalität kommen muss. Den Boycott Dieses enge Nilthal, die Wiege der Künste und Wissenschaften, der Schauplatz vielleicht der größten Triumphe des Menschengeistes, ist gleichzeitig der Schauplatz der schrecklichsten Sclaverei. Sicher im Besitze aller weltlichen Macht und mächtiger noch durch die Gewalt, die eine mystische Religion ihm verlieh, war der Pharao wie ein Gott auf Erden, und um seinem armen Cadaver ein würdiges Grabmal zu bauen, mussten Hunderttausende ihr Leben dem Frohndienste opfern. Den Elasten, die ihm zunächst standen, gehörten alle sinnlichen Freuden einer raffinierten Cultur und hohe geistige Genüsse, die die Mysterien des Tempels vor der Oeffentlichkeit verbargen. Für die Millionen aber, welche die Basis der gesellschaftlichen Pyramide bildeten, war nur die Peitsche, um sie zur Arbeit anzuspornen, und die Verehrung von Thieren, um das Sehnen der Seele zu stillen. Seit undenklichen Zeiten bis ans den heutigen Tag war das Los des ägyptischen Bauern die Arbeit und der Hunger, damit die über ihm herrlich und in Freuden leben konnten. Er hat sich niemals anfgelehnt. Jede derartige Regung war seit lange in ihm erstickt durch Einrichtungen, die ihn zu dem machten, was er ist. Er weiß nur zu leiden und zu sterben. Was immer für günstige Umstände wir auch annehmen mögen — die Organisation und Durchführung der Befreiung eines großen Volles von einer solchen körperlichen und seelischen Tyrannei gegen eine Armee von einer halben Million geschulter Krieger — erfordert eine gewaltige und geniale Führerschaft. Aber diese Thal, so erstaunlich groß sie ist, ist nicht der Maßstab für die Größe des Leiters des Exodus. Nicht in der Befreiung vom ägyptischen Joch, sondern in dem constructiven, staatsmännischen ^Genie, das den Grundstein legte zu dem jüdischen Gemeinwesen, offenbart sich uns die unvergleichliche Größe dieser Führerschaft. So wenig wir uns den Exodus vorstellen können ohne den großen Führer, so wenig können wir uns die jüdischen Einrichtungen erklären ohne den großen Staatsmann. Nicht nur intellectuell, sondern auch moralisch groß, ist dieser Staatsmann erfüllt von jenem selbstlosen Patriotismus, der die Versuchung zurückweist, ein Scepter an sich zu reißen oder eine Dynastie zu gründen. Die Lehren der Geschichte, die Offenbarungen der Menschennatur, wie wir sie täglich um uns sehen, würden uns lehren, in als Kampfmittel hat die Socialdemokratie als verwerflich Selbsthilfe zuerst in die Praxis eingeführt; der nationa Heros führt jetzt der Socialdemokratie ihr Lieblingskampfmitte als abschreckendes Beispiel vor. Vielleicht werden dadurch beid davon geheilt! Ein Interview mit Abgeordneten De. Stephan Licht. Der Abgeordnete der B r ü n n e r Handelskammer Dr. Stephan Licht, eines der jüngsten Mitglieder der „Deutsch en Fortschrittspartei", setzte einem unserer Mitarbeiter seine individuellen Anschauungen über die derzeitige politische Lage Oesterreichs und über die bedeutenderen Zeit- und Streitfragen auseinander. Wir geben in Folgendem das Wesentlichste wieder: Die parlamentarischen Verhältnisse Oesterreichs haben sich thatsächlich gebessert; ob auf die Dauer, kann man nur dann unbedingt bejahen, wenn man darunter die Dauer von — mehreren Wochen versteht. Die großen Parteien (auch die Alldeutschen) werden nicht obstruieren, wenn auf der nationalen Zwischenlinie verharrt und keinerlei weiteres Unrecht den Deutschen Oesterreichs zugefügt wird. Weder rechts noch links herrscht eine Obstructionsstimmung, und es wäre im jetzigen Stadium keineswegs allzu schwierig, einen Ausgleich zwischen Deutschen und Czechen anzubahnen. Den Weg dazu hat ja Mähren gezeigt, wo Deutsche und Czechen gegeneinander versönlicher gestimmt sind und der Standpunkt der c u l t u r e l l e n u n d wirtschaftlichen Autonomie beider Völker betretenwurde. An eine Germanisierung der Czechen denkt niemand, und andererseits ist bei dem in den letzten Jahrzehnten gesteigerten Nationalbewusstsein der Deutsch-Oesterreicher eine Czechisierung nicht mehr zu fürchten. Die nationalen Verschiebungen in den gemischtsprachigen Ländern sind vielfach auf nationale Wanderungen aus wirtschaftlichen Gründen zurückzuführen. Großangelegte wirtschaftliche Reformen, welcher der österreichische Gesammtstaat und die österreichische Gesammtbevölkerung, ohne Unterschied der Nationalität, nach der so langen wirtschaftlichen Stagnation dringendst bedürfen, werden viel zur Milderung der nationalen Gegensätze und zur Neubelebung des gesammtösterreichischen Bewusstseins beitragen. Die in Angriff zu nehmende Förderung moderner socialer Bestrebungen, der Bau von Bahnen und Wasserstraßen, werden neue gemeinsame Bande um die verschiedenen Völker und dem wesentlichen Unterschiede zwischen jüdischen und ägyptischen Einrichtungen den Einfluss eines souvenären Geistes zu erblicken, selbst wenn die jüdische Tradition weder den Einfluss eines solchen Geistes bezeugen würde, noch auch die beständige Neigung des Volkes, zu seinen gewohnten Ideen zurückzukehren. Immer und immer wieder werden murrende Stimmen laut, und kaum hat Moses den Rücken gewendet, als auch schon das ägyptische goldene Kalb ausgestellt wird unter dem Rufe: „Dies seien Deine Götter, Israel." Und auch die Stärke des monarchischen Principes zeigt sich in der Wahl eines Königs, sobald der weitreichende Einfluss des großen Führers anfieng, nachzulaffen. Es kommt nicht darauf an, wann oder von wem die Moses zugeschriebenen Bücher gesammelt wurden. Es kommt nicht darauf an, wieviel von seinen Gesetzen von früheren Zeiten übernommen oder in späteren Zeiten hinzugesetzt wurde — ihre großen Züge tragen den Stempel eines Geistes, der seinem Volke und seiner Zeit weit voraus nach Ursachen forscht für Wirkungen eines Geistes, der sich nicht von den Ereignissen tragen ließ, sondern (auf einen endgiltigen' Zweck gerichtet war. Die wenigen Züge, die die Tradition uns von Mosis Charakter erzählt, die knappen Notizen, die, wo immer die Bibel gelesen wird, die Kammern der Phantasie mit den lebendigen Bildern angefüllt haben, bestätigen dies in jeder Weise. Was wir von seinem Wirken wissen, wirft ein Licht auf sein Leben. Es war keine Monarchie, wie sie in Aegypten zu voller Blüte gekommen war oder wie sie in ursprünglicher Form bei den Stämmen ringsuni existierte, was Moses zu errichten suchte. Es war auch keine Republik, wo die Freiheit der Bürger die Dienstbarkeit der Heloten voraussetzte und wo das Individuum den höheren Interessen des Staates geopfert wurde. Es war ein Gemeinwesen, das das Individuum zur Basis hatte, ein Gemeinwesen, dessen Ideal es war, dass jedermann unter seinem eigenen Weinstocke oder Feigenbäume sitzen sollte, wo ihn niemand stören oder erschrecken sollte — ein , Gemeinwesen, in dem keiner verurtheilt sein sollte zur Arbeit ohne Unterlass, wo selbst dem Selaven eine Hoffnung blieb und selbst das Lastthier seinen Ruhetag hatte. Ein Gemeinwesen, aus dem bittere Armut verbannt war, wo die männlichen Tugenden

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