Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 14 (3.4.1901)
- Date
- 1901-04-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2432763-2432864-2432878--0947-2434651- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 14 Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt :i. April 1001 deS Ausschusses. insbesondere bob er die Tovubee-Veraustalluugeu hervor, die sich bei der Brunner jüdischen Bevölkerung einer immer zunehmenden Beliebtheit erfrenen. Die Toynbee-Vernnstnltnngen fanden jeden Sonntag statt, nnd wurden Vorträge populär-wissenschaftlichen, geschichtlichen nnd literarischen Inhaltes gehalten: außerdem musikalische, gesangliche nnd declamatorische Vorträge. Die Bibliothek, die bereits eine staatliche Bucherauzahl aufweist, wird demnächst eine namhafte Vergrößerung erfahren. Im Lesezimmer liegen folgende Tagesblätter und Zeitschriften auf: „diene Freie Presse", „Wiener Tagblatt", „Arbeiter-Zeitung", „Prager Tagblatt", „Tagesbote", „Correspondent", „Die Zeit", „Die'Wage", „Ost und West", Berlin, „Oesterrcichische Wochenschrift", „Die Welt", „Jüdisches Bolksblatl", Wien, „Indische Volksstimme", Brünn, „Arbeiter-Zeitung", New-Pork (Jargon), Dr. Brülls „Monatsblätter", Frankfurt a. M., „Docnmente der Frauen", Wien, „Illustrierte Zeitung" Wien, „Münchener fliegende Blatter", „Meggendorfer fliegende Blätter", Der reisende Kaufmann", „DerContorfreund", „JüdischeChronik", Teplitz, „Jüdische Tnrn-Zeitung", Berlin, „Jüdisches Volksblatt", Breslau, „Drohobyczer Handels-Zeitung", „Hnmagid", Krakau, „Der Jud", Krakau, „The Jewish World", London, Corriere Jsraelitico", Triest, ,,L' Jdea Sionista", Modena, „Die Wahrheit", Wien, „Laubhütte", Regensburg, „Der Zionist", Breslau, „Ungarische Wochenschrift", Budapest, „Wschod", Lemberg, „Vegetarischer Vorwärts", Berlin, „Jüdisches Gefühl", Prag, „L'Echo Sioniste", Paris, „Wiener Sonn- und Montagszeitung"__ u. v. a. Nach Erstattung des Cassaberichtes durch den Cassier Herrn W. Sonderling, wurde über Antrag der Nevisore R. Fasst und L. Roseuz weig dem abtretenden Ausschuss das Absolutorium ertheilt. Die hierauf ftattgefundeue Neuwahl ergab folgendes Resultat: Obmann Dr. Em. L ö w e n st e i n : Obmann- Stellvertreter Dr. S. Wolf; Schriftführer, Dr. PH. Schreier; Cassier, W. Sonderling. Ausschuss: Prof. Moriz Brecher, Frl. Hedwig Schmiedl, Dr. Sig. Czech, MaxHickl, Rudolf Z e i s e l. Ersatzmänner: Ad. S ch a l l i n g e r, Josef F e i w e l, Al. Breche r, Sig. K ö n i g s g a r t e u, Frl. G. R a u ch e r. Revisoren: Dr. I e l l e n i k, Rich. F as s l. Schiedsgericht: Doctor Max G r ü n f e l d, Dr. Em. P o l l a k, I. P o p p e r. Es ist zu hoffen, dass die Brünner Judenschaft den Verein durch lhalkräftige Unterstützung fördern wird, und ist durch den minimalen Jahresbeitrag von zwei Kronen die Mitgliedschaft allen Volksschichten ermöglicht. Prag. (G e n e r a l - V e r s a m m l u tt g der Jüdischen V o l k s - B o r s ch u s s c a s s a.) Am 26. März um 8 Uhr abends versammelten sich im Saale der Productenbörse 64 jüdische Männer, um der General-Versammlung der Volks Vorschusscassa anzuioohnen. Die erste Schöpfung der organisierten Juden auf volkswirtschaftlichem Gebiete hatte einen Erfolg, der voraussichtlich nicht ohne Einfluss auf unsere Stammesgenoffen in anderen Städten bleiben wird. Es verstummten all die spöttischen Bemerkungen, und die Zweifler an dem Gelingen sind bekehrt worden. Es schwirrten Gerüchte von einer gewaltigen Opposition, zu welcher große Vorbereitungen gemacht werden. Es erschien thatsächlich eine solche, wurde aber vom Plenum im Keime erstickt. Der Cassabericht weist materielle Erfolge aus. Die moralischen lassen sich in keine Rubrik ziffermäßig zusammenstellen, sind aber nach allen Richtungen von elementarer Bedeutung. Ein Institut, welches sich nur auf eine jüdische Clientel beschränkt, hatte nach Voraussicht unserer patentierten Jinanzgenies keine Existenzberechtigung. Und siehe, die Ausweise zeigen von immerwährend sich steigernden Agenden, die in demselben Maße sich vermehrend ein ungeahntes Prosperieren des Institutes verbürgen. Der Ausschuss hat sich bestrebt, sämmtliche missgünstige Stimmen von vornherein verstummen zu machen, indem er statutenmäßig Mitglieder desselben vom Credite ausschloss, und schuf damit eine Garantie der reinen Hände. Um zum Verlaufe der General-Versammlung zurückzukommeu, sei bemerkt, dass der Rechenschaftsbericht in beiden Landessprachen verlesen wurde. Als dann der Cassabericht und der Bericht der Revisoren zur Verlesung kam, meldete sich die Opposition zum Worte, und es war eine leichte Mühe, sie ad absurdum zu führen. Einem Herrn war in Anbetracht der ersten Begeisterung, welche dem Institute angeblich große Summen zugeführt hat, der Gewinn geringfügig. Er gab hiermit dem Ausschüsse Gelegenheit, die Begeisterung auf das richtige Maß zurückzuführen und nachzuweisen, dass das Institut bloß auf die Gunst des kleinen Mannes zu rechnen hatte, denn die Großen ignorierten es vollständig. Als nach den genehmigten Statutenänderungen bei den freien Anträgen ein neugieriger Fragesteller wissen wollte, welche Stellung die mächtigen jüdischen Vereine dem Institute gegenüber einnehmen, wurde ihm folgende Antwort zutheil: Diese Vereine nehmen eine mehr als kühle Beobachtung bisher ein. Wenn angenommen wird, dass von den bis zum 1. Jänner d. I. verborgten 200.000 Kronen nur der zehnte Theil an Existenzen ausgeliehen wurde, welche er entweder vor dem Ruine bewahrte, oder an solche, die er erwerbsfähig machte, so hat er bei weitem mehr geleistet, als so mancher jener Vereine, die sich nur mit Almosengeben befassen. Der Wirksamkeit der an der Spitze stehenden Männer wurde allgemein reichliche Anerkennung gezollt. Alle Berichte wurden von der Versammlung mit Befriedigung zur Kenntnis genommen und dem Ausschüsse von der Versammlung durch Erheben von den Sitzen der Dank votiert. Bei den Ergänzungswahlen wurden die Herren Max Fant a, I. H. Re di sch, Josef Stein wiedernnd Herr Jonas Frank neugewählt. Krakau. (Wieder galizisch-jüdische Existenzen vernichtet.) Das Abgeordnetenhaus hat das Gesetz zur Aufhebung der ärarischen Straßenmauten angenommen. Diese Mantpächter in Galizien sind alle Juden und dieselben kommen somit um die Existenzen, über welche sie bis dato verfügten. Das existenzlose Proletariat dazulaude bekommt daher einen Zuwachs. Lemberg. (Verein „Chanoch Lanaar".) Der Unterricht im Winter 1S0!J/1000 umfasste c26 Wochen mit l2 freien Schultagen, des Unterricht während des Sommers nur die Zeit vom 1. Mai bis 8. Juli mit nur 48 Schultagen. Am Ende des Winter- Unterrichtes fandr-eine öffentliche Prüfung unter großer Betheiligung statt, bei welcher der Viceobmann des Cultusvorstandes Herr Dr. S. Schaff den Schülern lobende Anerkennung aussprach. Während der Ferien fand ein Feriencurs von zwei Stunden täglich statt, der nur eine einmalige Unterbrechung erlitt durch einen Ausflug nach Brzuchowice unter Leitung des Herrn P. M. Primost. Frequenz: Im October 18:>9 inseribierten sich vl Schüler, im Mai 1900 83. Im laufenden Wintersemester besuchten 8:: Knaben die „Chanoch Lanaar". Schulgeld: 23 von 91 Schülern konnten wegen guter Leistungen ganz befreit werden, I!> Schülern wurde nach einmaliger Einzahlung der Taxe von drei Kronen die weitere Zahlung erlassen. Einigen wurde" das Schulgeld zur Hälfte ermäßigt, die klebrigen zahlen sechs Kronen vierteljährig. Das vorwaltende Princip ist, dass unbemittelte Schüler nur dann befreit werden, wenn Fleiß und Benehmen zu keinem Tadel Anlass gibt, beim Eintritt in die Schule muss jeder mindestens den Betrag für ein halbes Quartal mit drei Kronen entrichten, beim Beginn eines neuen Semesters, werden nur Vorzugsschüler von der Taxe befreit. So erklären sich die Schwankungen in den Schulgeldeinnahnien. Der Gesundheitszustand der Schüler war im allgemeinen ein günstiger, nur wenige mussten längere Zeit aus .Krankheitsursache dem Unterrichte fern bleiben. Jedoch sahen wir mit tiefem Schmerze und aufrichtigem Bedauern einen zu den besten Hoffnungen berechtigenden Knaben vom Tode durch Blinddarm-Entzündung dahingerafft werden. Jakob Lipsker der älteste Sohn seiner Eltern, ein Schüler des kl. Gymnasiums war wegen seiner glänzenden Anlagen, außerordentlichen Fleißes und musterhaften Benehmens eine Zierde und ein Stolz der Schule, ein Liebling seiner Mitschüler. Lehrer und Mitschüler werden ihm stets ein liebevolles Andenken bewahren. Möge diese Anerkennung die tiefbetrübten Eltern trösten. Als ziffermäßiges Resultat der bisherigenArbeit erscheint dieThatsache, dass im laufendenWintersemester die zwei höchsten Classen von zusammen 20 Schülern, von denen 15 ihre eigentliche Ausbildung der „Chanoch Lanaar" verdanken, imstande sind, die ganze Bibel im Urtexte mit Verständnis zu lesen, ein leichtes Hebräisch sprechen, nenhebräische Werke zu lesen, einen Neberblick über die jüdische Geschichte haben und die Fähigkeit besitzen, talmudischem Anfangsunterrichte zu folgen. Jaroslau. (Jüdische Kinder unter a n t i s e m i t is ch er Ruth e.) In der fünften Classe^der hiesigen Mädchenschule werden die Mädchen von der auti'Auitischeu Lehrerin Valeria M o z i k furchtbar chicaniert: so oft eine Schülerin die Aufgabe nicht correct ausarbeitet, heißt es: „Das ist hebräisch!" Als jüngst die Aufgaben einiger Kinder nicht sehr gut waren, schrie die Lehrerin sämmtliche Mädchen folgendermaßen an: „Sluchajcie zydowki. polslca mowii jest najwazniejs/a, ani niemieclca. ani zydowska, ani hebrejska." („Hört, Jüdinnen, die polnische Sprache ist die wichtigste, nicht die deutsche, nicht die jüdische, nicht die hebräische!") Natürlich richteten sich auch die christlichen Schülerinnen darnach und überhäuften die jüdischen Mädchen mit Schimpfworten, wie: „Parszywa zydcnvka. Hamarie/ („Schäbige Jüdinnen, Haman :e.") Obwohl unser löblicher Cultusvorstand im Gemeinderathe und Schulrathe zu reden hat, kümmert er sich nicht darum, wie jüdische Kinder in der Schule behandelt werden. Als die jüdischen Mädchen unter sich allein waren, hielt ein zehnjähriges Mädchen an die übrigen eine Ansprache und forderte dieselben zur Vereinigung auf: wenn eine angegriffen würde, sollten sofort alle für sie eintreten. Ist das mcht empfehlenswert für Nachahmung und jüdischen Eltern zur Beachtung? Budapest. (I ü d i s ch e K r a n k e n p f l e g e r i u n e u.) Die Pester israelitische Cultusgemeinde hat beschlossen, an Stelle der bisherigen nichtjüdischen Wärterinnen im Spitals- und Armenpflegedienste der Gemeinde geschulte Pflegerinnen mosaischen Bekenntnisses anznstellen nnd selbe nach dem Muster der Berliner jüdischen Schwestern auszubilden, zu organisieren und zu versorgen. Die Schülerinnen, welche ihre mit Leumundszeugnis und den Schulzeugnissen versehenen Gesuche sofortan die Direction des Krankenhauses der Pester israelitischen Cultusgemeinde (Budapest, Szabolcsgasse 33) einzureichen haben, dürfen nicht unter 20 Jahre und nicht über 35 Jahre alt sein. Die Ausbildung dauert 3—6 Monate, je nachdem die Bewerberin bloß für die Pflege Erwachsener oder auch für jene der Kinder ausgebildet wird. Nach ihrer Ausbildung wird die Schülerin, sobald ihre Fortschritte entsprechen, als Pflegerin provisorisch für das erste Jahr (inclusive Lehrzeit) angestellt und erhält die Gebüren, wie sie gegenwärtig für das Pflegepersonal des Adele Brody-Kinderspitales bemessen sind (monatlich 30 Kronen Lohn, Dienstkleidung, Verpflegung gleich den Aerzten). Avancement im Gehalte bis 1200 Kronen pro Jahr und eine Altersversorgung, welche zum erreichten 25. Dienstjahre mit 1200 Kronen festgesetzt wird. Die Schülerinnen werden in Gruppen zu je zwölf ausgebildet und während dieser Zeit im Pflegerinnen-Wohnungsraum des Kinderspitals (Wirtschafts- Gebäude, 1. Stock) untergebracht, von wo aus sie den einzelnen Stationen zugetheilt werden. Die Institution wird, tute verlautet, dem Disciplinar-Ausschusse des Dameu-Comites des Spitales unter dem Vorsitze der Frau Hofrathsgattin Armin N e u m a n n und einer den Berliner jüdischen Schwestern entnommenen Oberin unterstehen, um deren Exmittierung sich die Gemeinde demnächst au die Leitung des Berliner Verbandes wenden wird. Es ist in erster Linie bloß auf die Ausbildung ungarischer Jüdinnen abgesehen, doch glaubt man, in Anbetracht dessen, dass an den öffentlichen Spitälern Budapests zumeist Ausländerinnen und Oesterreicherinnen, das heißt, Nonnen des Grazer Ordenshauses von Sk. Viucenz, angestellt sind, auch Ausländerinnen aufuehmeu zu dürfen. Die theoretische Ausbildung wird, wie verlautet, unter Oberleitung des Herrn Professor Stiller von den Herren Chefärzten Groß (Interne), Mohr (Augen) und A l e p y (Chirurgie) bewirkt werden. Die praktische Ausbildung geschieht auf den einzelnen Abtheilungeu. Bei der Besetzung der Stationen ivird auch der Wirtschaftsdienst — wie in den öffentlichen Spitälern — voll beit Schwestern versehen werden. Budapest. (Auszeichnung) Herr Julius Gabel, Communallehrer und Redacteur der „Ungarischen Wochenschrift", erhielt folgenden Brief: Seine k. und k. Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Otto beauftragte mich gnädigst, Ew. Hochwohlgeboren als Andenken für das Seiner k. und k. Hoheit uuterbreitete „Erzsöbet-Album" beiliegende Nadel zu übermitteln. Das Werk lvurde der Bibliothek Seiner k. und k. Hoheit eiuverleibt. Der Obersthofmeister Seiner k. und k. Hoheit des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs Otto: D l a u h o w e s k y, Generalmajor. Pressburg. (Ein e A tt st a l t z u r H e r a n b i l d u n g jüdischer Krankenpfleger.) Wir haben im Vorjahre berichtet, dass in Pressburg eine Anstalt ins Leben gerufen wird, welche den Zweck verfolgt, tüchtige und geschulte jüdische Krankenpfleger und -Pflegerinnen heranzubilden, die dadurch in die Lage versetzt werden, sich eineu neuen und schöne» Lebensberuf zu wählen. Durch eifriges Sammeln von unterstützenden Mitgliedern ist nun die Anstalt auch itt die Lage gekommen, ihre Aufgabe zu beginnen. Sie hat den Concurs vorläufig auf zwei Pflegestellen ausgeschrieben, um die sich 20—35jährige gesunde Personen beiderlei Geschlechtes von unbescholtenem Vorleben nnd zumindest elementarer Schulbildung bewerben können. Gesuche sind, mit Geburts-, Sitten-, ärztlichen und Schulzeugnisse», sowie der Beschreibung des bisherigen Lebenslaufes und etwaigen Empfehlnttgsschreiben versehen, sofort bei der Direction der Anstalt (Pressburg, israel. Spital) zu überreichen. Es wäre zu wünschen, dass die Seelsorger, Gemeindevorsteher und Lehrer voll jüdischen Gemeilkden geeignete Personen auf diesen Concurs aufmerksam machten. Die berufenen Bewerber erhalten gründliche theoretische und praktische Ausbildung und entsprechenden Falles lebenslängliche Allstellttikg. Ausland. Berlin. (Antisemitischer U n f u g.) Ueber antisemitische n Unfug schreibt die „Tägliche Rundschau", die sonst gelegentlich gern einmal in Antisemitismus macht: „Eine hiesige antisemitische Verlagsbuchhandlung schickt uns eine Ansichtspostkarte zu, auf der in roher Ausführung die Ermordung des Gymnasiasten Winter im Keller des Fleischers Lewy zn Könitz dargestellt wird. Auf der Karte prangt die Inschrift: „Gedenket des 11. März 1000! An diesem Tage fiel der Gymnasiast Winter in Könitz dem Schächtmesser zum Opfer. Achtet also auf Eure Geschwister, die da ledig sind; hütet Eure Kinder!" Das ist eine Ausschreitung widrigen Geschäfts- und Radau-Antisemitismus, die Unterdrückung heransfordert. Die Untersuchung in Könitz hat, dank der Geschicklichkeit der Berliner Polizeicommissäre uttb anderer Gerichtsorgane, zn keinem Ergebnis geführt. Man kann über die nrutlimaßlichen Mörder denken, lvie man will; aber Leute, denen bislang nichts bewiesen ist, offen als Mörder zu bezeichnen und ihre That sogar im Bilde darznstellen, ist eine alles Maß übersteigende Gesinnnngsroheit und Gewissenlosigkeit, die nur wilder Aufhetzung, nicht aber dem Suchen nach Wahrheit dienen kann. — Auf dem gleichen Felde steht übrigens die Verherrlichung, die in einzelnen antisemitischen Kreisen mit dem Opfer des Konitzer Mordes, dem Gymnasiasten Winter, getrieben wird. Man mag den Tod dcs jungen Menschen noch so sehr bedauern und die Möglichkeit einer Sühne für seine Ermordung noch so heiß herbeisehnen; znm Gegenstände der Bewunderung und Hochachtung eignet sich der frühreife und mit dem Laster allzu jung vertraute Mensch wirklich und wahrhaftig nicht, und es ist deswegen ein Unfug, wenn sein Bild auf Ansichtspostkarten verbreitet wird oder die Schaufenster antisemitischer Buchhandlungen und Wirtshäuser schmückt. Eine derartige „Märtyrerverehrung" beleidigt jedes gesunde Gefühl und schädigt nicht die Inden, sondern wirft ein trübes Licht auf die*Geistesverfassung derer, die solchen Unfug begünstigen." Berlin. (Der V e r e i n f ü r j ü d i s ch e Krankenpflegerinnen) hielt am Sonntag im Saale des Brüdervereines seine siebente Jahres-Bersammlung ab. Die Zahl der Schwestern stieg im Berichtsjahre von 29 auf 33. Schwestern des Vereines sind auch in Hamburg, München, Köln und Nürnberg thätig; während des letzten Sommers wurde ferner im jüdischen Curhospital zu Kolberg und im Genesungsheim zu Lehnitz die Pflege durch Schwestern des Vereines ausgeübt. Auch im hiesigen jüdischen Krankenhause wirken Schwestern des Vereines. Schülerinnen wurden im letzten Jahre 19 unterwiesen, 4 schieden aus, 6 konnten zu Schwestern ernannt werden. Für Breslau, Königsberg, Nürnberg und München und für die jüdische Großloge ist die Ausbildung von Schülerinnen fest übernommen worden; mit anderen Orten schweben noch Verhandlungen. Die Zahl der Mitglieder des Vereines ist auf 1436 gestiegen. Vereinnahmt wurden 55.086 Mark, darunter 31.209 Mark an Pflegegeldern und 3333 Mark für Schülerausbildnng, vorausgabt sind 36.147 Mark. Mit Einschluss der Stiftungen besitzt der Verein 141.091 Mark. Berlin. (Zu den E r k l ä r n n g e n des M i n i st e rs 5 ch ö n st e d t.) Eine Nachforschung seitens der jüdischen Notare über die Cvnfeffion ihrer Clienten, an der sich 36 Notare betheiligten, hat, nach der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums", ergeben, dass unter den Personen, welche ihre Dienste in Anspruch nahmen, sich insgesammt 18.600 Christen und 6977 Juden befanden. Im Liberalen Verein für die Interessen der jüdischen Gemeinde, wo diese Statistik vvrgebracht lvurde, kam auch folgendes interessante Vorkommnis zur Sprache: Der verstorbene Vorsitzende des Bundes der Landwirte, Herr v. P l o e tz. soll in einer wichtigen Familienangelegenheit einen jüdischen Notar ausgesucht und, von diesem selbst ans seine Confession aufmerksam gemacht, bemerkt haben: „Er wende sich an den Mann, zn dem er das meiste Vertrauen besitze." Der Verein sprach in einer Resolution dem Vorstande der jüdischen Gemeinde seinen Dank dafür aus. dass er in einer Eingabe an den Reichskanzler gegen die Verletzung der durch Verfassung und Neichsgesetz gewährleisteten Rechte der Inden Verwahrung eingelegt. Der Vorstand wurde ferner ersucht, auch in Zukunft den Verletzungen der Gleichberechtigung seitens der Staatsbehörden entgegenzutreten. Dresden. (Eine neue Oper.) Die hiesige Hofoper hat Carl Weiß' zweiactige Volksoper „D e r polnische Jude", die am 3. März im Prager Deutschen Theater mit starkem Erfolge ihre überhaupt erste Aufführung erlebte, erlvorben. Das Werk, dem Erckmann-Chatrians gleichnamiges Drama in einer Bearbeitung von Victor Leon und, Richard B a t t a zugrunde liegt, soll in Dresden, lvie uns von dort geschrieben wird, als erste Novität der nächsten Saison in Scene gehen. Paris. (V o r t r a g.) Jüngst hielt Herr Professor Dr. Martin P h i l i p p s o n vor der „Societe des etudes juives“ auf deren Einladung einen Vortrag über „Ludwig Philippson und seine Einwirkung auf das zeitgenössische Judenthum". Der Grand- Kabbin de France präsidierte; die intellektuellen Spitzen des französischen Judenthums waren zugegen: die Brüder R e i n a ch. Dr. Leven, Professor D e r e m bonrg, der Grand-Rabbin de Paris Dreysus, Rabbiner Weil, Professor Lev y, Morse Schwab re. rc. Von biographischen Einzelheiten gab Professor Philippson so wenig wie möglich, um vielmehr seines ausgezeichneten Vaters Anschauungen (messianische Idee des Judenthums, seine Mission, historische Entwicklung aus dem überlieferten Boden mit Aufnahme der Fortschritte der Menschheit), seine weitverzweigte Thäligkeit nach allen Seiten hin und deren