Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 12 (22.3.1901)
- Date
- 1901-03-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 22. März 1901 Nr. 12 volle, von Wiener Damen dem Prediger I. N. Mannheimer verehrte Teppich befindet, gelangen im Jüdischen Museum, I., Rathhausstraße 13, zur Ausstellung, welches Samstag jeder Woche von 11—1 Uhr mittags zur Besichtigung geöffnet ist. Wien. (P f l e g e r i n n e n s ch u l e n). lieber dieses Thema sprach Donnerstag den 14. d. M. in einer zahlreich besuchten Versammlung, welche der Verein zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibenden einberufen hatte, Frau Dr. S. A. Weiß. Sie knüpfte an die große Bedeutung, welche der Socialhygiene schon in der heiligen Schrift beigemessen wird, an und kam im Verlaufe ihrer Erörterungen auf Deutschland zu sprechen, wo sich das Institut gebildeter Krankenpflegerinnen glänzend bewährt, und bereits vollkommen eingebürgert hat. Die Vortragende gab die Anregung, auch bei uns etwas Aehnliches zu schaffen, und besprach die Mittel und Wege, wie auch bei uns der Beruf der Krankenpflege gehoben werden könne, wie auch bei uns Mädchen und Frauen der gebildeten Stände veranlasst werden könnten, sich diesem Berufe zu widmen. Frau Dr. Weiß beleuchtete ihr Thema sowohl vom Standpunkte der öffentlichen Wohlfahrt, für die cs von eminentestem, sowohl praktischem, als auch idealem Wert ist, wenn die sociale Hilfsthätigkeit im weitesten Sinne, also die Fürsorge für Kranke, Sieche, Arme und überhaupt für alle Hilfsbedürftigen in die Hände von gebildeten, für diesen Beruf eigens herangezogencn Frauen und' Mädchen gelegt wird. Jin Anschlüsse an den Vortrag entwickelte sich eine lebhafte Discussion, welche der Präsident des Vereines Herr Baurath Stiaßny leitete. Die auf dem Gebiete philantropischer Bestrebungen eifrig thütige Frau Jda Diamant bewies auch diesesmal, dass sie das Herz auf dem rechten Fleck hat. Mit Begeisterung redete sie der Krankenpflege das Wort und stellte zum Schlupe den Antrag: Es möge sich sofort ein kleines Comw von Damen und Herren bilden mit dem Rechte der Cooption, betreffs Statuten-Ausarbeitung und Constituierung eines Vereines welcher den Zweck hat, eine Pflegerinnenschule für intelligente Mädchen und Frauen zu gründen, d. h. Pflegerinnenheim im Anschlüsse an das Rothschildspital. Auch Herr kais. Rath Doctor Lichtenstadt unterstützte in wärmster Weise die von der Vortragenden entwickelten Ideen und den Antrag der Frau Diamant. Zahlreiche Personen aus der Zuhörerschaft meldeten ihren Beitritt an und stellten namhafte Beiträge in Aussicht. Die anwesenden Vertreterinnen vieler Frauen- und Mädchenvereine so Frau Dr. Kornfeld namens der „Providentia," Frl. K o l l - man n namens der „Moria", Frl. Schimmer namens der „Hadassa" u. s. w. — sagten werkthälige Unterstützung zu. Es steht außer Zweifel, dass die Schule demnächst ins Leben treten wird, und Herrn Baurath S t i a ß n y gebürt für die Veranstaltung dieses Vortrages der Dank aller für das Judenthum warm Fühlenden. Viele Vertreter der israelitischen Cultusgeineinde, viele Aerzte und andere Persönlichkeiten wohnten dem Vortrage bei. Wien. (Ein a n st ä n d i g e r Mensch.) Wie in voriger Nummer berichtet, wurde auf Anzeige des „Journalisten" Eduard V u k o v i c der Mediciner Bodansky zu acht Tagen Arrest verurtheilt. Der staatsanwaltschaftliche Functionär berief sich auf den Denuncianten als e i n e n h ö ch st anständigen Menschen. Wie es mit dessen Anständigkeit aussieht, geht aus nachfolgendem Berichte der „A.-Z." vom Dienstag hervor: „(Neues vom christlich-socialen Ehrenmanne Vukovic.) Der kürzlich vor dem Erkenntnis-Senat in einer Strafsache wegen Religionsstörung als Kronzeuge vernommene angebliche Journalist Eduard Vukovic Edler von Beregszaz hatte sich gestern vor dem Strafrichter des II. Bezirkes, Gerichts-Secretär Dr. Heberdey, wegen Amtsehrenbeleidigung zu verantworten. Am 10. Februar um halb 3 Uhr nachts entstand in einem Praterwirtshause, wo der katholische Verein „Hoch Habsburg" ein Costümsest abhielt, zwischen einigen Festtheilnehmern und Vukovic ein Streit, der sich auch theilweise auf der Straße abspielte. Der Wachmann Robert I o r d e gieng hin und machte Ordnung. Da sich ergab, dass die Streitenden Bekannte waren, wollte sich der Wachmann entfernen. Vukovic forderte den Wachmann auf, einen der Männer zu arretieren, was der Wachmann unter Hinweis auf seine Instruction ablehnte. Er bemerkte, Vukovic möge die Herren wegen Ehrenbeleidigung klagen. Daraufhin ließ sich "Vukovic mit dem Wachmanne in einen Wortstreit ein und wurde mit der Arretierung bedroht. Vukovic verlangte nun seine Arretierung, und als der Wachmann ihn höflich ersuchte, nachhause zu gehen, schrie Vukovic: „Da Sie mich nicht arretieren, erkläre ich, dass Sie Ihren Dienst nicht verstehen. Sie werden keine drei Tage mehr bei der Wache sein. So, jetzt habe ich eine Wachebeleidigung begangen, die mich nur zehn Gulden Geldstrafe kosten wird. Aber jetzt müssen mich doch arretieren." (Immer Denuncianr.) I o r d e forderte Vukovic aus, sich zu legitimieren, und da dieser sich nicht legitimierte, erhob er sein Nationale bei dem Obmanne des Vereines „Hoch Habsburg". Die Arretierung Vukovic' wurde nicht vorgenommen. Bei der gestigen Verhandlung gab der Angeklagte das Thatsächliche zu. Er bemerkte, er sei von einem Festtheilnehmer misshandelt worden und der Wachmann wollte den Mann nicht arretieren. Darüber wurde er ausgeregt, und um sich beim Polizeicommissariat zu beschweren, habe er schließlich seine eigene Arretierung veranlassen wollen. Der Wachmann I o r d e gab an, Vukovic hatte mir vier Herren im Clowncostüm auf der Straße einen Streit, und er wollte die Masken nicht arretieren, um kein Aufsehen zu erregen. Im Tanzlocal hatte Vukovic, wie der Vereinsobmann ihm erzählte, gestänkert. Er wollte im Fest-Comitö eine Function, und als ihm eine solche nicht zugerhellt wurde, störte er die Ruhe und ohrfeigte ein Comitömitglied. Deshalb rieth ich Herrn Vukovic, bemerkte der Zeuge, den Streit vor dem Polizeiagententen im Locale auszutragen. Daraufhin spielre sich der rn der Anzeige geschilderte Vorfall ab. — Richter: Ein schauderhafter Muthwille, mit dem diese Wachebeleidigung herausbeschworen wurde. — Nach durchgeführter Verhandlung trat der Richter den Act dem Landesgerichte zur Einbeziehung in eine dort anhängige V e rbrechensuntersuchung ab. Vukovic hat nämlich vor kurzem beim Bezirksgerichte Leopoldstadt dem wegen Wachebeleidigung verurtheilten Fabrikantensohn Gustav H i r s ch f e l d unter der Vorspiegelung, er sei Mitarbeiter der Correspondenz „Gerichtshalle", fünf Gulden herausgelockt, mit dem Versprechen, er werde die Verurtheilung nicht publicieren. Wegen dieser Affaire ist Vukovic wegen Erpressung in Untersuchung." Dazu noch seine vorwöchentliche Verurtheilung wegen Zechprellerei und Betrug — und der anständige Mensch ist fertig. —g- Prag. („I üdisch er V ol ks v er e i n".) Der „Jüdische Volksverein" hat in seinen Loealitäten, Heinrichsgasse 9, einen Unterrichtscursus für hebräische Sprache eröffnet, der von 44 Schülern besucht wird. Den Unterricht ertheilt ein junger Russe, Herr A r o n o v i c, der mit seltener Leichtigkeit und Eleganz hebräisch spricht, in uneigennützigster Weise. Am Cursus nehmen auch Nichtjuden theil. Die Fortschritte sind sehr befriedigende. Podersam. (F a m i l i e n - N a ch r i ch t.) Am 12. d. M. fand im Tempel zu Weiten-Trebetitsch die Vermählung der Brautleute Rosa L ö w y mit Herrn Hugo Kahn statt. Die Braut ist die Tochter der geachteten Eheleute L ö w y aus Weiten-Trebetitsch, der Bräutigam der Sohn des ehrwürdigen Rabbiners K o h n und seiner Gemahlin Marie, geb. Oppenheimer in Liebeschitz bei Saaz Die Trauung vollzog in feierlicher Weise Ehrwürden Rabbiner Richnewsky aus Podersam, welcher eine ergreifende Anrede an die zahlreichen Anwesenden hielt. Es waren Angehörige aus Dresden, Wurzen und Bayern zu dem schönen Familienfeste gekommen. E. VV. Proßnitz. (Wodurch ein Postbeamter in seiner Ehre verletzt werden kann.) Ein hiesiges Fräulein machte jüngst in Gegenwart des Postassistenten Mazal zu einer Freundin die Bemerkung, dass ihr die czechische Sprache „kralamatschet" erscheine. Darob gerieth das Blut des Beamten in Wallung, und er konnte die so schwer beleidigte czechische Sprache nichts anders rächen, als dass er die Missethäterin, das nichts Arges im Sinne habende Mädchen, in der unfläthigsten und rohesten Weise beschimpfte. Wie üblich, musste natürlich in erster Reihe deren Zugehörigkeit zur jüdischen Station herhalten, denn eigentlich ist man ja doch noch mehr Antisemit als Czeche. Die Affaire hatte, wie nicht anders zu erwarten, ihr Nachspiel vor Gericht, woselbst das rüde Benehmen des Postbeamten mit einer Geldstrafe von 30 Kronen gerügt wurde. Dieselbe Strafe erhielt aber auch das Fräulein, indem der Richter dem Strafantrage des Vertreters des Angeklagten Folge gab, dahingehend, dass mit obgenannter Bezeichnung der czechische» Sprache der Ehre des Herrn Mazal nahegetreten wurde. Wir geben nun gerne zu, dass das verurtheilte Fräulein in ihrem Benehmen insbesondere in ihrer Ausdrucksweise, mehr Takt und Klugheit hätte an den 'Tag legen sollen, inwieferne sie aber mit ihrer Bemerkung den feinfühlenden Herrn Mazal beleidigt haben soll, das kann nicht einmal derjenige verstehen, welcher, wie wir, hier alle Auswüchse der nationalen und confessionellen Verhetzung kennen gelernt habt. Hierfür kann es nur die Erklärung geben, dass der Terrorismus leider auch vor einer Stätte nicht Halt gemacht hat, welche bisher, von den Strömungen des Tages unberührt, gleiches Recht für alle walten ließ. Der Hinweis auf die Berufungsinstanz mag wohl das Gewissen beruhigen, kann aber nichts entschuldigen, ein sogenanntes B er u h i gung-Urth e il gefällt zu haben. Was aber die Person des Herrn Postassistenten und seine antisemitischen Allüren betrifft, so rathen wir ihm für alle Zukunft, das Judenthum ungeschoren zu lassen, zumal er bedenken muss, dass sein Gehalt auch aus dem Steuergulden der Juden stießt und es Gott sei Dank von Tag zu Tag immer mehr Leute gibt, die ihr jüdisches Nationalge fühl noch höherachten, als Herr Mazal sein czechisches. Dies für heute. Hätte er wider Erwarten daran nicht genug, so steht uns Material in Hülle und Fülle zur Verfügung, um ihn nach und nach von seinem antisemitischen Wahnsinne, und das noch dazu r.aÄi c al, zu heilen. Budapest. „Egyetertes" theilt eine Statistik der Confessionen in Ungarn mit, der wir folgende bemerkenswerte Daten entnehmen: Im Laufe des Jahres 1899 sind zur israelitischen Confession übergetreten von der römisch-katholischen Kirche 21 Männer, 32 Frauen, von der griechisch-katholischen Confession 1 Mann, 3 Frauen, von der evangelischen A. C. 4 Männer, 4 Frauen, von der unitarischen Confession 1 Mann. Jnsgesammt 27 Männer. 33 Frauen. Von per israelitischen Confession sind zu den christlichen Kirchen übergetreten 204 Männer, 191 Frauen. Somit verlor die jüdische Confession 329 Gläubige. Die stetig wachsenden Verluste zeigen folgende Daten: die jüdische Confession verlor 1896 97, 1897 178, 1898 221, 1899 329 Gläubige. Ausland. Berlin. (E i n K r o n z e n g e f ü r den B l u t m o r d.) Die Antisemiten haben endlich einmal einen jüdischen Kronzeugen für die Blutbeschuldigung aufgetrieben. Es ist dies ein Herr Leopold Landau aus Pforzheim, der dem „deutschen Rabbiner" ein Gedicht gewidmet, in welchem ^olgende Stelle vorkommt: „Euch ist bekannt, dass eine starke Secte Im rohsten Aberglauben noch verharrt." Die „Staatsbürger-Zeitung" knüpft an diese Zeilen folgenden psychologisch ebenso wie pathologisch interessanten Commentar: „Hier wird also von jüdischer Seite das Bestehen einer Blutsecte angedeutet, um welches ganz Israel weiß. Die Rabbiner wissen daher auch um die Blutmorde, und wenn sie trotzdem die Thäter der Strafe zu entziehen und den Verdacht auf unschuldige Christen zu lenken suchen, so machen sie sich zu Mitschuldigen des Blutmordes. Eine solche Anklage, öffentlich von jüdischer Seite erhoben, darf denn doch nicht unbeachtet bleiben." Der genannte Leopold Landau ist, wie auch den Antisemiten längst bekannt, notorisch geisteskrank und wiederholt in Irrenanstalten interniert gewesen. Er bombardiert seit Jahren die antisemitischen Abgeordneten, wie L i e b e r m a n n v. Sonne nberg unlängst erklärte, mit verrückten Briefen, denen die Herren, ausnahmsweise einmal der Vernunft folgend, keine Bedeutung beimaßen. Die „Staatsbürger-Zeitung" hat 'ich aber bereits so von aller Vernunft losgelöst, dass Zöglinge der Gummizelle für sie zn Hauptzeugen geworden sind. München. (Zum P r i n z - R e g e n t e n - I u b il ä u m.) Zu einer wahrhaft imposanten Kundgebung gestaltete ich der F e st g o t t e s d i e n st, welcher heute vormittags die Gemeinde in der glanzvoll erleuchteten, im Blumenschmucke irangenden Synagoge vereinigte. Vier Vertreter der städtischen Behörden hatten sich in Amtstracht, sämmtliche jüdische Beamte in Uniform eingefunden. Die Feier wurde durch den machtvoll wirkenden, für die Veranstaltung von Herrn Prof. Hasselbeck componierten Psalm 21 eröffnet, den Herr Obercantor Em. K i r s ch n e r unter Mitwirkung des von Herrn Cantor Frei vortrefflich geleiteten Chors zu meisterhaftem Bortrage brachte. Den ersten Vers des Psalms legte Herr Rabbiner Dr. Werner seiner von patriotischem Schwünge und heiliger Begeisterung durchglühten Festpredigt zugrunde. Gemüth und Geist, so führte Redner aus, haben sich verbunden, um heute auch in allen Gotteshäusern des gesammten schönen Bayerlandes den Erlauchten zn feiern, der neben so vielen mannigfachen Tugenden und seltenen Vorzügen den höchsten Schatz, ein 212 2b feilt eigen nenne, der soeben wieder seinen Wahlspruch: „Das Gemeinwohl ist höchstes Gesetz" durch Niederschrift bekräftigt habe. Ihm gelten die Gebete, die mit gleich heißer Innigkeit aus den Herzen von Millionen getreuer Unterthanen ohne Unterschied der gesellschaftlichen Stellung, der politischen Parteirichtung und auch ohne Unterschied des Bekenntnisses zu dem einig-einzigen Vater aller Menschen emporsteigen. Anknüpfend an die Legende vom König David, an dessen Bett eine Harfe hieng, deren Saiten in der Nacht von selbst zn tönen begannen und die wundersamsten Melodien hervvrzauberten, schloss der Redner seine mächtig wirkende Rede mit dem Hinweise, dass das Volksgemüth jener von selbst erklingenden Harfe gleiche: Nicht weil es soll, sondern weil es ans innerstem Antriebe will, jubele heute Bayerns Volk seinem Regenten entgegen, und all dieser Jubel töne aus in die Worte: Jechi Hainelech! Mit dem vom Chore vortrefflich gesilttgenen. ebenfalls von Herrn Prof. H a s s e l b e ck für die Feier componierten Psalm 72, der in die Prinz- Regenten-Hymne ausklang, fand die großartige Veranstaltung ihren wirkungsvollen Abschluss. Petersburg. (Interessante Erlässe.) Der Senat hat jüngst einige bemerkenswerte Erlässe herausgegeben: 1. Der Israelit Slaive ans Prozorsk, Gouvernement Wilna, hat 1899 den Befehl erhalten, das Dorf zu verlassen, unter dem Vorwände, dass er, da er ein Viertel Werst von der Stadt wohne, unter das Gesetz falle, das den Juden, die auf dem Lande wohnen, gebietet, den Aufenthaltsort nicht zu ändern. Der Senat hat erklärt, dass die Dörfer, die nur wenig von einander entfernt sind, als ein Dorf anzusehen seien, dass die Israeliten also unter solchen Verhältnissen den Aufenthaltsort von einem Dorfe zum anderen ändern dürfen.' 2. Das Gesetz vom 3. Mai 1882, welches den Israeliten den Aufenthalt auf den Feldern und dem Lande untersagt, findet Anwendung auf die Dörfer, die 50 Werst von der Grenze entfernt sind. Die Israeliten, die Destillerien in dieser Gegend haben, können zeitweilig sich auch dort aufhalten. 3. Das Gesetz vom 29. September 1887 soll als officiell verkündet vom 19. April 1888 gelten; daraus folgt, dass die Israeliten, die nach dem 29. September 1887 ihren Wohnort auf dem Lande geändert haben, nur ausgewiesen werden können, wenn die Veränderung des Wohnsitzes nach dem 19. April 1888 sich ereignet hat. 4. Die Kaufleute erster Gilde haben das Recht, außerhalb des Territoriums Commis und Gesinde mit sich zu führen; selbst wenn diese vor der Abreise aus dem Territorium nicht in ihren Diensten gestanden haben. 5. Die jüdischen Köche dürfen außerhalb ihres Territoriums ihre Geschäfte ausüben. 6. Die Israeliten, die außerhalb des Territoriums wohnen und ein Zeugnis als Köche besitzen, haben das Recht, Restaurants zu eröffnen. Aber die Erlässe des Senats werden nicht immer von den Localbehörden, die besonders auf die Unwissenheit der jüdischen Bevölkerung rechnen, befolgt. Beispiele dieser Missbräuche sind unzählig, einige anzuführen, wird hier genügen. Der Redacteur des „Courier von Jalta" hatte drei israelitische Buchdrucker in seine Dienste genommen. Die Polizei untersagte ihnen den Aufenthalt in der Stadt, trotz ihrer Eigenschaft als Handwerker. Der Redacteur führte Klage bei dem Senat, der voraussichtlich den Polizeibeschluss cassieren wird. Die Israeliten der baltiscyen Gebiete hatten bis jetzt die Gewohnheit, sich in die Dörfer zu begeben, um die nothwendigen Sachen zur Ausführung ihres Handwerks einzukaufen. Seit einigen Monaren hat die Polizei von Riga, Venden und einigen anderen Städten den Befehl gegeben, die Kaufleute und jüdischen Handwerker, die ihre Erzeugnisse dorthin brachten, zu vertreiben. Indessen haben die zahlreichen Erlässe des Senats Folgendes bestimmt: 1. Das Gesetz vom 3. Mai 1883 untersagt den Juden nicht den zeitweiligen Aufenthalt auf dem Lande, infolgedessen kann der Colporteur auf den Dörfern kaufen und verkaufen. 2. Die israelitischen Handwerker haben das Recht, im ganzen Kaiserreiche zu wohnen. Im Hinblick auf eine jüngsthin erfolgte Entscheidung des Senats sürd die Israeliten fremder Nationalität, die ausnahmsweise Handel und Industrie in Rußland betreiben dürfen, gezwungen, industrielle Specialzeugnisse sich zu verschaffen, welche den Zeugnissen erster Gilde entsprechen, ohne Unterschied der Unternehmungen, die von ihnen in Russland ausgeübt werden, selbst wenn die russischen Unterthanen im gleichen Falle eine weniger hohe Steuer zahlten. Paris. (Der berühmte russischeBildhaucr Marcus A n t o k o l s k i,) Commandeur der Ehrenlegion, seit Jahren in Paris lebend, wär bekanntlich ein besonderer Liebling Alexanders III, der ihn mit der Verfertigung der Büste des jetzigen Czaren beauftragte. Er bekleidet den Rang eines Staatsrathes mit dem Titel Excellenz. Er ist orthodoxer Jude und versieht alle seine Werke mit den hebräischen Initialen seines Namens. Vor kurzem hat seine Tochter einen Montefiore geheiratet. Paris. (Die Rothschilds.) Ueber dieses Thema weiß der Pariser Correspondent der „Kölnischen Volksztg." Folgendes zu berichten: Die Antisemitenhetze ist hier stets an erster Stelle gegen Rothschild gerichtet gewesen, der sogar mehrfach in der Kammer angegriffen wurde. Sem Palast wurde zu stürmen gesucht, die Fenster eingeworfen. Freilich handelte es sich nur um einen oder zwei Fälle. Um gegen alle Rothschilds vorzugehen, müssten eine Anzahl Paläste und Familien angegriffen werden. Paris ist der Haupt- und bevorzugte Sitz des Welthauses geworden. Die Niederlassung in Neapel und Wien ist schon lange aufgegeben, jetzt ist Frankfurt, der Stammsitz der Familie, an der Reihe. Der Enkel des dort gestorbenen Baron Wilhelm will nicht nach Frankfurt übersiedeln, es gefällt ihm zu sehr in Paris. Deshalb wird das Frankfurter Haus aufgehoben. Was bedarf es auch noch besonderer Häuser in den anderen Hauptstädten. Dank Draht und Fernsprecher"lassen sich alle Geschäfte ebensogut von Paris aus besorgen. Das Pariser Haus Rothschild „arbeitet" fast eben- 'oviel an der Berliner als an der Pariser Börse. Uebrigens sind nicht alle Rothschilds bloße Geldleute; Kunst und Wissenschaft und auch bei ihnen vertreten. Ein vor längeren Jahren hier verstorbener Rothschild war ein gelehrter Bibelforscher, hinterließ eine Bibelsammlung, für die er wohl eine Million ausgegeben. Andere sind Kunst- und Alterthumsforscher, einer ist Arzt. Ein 1855 hier verstorbener Sohn des Gründers des Welthauses, Salomon, spielte in seinem Club den Robber Whist 31t 60 Centimes, wie ein Spießbürger, und hatte stets nur wenige Goldstücke bei sich. Sein Geldtäschchen hatte ein Schloss, zu dem er oft den Schlüssel nicht fand. Dieses Portemonnaie, sagte er öfter, hat mir schon viele Tausende erspart. Damals fand hier auch eine Hochzeit im Hause Rothschild statt, bei der fünfzehn Fräulein Rothschild, alle gleich gekleidet, erschienen. Seitdem hat sich das