Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1901-04-03 · 14 (3.4.1901) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
14 (3.4.1901)
Date
1901-04-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2432763-2432864-2432878--0945-2434649
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 Wien, Freitag Radicalen sich zu fühlen begonnen haben; er hat sich weder verbreitert, noch vertieft, er wird im Gegentheile schon vielen zum Ekel, weil sie einsehen, dass er doch nur ein Schlagwort ist für Herrschsucht und Vortheile. Der Antisemitismus, der politische nämlich, würde ganz verschwinden, wenn die Juden endlich aufhören würden, die faulen Geschäfte des Liberalismus zu besorgen, der sie stets nur geknechtet und missbraucht, niemals geschützt hat. Wie die Schafe sind die Juden in Warnsdorf, Rnmburg, Leitmeritz, Auscha, Lobositz, Saaz, Brüx rc. zur Wahl gelaufen, um ihre Stimmen für ihren hochgeschätzten Gesinnungsgenossen abzugeben. Nun gibt ihnen die Leuchte des Fortschrittes einen Fußtritt und meint achselzuckend, die Wählerschaft wolle es nicht, dass er mit Juden in einem Club sitze. Ob wohl die Juden in den genannten Städten den Fußtritt spüren? Die Wählerschaft! Also sie selbst wollen nicht, dass ihr Abgeordneter mit Juden in einem Club sitzt? Möglich ist's schon; es wäre nicht das erste Hirschauer-Stückchen, dass man von den „fortschrittlichen Juden" zu hören bekäme. Es soll uns nicht wundern, wenn vielleicht die p. t. Parteimänner a la Dr. Fleischer in Karlsbad demnächst eine Resolution beschließen, in welcher sie den ausgetretenen Abgeordneten ihr unentwegtes Vertrauen ausdrücken. Diese Sorte Geschäftsleute hat schon solche Stückchen zuwege gebracht. Für uns Juden bleibt ein beruhigender Trost: Solche Ungeheuerlichkeiten der Logik müssen von selbst in sich zusammenfallen. Die fortschrittlichen Antisemiten waren solch eine Ungeheuerlichkeit, deshalb musste der Zerfall ihres Clubs eintreten, und der jetzige Liberalismus ist solch ein Wechselbalg, den auch der Teufel holen muss. Wenn heute der Jude, der weder Einfluss, noch Macht, noch Ansehen genießt, ein ganzes Parteiprogramm ausmachen und beherrschen kann, so ist die ganze Gesellschaft, die sich von diesem Phantom beherrschen lässt, reif für den Untergang. Weil diese Köpfe entweder leer sind, wie ein Bologneser-Fläschchen, oder gefüllt mit unnützen Wärmeleitern, deshalb müssen sie den Juden auf der! Stange herumtragen, das verdeckt ihre —■ „Programm -' losigkeit". Allgemach aber kriegen auch die kleinsten, einfältigsten Kinder den Wurstel satt und werden ihm einfach entlaufen. Und das umso eher, je mehr die Juden dazu trachten, sich national zu organisieren. Sie haben eine ganz gewaltige Macht in Händen, sobald sie diese nur erkennen und gebrauchen wollen, und sie werden einstmals dazu berufen sein, die Phalanx zu bilden für eine neue große Partei des Fortschrittes, welche der Zeitgeist, der nimmerraftende, unbedingt erheischt. Aber nicht als deutsche „fortschrittliche" Parteimänner, sondern als Juden. Denn die Juden sind seit jeher allen Nationen um Jahrhunderte vorausgeeilt; sie sind national, politisch und wirtschaftlich das vorgeschrittenste Volk der ganzen Erde, und wo vom wirklichen Fortschritte die Rede ist, da müssen sie dabei sein, da wird man sie rufen, weil man sie nicht entbehren kann. Und dafür müssen sie sich sammeln und organisieren; denn als achtunggebietendes Ganzes müssen sie in eine Bewegung eintreten, wenn sie dieseBewegung fördernund auch sich nuhbarncachen wollen! besiegt, aufgerieben und versprengt worden, es wurve zu Staub zermahlen, zerstreut in die vier Winde des Himmels; und doch, wenn auch Throne gestürzt wurden und große Reiche zerfielen, Religionen wechselten und lebende Sprachen ausstarben — dieses Volk existiert noch mit sichtlich unverminderter Lebenskraft. Das Auftreten eines solchen Volkes ist eines der epochalen Ereignisse in der Weltgeschichte. Aber es ist nicht so sehr dieses Ereignis als die Hauptfigur des Führers, die in gewaltiger Größe uns entgegentritt, wovon ich vorhabe zu sprechen. Drei große Religionen stellen den Führer des Exodus auf die höchste Stufe, die sie den sterblichen Menschen einräumen. Dem Christenthum und Islam ebensowohl als dem Judenthum ist Moses der Gesetzgeber und das Sprachrohr des Höchsten, der Vermittler, ausgestattet mit übernatürlicher Macht, durch den der göttliche Wille offenbart wurde. Aber gerade diese Erhebung, die den Vergleich mit anderen Menschen unmöglich macht, mag uns hindern, die wahre Größe dieses Mannes zu erkennen. Aus der Mitte seiner Brüder ragt Saul um Haupteslänge hervor. Und auch die kritische Wissenschaft, welche die Moses zugeschriebenen Bücher und Gesetze in die Zeit nach den Propheten verlegt, führt auf ihn, von dem sie uns fast nichts erzählen kann, die Anregung zurück zu den humanen Zügen des jüdischen Gesetzes, zu der hohen Auffassung von der Einheit Gottes — allgegenwärtig und ewig — des allmächtigen Vaters. Aber gleichviel, ob wir Moses in dieser oder jener Weise auffassen, es mag der Mühe rvert sein, den Standpunkt einzunehmen, wo alle Schattierungen von Glauben und Unglauben einen gemeinschaftlichen Boden finden — die Hauptzüge der jüdischen Quellen und Traditionen zu acceptieren und sie zu betrachten im Lichte der Geschichte, wie wir sie kennen, und der menschlichen Natur, wie sie sich noch heute zeigt. Es ist ein Fall, wo die biblische Geschichte behandelt werden kann wie die profane, ohne das religiöse Gefühl irgendwie zu verletzen. — Selbst die schärfste Kritik kann Moses nicht zur Mythe machen — die Thatsache des Exodus zwingt uns, einen solchen Führer anzunehmen. Ein lange unterdrücktes Volk in die Freiheit zu führen, eine solch große Masse im Zaum zu halten, sie zu Kämpfern abzuhärten, vor denen kriegerische Stämme zerstoben und die Mauern der befestigten Städte sanken, Unzufriedenheit, Eifersucht und Meuterei zu unterdrücken, Rückschläge zu bekämpfen, die schnelle, stolze Flamme der Begeisterung in d e n st e t i g e n D i e n st der Sache zu zwingen — das alles verlangt einen thurmhohen Charakter — einen Charakter, der im hellsten Lichte die Eigenschaften des Politikers, des Patrioten, des Philosophen und des Staatsmannes zeigt. Solch einen Charakter in groben, aber starken Contouren zeigt uns die Tradition — eine Vereinigung ägyptischer Weisheit mit selbstlosester Aufopferung. Vom Anfang bis zum Ende, in allem, was wir von ihm sehen — ist dieser Charakter in Nebereinstimmung mit sich selbst und mit dem großen Werke, das sein ewiges Denkmal bildet. Es ist der Charakter eines erhabenen Geistes, der, eingeengt von Bedingungen und Begrenzungen, sich begnügen muss mit Jüdisches Volksblatt Der Saldo der verflossenen Session. (Affaire Seitz. — Dr. Ofner. — Christlich-sociale Wahlanständigkeit. —• Vorspiegelung falscher Thatsachen. —■ Der wahre Saldo.) Don Quixote gieng auf Reisen und hat wieder einen Sieg erfochten, denn sein Nachbar hat jemandem eine Ohrfeige angetragen, und dieser jemand sammt seinen Hintermännern hat sich dies nicht gefallen lassen wollen. Und so fristet er sein Dasein und sein Renommee nicht von Ohrfeigen, die er erhielt oder anstheilt, sondern die man anderen anträgt. Die Geschichte wäre an sich sehr heiter, wenn man dabei nicht ans so viel Charlatanerie und Betrug in der öffentlichen Meinung stoßen würde. Jokle,geh' Du voran, Jolle geht voran, und der hinter ihm stehende Feigling lässt Fanfaren erschallen über Siege, die er erfochten. Was ist denn geschehen'? Der Volksschnllehrer und Reichsraths-Abgeordnete Seitz wurde oder glaubt sich im Bezirksschulrathe durch den Stellvertreter des Vorsitzenden Herrn Schulinspector Gugler beleidigt. Herr Seitz trug denn in seiner Erregung ob der erlittenen Beleidigung dem Herrn Jnspector Gugler eine Ohrfeige an. Wegen dieses Verhaltens wurde ohne Disciplinar-Untersuchung durch die genannte autonome Schulbehörde beim Landesschnlrathe die Entlassung des Herrn Seitz beantragt. Dieser Vorgang steht allerdings nicht vereinzelt da. Er reiht sich würdig an die Präteriernng jüdischer Unterlehrer wegen Zugehörigkeit zur jüdischen Confession an. Herr Dr. Ofner, welcher für die präterierten jüdischen Unterlehrer, für die armen Hausierer (Hansiergesetz), für die armen jüdischen Agenten, kurz für an Juden begangenes Unrecht kein Wort gefunden hat, trat plötzlich als Retter des Herrn Seitz, welcher ohnedies in seinem socialdemokratischen Parteiverbande Schutz und Schirm gefunden hätte, auf und stellte den Antrag auf Einstellung der Disciplinar-Untersuchung wegen Verletzung der Immunität. Und das Facit lvar die A bl e h n u n g dieses Antrages. Die christlich-sociale Partei hatte die Majorität auf ihrer Seite. Allerdings entbehrt diese Episode nicht der Pikanterie. Die Antisemiten schreien nach „Anständigkeit und chevalereskem Betragen". Schneider, Wohl meyer e tutti quanti mit dem Panier der Anständigkeit — ein sehr heiteres Bild. Auf der anderen Seite hört man Hosianna-Rufe. Ein Sieg sei erfochten worden. Ja welcher? Die Christlich-socialen siltd nach wie vor Herren der Situation. All' ihre jüdischen Erwerbe, jüdische Arbeit schädigenden Gesetzentwürfe stehen nach wie vor in Berathung, weil die „freisinnigen", mit jüdischem Gelde gewählten bürgerlichen Elemente schweigen. Warum das Siegesgeschrei? Warum diese Fopperei, begangen an den jüdischen Wählern. Ist nicht Araten noch im Kloster? Hat nicht Freßl mit deutschen Unterschriften die Hilsner-Jnterpellation eingebracht? Dieser ganze Siegesrummel läuft auf eine Täuschung der jüdischen Wählerschaft hinaus. Vogler, Ofner und Conso'ten thun nichts für ihre jüdische Wählerschaft, und nun will man dieselben mit fictiven Erfolgen düpieren. Der Leopoldstädter Wählerschaft, welche zumeist ans Opfern der antisemitischen Bewegung besteht, sollen Leistungen vorgespiegelt werden, die nie prüstiert wurden. Wenn man zum Beispiel nur ein Tausendstel von dem Tam-Tam, den man dem Seitz-Rummel, den wir an sich für berechtigt halten, einer den Kräften und dem Material, das er vorfindet, dessen Leistungen, wie groß sie auch sein mögen, nur ein schwacher Abglanz des großartigen Gedankens sein können. Aegypten war die Gussform der jüdischen Nation — sozusagen die Matrize, in der eine einzelne Familie oder im besten Falle ein kleiner Stamm sich answuchs zu einem Volke, so zahlreich, wie das amerikanische Volk zur Zeit der Unabhängigkeits- Erklärung. Vier Jahrhunderte hindurch — wenn wir uns an die Daten der hl. Schrift halten — also länger als Amerika den Europäern bekannt ist — stand dieses wachsende Volk, die Nachkommen einer patriarchalischen Hirtenfamilie, unter der Herrschaft einer hochentwickelten, uralten Cultur — einer Cultur, deren Stetigkeit ihren Ausdruck gefnnden hat in Monumenten, die an Dauer mit den ewigen Bergen wetteifern — einer Cultur, so alt, dass die Pyramiden, wie wir heute wissen, Jahrhunderte alt waren, bevor Abrahams Auge auf ihnen ruhte. Die Nachkommen der ersten Einwanderer, die auf die Einladung des zum Premier-Minister gewordenen Selavenknaben nach Aegypten kamen, mögen noch so sehr sich das Bewusstsein ihrer Rasseuverschiedenheit und die Traditionen, voll einem freieren Leben erhalten haben, so müssen sie doch mächtig beeinflusst worden sein von einer solchen Cultur. Und gerade wie die Juden von heute Deutsche in Deutschland, Italiener in Italien und Amerikaner in den Vereinigten Staaten sind, ebenso -- nur in weit ausgesprochenerer Weise — waren die Juden des Exodus in ihrem innersten Wesen Aegypter. Es ist daher nichts Auffallendes daran, dass die alten jüdischen Einrichtungen in so vielen Fällen den Einfluss ägyptischer Ideen und Gewohnheiten verrathen. Im Gegentheil: die U n t e rschiede sind das Merkwürdige. Dem oberflächlichen Geiste scheint nichts natürlicher, als dass ein Volk, das dem Lande seiner Unterdrückung den Rücken wendet, auch die Ideen und Einrichtungen dieses Landes aufgibt. Wer aber die Geschichte studiert oder den Lauf der Politik verfolgt, weiß, dass nichts unnatürlicher wäre. Die Gewohnheiten des Geistes sind viel tyrannischer als die Gewohnheiten des Leibes. Sie umgeben die Massen mit einer geistigen Atmosphäre, über die sie ebensowenig als über die physische hinausgehen können. (Schluss folgt.) „Es is a Chumez." Skizze von R. A. Brandes. B e st e Freundin! Es nimmt Dich Wunder, dass ich den Erinnerungen von Erew Peßach so anhänglich bin, dass ich von der Scene des Chumez-Verbrennens so begeistert bin. Du weißt freilich nicht, dass dieser Tag und gerade diese Scene mir und meinem Vater- Hause das Glück gebracht Hat. An diesem Tage und während dieser Scene sah ich i h n zum erstenmale, und tvie könnte ich daran vergessen. Doch ich will Dir das erzählen: 3. April 1901 Nr. 14 anderen wichtigen Frage gewidmet hätte, wie leicht hätte man sehr empfindlichen Nebeln abhelfen können. Wenn nur einer der Abgeordneten, statt am Buffet seinen Couloir-Tratsch zu absolvieren, eine Minute sich Zeck genommen hätte, gegen die Zuweisung des Hansiergesetz-Entwurfes der 50 und 60 eine Einsprache zu erheben. Diese Gesetzentwürfe stünden heute noch nicht auf der Tagesordnung, geschweige denn, dass sie so weit vorgeschritten wären wie jetzt. Auch die Art und Weise, wie man dem verflossenen Sessions-Abschnltte in freiheitlicher Beziehung große Erfolge nachrühmt, ist nichts weniger als aufrichtig. Ein Industrieller, der an der Spitze einer kaufmännischen Corporation mit jüdischer Majorität als Präsident und Paradechrist steht, ruft in einem unbedachten Momente — und in solchen Momenten geben sich die Herren in wirklicher Gestalt — ans: „Jüdisches Capital." Das versucht man zu vertuschen. Kurz gesagt, die Information der Wählerschaft ist eine derart falsche, dass mir. es als unsere Pflicht erachten, die jüdische Wählerschaft aufmerksam zu machen und sie nach wie vor daran zu erinnern, durch solche Bauernfängereien sich nicht irreführen zu lassen, und nach wie vor auf der Hut zu bleiben vor der antisemitischen Gemeinbürgschaft, dieser Bereinigung offener und geheimer Antisemiten, und sich zu hüten vor der Indolenz der sogenannten Freisinnigen. Ter wahre Saldo der verflossenen Session sind judenfeindliche Gesetzentwürfe, Bekundung des Rassenhasses und Gleichgiltigkeit derjenigen Abgeordneten, welche von Juden gewählt, einzig und allein berufen wären, gegen Unrecht aufzutreten. Und so sehen wir wieder, dass nur die jüdische Organisation berufen ist, Anwalt jüdischer Interessen zu sein. Eine Unterredung mit dem Reichsraths- Abgeordneten Wrabetz. Ein Mitarbeiter unseres Blattes hatte mit dem Vertreter der Inneren Stadt Wien, dem Abgeordneten Wrabetz, eine längere Unterredung über die derzeitigen politischen Zustände in Oesterreich, in welcher derselbe ziemlich optimistisch über die momentane Situation sich äußert. Die erfolgte Auflösung des Parlamentes und die Ausschreibung von Neuwahlen hat immerhin eine Besserung der parlamentarischen Verhältnisse herbeigeführt. Nach einigen Stürmen wurde doch im Abgeordnetenhause gearbeitet, es wurden wirtschaftliche Vorlagen und Staatsnothwendigkeiten erledigt. Speciell in den A u s s ch ü s s e n war das gegenseitige Verhältnis der Abgeordneten ein äußerst conciliantes, es wurde sehr emsig gearbeitet, viel mehr als im früheren Hause. Nationale Concessionen dürfte das Ministerium den czechischen Abgeordneten wohl kaum gemacht haben, und gegen wirtschaftliche könne von deutscher Seite keine Einwendung erhoben werden, da die wirtschaftlichen Vortheile, wie Eisenbahnen und Wasserstraßen der österreichischen Gesammtbevölkerung zugute kommen. Obwohl Abgeordneter Wrabetz gegen die m o m e n t a n e Wahl der Delegationen war, erblickt er die Ursache der Beschleunigung der Delegationswahlen in der Rücksicht auf Ungarn. Man müsse die Delegationen im Mai tagen lassen, da im Herbst spätestens Neuwahlen für den ungarischen Reichstag stattsinden Es war also an diesem Tage. Wir alle erhoben uns zu früher Stunde, um bis neun Uhr die letzten Reste des Chumez aus dem Hause zu verbannen. Wir machten uns daran, den Chumez zu verbrennen. Dieses Schauspiel erregte jedesmal mein höchstes Interesse. Schon als Kinder scharten wir uns um die Mutter, während sie einzelne Brotstücke an verschiedenen Stellen des Hauses zu vertheilen pflegte, indem sie einen Holzlöffel, eine Feder und ein Stückchen Leinwand in Bereitschaft hielt. Der Vater erschien, eine von der Synagoge mitgebrachte Wachskerze in der Hand, zündete sie an, indem er sie dem kleinen Bruder übergab, während er selbst, in der einen Hand den Löffel, in der anderen die Feder, unter Führung der Mutter alle Stellen des Hauses, in denen die von der Mutter hinterlegten Brvtdepvts sich befanden, abschreitet und sie mit der Feder in den Löffel zusammenscharrt. Wir Kinder kamen der Mutter zuhilfe, wenn sie an die eine oder andere Stelle vergaß, und der Vater nahm auch dieses Stückchen mit, umschloss den Löffel mit dem bereit gehaltenen Stückchen Leinwand und hob es fiir den nächsten Morgen auf. Der Vater und die Mutter waren an diesem Abende in der heitersten Stimmung. Alles lag für die Festtage bereit. Mazzes, Eier und Gäilsefett befanden sich bereits im Hause, und im Hofe waren zwei Truthähne, um am nächsten Tage geschlachtet zu werden. Eine große Flasche mit süßem Rosinenweiu stand im Winkel, das Geschirr, welches das ganze Jahr gebraucht wurde, befand sich bereits auf dem Dachboden, und in der Küche war das neue Peßachgeschirr ausgebreitet. Die Elter athmeten freudig auf nach dem angestrengten Werke der „Reinigung", und auch nur Kinder strahlten vor Freude. Unsere Freude war umso größer, als wir wussten, dass am nächsten Tage der letzte Chumez zu Asche gewandelt werden sollte. Du kennst ja unseren größeren Hof hinter dem Hause? Dort war ein Haufen Stroh aufgerichtet und angezündet, und der Vater und alle Nachbarsleute erschienen mit dem tags zuvor bereit gestellteu Holzlöffel uab steckte« ihn in das brennende Stroh, um ihn den Flammen zu übergeben. Alle Kinder der Umgebung jubelten und lärmten um den brennenden Stroh- Haufen, während die Alten darauf achteten, dass das Feuer die ihm gesetzten Schranken nicht überschreite. Und bei dieser Gelegenheit sah ich zum erstenmale den Sohn des Schneiders, der in unserem Hause wohnte, und sprach zum erstenmale mit ihm. Ich war damals siebzehn Jahre alt. Mit den Spielen der Kleinen hatte ich keine Gemeinschaft mehr, aber ich war

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.