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Jüdisches Volksblatt · 1901-04-03 · 14 (3.4.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
14 (3.4.1901)
Date
1901-04-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Vierteljährig Kr. » - 4.8« ' 2.25 Ur. 14 3. KprLL 1901. rn. Jahrgang. Juden, erwerbet das Heimatsrecht zu Eurem und Eurer Kinder Schütze! „Und Tu sollst es Deinen Kindern erzählen..." (Zum Pessach-Feste.) „Wie schön sind Deine Zelte, Jacob, Deine Wohnungen, Israel!" In den Zelten und in den Wohnungen lebte der Jude, und hier genossen seine Kinder die jüdische Erziehung; mochte er sich auch im Lärm der Straße bloß als Mensch, in dem Hasten und Drängen der äußeren Verhältnisse bloß als Bürger fühlen, innerhalb seiner vier Wände kommt er stets zum Bewusstsein, dass er das Glied eines Volkes ist. Und ob auch seine Kinder in der Schule dem Studium allgemeinen Wissens sich hingeben, im Hause wird ihnen jüdisches Wissen und jüdische Bildung beigebracht. Die Straße ist für alle da, in der Schule werden alle gemeinsam als zukünftige Glieder des Staates herangebildet, das Haus aber ist für die Familie geschaffen. Und das lehrt uns das Peßach-Fest. Wiederholt wird in der Thora den Vätern eingeschärft, in diesen Festtagen ihren Kindern von der Befreiung des Volkes zu erzählen, den Sinn der festtäglichen Gebräuche zu erklären. Und der Talmud empfiehlt, an dem Peßach - Abende verschiedene Aenderungen gegen die sonstigen Gewohnheiten vorzunehmen, damit die Aufmerksamkeit der Kinder geweckt und ihre Wissbegier angeregt wird. Und so wurde es auch stets bis in die letzte Zeit gehalten. Der Sedertisch ist feierlich gedeckt. Die ganze Familie ist um denselben versammelt. Das Kind fragt und der Vater erzählt ihm. . . Und es gab viel, sehr viel zu erzählen. Die viertausendjährige Geschichte unseres Volkes birgt in sich eine Fülle von Begebenheiten, geeignet, ein kindliches Herz für sein Volk zu entflammen. Vom ersten Pharao im Lande Aegypten bis zu den unzähligen Pharaos aller Zeiten und Länder hat das jüdische Volk Freud und Leid in buntem Wechsel durchgemacht, aber stets als Volk, als nationale Sonderheit. „Und siehe, mein Kind," spricht der Vater, „hier in der Hagada wird erzählt, dass die Juden, noch bevor sie Moses zur Erlösung brachte, sich bereits auf fremder Erde, im Sklavenlande, als eigener Stamm gefühlt hatten." Und weiter erzählt er ihm, wie in jedem Zeitalter, fast m jedem Lande andere aufgestanden sind, um uns zu Prophet Elias. (Zn den Festabenden.) Es war wie ein heiliges Rauschen der Höh'n, Es war wie ein Zittern der Tiefen. Wir sahen ein Leuchten durch Nächte geh'n Und hörten, wie Stimmen uns riefen. Es löst von des Himmels bläulichem Rand Ein Streifen sich los. wie goldener Brand, Der gleitet durch Sphären, die klingen, Und wie er glühend herniederfährt, Steht auf der bangen, zitternden Erd' Ein Mann mit leuchtenden Schwingen. Wir lauschen leis' in die Nacht hinaus, Wir singen die uralte Weise. Und ui» das stillbeschattete Haus, Da ziehet der Duft seine Kreise. Denn jener Mann, der Schwingen trägt. Er geht auf die nächtliche Reise! Und wenn er wo ans Fenster schlägt, Da klingt es leise, leise. Und leise klingen Herz und Blut, Und lauter werden die Lieder, Wir werden dann, wie die Engel, gut Und lieben uns wie Brüder. Und öffnen Pforte, Thür und Thor, Den heimlichen Gast zu empfangen: vertilgen, während wir bis heute noch am Leben sind. Er erzählt von den wenigen Jahren des Glückes, dessen wir uns vorzeiten in Palästina erfreuen durften, und von der endlosen Kette der Leiden und Drangsalierungen, die uns das Mittelalter auferlegte. Und doch sind wir noch auf Erden, gegen den Willen Unzähliger bestehen wir noch, der Keim des Lebens, der in uns ist, hat sich stärker erwiesen, als böswillige Verfolgung und blinder Hass. So wird in das Herz des Kindes die Liebe zu seinem Stamme, der Glaube zu sich selbst eingepstanzt. Wird ihm in der Schule, soweit die jüdische Sonderheit in Betracht kommt, das religiöse Moment beigebracht, so wird im Hause, in der Familie bas nationale Gefühl in ihm erweckt. Wie es bis jetzt mit der Kindererziehung gehalten wurde, so muss es jetzt mit der Erziehung des Volkes geschehen. Auch das Volk bedarf der Erziehung, und die nationale Erziehung muss es sich in seinem Heim, in seinen Zelten angelegen sein taffen. Einst waren der Beth-Hamidrasch und der Beth-Hakneses dafür bestimmt. Die von aller Welt abgesonderten und von den Mühseligkeiten und Widerwärtigkeiten des Tages abgequälten und abgehetzten Juden des Ghettos fanden Trost und Ruh in dem gesellschaftlichen und nationalen Zusammenschlüsse, den der Beth-Hamidrasch darbot. Die Zusammenkünfte in demselben, zumindest an jedem Samstag in der Woche, bedeuteten für den einfachen Mann des Volkes dasselbe, was der Seder für das Herz des Kindes bedeutet. „Und dies war ihr Beistand," möchten wir mit der Hagada sagen, dies hat unser Volk bis heute am Leben erhalten. Die Mauern des Ghettos sind jetzt niedergerifsen, die Scheidewände zwischen den Völkern sind gefallen, der alte Beth-Hamidrasch hat seine Anziehungskraft verloren, und auch der ehrwürdige Seder-Abend verliert mehr und mehr an Glanz und schwindet bereits hier und dort. „In Deinen Zelten, Israel!" müssen wir unserem Volke zurufen, wenn wir es wieder in jüdisch-nationalem Sinne erziehen wollen. Und es müssen zu diesem Zwecke neue, den jetzigen Zeitanforderunge«! entsprechende jüdische Zelte geschaffen werden. Zelte, in denen wieder das Volk sich versammeln kann, um seine nationale Idee, seine geschichtlichen Traditionen zu pflegen. damit, wenn am Seder-Abend die Kinder fragen, die Väter nicht verlegen sind, zu antworten. ß. Es starrt herein der nächtliche Flor, Der Mann ist weitergegangen. Er hält die Heerschau diese Nacht Und sieht in alle Seelen, Er prüft die alte jüdische Macht Und will seine Treuen zählen. Die jüdische Macht die liegt im Gemüth, Das in dem Wandel der Zeiten Erklingt, wie ein ewiggleiches Lied Aus ewig zitternden Saiten . . . Dem Liede lauschte der Prophet Wohl über hundert Jahre, Doch weil's nicht einig durch alle geht. Sind kummergrau seine Haare. Erst, wenn der Hoffnungs- und Sehnsuchtssang In alle jüdischen Herzen drang, Wird still in die Häuser er treten, Und legt Erlösung in jede Hand, Und weist in ein freieres lockendes Land, Ins einstige Land der Propheten. Wir werden zu Thaten aufersteh'n, Gott segnet unseren Willen, Und wie ein heiliges Rauschen der Höh'n Wird dann die Tage erfüllen. Keicse. M. S c h e r 1 a Die Fortschrittspartei. (Zuschrift aus Böhme n.) Was kraucht denn dort im Busch herum? Wie Zeitungs-Bulletins besagen, ist die Fortschrittspartei wieder einmal krank und soll operiert werden. Der deutschböhmische Flügel hängt herunter und wird nach den Ofterfeiertagen ganz abfallen. Angeblich ist die neuerliche Krankheit wegen der Delegationswahlen ausgebrochen, mit denen die Radicalen angeblich nicht einverstanden waren. Alles nur angeblich. Denn cke kaeto sind die Radicalen froh, dass sie ihre Diäten weiter erhalten: sie thaten nur so, um der Wählerschaft den Wau-Wau zu zeigen. Und die „Fortschrittler" aus Deutschböhmen sind ihnen auf den Kniff 'reingefallen. Auch sie wollten sich radical zeigen, und da die Wählerschaft mit ihrem Verbleiben in der Fortschrittspartei nicht einverstanden ist, passt ihnen diese Gelegenheit gerade. Die Wählerschaft! Wieviel wird doch dieser Begriff missbraucht. In Wahrheit kümmert sich „die Wählerschaft" heute kaum mehr um Politik und um ihre p. t. Abgeordneten, sondern „pfeift" auf beide. Ein paar Matadore, zu deutsch: Maulhelden sind es, welche die Wählerschaft repräsentieren, im Namen der „Wählerschaft" Beschlüsse fassen, Wünsche aussprechen und commandieren. In Rumburg ist der Geschäftsantisemit Pfeifer die Wählerschaft. Er beruft seine siebzehn Mandl vom Nationalverein ein und beschließt eine Resolution „raus aus die Kartoffel". Und P e r gelt, der Fortschrittsmann, geht gehorsam raus. In Leitmeritz kämpft der Bürgermeister, Reichsraths- und Landtags-Abgeordnete Dr. Funke, der Nestor des gesinnungslosen „Liberalismus", unentwegt um seine Sporteln und Diäten. Er hat schon vor fünf Jahren keinen Juden zum Schulvereinsfeste laden lassen, ihm sind die geehrten Mitbürger israelitischer Confession heute, nach der Wahl, Wurst. Aehnlich ist's beim Herrn Dr. S ch ü ck e r der Fall, den damals die Saazer Juden herausqeriffen haben. Und so geht's fort in Grazie. Was thut's den Juden in Karlsbad, dass der Herr Pacher gewählt wurde? Der ist froh, dass er das Mandat hat; nein, die von Juden Gewählten benützen wieder den ersten Anlass, um die Juden zu beschimpfen. So war's schon immer! Es ist ja gar nicht wahr, dass der Judenpunkt die deutschböhmische Wählerschaft so außer Athem hält. Der Antisemitismus ist nur roher geworden, seitdem die „Moses." Von Henry Georg e.*) Es hat sich bei uns Modernen die Neigung herausgeblldet, in den großen Charakteren der Geschichte mehr das Resultat, als die Ursache der jeweiligen Zeitströmungen zu sehen. So wie in früheren Zeiten die großen geschichtlichen Ereignisse auf Personen zurückgeführt wurden, so thun wir heute das Umgekehrte und versuchen die sagenhaften Heroen der grauen Vorzeit in mythologische Vorgänge aufzulösen. Dennoch — wenn wir versuchen, die Anfänge zu finden von Bewegungen, deren ewige Ursache bis aus die heutigen Zeiten wirkt — stoßen wir zuletzt auf das Individuum. Es ist wahr, dass die Verhältnisse den Menschen bestimmen, aber es ist gleichfalls wahr, dass im Anfang aller Dinge Menschen die Verhälinisse schufen. An einer wohlbekannten Stelle beschreibt Macaulay, welchen Eindruck auf seinen Geist das Alter jener Kirche machte, die, Dynastien und Weltreiche überlebend, zurückreicht aus die Zeiten, da der Opferrauch emporstieg vom Pantheon und Leopard und Tiger sich zerfleischten im römischen Amphitheater. Und doch existieren noch heute Gebräuche in unserer Mitte — in ununterbrochener Kette überliefert vom Vater auf den Sohn — — die zurückgeführt werden auf eine weit entfernte Vergangenheit. Jedes Jahr — in jedem Lande der Welt — sammeln zu einer bestimmten Zeit Männer ihre Familien um sich und essen — angethan wie zur Reise — ein schnell bereitetes festliches Mahl. Bevor noch Rom gegründet war, und bevor Homer sang, wurde dieses Fest gefeiert, und das Ereignis, an das es erinnern soll, war schon damals Jahrhunderte alt. Dieses Ereignis ist das Eintreten eines in vielfacher Hinsicht merkwürdigen Volkes in die Weltgeschichte - eines Volkes, das niemals ein großes Reich gegründet, niemals eine Weltstadt gebaut und doch auf einen großen Teil der Menschheit einen Einfluss ausgeübt hat, weitreichend, machtvoll und dauernd; eines Volkes, das — 2000 Jahre ohne Land und ohne organisierte Nationalität — dennoch seine charakteristischen Eigenschaften und seinen Glauben bewahrt hat in Leid und Unglück. Dieses Volk ist *) Vortrag, gehalten im Jahre 1882 in Glasgow. (Nach „Ost und West".)

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