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Jüdisches Volksblatt · 1901-03-29 · 13 (29.3.1901) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
13 (29.3.1901)
Date
1901-03-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seit« 4 Wien, Freitag Jüdisches Velksblatt 29. März 1901 Nr. 13 jüdische National-Bewegung hatte ihr Haupt erhoben, und Herr Goldman» und Genosten, deren Scharen ohnehin nur so groß n»ar, wie die Beute, die sie zu vertheilen hatten, blieb allein, als Generäle ohne Soldaten. Auf dem vor einigen Monaten in Lemberg abgehaltenen tKemeindetage hatte der Verstorbene Gelegenheit, sich zu überzeugen, wie wenig Anklang seine assimilatorischen Ideen bei der jüdischen Bevölkerung gefunden haben und dass dieselbe ihr Heu in allem anderen als in der Assimilation sehe. Und er musste sich im Stillen gestehen, wie wenig er und seine Freunde, die sich der jüdischen Führerschaft in Galizien bemächtigten, mit ihren durch 30 Jahre wiederholten Schlaaworteu von der Assimilation für ihre GlaubenZ- und VolkSgenoffen geleistet haben. Dr. G o I d m a n n war zwar CultnSvorsteher und Landtags Abgeordeter von Lemberg, aber sein Tod hat die jüdische Bevölkerung Galiziens ganz kalt gelassen. Ec war in den weitesten jüdischen Kreisen unbekannt. Wohl überragte er alle anderen Affimilitationsführer in Galizien durch seine persönliche Reinheit, «der er hatte mit ihnen sonst alles gemein: die Schwäche gegenüber den Polen, die Entfremdung gegenüber seinen eigenen Glaubensgenossen und die Unkenntnis des Wesens und der Ausgabe des Judenthums. — Mögen nur alle polnischen Blätter den Berstorbenen al? den Muster eines Polen und Juden hinstellen — er war für die galizische Judenschaft schon todt, bevor er noch gestorben ist. Dr. S. R. Land a u. Agram. (Der erste C o m m e r c i e n r a t h in Croatirn.) Seine Majestät hat mit Allerhöchster Entschließung vom 16. d. M. dem Bieepräsidenten der Commereialbank und kaufmännischen Beisitzer des Gerichtshofes in Agram, Edmund K o l m a r, taxfrei den Titel eines Eommereienrathes verliehen. Herr Edmund K » k« a r ist der erste Kaufmann in Croatien, dem dieser Titel verliehen wurde. Budapest. (Ein sensationeller PresSprocess) Mit stammender Entrüstung antwortete Frt. Rosa Back in der am S. November v. I. erschienenen Nummer des von ihr redigierten jüdischen Wochenblattes „Der ungarische Israelit" auf einen im „Alkotmany", dem Organ der Volkspartei erschienenen Aufsatz, in «elchem vom „Ritualmord" die Rede war. Mit scharfen Worte» wies sie die antisemitische Tendenz verrathenden Ausführungen des von Franz Bonitz redigierten „Alkotmany" zurück und bezeichnete alle jene, die mit der Anklage des rituellen Mordes gegen das Judenthum agitieren, als nichtswürdige Verleumder, als „lügnerische Schurken" und „feige Ehrabschneider". Dan« erwähnte sie, dass auch die Namesztoer Affaire vonBonitz, Tepcsenyi und Zelenyak als ein Verbrechen dargestellt wurde, welchem rituelle Motive zugrunde lägen. Ob dieser schonungslose» Apostrophe strengte Franz Bonitz gegen die im Schreiben gewandte Redactriee des „Ungarischen Israelit" einen PresSprocess «*, der dieser Tage zur Verhandlung gelangte. Die Geklagte, welche Advocat Dr. Jlles Pollak vertheidigte, lieferte in der Unter Vorsitz des Gerichtspräsidenten Leo Zistvay stattgehabten tautverhandlung den Beweis, dass sie sich mit Gewandtheit und nergie zu vertheidigen weiß. In fließendem Ungarisch plaidierte sie mir viel Geist für ihre Freisprechung, wobei sie das verächtliche Vorgehen der antisemitischen Wühler brandmarkte und erwarte, es sei das Recht und die Pflicht der jüdisch-confessionellen Presse, diese Angriffe zurückzuweisen und das Lügenhafte deS rituellen Mordmärchens hervorzuheben. Frl. Back war in ihrem Raisonieren ziemlich rücksichtslos und sie ließ es sich nicht nehmen, auch den Verhandlungsleiter auf einen Jrrthum aufmerksam zu machen, der ihrer Auffassung nach in seiner Fragestellung vor- K-kommen war. Die Angeklagte erklärte sich zu Beginn ihres Verhörefür nichtschuldig. Präs.: Was veranlasste Sie den incriminierten Artikel zu schreiben? — Angekl.: Als bescheidene Arbeiterin der confessionellen Presse sah ich mich dazu bemüssigt. So lange Herr Bonitz und dessen Gesinnungsgenossen aus gesellschaftlichem Gebiete gegen uns wühlten, kümmerten wir uns um die Sache nicht, doch als er den confessionellen Frieden zu untergraben suchte, da mussten wir diese gefährlichen Bestrebungen mit aller uns zugebote stehenden Macht abwehren. Präs.: Auf wen beziehen sich die incriminierten Stellen „lügnerische Schurken" u»d „feige Ehrabschneider"? — Angekl.: Im allgemeinen auf afl« jene, die die gemeingefährliche Verleumdung der Vlutbeschuldigung verbreiten. Denn derlei antisemitische Agitationen sind eLenso vrrabscheueungswürdig als gefährlich. Sie bezwecken, de» patriotischen Juden das Brandmal eines Mordes auf die Stirne zu drücken. „Alkotmany" schloss eine seiner Besprechungen desNameSztoer Falles mit den Worten: „Oder wissen die „Alkotmany" mich und jeden Juden von der Welt zu brandmarken." — Rräs.: Was veranlasste Sie, einen so starken Ton in Ihrem Ar^'c? anzuschlagen? — Angekl.: Die Tendenz, die in den Arükeln des „Alkotmany" deutlich ausgedrückt ist. Präs.: Welche L«»denz ist das eigentlich? — Angekl.: Die Entfachung des covfessionellen Hasses. Ich habe und hatte dabei nicht die Person doS Herrn Bonitz im Auge. Präs.: Weshalb erklärten Sie bcmt »icht in Ihrem Blatte, dass Sie Herrn Bonitz nicht beleidigen «ollten? — Angekl.: Ich habe dies ja gleich bei meinem ersten Verhör bei Gericht erklärt, dass ich in meinem Artikel nur eine allgemeine große Wahrheit ausdrücken wollte. Ich wollte Niemanden in seiner Privatehre verletzen. Präs.: DaS Gericht kann einen Menschen nicht in Stücke theilen, um zwischen seiner privaten und jeioer anderweitigen Ehre zu unterscheiden. Privatlläger Bonitz, sagen Sie, welche Tendenz verfolgt das Blatt „Alkotmany"? — Privatkl. Bonitz: „Alkotmany" ist das Organ der Volkspartei und verfolgt christlich-ungarische Tendenzen. Schließlich zieht Privalkläger infolge der Erklärung der Angeklagten, dass sieHerrnBonitz in dessen Vrivatehre nicht beleidigen wollte und dass sie es unter voller Aufrechter!),-rltnng ihrer Grundsätze bedaure, wenn Herr Bonitz ihre Austastungen auf sich bvziehe, die Klage zurück, worauf der Gerichtshof das weitere Verfahren in dieser Angelegenheit einstellte. AttSjrnrÄ. Masrnheim. (Zur Frage der Leiche u- »ti’bren nung.) Anlässlich der Errichtung eines Erematoriums am hiesigen Platze hat unser Synagogenrath beschlossen, dass der Stadtrabbiner bei etwaigen Verbrennungen die Leiche ins Crematorium zu begleite» und dort die Einsegnung vorzunehmen habe. Im SechsmiddreißigerAusschusse, wo die Sache besprochen wurde, machte ein Herr seinen gegeutheiligen Standpunkt geltend und bedauerte insbesondere, dass der Synagogenrath erni-u Zwang auf den Rabbiner ausübe, worauf ihm die Antwort wurde, der Rabbiner habe in der betreffenden Gitzung zuerst seine Geneigtheit ausgesprochen, daS erwähnte Verfahren einzuschlagen. Ein Herr vom Synagogenrathe führte für den Beschluss Gründe der „Toleranz" ins Feld, man käme den Orthodoxen entgegen (?), müsste also auch auf die Radikalen Rücksicht nehmen. Nach Berichten in politischen Blättern soll der Oberrath der Israeliten in Karlsruhe.diesen Beschluss sauctioniert haben.- Petersburg. (Erhöhung der Zahl der jüdischen Stadtverordneten.) Laut Paragraph 2t der russischen Städteordnung von 1892 darf die Zahl der jüdischen Stadtverordneten, welche überdies nicht gewählt, sondern vom Gouverneur ernannt werden, 10 Percent aller Stadtverordneten nicht übersteigen. Jetzt veröffentlicht der russische „Regierungsbote" einen kaiserlichen Ukas, welcher diese Zahl auf 20 Percent erhöht. Die neue Verordnung haben die Juden welliger dem guten Willen der russischen Regierung, als der zwingenden Macht der Thatsachen zu verdanken : Die christliche Bevölkerung in den größtentheils von Juden bewohnten Städten des Ansicdlungs-RayonS besitzen nicht genug intelligente Männer, um ohne Schaden für die Stadt 90 Percent'aller Stadtverordneten aus ihrer Mitte stellen zu können. Daher sah sich die Regierung sehr wider ihren Willen gezwungen, eine kleine Anleihe bei den Juden zu machen. Paris. (A l f r e d D r e y f u s' M e m o i r en), deren demnächstigeS Erscheinen wir kürzlich meldeten, werden gleichzeitig mit der französischen Ausgabe auch deutsch am l. Mai d. I. erscheinen. Die deutsche Ausgabe wird den Titel „Fünf Jahre meines Leben- 189t--1899" führen. Einen großen Theil des Inhalts bilden Tagebuchnotizen, die D r e y f u S wahrend seines Aufenthaltes auf der Teufelsinsel täglich ausgezeichnet hat. Diese Auszeichnungen wurden seinerzeit vom Gouverneur der Insel confiSciert und im französischen Colonialministerium deponiert. Rach erfolgter Amnestie sind sie D r e y f u s von dem gegewärtigen Colonialminister wieder ausgehändigt worden. Amsterdam. (Eine Lehrkanzel für neuhebräische Literatur.) An der Universität zu Amsterdam hat sich unlängst der RabbinatS-Asestor Wijnkopp, der Sohn des Rabbiners, als Privatdoeeut für neuhebräische Literaiur habilitiert und dabei eine fesselnde und lehrreiche Rede über de» Nutzen des Studiums dieser Literatur gehalten. ES wäre zu wünschen, dass diese Rrde auch ins Deutsche übertragen würde. Wir wissen nicht in welchem Umfange Herr Wijnkopp den Begriff „neuhebräische Literatur" versteht: ob alS nachbiblisches oder nur alS nachtalmudisches Schriftthum der Juden. Jedenfalls ist es erfreulich, dass nunmehr jüdische Literatur öffentlich an einer Universität gelehrt wird, und zu bedauern ist es nur, dass dies an einer nichtdeutschen Uuiversität geschieht. An den deutschen Hochschulen kann man alle nützlicken orientalischen Idiome und ihre Literaturen studieren, von der jüdischen Literatur wird nur die Bibrl behandelt, höchstens, dass an einigen wenigen, höchstens 5—8 Universitäten, ein kleineres Collegium über den Talmud abgehaltrn wird. Die gesammte ungeheure jüdische Literatur der letzten anderthalb Jahrtausende wird von unseren Facultäten als ciuantitü nö^li^eadts behandelt. Alle die zahllosen Dichter, Philosophen, Moralisten existieren für sie einfach nicht. Zwar hat es auch in Deutschland nicht an Bestrebungen gefehlt, jüdische Literatur und Geschichte zum Lehrgegenftande au deutschen Universitäten zu machen. Zruiz wäre seinerzeit gerne Docenr für dieses Fach geworden, - Geiger und Philippson arbeiteten aus eine jüdilch-theologische Facultät hin; alles vergeblich! die „tolerierte Confession" musste sich damit begnügen, aus ihre Kosten Rabbiner-Seminarien zu errichten, wo ihre Literatur eine Zuflucht fand. Und doch wäre die Errichtung eines solchen Lehrstuhles an einer Universität auch von großer praktischer Bedeutung: die dreisten Lügen der Antisemiten z. B. über den Schulchan-Aruch würden verstummen, wenn dies Buch offen und vor aller Welt von einem staatlich angestellten Doeenten interpretiert würde. Aber da§ sind fromme Wunsche, deren Erfüllung wir kaum erleben dürften. New-Hork. (Ballfe st.) Im Metropolitcm-Opcrnhause fand jüngst der 40. Jahresball der „Purim A s s o c i a t i o u" statt, der sich, wie alle seine Vorgänger, mikderum zu einem glänzenden gesellschaftlichen Ereignis der Saison gestaltete. Alles, was Anspruch auf Prominenz in jüdischen Kreisen erhebt, war auf dem Ballfest erschienen, und der reiche Toilettenschmuck der Damen, das prächtige Gefunkel der Diamanten, sowie die kunstverständigen Arrangements verliehen der ganzen Föte einen hocheleganten Anstrich. Ueber allem aber prangte in Gasschrift das vielsagende Wörtchen: „Ch arity". Der Erlös des Wohlthätiqkeitsballes in Höhe von 16.000 Dollars wird den „United Hebrotv Charities“ -»gewendet werden. Philadelphia. (Organisation von Wohlthätigkeits- Vereinen.) Schon seit längerer Zeit ist hier das Projekt einer Vereinigung der leitenden jüdischenWohlthätigkeits-Organisationen von Männern und Frauen, welche an Wohlthätigkeits - Bestrebungen reges Jntereffe nehmen, ernstlich in Erwägung gezogen worden, und die Idee hat nun insofern praktische Gestalt angenommen, als eine Versammlung der Beamten deS jüdischen Hospitals, der United Hrbrew-Charities, deS Jewish Foster Home, der Jüdischen Wohlthätigkeits-Ball - Vereinigung, deS Jüdischen Waisenvereines, der Jüdischen ErziehungS-Äesellschast, des Jewish Maternity Home, der Aoung Womens Union, des Jüdischen SonntagSschul-vcreineS und des Vereines zum Schutz« jüdischer Einwanderer in der Mereantile Halle an Broad und Master Str. abgehalten wurde. Herr Leo Loeb, der Präsident deS Jewish Foster Home, wurde zum Aorsitzrndru erwählt. Herr Max Herzberg, der Präsident der United Hebrew CharilirS, schilderte die großen Erfolge, welche die vereinigten jüdischen Wohllhätigkeits-Organisationeu in Chicago und in Cincinnati erzielt hätten: er sagte, der Zweck der Federation sei vornehmlich der, die Einziehung der Fonds der verschiedenen Gesellschaften zu vereinfachen, ohne den Status oder die Pflichten des Verwallnugsrathes der Organisationen tm mindesten zu beeinträchtigen. Eines der Resultate würde die Erhöhung der Beisteuern um mindestens 50 Pereent fein, und er glaube, dass das gegenwärtige jährliche Einkommen von 100.000 Dollars welches für jüdische WohlthätgkeitSzwecke in Philadelphia nothwendig fei, auf l50.000 Dollar oder mehr erhöht werden würde. Korfu. (Die Lage der Juden) hat sich, seitdem die Insel in den Besitz Gricchrnlanbs übergegangen ist, immer mehr verschlechtert. Die Schuld trägt weniger die Regierung, welche in Griechenland gar nicht so antisemitisch ist, als das griechische Volk selbst, daS seit den Tagen deS AntivchnS EpiphaneS sich stets jndenfeindltch erwiesen hat. Die im Volke herrschende antisemitische Grundstimmnng haben dir Eingeborenen und die aus Venedig eingrwaudrrten christlichen Kanflcue benützt, um die Stellung der jüdischen Kaufleute Hierselbst systeuiatisch zu untergraben und sie zur Auswanderung zu zwingen. Die Absicht gelang ihnen im vollen Maße, und die großen jüdischen Exporthäuser der Tedetco und de Mords, der Arieti. Fould und de Castro, der Olivetti, Jerack, Levy u. A., sowie die über 50 jüdischen Importeure waren nach uub nach genöthigt, die Insel zu verlassen und den Handel von Korfu ihren frohlockenden christlichen Conenrrenten zu Überlassen. Allein die Korfioten haben zu früh triumphiert. Durch das da» Verdrängen der Juden haben sie den Ast abgesägt, ans dem sie selber gesessen haben. Die Juden gienge», aber fie haben den Handel Korfus und besten Wohlstand «it sich fortgeführt. Seit 1870 ist die Ausfuhr Korfus um 50 Pereent, die Einfuhr um 66 Pereent zurückgegangen. Nunmehr haben sich auch die christlichen Kaufleute genöthigt gesehen, die Insel, auf der e- „nichts mehr zu handeln gibt", zu verlassen. Das unwissende, stupide und total verarmte Volk vermag jedoch den Grund seiner Armuth nicht zu erkennen und fährt in seiner Dummheit fort, die hier und in Zante lebenden Juden, die selbst blutarm find, zu verfolgen. Die weitere Folge wird mm sein, lass auch di« Ausfuhr von Eßrogim, auf die die Bevölkerung KorsilS jetzt mehr denn je angewiesen ist, bald «ushören und Korfu daS Schicksal des unglücklichen Spaniens theilen wird. Die Studentenuruhen in Russland. (Orig.-Eorr. des „Jüd. Volksblatt".) Petersburg, im März 1901. Und wieder wogt es in allen Straßen der russischen Universitätsstädte, wieder schallt es von Unruhen, Verhaftungen und Attentaten, und auch diesmal nehmen jüdische Studenten und Studentinnen thril an diesen Tumulten. Unwillkürlich kommt unS die letzte RegierungSzeit Alexanders II. in Erinnerung, in welcher jüdische Studenten und Srudentinnen keinen geringen Bestandtheil der sogenannten nihilistischen Partei auSmachteu, ja mitunter sogar an der Spitze derselben standen. Die traurigen Folgen dieses unglückseligen Verhängnisses war das Ministerium Jgnatiew und die schrecklichen Judenkcawalle in Elisabethgrad, Kiew, Balta und anderenorts. Maßgebende Kenner der Strömungen an der Newa führten damals die Judentuuullte direct auf den Willen Jgnatiew s zurück, der damit einen doppelten Zweck verfolgte, indem er einerseits dadurch, dass er einen Keil zwischen christliche und jüdische Studentenschaft trieb, die ganze revolutionäre Bewegung spalten und schwächen wollte, und andererseits die ^Aufmerksamkeit des Volkes nach bewährtem Recepte auf die Inden als auf die alleinige Ursache aller Uebel lenken wollte. Um diesen letzteren Zweck zu erreichen bedurfte es freilich noch der sogenannten Mai-Gesetze, damit die jüdischen Bewohner Russlands in den Angen des Volkes gänzlich diskreditiert und als Blutsauger und Ausbeuter hingestellt werden. Dagegen gelang der .erste Zweck vollkommen. Die jüdischen 'Studenten trennten sich thatsächlich von ihren christlichen College» und sagten sich endgiltig von ihren Träumereien los. Die jüdischen Studenten, zumindest die überwiegende Mehrzahl derselben, begannen sich demonstrativ des Idioms ihrer Väter zu bedienen, und in Charkow pflanzten sie offen die Fahne Israels ans, indem sie feierlich erklärten, dass das russische Volk sich als unreif erwiesen habe, den Idealen der Jugend zu folgen, und so wollen sie nun ihre ganze Kraft und Liebe ihrem eigenen gedrückten und verkannten Volke zuwenden und die Führung desselben selbst in die Hand nehmen. Der russische Schriftsteller Lewanda (Jude) in Wilna und die Nedactio« des „Naswet" in Petersburg sprachen damals zuerst das Wort Palästina aus, und damals begann in den jungen Köpfen jene Ahnung aufzudämmern, die sich in unseren Tagen zum Begriffe des Judenstaates verdichtete, und in jene Tage fällt die Gründung des nationalen Studentenvereines „B. J. L. II."*), der Palästina zu einem Jndenstaate umgestalteu wollte. Zwei Decennien sind seit jener Zeit vorübergeweht. Die Colonisation Palästinas ist aus den unruhigen Köpfen der Jugend in die Hände deS mit Genehmigung der Regierung gegründeten Odestaer ComitöS übergegangen, das aus reifen, jeder Utopie abholden, ernst arbeitenden Männern besteht, die jüdisch-nationale Idee wurde von ersten russischen PnbUcisten übernommen und pflanzte sich nach den ausländischen Universitäten fort, den Kitt zu zahlreichen jüdischen Studentenverbindungen abgedend, während es in der jüdisch-russischen Slndentschaft selbst nahezu still geblieben ist, ebenso wie der Drang nach Freiheit in der Studentenschaft im allgemeinen unter der strengen Herrschaft Alexanders III. bis zur Gänze erstickt wurde. Jetzt aber braust es wieder in den Hallen der rnsstscheu Universitäten, wieder geht ein revolutionärer Zug durch die Reihen der russischen Jugend, und die jüdischen Studenten, vergessend die bitteren Erfahrungen und Enttäuschungen, die ihre Vorgänger erlebt hatten, haben sich dieser neuen Bewegung angeschlosten. Es ist eine undankbare Aufgabe, durch Worte jugendliche Brauseköpfe von dem allgemeinen, wüddewegtcn Strudel, der ihre Genossen erfasst hat, abhalten zu wollen, aber dennoch darf man es sich nicht verdrießen lasten, den jüdischen Studenten Russlands zuzurufen, eingedenk zu sein des Jahres 1891 und der Thatsache, dass es das Verhängnis deS jüdischen Volkes ist, dass die Allgemeinheit heimgezahlt bekommt für daS, was ein Theil derselben, aus edlen oder unedlen Motiven, sündigt. Ist eS der russischen Studentenschaft darum zu thun, die Freiheit fttr ihr Volk zu erkämpfen, so darf die jüdische Studentenschaft niemals vergessen, dass auch sie ein Volk hat, und de« Sprichworts eingedenk zu sein, dass das Hemd näher liegt als der Rock. OckiLcsML. *) Abkürzung für den hebräischen BerS anS Jesaigs: „Beth Jakob Lechn wenelchu das heißt: „Hans Jakob, ziehe ab."

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