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Jüdisches Volksblatt · 1901-03-15 · 11 (15.3.1901) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
11 (15.3.1901)
Date
1901-03-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 15. März 1901 Nr. 11 dies in der Erwägung, als es nicht angeht, den« wirtschaftlich besser Situierten auf Kosten des wirtschaftlich schlechter Situierten noch mehr Vortheile einzuräumen. Eine charakteristische Episode in dieser Session ist aber bemerkenswert. Die Zuweisung dieser Vorlage an den Ausschuss mit Umgangnahme von der ersten Lesung hätte verhindert werden können, wenn auch nur ein Abgeordneter Einsprache gegen diesen Modus erhoben hätte. Es ist bedauernswert, dass keiner dieser Abgeordneten dies gethan. Wir waren die ersten, welche auf diese von der Presse tvdtgeschwiegene Episode aufmerksam gemacht haben. Wir werden auch von nun ab controlieren, ob die sogenannten Volksabgeordneten in dieser Frage ihre Pflicht erfüllen. Auch aus Anlass der Debatte über das Recruten-Contingent wurden verschiedene Wünsche laut. Die Zustände im Przemysler Corpscommando, bekannt unter dem Spitznamen „Königreich Galgoczy", standen vornehmlich in Discussion, und doch welche Klagen haben gerade wir Juden, die wir alles, nur nicht armeefeindlich sind, zu erheben. Ein großer Theil der jüdischen Jugend dient in der Armee und erfüllt die ihr obliegenden militärischen Pflichten in musterhafter Ordnung. So wie einst ihre Vorgänger in den Kriegen von 1859 und 1866 und im bosnischen Feldzüge ihr Blut auf den Schlachtfeldern für das Vaterland geopfert haben, wird diese Jugend, wenn der Ruf an sie ergeht, ihre Pflicht voll und ganz erfüllen, unbekümmert um die antisemitische Strömung in ihrem engeren Baterlande. Die Regimentsgeschichte vieler Militärverbände weist gut jüdische Namen als Muster opfervoller Hingebung, Tollkühnheit und Tapferkeit auf. Trotzdem wird gerade im Przemysler Corpscommando der jüdischen Mannschaft der Stempel der Inferiorität auf die Stirne gedrückt. Es bestehen nämlich im Bereiche des Przemysler Corpscommandos geheime Verordnungen, Erlässe und Befehle, diese allerdings in Form von Wünschen gekleidet, demgemäß die jüdischen Mannschaften zu Unterosficieren nicht befördert werden dürfen. Oft ergeht an die Regimentscommanden, welchen die Freiwilligen- Abtheilungeu unterstehen, der Wunsch, jüdische Freiwillige bei den Prüfungen durchfallen zu lassen. Kurz gesagt, im Bereiche des Przemsler Corpscommandos ist eine stark antisemitische Strömung fühlbar. Dies zeigte sich insbesondere auch darin, dass man die schreib- und deutschkundigen jüdischen Infanteristen itiqjt zu Unterosficieren befördert. Jüdische Soldaten, welche die Manipulantenschule sehr gut conduisiert verlassen haben, werden trotzdem zu Rechnungs-Unterofficieren nicht befördert. Es kommt vor, dass ein schreib- und deutschkundiger jüdischer Infanterist in der Kanzlei als Aushilfe verwendet wird, die Manipulations-Geschäfte versieht und nicht befördert wird. Auch die jüdischen Aerzte werden zu Militärärzten nicht ernannt. Einem jüdischen Competenten wurde das Gesuch rückgestellt. Bei Durchsicht der Documente bemerkte er, dass das Wort „mosaische roth unterstrichen war. Die Beantwortung der Interpellation über die Handhabung der heimatrechtlichen Vorschriften seitens der Gemeinde steht nicht auf der Höhe der Situation. Es ist nicht richtig, dass eine ministerielle Bollzugsvorschrift zur Heimatsgesetz- Novelle nicht ins Auge gefasst werden kann, weil dieselbe angeblich eine authentische Interpretation des Gesetzes involvieren würde. Solche Vollzuzsverordnungen sind wiederholt zu größeren Gesetzen erlassen worden, so zu den Steuergesetzen und zur Civilprocess-Ordnung rc. Herr v. Koerber will es sich mit den Antisemiten nicht verderben. Dies ist der uneingestandene Grund, warum in diesem Falle von der Erlassung einer Vollzugsverordnung Umgang genommen wurde. Der Hinweis auf die Judicatur ist nur eine leere Ausrede. Bis die erste Entscheidung des Verwaltungs-Gerichtshofes erflossen sein wird, werden viele der Competenten gestorben und verdorben sein und der Schubwagen seine Dienste gethan haben. Das Haus mag arbeitsfähig geworden sein, im Zeichen der Humanität begann es seine Arbeit nicht. Eine Unterredung mit dem Abgeordneten Klosac. Ein Mitarbeiter unseres Blattes harte Gelegenheit, die Anschauungen des Abg. Klofac in einer längeren Unterredung mir demselben kennen zu lernen. Der Führer der czechischen National-Socialen erhofft vom gegenwärtigen Parlamente ebensowenig eine Beendigung des Nationalitätenstreites, als die Inangriffnahme der von allen produciereuden Volksschichten geforderten radicalen wirtschaftlichen Reformen. Abg. Klofac erblickt in einer föderalistischen Umgestaltung des Gesammtreiches (nicht etwa mir Cisleithaniens) den einzigen Ausweg aus den iunerösterreichischen Wirren. Für gewisse Theile der Monarchie, wie Böhmen und Mähren, sei die nationale Autonomie nicht realisierbar, weil eine nationale Abgrenzung nicht möglich ist. die hingegen in anderen Kronländern des Reiches durchführbar wäre. Als Czeche könne er nicht für die nationale Autonomie eintreten, als Pole, Ruthene oder Südslave wäre er ein Anhänger der nationalen Autonomie. Der Schwerpunkt der österreichischen Politik müsse in die Landtage verlegt werden, jedoch sei früher eine radieale Wahlreform für dieselben im Sinne des allgemeinen, gleichen und directen Stimmrechtes mit Proportional-Wahlsystem unerlässlich. Durch dasselbe, sowie durch eine gerechte, auf Gleichberechtigung der Nationalitäten basierende Sprachgesetzgebuug und durch spätere Einführnng von nationalen Curien sollen die Rechte der nationalen Minoritäten in allen gemischtsprachigen Ländern der Monarchie gewahrt werden. Das cisleithanische Parlament in seiner heutigen Form hat sich vvllständlg überlebt und muss verschwinden; an dessen Stelle mag für die gemeinsamen Angelegenheiten aller Theile der Monarchie anstatt der Delegationen ein gemeinsames Reich s- Parlament treten. * * * * In diesem Sinne erstreben die czechischen National- Socialen die Umgestaltung des derzeitigen Oesterreich-Ungarn in ein föderalistisches Oesterreich. Das czechisch-national-sociale Programm ist nicht antiösterreichisch, wie das alldeutsche, sondern wendet sich nur gegen das jetzige centralistische Oesterreich. In freiheitlichen und: wirtschaftlichen Fragen, im Kampfe gegen den Clericalismus und Capitalismus cooperiereu allerdings von Fall zu Fall die c;echischen National-Socialen und czechischen Agrarier zeitweise mit den Alldeutschen und Socialdemokraten. Die czechischen'National-Socialen verwerfen übrigens die Taktik und das wirtschaftlich marastische Programm der Soeialdemokraten und stehen auf dem Boden des genossen s ch a f t l i ch e n S o c i a l i s m u s. * * , * Abg. Klofac verwahrt sich und seine Partei auf das entschiedenste dagegen, mit der national-radicalen Partei Baxas in einen Topf geworfen zu werden. Dies ist ein großer Jrrthum, weil die National-Socialen eine selbständige Fraction sind. Die Politik der Jungczechen muss bekämpft werden, da w weit ärger sei als die Politik der Altczechen. Die Partei des Abg. Klofac sei keineswegs im Sinne Baxas „radical" (eine nur-nationale Partei), sondern auch eine radical-freiheitliche und radical-sociale. Daraus ergibt sich auch die Stellung des Abg. Klofac und seiner Partei zur I u d e n f r a g e, die er folgendermaßen präcisiert: ,,Der Antisemitismus im czechischen Volke ist nur eine Folge der deutschthttmelnden Politik assimilatorischer jüdischer Geschäftspolitiker. Die Juden sind eine selbständige Nation mit eigener Cultur, und wäre ich ein Jude, so würde ich (das habe ich den Inden in meiner Heimat oft gesagt) für das volle Recht meines Volkes, jedoch auch für die Gleichberechtigung aller anderen Völker eintreten." Schließlich kündigt Abg. Klofac die Coalition der National- Socialen mit den czechischen Nadical-Fortschrittlichen Höhnischer Couleur und den übrigen oppositionellen Gruppen gegen die Jungczechen bei den bevorstehenden Landtagswahlen an. Vom Tage. So viel Juden. Der Alldeutsche Berger hat das Wort zur Brantweinsteuer. Der Alldeutsche beschwert sich hierbei über eine Rede des Pater Freund in der Peterskirche. Hieraus sammelte er nämlich seine Argumente gegen die Brantweinsteuer. Allein bei der berühmten Sachlichkeit, deren sich die Parlamentsreden erfreuen, darf auch der sachliche Zwischenruf nicht fehlen. Prochaska — dies Muster von Wissen. Intelligenz und Geistesschärfe — springt als Zwischenrufer ein. Der Zwischenruf ist bekanntlich die Pointe der Situation. Und worin zeigt sich der Geist des Herrn P ro chas ka? In einer Silbe. Er ruft: „Jud". — Darin liegt jene Summe von Scharfsinn, jene Potenz von Denkkraft, die Herr Director Prochaska aufwenden kann. „Ihr seid Juden!" — ruft der alldeutsche Chorus, pardon Sängerschar, zurück. Wie wehmüthig ist es uns ums Herz. So viele Juden! Die Alldeutschen sind Juden, die Christlich-Socialen sind Juden, und doch ist unsere alltägliche Klage: Es gibt so wenig Juden, wirkliche Juden ... Die dieswöchentliche Thätigkeit unserer Abgeordneten. Diese Woche wurde von den Wiener Abgeordneten mit der planmäßigen Ausbeutung des polizeilichen Uebergriffes gegen die Französin ausgefüllt. Da aber jede Sache mit der Zeit ihren Reiz verliert, die Ausbeulung auch durch die gegenseitige Concurrenz der Herren Dr. Ofner, Dr. Vogler u. f. w. für das persönliche Renommee des einzelnen minderen Ertrag abwirft, die Herren aber vor dem Elend der jüdischen Massen wie auf Verabredung die Augen schließen, so schlagen wir selbst den verehrten Herren Abgeordneten neuen Stoff für eine neue »Hetz" vor. Dr. Ofner, der von allgemeiner Liebe zur Menschheit mit Ausschluss der Juden trieft, könnte wegen Misshandlung der „Boxer" in China interpellieren. Herr Dr. Vogler, dem bekanntlich jeder Pflasterstein in Wien ans Herz gewachsen ist, könnte wegen des schlechten Zustandes der Wiener Straßen interpellieren. Die Periode des Schnees und des Kolhes ist vorüber, die Periode des Staubes und des Sandes naht; damit kann man, Herr Dr. Vogler, seinen Wählern ausgezeichnet Sand in die Augen streuen. Socialpolitische Spiegelfechterei. (Auf der Mensur.) Es ist eine betrübende Erscheinung, dass die großen Wiener Tagesblätter und Revuen in den Händen von Juden find. Dieser Satz klingt paradox in einem bewusst jüdischen Blatte, er hat aber seine innere Berechtigung. Die Inhaber und Leiter dieser Blätter setzen alles naidjom naidjom ^“TÖ naidjom Ssynku, Ssynku nje Biedui, Sswoje bserdze nje sapssni! Bendsje Matka wykupliana, Bendsje Ghatka wybudowana Bendsy mondry, patsehai konca! Ein Liebesliedchen (Nr. 353) kommt darin sogar in vier Sprachen vor: russisch, polnisch, lithauisch und lvthwisch (Idiom der Provinz Samnth), in jüdisch-deutsche Sprache ist es nicht übersetzt. Wir sind nun der Ansicht, dass diese erwähnten Lieder die ältesten Ursprunges sind; sie scheinen nämlich zn einer Zeit entstanden zn sein, bevor noch die Flut der aus den Rhcingcbieten ströiuendea deutschen Juden sich nach Polen und R-ssland ergossen hat. Dieser Umstand liefert einen Beleg dafür, dass in Russland bereits seit Jahrhunderten Inden leben, die ausschließlich die russische Sprache als ihre Umgangssprache besaßen.**) Dass gerade religiöse und nationale Lieder in der russischen Sprache gesungen wurden, sollte diese Ansicht bekräftigen, allein das Lied Nr. 374, in welchem von „Missnagdim" und „Chassidim" gesprochen wird, was deutlich auf späteres Datum verweist, und welches gleichfalls in russischer Sprache abgefasst ist, macht uns in unserer Annahme etwas schwankend. (Fortsetzung folgt.) B. A. B. *) Jüdische Volkslieder in Russland. Gesammelt und herausgegeben und mit Vorwort versehen unter der Redaction des S. M. G ü n z b u r g und P. E. Mare k. Mit einer bibliographischen Beilage einer Sammlung der im asiatischen Museum der kaiserl. Akademie der Wissenschaften befindlichen Jargonlieder, von S. E. Werner. Herausgegeden von her Redaction des „Woschod". (Petersburg 1901. XXX -f m + XIV.) **) Siehe auch : A. H a r k a w i. „Die Juden und die slavischen Sprachen". Das Wische Volksleben in seinen Liedern. i. Wenn in den Sitten und Gebräuchen eines Volkes sich dessen Charakter äußert, so verräth sich in den Liedern seine Seele. In ihnen finden wir gar oft die Ideale, die Wünsche und die Sehnsucht der Volkes ausgedrückt. Und wenn ein Bölkerpsychologe die Lieder eines Bottes chronologisch verfolgen wollte, so könnte er leicht aus ihnen, als dem Spiegel des Gemüthes, auf seine jeweiligen Geistesströmungen schließen. Sammlungen von Volksliedern sind daher sowohl für den Historiker, als auch für den Psychologen von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit, und werden stets allseits lebhaft begrüßt. Auch wir Juden haben Volkslieder, leider reichen sie nicht gar weit zurück im Verhältnisse zu unserer fast viertausendjährigen Geschichte. Die in der Bibel hier und da vorkommenden Fragmente von aus altersgrauer Zeit stammenden hebräischen Volksliedern liegen hinsichtlich der Zeit gar so ferne von uns, dass wir aus den von ihnen erhalten gebliebenen Bruchstücken kaum den Sinn errathen können. In der biblischen Zeit begegnen wir nirgends mehr Spuren vom Volkslieds bei den Juden; höchstens wenn wir als solche die im Mittelalter entstandenen, der Liturgie einverleibt gewordenen Gesänge betrachten wollen. Die Sprache der meisten Juden war in den letzten Jahrhunderten bekanntlich das Jüdisch-Deutsch (Jargon). Und in diesem Idiom haben sich jüdische Volkslieder im Bolksmunde erhalten. Sie bergen einen wahren culturhistorischen Schatz. Wir finden das Ghettoleben in ihnen klar abgcspiegelt, die Gefühle der Väter, Mütter und Kinder deutlich ausgedrückt, und jede Sammlung solcher Lieder ist uns daher höchst willkommen. Eine große Sammlung jüdischer Volkslieder aus Russland liegt uns gegenwärtig vor.*) Die Sammlung ist äußerst sorgfältig zusammengestellt und mit einer weit attsholenden Einleitung (in russischer Sprache) verschen, in welcher sämmtliche Quellen und die ins Fach einschlagenden Werke angeführt werden. Die Lieder zerfallen in 11 Abtheilungen: 1. Religiöse und nationale Lieder. 2. Historische Lieder. 3. Wiegenlieder. 4. Kinder- und Schullieder. 5. Liebeslieder. 6. Brautlieder. 7. Hochzeitslicder. 8. Familienlieder. 9. Sociale Lieder. 10. Soldatenlieder. 11. Lieder vermischten Inhaltes. Wie aus dieser Eintheilung zu ersehen ist. können wir an der Hand dieses Werkes das Leben des russischen Juden früherer Zeit, von der Wiege bis zum Grabe, mit seinem Fühlen und Hoffen, seinen Thränen und Jauchzern aufmerksam verfolgen. Allein bevor wir dies thun, wollen wir eine Bemerkung über die Sprache der Lieder vorausschicken. Ein kleiner Theil dieser Lieder, vorzüglich in der Abteilung religiöser und nationaler Lieder, sind vollständig in russischer Sprache, beziehungsweise russisch mit hebräisch gemengt, ohne dass auch ein einziges deutsches Wort in ihnen vorkäme. Wie zum Brispiel: Nr. 10. Awraham, Awraham, Batjka nasch! Tschem ne chodisch, tscheni ne molisch Boga zo nass V Libo nass wiprossiti, libo nass wiswoliti libo nass wikupiti. u. s. w. Oder (Nr. 17): Ach Ty Zatschen Ty nie smotrisch Zatschen Ty nie widisch vunibj nia ny urn1?: "ta perebudjem fort poidjom Poidioru

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