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Jüdisches Volksblatt · 1901-04-03 · 14 (3.4.1901) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
14 (3.4.1901)
Date
1901-04-03
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seile 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblalt. 3. April 1901 Nr. 14 L'Univers israelite. Journal dos Principes Conservateurs du Judai'sme. Fonde par S. Bloch. Paraissant tous los Vendrodis. Dn3ül!23 "IIS HTI (Bxodo, X. 28.) Sommaire: Calemirier de la Semaine. ho .Livre d Esther et los Theolo^iens protostants. Propos sabhatiques. Les Sentiments d'Israel onvers los non-juifs. Le Juif dans ies Litteratures. La „l.ibre Parole“ et FAffaire Dreyfus. Lettre de Tunis. Dons en taveur des Oeuvres de la Cotnmunaute de Paris. Idouvolles diverses. Paris, 2-2. März 1901. Redaction nie Montijon 18. Une Carriere Philologique en Roumaine (1 SSL— 1900). I. Los Peripeties d'une Naturalisation. Memoire Auto-Biographique parLazare S a i n e a n, Docteurdes Lettres, Anden Pi'ot'osseur- Suppleant ä l'LTiiversite de Buearest, Laureat de HJniversite et de l’Academie Roumaine. Paris, Che/, Larousse 58, nie des Ecoles 58. 1901. TchinotH. Andachtsbuch für jüdische Frauen und Mädchen. Bon Fanni G. . . r. Mainz. Joh. Wir th'sche Hofbuchdruckerei- Aetien-Gesellschaft. Jüdisches Gefühl. Zeitschrift für die Jugend. Erscheint alle 14 Tage. Inhalt: Vorfrühling. — Der Hofmeister und sein Zögling. — Stannnbuchverse. — Der Engel des Wachsthums. — Der Ameisenhaufen. — Perlen aus dem Talmud. — Räthsel. — Räthsel-Auflösungen. — Uebersetzungs-Aufgabe. — Briefkasten. — Bezugspreise: mit Postzusendung 4- Kr. jährlich, 2 Kr. halbjährlich. — Deutschland 4 Mk. jährlich, 2 Mk. halbjährlich. — Russland 2 Rubel jährlich. — Balkanstaaten 5 Fres. jährlich. — Einzelnummern 15 Heller. Redaetiou : Smeckagasfe 7, l. Stock.— Administration: Myslikgasse 14 n. Jüdische Turn - Zeitung, Nr. 3. Herausgegeben vom Jüdischen Turnverein „Bar Kochba" (Berlin). Inhaltsverzeichnis : Die Erziehung des Willens durch Leibesübungen. Bon H. J alow i c z. — Zeitgedanken. Bon H a i w r i. — Vom Wandern. Von M. Zirker. — Turnerische'Rundschau. — Aus der jüdischen Turnerwelt. — Turnliteratur. — Fürs praktische Turnen. — Abonnementspreis für das ganze Jahr 2 Mk., für die Länder außerhalb Deutschlands und Oesterreichs 2 50 Mk. incl. Porto; einzelne Nummern 20 Pfg. — Verantwortlicher Redacteur: H. Ialowicz, Berlin, Schönhauser Allee 182a. Dr. Adolf Brülls populär-wissenschaftliche Monatsblättcr zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Eonsessionen. Organ des Mendelssohn-Vereines in Frankfurt a. M. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen uud Postanstalten des In- und Auslandes. 21. Jahrgang. Frankfurt a. M., den 1. April 1001. Nummer 4. Oft und West, Nr. 8, März 1901. Illustrierte Monatsschrift für modernes Judenthum. Inhalt: Moses-Henry George, Der deutsch-jüdische Jargon und seine Literatun — Fabius Schach, Aber die Sterne. — S. F r u g, Frühling in Judäa — H . . ., Alfred Nossigs Sculpturen. — Robert Iaffc, Zur rumänischen Judenfrage. — * * *, Der Chassidismus. — Dr. K. Waldberg, Eine schwierige Talmudstelle (Zeichnung). — M. Schwär z. Bei Kunstreitern. — Moriz Hartman n. Ein salomonisches Urtheil. — E. M. Lilien. Miseellen, Aphorismen Revue der Presse. Berlin, Verlag S. Calvari & Cie., NW. 7 Neue Wilhelmstraße 1. Saal. Lautes Reden schallt mir entgegen. An einem Tische haben einige bekannte Wiener Advocaten Platz genommen, und ich höre im Vorübergehen, wie sie die Magenfrage ins Rollen bringen. „Das ist a Scaudal", meint einer von ihnen, „a echte jüdische Schweinewirtschaft ist da, das Essen bekommt man ohne Brot und Bier." Erschrocken frage ich den eintretenden Piccolo: „Um Gottes Willen, bin ich hier nicht bei „Khuner" und in der General- Versammlung der „Oesterr.--isr. UnionDer Piccolo beruhigt mich und ich schreite langsam weiter. Am Mitteltische geht es am lebhaftesten zu. Lachen tönt mir von dort entgen. 'Im Parlament da haben sie ihnen gegeben, was?" So ruft ein Mann, dessen weißer Bart bis zu den Knieen herabwallt. ..Wer die stenographischen Protokolle so von alten Zeiten her liest, der findet heute, vor 200 Jahren war's auch nicht anders. Wie heute Eisenbart, der Abgeordnete von Eger, die Christlich-Socialen hernimmt, ebenso bat's einst vor 100 Jahren der Abgeordnete Wolf gethan." Kopfschüttelnd lasse ich mich auf einen Sessel nieder. Die Glocke des Präsidenten ertönt. „Seit dem Jahre 1900," so beginnt er nach feierlicher Eröffnung der 114. General-Versammlung, „haben wir R u /. i 5 k a s das Präsidium in der „Oesterr.- isr.' Union inne." Mein Urgroßvater, der kaiserliche Rath R u- '/, i ö k a, war der erste aus unserer Familie, und seitdem, theils weil kein Tüchtigerer da war, theils weil man der Gewohnheit folgte, war der Name R u /, i e k a unaufhörlich mit dem Präsidium dieses Vereines verknüpft." Und nun folgte ein langer, nicht endenwollendcr Rechenschaftsbericht, aus dem besonders bemerkenswert die Nochricht schien, dass der größte Theil der „Union" in Archiven verborgen sei; nur einige Fälle, die sich im verojmmpv gangenen Jahre 1999 ereignet, könne der Bericht aufweisen. Be- ® klagenswert sei die Thatsache, dass von dem schon seit 120 Jahren erscheinenden Kalender, der eine Auflage von 5000 Exemplaren aufweist, 1138 weder bezahlt, noch zurückgeschickt worden seien. (Pfui Ausl.) Erfreulich ist es, dass man die schon seit einem Säculum immer wieder gestellte Petition, ein jüdisches Vereinshaus zu bauen, auch Heuer wieder eingebracht habe. Der Präsident gedenkt hierauf einiger diamantener, goldener und silberner Hochzeiten und spricht den Beiräthen, insbesondere den Beirat!) den Josef, Redacteur der „Oester.-isr. X-Strahlen," seinen tiefempfundensten Dank aus. Nach einem kurzen Cassabericht, worin alles Mögliche, nur nicht die Cassa erwähnt wird, kommt Herr- Isidor Milcher, Leiter des Rechtsbureaus zum Wort. Stolz hinzustellen. Es trat ihm aus dem Tagebuche des Freundes ein warmes Leben, eine volle Persönlichkeit entgegen, derer, wie sehr verschieden sie auch von der seinen war, die Berechtigung nicht absprechen konnte. Das Tagebuch gewann nicht so viel Macht über ihn, dass er selbst ein Mitglied derjenigen Gemeinde zu werden wünschte, welcher Felix angehörte, aber es hatte den mächtigen Einfluss, dass er das fremde Leben, welches sich da in aller Offenheit vor ihm entfaltete, nicht ohne Wohlgefallen betrachten konnte. „Es ist wunderbar," sagte er sich, „in meinem Leben Hab' ich nicht gewusst, daß die Welt ein Räthsel ist, das mau auszulösen sich bemühen möchte. Er ist doch ein seltener Mensch. Ist es nicht seltsam? Ein Knabe soll hinausziehen in die Welt mit dem Vorsatz, den Schlüssel zu suchen, mit welchem man das Weltgeheimnis aufschließen kann?" Mit dem Tagebuche in der Hand gieng Reb Sawel gegen Mitternacht zu Bett, und auf das Tagebuch wieder fiel der erste Blick des Mannes, als er am anderen Morgen erwachte. „Ich habe heute Nacht von lauter Schlüsseln geträumt," sagte Reb Sawel Kornmeul uud wollte in der Lectüre des Tagebuches fortfahren, als eben Felix ins Die beiden standen eine Weile sprachlos einander gegenüber. Jeder suchte in dem Auge des anderen zu lesen. Reb Sawel betrachtete den jungen Mann mit einer Art von Bewunderung und schien es sich nicht glauben zu wollen, dass wirklich sein ehemaliger Schüler Fetix vor ihm stehe. Dieser wieder suchte in dem Auge des Lehres zu erspähen, ob das „Pegimele" (die Scharte), welches denselben gestern in so frommgläubige Aufregung versetzte, noch da sei oder nicht. Schweigend ergriffen die beiden Männer einander bei der Hand, und als Felix den warmen weist er darauf hin, wie es im Jabre 1999 dem Rechtsbureau > Druck der treuen Freundeshand fühlte, da mar auch mit in zwei Fällen gelungen ist, jüdische Frauen, die ins Kloster^sich tzj„enimale die Spannung geschwunden, denn er konnte MMheUrmgen aus dem PudLleum. Erklärung. Der von uns eingeführte patentierte Triumphstiefel wird zufolge der enormen Nachfrage vielfach nachgeahmt, was uns zu dem Hinweise veranlasst, dass zu dessen richtiger Erzeugung nicht nur Licenz gehört, sondern auch die vielfachen Erfahrungen des Erfinders, um die richtige Passform zu erzielen. Man achte auf die jedem Stiefel eingeprägte Marke „Triumph", um nicht wertlose Imitationen anzuschaffen. Auch empfehlen wir jedermann, seine Schuhe auf Jdeal-Schuhstreckern zu putzen, denn nur dadurch erhält man sie immer in tadellos elegantem, neuem Aussehen. Niederlagen: Wien, Mariahilferstraße 58, und in den meisten Hauptstädten der Monarchie. S. E. & H. Michelstädter Lieseranten-Verzeichuis. Der „Jüdische Volksverein" versendet ein Verzeichnis jüdischer Firmen, die er allen seinen Mitgliedern empfiehlt. In dieser schweren Zeit, wo über uns von unseren Feinden der wirtschaftliche Boycott in rücksichtslosester Weise geübt wird, ist es doppelte Pflicht jedes Juden, seinen Bedarf soweit als möglich nur bei Juden zudecken. Wir empfehlen allen unseren Lesern dieses Büchlein auf das wärmste. Briefkasten. Wir ersuchen alle auswärtigen Leser uosereö Blattes, uns Nachrichten aus dem Gemeinde- und Vereinsleben der dortigen Judenschaft zu gellen. Besonders erwstnscht ist die Einsendung antisemitischer Localblätter, welche Angriffe gegen die Juden enthalten. M. Sch. in Kelcse. Besten Dank und Anerkennung! I. K., Oberlehrer in Kojetein. Ihr Beispiel sei allgemeiner Nachahmung empfohlen. Die „Mode-Nachrichten" des Herrn Josef L i e b l, für den das Geld auf der Straße, nämlich in dem anderen nachgeworfenen Kothe liegt, sind in der That beachtenswert. Der gute Manu verschickt seinen Preiscourant auch an Juden in der sicheren Hoffnung, dass man das einleitende Geschwätz unbeachtet lässt und trotzdem Bestellungen macht. Wie wird er sich wundern, wenn er statt dieser Ihre Karte erhält, in der es heißt: „Ihre Mode-Nachrichten enthalten in der mir vorliegenden Nummer derartige Gemeinheiten, dass ich es nicht begreife, wie Sie sich erdreisten können, auf solche Weise anständige Kunden anlocken zu wollen." —-Schönen Gruß! Weitere Mittheilungen erwünscht. Die Sprechstunden des Heimatsrechts Bnreaux des „Jüdischen Volksvereines" sine jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag von ]/27 bis 8 Uhr abends. Auskünfte in Heimatsrechts - Angelegenheiten ertheilt weiters die Redaktion dieses Blattes. Ein Abend in der „Union". Ein Zukunftsbild aus dem Jahre 2000 von Wal. Nag. Es ist 7 Uhr abends. Ich sitze im Wiener Arcaden-Cafe, die „Neue Freie Presse" entsinkt meiner Rechten. Auf einmal steht der Chefredacteur des „Jüdischen Bolksblattes" vor mir. „Haben Sie die Freundlichkeit und gehen Sie heute Abend in die General- Versammlung der „Oesterr.-israel. Union", und erstatten Sie mir darüber Bericht; Sie können meinen Luftballonb enützen." Ich steige in des Chefredacteurs Ballon, und in sechs Minuten landen wir bei „Khuner" in der Adlergaffe. Der Chefredacteur entlässt mich, ich eile die Stiege hinauf und betrete den hellerleuchteten begeben batten, in die Arme ihrer Gatten zurückzulegen. Rufe bei einigen Ehemännern.) Aber der glänzendste Erfolg des letzten Jahres war es, dass es dem Rechtsbureaugelang, die Jehudith Schwarz dem Kloster der Ursulinerinnen zu entreißen und sie als Verkäuferin von koscheren Gänsen und als gute Jüdin in Wien zu etablieren. Wie erinnerlich, ist ^ferner in Priroz bei Kienov bei Laslau im Jahre 1990 in der „Cesko veteranske Lisly“ ein Schmäh- Artikel erschienen, in welchem behauptet wurde, der Kaufmann Nathan Jellinek verkaufe zu Passah Christenblut in kleinen Flaschen. Durch die Intervention des Rechtsbureaus gelang es uns im letzten Jahre, die Confiseation der betreffenden Nummer durchzusetzen (großer Beifall — Bravo Milche r-Rufe), da wir mit Hilfe der ,,Oesterr.-isr. X-Strahlen" den Beweis erbracht, dass nur Syrup der Inhalt jener von Jellinek verkauften Flaschen gewesen und überdies Jellinek in der Zwischenzeit gestorben ist. (Erneuerter Beifall.) Hierauf ergreift wieder der Präsident das Wort. „Sie sehen, meine Herren, der Glaubens- und Rassenhass hat eine bedeutende Abweichung erfahren, und so meine physischen und geistigen Kräfte nicht gänzlich versagen, hoffe ich noch — oder wenn nicht ich, wird mein Sohn oder Entel es thun — die gesammte Judenschaft Oesterreichs zum Banner der „Union" zu einigen. Und nun spreche ich voll Rührung den tiefgefühltesten Dank aus allen braven Mitarbeitern, allen Beirüthen, allen Mitgliedern, nicht zuletzt dem Redacteur der „Oesterr.-isr. X-Strahlen", dem Secretär des Vereines und — last not least — unserem wackeren Diener Johann Pick aus." (Stürmische Hoch-Ausrufe.) Der Bericht wird in gewaltiger Eile von der hungernden General- Versammlung zur Kenntnis genommen, und man schreitet unter großer Spannung zur Neuwahl. Zuerst wird der Antrag angenommen, im Princip nur per acclamationem zu wählen, um hierauf feierlichst über den Antrag — Negierungsrath Nu/.icka wiederzuwählen, doch abzustimmen. Der Antrag wird einstimmig angenommen und der Neugewählte verspricht für den weiteren Ausbau der Organisationen in Tirol, Steiermark und (Oberösterreich zu arbeiten, und constatiert aus den alten Jahrbüchern der „Union" mit Vergnügen, dass seinerzeit sein Urgroßvater im Jahre 1901 am 2. April auch mit 8 0 Stimmen zum Präsidenten gewählt wurde, somit das Interesse der Judenschaft für die „Union" und das Rechtsbureau gewiss nicht abgenommen habe. Bei Interpellationen ergreift dann ein Rabbiner das Wort; er setzt sich für Volksbildung und Belehrung der christlichen Bevölkerung ein und erzählt, wie er dies mit allen Mitteln herbeizuführen getrachtet, wie er sogar antisemitische Journalisten zu bestechen versuchte, nur wäre einem von diesen Leuten der Betrag von 250 fl. zu wenig gewesen. (Zwischenruf des Redacteurs der „Oesterr.-isr. X-Strahlen": Biel zu wenig, um einen Journalisten zu besteche n.) Die Versammlung wird immer unruhiger, die Gespräche der ungeduldigen Zuhörer immer lauter; der Rabbi schreit und ein Advocat ruft: „Hinaus mit ihm", und die Fäuste erheben sich — da ein Schlag — ich fahre in die Höhe, verzweifelt, entsetzt, vor mir steht Jean, der Kellner des Arcaden-Cafä, und meint lächelnd: „Na, das war aber a Schlaferl; baben's wenigstens gut geträumt, Herr N a g e l st o ck. Der Schlüssel. Erzählung von E d n a r d K u l k c. (Fortsetzung.) Run begann er mit Aufmerksamkeit zu lesen, und je weiter er vordrang, mir desto größerem Ernst vertiefte er sich in die hier niedergelegten Betrachtungen. Oesters hielt er im Lesen inne, schüttelte manchmal bedenklich den Kopf und schien über die Nichtigkeit oder Unrichtigkeit einer ihm neuen Behauptung nachzudenken, manchmal wieder sagte er: „Merkwürdig, das hätte ich doch im Leben nicht gedacht, und wenn man's da liest, so kann man doch eigentlich nichts dagegen einwenden." So wurde das Tagebuch des ehemaligen. Schülers eine Quelle des Studiums für den ehemaligen Lehrer, und es vollzog sich an diesem eine merkwürdige Wandlung, jene Wandlung nämlich, die sich aus der Vergleichung ergibt. Reb Sawel Kornmehl sah ein, dass alles dasjenige, was er bisher für ein festes und unerschütterliches Gebäude gehalten hatte, doch eigentlich auf sehr schwankender Grundlage ruhe. Er brachte sich zum Bewusstsein, dass verschiedene Menschen selbst über die höchsten Fragen des Lebens auch verschieden denken können, ohne daß der eine das Recht hätte, den anderen zu ver- > Zeitungsleser und quälte die Anwesenden mit dem Wiederdämmen und seine individuelle Ansicht als die allein giltige > käuen der politischen Tageskost, die er tagsüber verzehrt sich sagen: „Ich bin hier wenigstens nicht missverstanden worden." „Jetzt darf ich Sie mit Recht meinen Freund nennen, denn jetzt kennen Sie mich," beschloss Felix endlich die lange Pause. „Ich habe mich seit gestern viel mit deinem Tagebuch beschäftigt", sagte der ehemalige Lehrer, „und habe Dich über manche Punkte noch um näheren Aufschluss nt fragen, aber über eins bin ich froh." „Und das wäre?" fragte der junge Mann. „Ich habe mit Zittern und Beben die Zeiträume verfolgt und mit Schmerz gesehen, wie Du, nach und nach von kleinen Anfängen ausgehend, ein Stück nach dem anderen von deinem Judenthum abgeschüttelt; aber mit großer Freude erfüllt es mich, dass alle diese Gedanken auf Dein äußeres Leben keine Macht hatten, dass Du wenigstens äußerlich den Glauben unserer Vätter nicht abgeschworen, mit einem Wort, daß Du nie daran gedacht hast, Dich taufen zu lassen." „Dann haben Sie," erwiderte Felix, „mein Tagebuch noch nicht bis zu Ende gelesen; denn ich war diesem Schritte näher, als Sie zu vermuthen scheinen!" Der Lehrer war bei diesen Worten ganz überrascht, „Konntest Du wirklich den Gedanken fassen, ins andere Lager hinüberzugehen?" fragte er. Er sprach dies mit solcher Wehmuth aus, als ob der Fall sich wirklich ereignet hätte, denn er fügte noch die Worte hinzu: „An dem allen bin doch eigentlich ich schuld; ich hätte Dir das Buch damals nicht geben sollen." „Beruhigen Sie sich", sagte Felix, mild lächelnd, „von Schuld kann hier gar keine Rede sein; denn jeder gelangt dahin, wohin er durch die innere Anlage gedrängt wird. Hätten Sie mir das neue Testament nicht gegeben, so hält' ich mir's auf andere Weise zu verschaffen gewusst. Uebrigens sehen Sie mich hier als einen Richtabgefallenen." „Gott sei Dank," sagte der Leher, „aber erzähle mir doch, wie war es möglich, dass Du bei Deinem klaren Denken auch nur den Gedanken fassen konntest, überzutreten? Du hast ja an mehreren Stellen, wie ich gelesen habe, ausdrücklich Dich dahin erklärt, dass das Christenthum vor dem Judenthum nichts voraus hat!" „Mein Denken", erwiderte Felix, „hätte mich gewiss auch nicht verleitet, aber einer anderen Macht wäre es bald gelungen, einer Macht, die, wie Sie wissen, stärker ist als als der Tod." „Die Liebe also!" sagte der Lehrer. „Die Liebe!" antwortete Felix. „Ich hat'es nie geglaubt, doch hören Sie meine Geschichte, und Sie werden mich nicht verdammen." „So lange ich Student war, kümmerte ich mich wenig um das gesellschaftliche Leben. Ich konnte mich demselben zwar nicht ganz entziehen; Sie werden Andeutungen darüber in meinem Tagebuch gesungen haben, die Geschäftsverbindungen meines Vaters öffneten mir nicht nur die vornehmen Salons, sondern nöthigten mir auch die Rücksicht auf, zuweilen in denselben zu erscheinen. „Namentlich bei Schauensteins, wo sich sozusagen eine gewählte Gesellschaft versammelte, musste ich von Zeit zu Zeit mich sehen lassen. Doch mied ich die Gesellschaft, so viel ich konnte. Die Art der Unterhaltung in den Salons verursachte mir Langeweile, und ich war jedesmal froh, wenn ich einen solchen Abend hinter mir hatte. Denn was sich in einem solchen Salon herumtummelt, besteht in der Regel aus der schalsten Oberflächlichkeit. Der eine kümmerte sich um nichts als um den Courszettel und wurde durch nichts in der Welt in größere Aufregung versetzt, als wenn die Papiere um drei Achtel oder fünfzehn Sechszehntel gestiegen oder gefallen waren; der andere war ein wüthender

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