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Jüdisches Volksblatt · 1901-03-15 · 11 (15.3.1901) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
11 (15.3.1901)
Date
1901-03-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Wien, Freitag feite 4 Jüdisches Voiksblaf.t Mürz loot Purim! ivnrde diese Pflegestätte der Thora im Beisein deS gcsanu'.uen Berstende?, einer Anzahl geladener Ehrengäste und eine? zahlreichen Publicums von Rabbiner Meyer so l> n, dem geistigen Qberuauplc des Vereine?, mit einein inhaltsreichen, gedankentiesen, der Feier de? 'Acte? entsprechenden Vortrage ein.- geivciht 'und der öffentlichen Benützung übergeben. Die bescheidene Räumlichkeit, die hart an die Synagoge grenzt und dnrcHJiese, sowie durch einen direeten Separateingang, TT., Groste Sperlgasse '.'u'., zn erreichen ist, macht auf den Besucher den allergünstigsten Eindruck und weist nebst den erforderlichen Utensilien und eurer reichhaltigen Sammlung vorr Talmudwerken arreh eirre Serie rru Syuagogen-Objecten auf, die von ausgelassenen Gotteshäusern HerrüHren rrnd hier gleichsam als wertvolle Rettgnien ihren Platz gefunden haben. In diesem neuen Heim des Thora- Studiums werden nrm fortan täglich von bewährten Talmndisten nach dem Btorgengottesdienste Einzel-Schiurim, abends nach dein Mincha-Gebete (zweimal wöchentlich vom Vereinsrabbiner in eigener Person) und allsabbathlich von 0 llhr nachmittags jedermann frei zugängliche Gesanunt-Schiurim aus der Mychua, dem Astidrasch, dein Schillcharr 'Jtvucl) und der laufenden Sidra mit Raschicommentar abgehalten iverderi. Somit wäre deirn ans dem Gebiete des Wiener jüdischer'. Vsreinsrvcsens ein bedeutungsvoller Schritt nach vorwärts gcthau, und eS bleibt nur zu wünschen übrig, dass die neu erschlossene Lehrsläue. die unter einer so zielbewussten Leitung steht und ein ivabrer B'er inajim chajiin, eiir Quell echter, unverfälschter Thoraforschung zu iverden verspricht, eures regen Zuspruches uird einer waruren Theilnahure sich erfreue urid allen Thorabeflisseneu und Wissensvurstigen, dre aus derselben geistige Ltahruug schöpfen iverden, Labung rrrrd Stärkung spende, und dass es dem werkrhätigen Vereine auch gelinge, die in Aussicht gestellte Gründung einer Religionsschule und eines Gottesdienstes für die Jilgend ehebaldigst ins Werk zu sehen urid der Sanierung zuzuführen. D. Skirtezky. Wien. (Auszeichnung.) Der Kaiser hat derir Director des Kleider-Etablissemcrits Jacob Rothberger, Herrn Philipp N eirat h, das goldene Verdienstkreiiz mit der Krone verliehen. Olmütz. (Aus dem G e m e i rr d e - G e b i e t e.) Die hiesigen Jüdisch-Nationalen dürfen mit dem bisherigen Ergebnisse ihres Kampfes gegen die Assimilation zufrieden sein. Der israelitische Cultus-Ausschuss ist bei allenr Widerstreben gegen die jüdisch-nationale Idee schon so verjudet, dass er vorigen Sonntag die Gründung einerjüdischen Gemeinde-Bibliothek beschloss, Dienstag darauf zu Ehren des Purim-Festes und des nackcusteifen Mordcchai im koscheren Gastyause M o l l e r tafelte, und schon Mittwoch wieder der ersten C h e w r e - S u d e der Olmützer heiligen Brüderschaft beiwohnte. Letztere Thatsache ist umso erfreulicher, als diese edle jüdische Institution noch vor kurzem von den gleichen Factoren als lästig, überflüssig behandelt wurde. Das „Chewra Kadischa"- Vermögen wurde damals für den Tempelbau confisciert, und der Herr Cultusvorsteher äußerte sich, man könne die Todten ja nothigenfalls per Dienstmann hinausspedieren. Wir zersetzenden Elemente werden auch künftig für Belebung jüdischen Gefühls bei den Cultus-Ausschussmitgliedern sorgen. Die aufblühende „Chewra - Kadischa" aber sollte zu ihren bisherigen Ausgaben: Todtenbestattung, Krankenpflege, Almosen rc., eine neue hinzunehmen: die Gewährung billigen Credits an kleine jüdische Geschäftsleute. Diese, von allen Seiten angefeindet und boycottiert, brauchen und verdienen kräftige Unterstützung gerade von jüdische r Seile. Wie sieht es aber damit in Wirk-' lichkeit aus?! Die hiesigen jüdischen Größen zum Beispiel haben im eifervollen Streite gegen die Czechen und bei Venheidigung des reinen Evangeliums gegen die llebergriffe des Papismus ganz übersehen, dass sich am gleichen Orte seit sieben Jahren ein jüdischer Friseur Herr Ottokar Zucker redlich durchgeschlagen hat. Jüdische Kunden hat er fast keine, die czechischen hat, nachdem er bei der letzten Reichsrathswahl deutsch wählen musste, die zweimalige Annagelung im „Pozor" vertrieben, und die deutschen Kunden hat das „Deutsche Nordmährer - Blatt" durch eine Attaque gegen „diesen Juden" verscheucht. Geschieht dem Manne schon recht! Weshalb ist er nicht als Malzsabrikant zur Welt gekommen!-Unter den Juden des hiesigen Sladttheater-Ensembles grassiert die Taufe — natürlich aus Ueberzeugung. Dem edlen Beispiele des Herrn Bergl ist nun Herr Heinrich Heb er begeistert gefolgt. Ehre, dem Ehre gebührt. D r. Egon Zweig. Prag. (Jüdisch-nationaler Fortschritt.) In unserer alten Alma mater promovierte heute Herr JUDr. Alfred Kral. Nachdem der Act vollzogen war, dankte Dr. Kral wie üblich seinen Eltern und hielt auch eine Ansprache an seine Collegen der „Bar Kochba", betonte hierbei,' dass die Juden den betretenen Pfad stramm beibehalien und dass der Promovent auch ferner seine Gesinnung und seine Kraft dieser Strömung widmen wolle, was er auch den erschienenen Mitgliedern des „Jüdischen Volksvereines" zum Schluffe durch einen kräftigen „Aschre" versicherte, worauf alle erschienenen Mitglieder der „Bar Kochba" und des Boltsvereines mit einem kräftigen „Aschre" antworteten: in den Räumen der Aula gewiss ein noch nie dagewesenes Ereignis. J. A. Friedek-Mistek. (Purim- F e st.) Endlich sind auch die Juden unserer Schwesterstädte zn der Einsicht gelangt, dass auch hier ein Zusammenhalten nöthig und möglich sei. Es war diesen Dienstag das erstemal, dass sie es, ja man muss es sagen, wagten, aus Anlass des Purim-Festes ein Picknick zu veranstalten. Trotz der ungemein kurzen Zeit, es waren kaum vier Tage, welche dem rührigen Coinitö zur Verfügung standen, ist es gelungen, das Fest, wenn auch nicht zu dem größten der hier gefeierten, so doch zu dem schönsten und gemüthlichsten zu gestalten. Es war eine wahre Freude, das Leben und Treiben zu beobachten. Nicht wie sonst bei christlichen Festen, waren einzelne Häuslein Juden beisammen, welche kaum zu sprechen wagten, nein, alles was hier war, unterhielt sich gemeinsam, jede Förmlichkeit wurde betseite geschoben, und überall sah man nur vor Freude leuchtende Gesichter. Der Abend wurde durch gesängshumoristische, sowie auch Musikvorträge eingeleitet, welche sich alle der freundlichsten Ausnahme beim Publicum erfreuten, insbesondere die Humoresken erregten wahre Lachsalven. Zum Schlüsse des osfieiellen Theiles toastierte Herr Wilh. Fried aus die Frauen, da ihnen..hauptsächlichst das Gelingen dieser Veranstaltung zu verdanken Ovar, worauf die Karlshütter Kapelle eure lustige Polka nnstimmte. Lauter Jubel erscholl bei der Jugend, denn diese harrte schon mit Ungeduld dieses Zeichens, um, nachdem sie ihre Pflicht in Vorträgen erfüllt, auch Terpsichoren huldigen zn können. Doch auch da>s Alter stand nicht müßig da, sogar Herren von über 7<> Jahren hielten tap er mit, ja der älteste der Gesellschaft gab sogar einen Solotanz zum Besten. So gieng e§ ungetrübt bis 6 Uhr früh fort, wo alle gcmeiuschastlich de!'. Nachhauseweg antraten, mit dem gemeinsamen Wunsche, recht bald ivieder einen so schönen Abend verleben zn können. — Nicht unbemerkt wollen nur lassen, dass sich die oberen Zehntausend von diesem Feste corporativ sernhielten, da eS, wie ivir erfahren, zn jüdisch war. Ja, es ist wahr, daS Fest war durch und durch jüdisch, aber eS war auch ebenso schön. Budapest. (E in Mortara - F all in Ungar r-.) Gelegentlich einer Gerichtsperhandlitlig in Budapest wurde ein Vorfall bekannt, der in der ungarischen Hauptstadt Sensation erregt. Ein neunjähriger unehelicher Knabe, der von seiner Mutter vernachlässigt worden war, wurde vor einiger Zeit infolge Intervention der Polizei in das Kinderasyl gebracht. Zu der Verhandlung erschien der Knabe in Begleitung einer Nonne, der Schwester Rosa, und diese gab ans die Frage des Präsidenten nach dem Glanbensbekenntniß des Kindes, welches als Jude i m rn a t r i c n l i e r t gewesen war, an, dass der Knabe während seines Aufenthaltes im Kinderasyl getauft wurde und nunmehr römisch-katholisch sei. Der Abgeordnete Moriz Mezei hat in der gestrigen Reichstags- Sitzung die Anstnerksamkeit des Ministerpräsidenten auf diesen Vorfall gelenkt, und Herr v. Szell stellte in Aussicht, dass er sich über denselben von der Polizei Bericht erstatten lassen und darnach seine Verfügungen treffen werde. Verhält sich die Sache so, wie sie sich während der Verhandlung darstellte, so uürb der Knabe in das jüdische Waisenhaus gebracht werden. Bvdcnbach. (Wahl e u. — F e st.) In den Vorstand der „Chewra .Kadischa" wurden die Herren Goltfr. Pick als Obmann, Earl H e l l e r-Tetschen als dessen Stellvertreter, S. Brauner, Rabbiner Freu n d. Gottlieb P i ck, H. K o n i r s ch, Al. Z i r k l wiedergewühlt. — In den Vorstand des Frauenvereines wurden die Damen Dr. Hof mann als Präsidentin, H e l l e r-Tetschen als erste -L-tellvertreterin, F r ä n k l-Bodenbach als zweite Stellvertreterin, Rabbiner Freund, Cantor Dr. K u g e l, S. L. Jung, Ad. P ä ch t e r. Gottlieb P i ck, I. Lobt, Al. Z i r k l gewählt. — Nachdem die Statuten des hier zu gründenden Tempelbauvereines böherenorts genehmigt sind, wird dieser innerhalb dreier Jahre im Nahmen der Gemeinde ins Leben gerufene Verein sich binnen Kurzem constituieren. — Am >0. März fand ein Masken-Eostümkränzchen anlässlich des Purim-Festes statt. „Eine Nacht in Peking" war die Devise, und derselben entsprechend waren Einladungskarten, Decoration des prächtigen Saales und die zahlreichen im Zuge einziehenden interessanten und zeitgemäßen Masken. Unsere Unterhaltungen in Bodenbach haben sich schon ein gutes Renomoe erworben, denn von weit und breit waren Gäste gekommen. Es war aber auch urgemüthlich. Das Eomitö, das aus den schon oft sich bewährenden Herren bestand, hatte schier Unglaubliches geleisttt und wurde von allen Seiten bestens beglückwünscht. Eine besondere Attraction des Festes war ein Buffet, an dern man sich — ohne wie anderwärts gewürzt zu iverden — für einen Spottpreis delectieren konnte. Das rührige Damen-Comite hatte das Buffet nicht nur selbst reichlich bedacht, sondern auch von Haus zu Haus für dasselbe Spenden in Form von Braten, kalten Aufschnitt, Conditorei, Confect re. sich erbeten und erhalten, endlich dasselbe aufs geschmackvollste arrangiert und zum Verkaufe ausgeboten. Bis Mitternacht war alles verkauft, nicht ein Teller wälschen Salates, nicht ein Appetübrötchen mehr zu erhalten. Das Fest verlief in animiertester Weise und erst in früher Morgenstunde verließen die Aelteren dasselbe. Wann die Jugend Schluss machte, wer weißes? Zum Erfolge hatte unsere antisemitische ..Nordböhmische Volkszeitnng" auch beigetragen, da sie vorher schon für dasselbe in ihrer Weise, Propaganda machte. Selbstredend wird unser Tempelbaufonds durch einen namhaften Reinertrag gestärkt werden. Gestärkt wurde aber auch durch dieses Fest das Solidaritätsgefühl unserer Glaubensgenossen. Wir haben den Beweis erbracht, dass unsere jüdischen Damen auch für einen jüdischen Ball reiche Spenden gerne leisten und können daraus die Lehre ziehen, dass wir, gesellschaftlich ans uns selbst angewiesen, nicht zu Kleinmuth Ursache haben, wenn für die jüdische Sache solche Begeisterung herrscht. F. Ausland. Berlin (Epilog zur V e r a n st a l t u u g z ug u tt u e n der rumänischen Jude n.) In Berlin, int Kcvll'scheil Etablissement, hat neulich ein Concert stattgefuttden, bei dem altgriechische, altchristliche und auch mehrere ältere synagvgale Gesänge zur Aufführung gelangten. Der Reinertrag des Concertes soll zu gleichen Theilen den deutschen Chiliakümpfern und den rumänischen Auswanderern zufließen. Es verdient zuerst bemerkt zu werden, dass dies die erste Veranstaltung zugunsten der rumänischen Juden ist, die nicht von ausschließlich jüdischer Seite ansgegangen ist, denn dem Comite gehören sehr zahlreiche Nichtjuden an. Für unsere Zeit ist es im höchsten Grade bezeichnenv, dass, so weit unser Wissen wenigstens reicht, sonst kein nichtjüdischer Pfennig den unglücklichen Rumänen zugegangen ist. Aber selbst dies wenige war schon unseren biederen Antisemiten zu viel. Eines der thätigsten Mitglieder des Cömites war der Intendant der königlichen Theaters Graf Hochberg. Nun laden die Berliner Antisemiten zu einer Volksversammlung gegen den Grafen Hochberg ein. In der Thatsache, dass er sich an dem Arrangement des Concertes betheiligt hat, erblicken sie eine Missachtnng des Königs Karl, unter dessen Negierung die Massnahmen gegen die Juden erfolgt sind! Wie zart.und empfindlich doch das ntonarchische Gefühl der Antisemiten nutet Umständen sein kann, aber nur unter Umständen! Den König Eduard VII. von England haben sie mit den gröblichsten Schmähungen überhäuft, ja sie wollten sogar, falls er nach Berlin käine, gegen ihn demonstrierett. Und König Eduard ist doch der Oheim des deutschen Kaisers! Da schwieg ihr monarchisches Gefühl, das sich nun gegenüber dem König Karl so lebhaft kundgibt. Kein Wunder übrigens: Ist doch Rumänien das antisemitische „Musterländle"! . Berlin. (Altgrie chis che und hebräischeMüsika u f f ü h r u n g.) Eine wissenschaftlich wie künstlerisch besonders interessante Musikaufführung brachte der .LY. Februar,. nämlich, eine Vorführung der Reste altgriechischer .und. alter hebräischer Musik. Gattze Bibliotheken sind über die Musik der alten Griechen und Juden geschrieben worden. aber Klarheit schafften sie nichts es fehlte' am Besten, an der Musik selber. Einige wenige-Tonstücke! waren zwar vorhanden, aber man traute ihnen nicht recht, weil sie erst durch die Tradition des Mittelalters hindurch auf uns gekommen waren. Erst die Ausgrabungen in Delphi 18A!, bei denen man mehrere Marmorblöcke mit Musikstücken zutage förderte,, brachten mehr Licht. Eine liefe Bewegung gieng damals i durch die ganze Wett, die noch lange nickst zum Stillstände : geko,innen ist. Ilm den gelehrten .Kreisen Berlins eine lebendige! Anschauung dieser eigenartigen Tomvelt zn verschasfen, ivurde; IM>; der Professor der Musikwisseuschast an hiesiger Universität, Dr. Oscar Fleischer, ausgefordert, in der NniversttätS-Anla! eine griechische Musikauffiihruug zu veranstalten, und wer damals i den Vorzug hatte, eine Einladung zn erhalten, dein werden die tiefen, dort gewonnenen Eindrücke unvergessen geblieben sein. Seitdem kamen in Berlin diese Reste der altgriechischen Tonkunst 1d!>8 wieder bei einem Feste des allgemeinen deutschen CchnlvereinS im neuen königlichen Operntheater vor einem mehrtansendtöpfigen, heneijtcrten Publicum zur Aufführung. Erst jetzt ivieder :si eine Ausführung geplant worden, die außer den griechischen auch noch altiiberlieser e hebräische Gesäuge umfasst. Letztere sind von nicht minder hoher Schönheit, ivenn auch ganz und'gar anders geartet, nrtd tium konnte^ wohl erwarten, da s die musikalischen .Kreise Berlins sich eine so seltene Gelegenheit nicht entgehen lassen würden, um eine lebendige Anschauung der Grundlagen zn gewinnen, auf denen sich die christliche und moderne Musik allmählich aufgebaut hat. Der Ertrag deä Concertes war Humanitären Zwecken gewiduret, zur Hälfte für die Verwundeten in China, zur anderen Hälfte für die rumänischen Juden bestimmt. Berlin. (E in antisemitischer H u u d.) Der „Israelitischen Nuildschan" schreibt mau: Sehr geehrter Herr Redacteur! Vor einigen Tagen besuchte ich mit meinem Manne eine Conditorei. Nachdem wir eine geraume Zeit dort allein saßen, kam ein anscheinend den gebildeten und besseren Ständen ungehöriger Herr mit einer denselben Eindruck machenden Dame in das Local. Das Paar interessierte uns natürlich nichts mehr als weniger, wenn nicht ein inihrer Begleitung befindlicher wunderschöner Hund unsere Aufmerksamkeit anzvg. DaS Thier musste ivohl auch unser Wohlwollen, mit dem wir es unverhohlen betrachteten, bemerkt haben, denn es sprang gleich zutraulich unter vielen Entschuldigungen des Besitzers an uns empor, aß das Gebäck und die Sahne von unfern Tellern, kurz, ivir freuten uns wie die Kinder über das Gebaren des reizenden ThiereS. Unsere Freude wollte aber kein Ende nehmen, als sich dasselbe für die ihnt erwiesenen Liebesdienste bedankte und die Dame die denkbar schwierigsten Sachen mit dem Hunde anstellte, und ich glaube, dass matt tvvhl ein zweites so gelehriges Thier suchen muss. Die Dame freute sich wirklich über das Interesse, das wir au denr Hunde nahmen, und wollte uns nun auch den besten Tric ihres Thieres zum Besten geben; und diese letzte banale Dressur rief in mir eine derartige Empörung hervor, dass sie mich veranlasst, diese Zeilen zu veröffentlichen. „Barry," rief die Dame, indern sie ein Stück Zucker in die Höhe hob. Hastig wollte der Hund darnach greifen. „Der Zucker kommt aber vom Inden," sagte die Dame zn ihm, und nut eiitem vom Widerwillen ctngegebenen Gefühl, das sich durch kräftiges Schütteln kennzeichnen sollte, verabscheute das Thier den Zucker. Wie ein kalter Wasserstrahl übertief mich diese frivole Handlungsweise und nur den Bitten meines Mannes, der tnein zügelloses Temperament in dieser Beziehung kennt, mich zu beherrschen, kam es zugute, dass ich mich nicht zu Aeußerungen, die mir vielleicht später unangenehm hätten werden können, hinreißen ließ. Ich begnügte mich nur zu sagen: „Der Antisemitismus ist doch nur bei Menschen mit hündischen Gefühlen anzutrcffen, aber bei Hunden mit so ausgeprägt tnenschlichem Jnstincte hätte ich ihn nicht vermuthet." Emen Moment stutzte wohl die Dame, schien jedoch die Aeußerung nicht ganz begriffen zn haben, Venn sie ivandte sich wieder an das Thier-: „Was muss demt'Barry, wenn er den Zucker isst?" Ein lebloses Hinlegen war die Antwort Barrys. (Sie muss ihn gewiss so dressiert haben, dass der Zucker, der vermeintlich vom Juden kommt, vergiftet sein muss.) Doch noch nicht genug des grausamen Spiels: Barry, was zeigst Du den Juden?" Und das Thier zeigte die Zähne. „Ja," wandte sich die Dame nach den weiteren Glanznummern desselben Genres ihres Hundes in liebenswürdigster Weise an uns. „Sie glauben gar nicht, was für einen feinen Jnstinct das Thier hat, sein Gefühl sagt ihm sofort, ob die ihm verabreichte Gabe von einem Juden kommt, und dann kann man ihn umbringen, wird er dieselbe verschmähen." — Nun war meine Geduld doch ein „wenig" erschöpfte „Gnädige Frau," antwortete ich mit äußerlicher Gelassenheit, „Sie überschätzen ivohl doch die Klugheit Ihres Hundes, denn er ließ sich doch unsere Sachen, die, wie ich Sie hoch und heilig versichere, von reinster, jüdischer Seite kamen, sehr wohl schmecken." Sie war allerdings über das Gesagte sehr erstattnt, blieb jedoch die Antwort schuldig. Schien sie daran zu zweifeln, ob wir wirklich Juden sind, oder an der Blamage ihres Hundes? Mit ergebenster Hochachtung R. Z. München. („G e sch i ch t s j n £>'".) Der israelitische Lehrer F r i e d m a n n in Ingolstadt hatte vor einigen Monaten eine kurze Geschichte der Juden in Ingolstadt hcransgegeben. Ue6er dieses Merkchen, das einen Theil des 24. Heftes des Sammelblattes des historischen Vereines für Ingolstadt bildete, erschien in der Nummer 240 des „Bayrischen Vaterland" ein längerer Artikel. In demselben war Fried mann als „Geschichtsjud" bezeichne! und mit Bezug auf ihn gesagt, „das bringe wirklich mir jüdische Frechheit und Unverschämtheit fertig". Durch schöffengerichtliches llrtheil ist nun dieserhalb der Redacteur Otto Schoy des „Bayrischen Vaterland" wegen öffentlich verübter Beleidigung des Lehrers Friedttt a n tt zn einer Geldstrafe von fünfzig Mark verurtheilt worden, und die Verösfentlichung des Urtheils in dem „Bayrischen Vaterland" und den „Münchener Neuesten Nachrichten" angeordnet worden. Paris. (Ein Werk über Dreyfus.) Unter dem Titel „Die Degradation" veröffentlicht die von Labori heransgegebene „Gfando Revue“ heute die ersten Capitel eines demnächst im Buchhandel erscheinenden Werkes über Alfred Dreyfus, dessen Verfasser Josef R e i n a ch ist, das aber auch, nach der heute vorliegenden Probe zu schließen, zahlreiche persönliche Erinnerungen und Eindrücke von Dreyfus selbst wiedergibt. Die Schilderung des Seelenzustandes Dreyfus' von seiner Berurtheilnng bis zur Degradation siitv meisterhaft und erschütternd. Als neues geschichtliches Documeut darf die Erzählung über das Gespräch -D r e y f u s' mit dem Hauptmann L e b r un - R e u a u l t gelten, das die Zeugenaussage des letzteren vor dem Kreisgerichte in Rennes vollstättdig vernichtet. Neben Dreyfus schildert der Verfasser mit großer Feinheit ebenso auch den Charakter der Frau Dreyfus, sowie die in jener Zeit thätigen politischen Persönlichkeiten. Das Buch Reinachs ist berufen, die vielfach über deu Charakter und das Verhalten Dreyfus' bestehenden Vorurtheile endgiltig zu berichtigen. Wilna. (Eine n e u e jüdische Handel s' s ch u l c) dürste bemnächst hier eröffnet werden. Um der durch die Maigesetze über die Juden heraufbeschworenen chronischen Schulnoth die Spitze abzubrechen, haben mehrere angesehene jüdische Männer sich zusammengethait, ttm ans eigenen Mitteln in Wilna eine Handelsschule 'zu errichten, die, wie ihre Schwesterschulen in

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