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Jüdisches Volksblatt · 1901-03-08 · 10 (8.3.1901) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
10 (8.3.1901)
Date
1901-03-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 10 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 8. März 1901 Seite 5 „Alles, was man anderwärts bezüglich der Unterschiede zwischen Ariern und Semiten als Vermuthung geäußert hat, ist bei unä al§ Evangelium verkündet worden. Die Antisemiten des Auslandes haben nichts erfunden, was bei uns nicht gutgeheißen worden wäre. Die blutigen Historien, die im Mittelalter in der kranken Phantasie armseliger Mönche entstanden, die Einbildungen der Unwissenheit, alles, was sich irgendwie gegen die Inden schreiben oder sagen ließ, ist zum täglichen Brot geworden, das unsere antisemitischen Apostel unter gläubige Seelen vertheilen: die Juden sind Vampyre, die Juden sind schuld an den Steuern; die Juden haben die Welt verarmt, ohne sie würde Glück und Ueberfluss herrschen, ohne sie wäre das rumänische Volk stark und blühend." Aber ein solcher Ausspruch war nur eine Stimme in der Wüste: Niemand schloss sich Motru an, niemand fühlte, wie wahnsinnig es war, diese in die äußerste Armuth getriebene Bevölkerung, die in ferne Lande geflüchtet war, nur um das Recht auf Arbeit zu erlangen, als Aussauger der Christenheit anzugreifen, die ihnen systematisch alle Hilfsquellen verstopft hatten. Indessen hatte Rnmäniens geradezu jammervoller finanzieller Zustand, d. h. die Furcht, dass die großen jüdischen Finanzmänner in Westeuropa unter dem Eindruck der grausamen Verfolgung, deren Gegenstand ihre Stammesgenoflen waren, die Anleihen verweigern würden, die der Staat nicht entbehren konnte, im Monat Juli einen Ministerwechsel veranlasst. Der Politiker Peter C a r p, bekannt wegen seine- Unwillens darüber, dass man den Juden die Menschenrechte vorenthielt, wurde zum Ministerpräsidenten ernannt und sollte versuchen, der verzweifelten Situation abzuhelfeu. An seinem guten .Willen zu zweifeln, liegt kein Grund vor. Aber wie die Verhältnisse lagen, war er thatsächlich in all seiner scheinbaren Machtfülle ohnmächtig. Freilich gelang es ihm, einzelnen humanen Männern wie A r i o n und Alexander M arghiloman Sitz in seinem Ministerium zu geben, aber er wurde auch genöthigt, ganz unzweideutige Antisemiten wie Tacu Majorescu und besonders den Vertrauensmann der parlamentarischen Majorität N. P h i l i p e s c u, aufzunehmen, dem er nur wenige Monate vorher, anlässlich, der Juden- Misshandlungen, die in Bukarest auf Philipescu's Anstiften im Jahre 1898 stattfanden, in Jassy zugerufon hatte: „Ihr Alteonservativen habt Eure- Fahne mit Schande und Blut besudelt!^ Die folgenden Begenbenheiten haben Carps Machtlosigkeit in nur allzu reichem Maaße bewiesen. Im August wurde ein neues Gesetz für die „Fremden" (unter denen immer nur die Juden verstanden werden) erlassen, demzufolge sich jeder Fremde bis zum 2. September von der Polizei eine schriftliche Erlaubnis verschaffen musste, um sich im Lande aufhalten zu dürfen. Diese Erlaubnis wurde natürlich nicht gratis ausgestellt. Jeder Jude, der nach dem angegebenen Datum nicht mit einem solchen Papier versehen war, wurde ausgewiesen, selbst wenn er in Rumänien geboren war und dort seiner Wehrpflicht genügt hatte. Es gab jedoch viele, die nicht gewillt waren, diese chemüthigende Erlaubnis, sich in ihrem 'Baterlande aufzuhalten, nachzusnchen, und die entschlossen waren, es bis zum Aeußersten kommen zu lassen. Darauf brachten im November die rumänischen Zeitungen folgenden, scheinbar höchst humanen Regierungs-Erlass: „Die im Lande geborenen und ausgewachsenen Fremden bedürfen weder einer Legitimation noch eines Passes, um im Lande bleiben zu können, falls sie Nachweisen, dass sie ihre Naturalisation beantragt haben." Und die Regierung beeilte sich, Europa durch den Draht mitzutheilen: „Eine Verordnung des Ministers an die Präfecten fordert die Juden auf, die Ertheilüng des Bürgerrechtes nachzusuchen." Diese Mittheilung war leider nur darauf berechnet. Rumäniens leere Staalscasse zu füllen. Das Ganze war ein Finanzmanöver. In Rumänien gibt es einer im Finanz- Ministerium augestellten Berechnung Zufolge 100.000 erwachsene Juden männlichen Geschlechts, die als Fremde betrachtet werden, obschon sie keinen Fremdenpass haben, da sie keinem anderen Staate zugehören. Diese müssen von jetzt ab behufs Naturalisation ein Gesuch einreichen und haben zu zahlen: 1. für das Gesuch selbst 25 Frcs., d. b. 2.500.000 Frcs.; 2. für Stempelpapier und Ausweise betreffs Steuerzahlung, Militärdienst, Dauer des Aufenthaltes im Lande u. s. w. wenigstens 5 Frcs., d. h. 500.000 Frcs., sodann 3. für Legalisierung aller dieser Documente 6 Frcs., d. h. 600.000 Frcs. Hierzu kommen 4. circa 400.000 Frcs. für Anschaffung und Abschreiben verlorener Documente. So ersieht mau, dass die Juden vorläufig vier Millionen Francs an die Staatscasse zu zahlen haben, abgesehen von allen Sporteln, welche ihnen die Beamten bei jeder Gelegenheit auspressen. Da nun die große Mehrzahl von ihnen blutarm ist, so arm, dass 50 Frcs. für sie eine Summe bedeuten, die sie unmöglich auf einmal beschaffen können, so wird, wie rumänische Blätter, die Carp zu entschuldigeu versuchen, offen zugeben, die Folge nur die sein, dass jeder einzelne Jude, in der Hoffnung, das Eingebvrenenrecht zu erlangen, Jahr für Jahr eine neue Steuer von einem Fünffrancstück au die Beamten erlegt, eine Steuer, die er jetzt als vorübergehend betrachtet, die man aber verstehen wird zu einer dauernden zu machen. (Fortsetzung folgt.) Durch Böhmens jüdische Gemeinden. M e l n i k, 6. März 1901. Das Gesetz vom Jahre 1890 zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse in den jüdischen Gemeinden hat für Böhmen deren 197 geschaffen. War diese Regelung nöthig? Man könnte getrost mit „Nein" antworten. Sie erfolgte nämlich am grünen Tische ohne nähere Kenntnis der Landesverhältniffe, daher viele Missgriffe geschahen. Wie war es denn vorher bestellt? Orte mit größerer Mttgliederzahl bildeten freiwillig Gemeinden, stellten je nach Verhältnis Rabbiner, Cantoren an, errichteten Schulen. Die Giebigkeiten gierigen „ohne Zwang" ein, weil die Mitglieder eben noch von jüdischem Gefühle erfüllt waren und jene Institutionen , für unentbehrlich hielten. Nun lebten aber zahlreiche Juden in den Dörfern zerstreut zu 1, 2, 3 und mehreren Familien. Wie sah es da aus? Diese Versprengten gehörten zu gar keiner Gemeinde. Jeder bester situierte Hausvater oder deren mehrere zusammen hielten einen Hauslehrer oder schickten ihre Kinder in eine nähere oder entferntere jüdische Schule. Zum Gottesdienste fanden sich die Gläubigen in irgendeiner Betstube zusammen, der erstbeste Baal habaieS war imstande, an Schabosim und Regolim den Vorbeter und Baal Koreh zu machen, mancher von ihnen fungierte als gewissenhafter Schochet. Für Jomim nauroim wurde eine bezahlte Hilfskraft ausgenommen, die Auslage hierfür, die einzige, die die Leute im ganzen Jahre zu tragen hatten, aufgetheilt. Das oberwähnte Gesetz machte vielen derartigen Vereinigungen ein Ende, und deren Mitglieder wurden Gemeinden ugetheilt, an deren Institutionen sie wegen oft großer Entfernung ich nicht betheiligen konnten, trotzdem aber nie gewohnten Zahlungen unterworfen wurden. Biese leistet man nun, da auch das religiöse Gefühl erkaltet ist, oft mit Widerwillen, ja erst nach stattgehabter Execution, oder entzieht sich ihnen ganz durch Confessionslosigkeits- Erklärung. Bei der Bildung der neuen Gemeindesprengel wurden nun, wie bemerkt, arge Missgriffe begangen. Dörfer, ehemals Sitze großer Gemeinden, die aber durch die Freizügigkeit alle ihre Mitglieder verlöre» hatten, blieben doch durch das Gesetz Gemeinden, weil Gottes- und Gemeindehaus, oft auch ein Friedhof vorhanden waren, und nur einigemale im Jahre stellten sich wenige Beter zur Minjan ein. Jede Gemeinde muss aber jetzt einen Rabbiner haben. Woher sollten aber die meisten die Mittel hierzu und die geeigneten Männer nehmen? Diesen letzteren Uebelstand voraussehend, hatte die Regierung dem Statthalter von Böhmen die Ermächtigung auf zehn Jahre ertheilt, die neuen Rabbiner vom Nachweise der vorgeschriebenen Vorbildung zu dispensieren. Viele Gemeinden ernannten demzufolge ihre Lehrer zu Rabbinern. Ja, man liest Eoncurse, in denen ein Religionslehrer, Cantor, Koreh, Schochet und — „Rabbiner im Sinne des Gesetzes" gegen einen Gehalt von 500 bis 600 fl. gesucht wird. Es soll nicht geleugnet werden, dass mitunter Individuen, bar alles Wissens, angestellt werden, denen der Titel zu Kopfe steigt, und die da memen, mit dem Titel auch Fähigkeiten und Kenntnisse erlangt zu haben. Darob große Entrüstung unter den wirklichen Rabbinern, die sich durch die „Dispens- und.Laien-Nabbiner" in ihrem Ansehen und — Einkommen geschädigt sehen. Wie schädlich die seit einigen Jahren plahgegriffene Auflösung der jüdischen Schulen sich für die religiöse Bildung dev cheranwachsenden Jugend gestaltet, ist in diesen geschätzten Blättern schon geschildert'worden. Nun zum Schluffe noch etwas über die Altersversorgung der Functionäre in diesen Gemeinden. Die Lehrer hatten sich im Jahre 1876 zur Selbsthilfe aufgerafft und einen Pensionssonds zu gründen beschlossen, da bis dahin keine Gemeinde Pension gewähren wollte oder konnte. Vorkommenden Falles musste für einen arbeitsunfähigen Lehrer pder Cantor oder dessen Hinterbliebenen die öffentliche Mildthätigkeit in den Zeitungen tn Anspruch genommen werden, ein entwürdigender und beschämender Vorgang, sowohl für den einzelnen, als für die Gesammtheit. In Erkenntnis dessen widmete die löbliche Landesjuden-Repräsentanz hochherzigerweise dem sehr kleinen Pensionsfondes einen Theil eines ihr zugefallenen Capitals im Betrage von 40.000 fl. und nahm den Fonds in Ge,neinschaft rüit den Lehrern in Verwahrung. Heute ist dieser auf etwa 120.000 fl. gewachsen, aber bei weitem noch nicht imstande, dem Bezugsberechtigten die statutarische Normalpension von 600 fl., sondern nur 35 Percent deselben zu leisten, zu wenig zum Leben,'zu viel zum Sterben. Gönner besitzt der Fonds leider nicht, ja die wenigsten Gemeinden leisten Zuschüsse. Das 50jährige RegierungEnbiläum Sr. Majestät hat Die, erhoffte Kräftigung auch nicht gekracht, da erstlich die Spenden nicht 20.000 fl. erreichten, von diesen aber dem Fonds kaum ein Drittel zugewendet wurde. Einzelne ehrenwerte Gemeinden, zuerst Beraun, dann Melnik, Räkonitz, Eger, verpflichteten sich ihren Lehrern, respective Rabbinern gegenüber, die vom Lande zu erwartende Pension aus eigenen Mitteln aus die Normalpenston zu ergänzen. Möchten wenigstens alle Gemeinden diesen edlen Beispielen folgen, oder noch besser, der Fonds so gekräftigt werden, dass er aus eigenen Mitteln den Ansprüchen Nachkommen könnte. 8. Dereins- und Dkrjaimlimgsberjchtk. Wien. (Kranken - Unterstützungs - Verein „Liw i a s Che n", II., Obere D o n a u st r a ß e 81.) Am 3. März fand die 14. ordentliche General-Versammlung dieses Vereines statt. Aus dem vom Obmann Herrn Leopold Gold erstatteten Jahresberichte entnehmen wir, dass der Verein unter seiner jetzigen energischen zielbewussten Leitung aus ganz kleinen Anfängen sich immer mehr und mehr entwickelt, so dass er sich bereits heute den größten humanitären Vereinen würdig an die Seite stellen kann. Der Bericht wurde auch von der zahlreich besuchten Versammlung mit allgemeinem Beifalle zur Kenntnis genommen und dem abtretenden Ausschüsse mit Stimmeneinhelligkeit das Absolntorium ertheilt. Bei Punkt 3 der Tagesordnung entspann sich eine ziemlich lebhafte Debatte über die Nothwendigkeit, einen zweiten Vereinsarzt anzustellen, und wurde über Antrag des Mitgliedes Herrn P i l p e l einstimmig der Vereinsleitung die Ermächtigung ertheiltin dieser Angelegenheit nach eigenem Ermessen zu handeln. Bei der hierauf folgenden Neuwahl wurden folgende Functionäre gewählt: In den Ausschuss die Herren : Leopold Gold, Anton L o e w, Leo Schnürer, Jakob März, Sal. Tri g er, Jaffas Goldschmid t, Isidor Kerner. H. S ch i f f m a n n, M. M i n g l g r ü n, Paul H e r ch e s, Sam. Ungar, Sigm. Orgel; als Ersatzmänner die Herren: Jacob Weichselbau nt, Hermann Jur m a n n, M. W e st f r i e d, Philipp Kornreich, Paul St a d e l, Wilhelm Statter; als Revisoren die Herren: Moritz Hammer, Osias Klinger. Wien. (..Moria".) Zum Berichte über das Fest der „Moria" ist Folgendes nachzutragen : Unter den Gästen erblickten wir nebst den bereits in voriger Nummer uttseres Blattes Genannten auch Herrn Professor Kellner samtnt Frau, Doctor Bernstein sammt Frau. Nach dem ernsten Theile des Programmes folgte ein Violin-Vortrag des Herrn Josef Schorr; die Begleitung auf dem Claviere besorgte in liebenswürdigster Weise Herr Leo Schorr. Ueber die Virtuosität, die besonders Herr Josef S ch o rr in seinem herrlichen Spiele entwickelte, war nur eine Stimme, die des Entzücktseins, und lehnte auch reicher, stürmischer Beifall seine Kunst. Lebhaften Anklnng fand auch das Purim-Stück „Megillath Esther", das von Herrn Carl L ö w i t für diese Aufführung in so meisterhafter Weise umgestaltet wurde. Die Mitwirkenden, von denen Frl. Adele P o p'p e n s ch eller die schwierige Rolle der Dichterin gab, Frl. Mathilde Halpern als Esther, die hier ihr schauspielerisches Talent aufs neue beweisen konnte, Frl. Rosa Kollmann, die als Mordochai vortrefflich war, und die Damen MalvineWolf als Aschachwerusch, Frl. Rosa Wolf als Engel der Megillath und Herr B. Felsenburg den Haman glänzend verkörperten, verdivuten mit Recht das ihnen nach ihrem Auftreten gespendete ungetheilte Lob. Um Mitternacht trat der Tanz in ferne Rechte und währte bis zum frühen Morgen. Der Verein „Moria" hat neuerlich wieder gezeigt, wie er seinen Gästen und Mitgliedern stets nur das Beste bietet. Das Reinerträgnis wurde entsprechend jüdisch-humanitären Zwecken zugeführt, und zwar der „Jüdischen Tvynbee-Halle", dem Vereine für. verkrüppelte jüdische Kinder, dem jüdischen Waisenhanse, sowie für die rumänischen Mädchen. N. P. Wien. (Verein „Tiferes B a ch U r i in".) Dieser humanitäre Vereine verfolgt den edlen Zweck, hiesigen mittellosen Jünglingen, die dem Talmud-Studium auf djm „Jeschiboth" obliegen, eine regelmäßige Unterstützung angedeihen zu lassen. Wer die Verhältnisse auf den „Jeschiboth" kennt und weiß, mit welchen Schwierigkeiten unsere für die heilige Thora begeisterte Jugend zu kämpfen hat, der wird den Wert dieses Vereines zu würdigen wissen und denselben gewiss mit lebhafter Freude begrüßen. Fm Interesse der heiligen Sache wäre es gelegen, den Verein durch Mitgliedsbeitritt zr fördern, zumal der Jahresbeitrag ein bescheidener ist. Die Leitung des Vereines ruht in bewährten Händen. Bei der jüngst stattgefundenen General-Versammlung wurden folgende Herren in den Vorstand gewählt: Wilhölm Morgenstern, Obmann, Samuel Braun, Obmann-Stellvertreter, Moriz Lettner, Schriftführer, Ludwig V a r k a n y, Schriftführer-Stellvertreter, Adolf Winkler, Caffier, Isidor Gelb, Cassier'Stellvertreter, Isaak R o s n e r, Siegfr. Salzer, Controlore, Jacob B e ckmann, Adolf Fried mann, Berthold S a rn e k, Mor. H o f b a il e r, Ausschüsse. A u s k u n s t ertheilen die Herren Wilhelm M o r g e n st e r n, II., Größe Pfarrgasse 7, Isaak R o s n e r, II., Leopoldsgasse 31, ttio' aud) Beitrittserklärungen entgengeuommen werden. An Abend im Donau- Club. (Phantasien ei nrsVersammlungsreporters.) Von AloiS M. Ahnungslos sitze ich beim Frühstück im Cast und durchfliege mit dem den Journalisten eigenen Scharfblicke die Tagesblätter, die eben frisch von Schwärze, in ihre Behälter gerahmt wurden. Ich hatte zwar nur wenige Stunden Schlafes genossen, konnte es aber nicht erwarten, meine erste selbstständige Leistung auf journalistischem Gebiete, einen Bericht über die Versammlung des Donau-Clubs, in jenem Blatte, dass mich seit kurzem für einen Zeilenschundlohn als Reporter engagiert hatte,- zu durchfliegen und mich an seinen bilderreichen Wendungen zu,ergötzen. „Machen Sie Ihre Sache gut", hatte mein Chef am " gestrigen Abend zu mir gesagt, „und zeigen Sie, dass Sie größerer Ausgaben wert sind. Sollte die Versammlung länger dauern, so senden Sie Ihr Manuscript direct in die Druckerei, damit es noch für die, morgige Nummer gesetzt wird. Ich werde möglicherweise nicht so lange warten." Ich warf mich stolz in die Brust und spitzte siegesbewusst Geist und Bleistift, um dem Donau-Club, von dessen Vorhandensein ich bisher keine Ahnung hatte, beizukommen. Obzwar kein Sportsman, beschloss ich doch, mit den Wölfen zu heulen oder besser mit den Fischen zu schwimmen und stellte mir für den Abend, um nicht durch meinen Tintenrock unangenehm von den anderen abzustechen, ein eigenes Sporteoftüm zusammen. Ich kaufte mir ein werß-roth (die Ludwigstädtrr Farben) gestreiftes Leibchen, machte ein paar Hosen um den für die Unterschenkel bestimmten Theil kürzer, zog über diese schwarze Strümpfe, Letzte eine alte Reisekappe auf und glaubte so der Theilnahstre an der Sitzung eines Schwimm- oder Ruder-Clubs — denn zwdieser Vereinsgattung musste wohl der Donau-Club gehören würdig zu sein. Frisch, froh und frei begab ich mich in das Local, wo der Verein seine unregelmäßigen Zusammenkünfte abhielt. Um mich bei den Leuten beliebt und schön zu machen, was einem Berichterstatter nie schaden kann, betrat ich den Räum mit einem kräftigen Hip-Hip-Hurrah, erzielte aber durchaus nicht die beabsichtigte. Wirkung, indem die Versammlung meinen Gruß mit einem energischen „St" abwehrte. Ziemlich verschüchtert setzte ich mich in eine Ecke und sah mich im Saale um. Zumeist ältere Herren, deren Kleidung und Aussehen nur schwer äus ihre sportlichen Allüren schließen ließ, saßen an wohlgedeckten Tischen und hörten mit schmausendem Behagen einen auf dein, Podium stehenden, gesetzten Herrn mit stromabwärts gesenktem Schnauzbarte an, der oben mit einem Tonfalle, der lebhaft aitH das eintönige Geplätscher eines Springbrunnens erinnerte,'"eine Rede hielt, über deren Inhalt ich mir zuerst nicht klar werden- '-konnte. Anscheinend hatte man ihn zur Theilnahme an einem internationalen Sporttage delegiert, über den er nun seinen Mandanten Bericht erstattete. Er klagte, dass die Verhandlungen in ihrer Gänze nicht in seiner Muttersprache geführt worden waren, und schien überhaupt von der Geschäftsordnung, welche den Berathungen zugrunde lag, nicht sehr erbaut gewesen zu sein. In Erstaunen versetzte es mich, als der Redner unter.großem Beisalle berichtete, er hatte sich für die Durchführung künstlicher Wasserstraßen sehr energisch eingesetztda ich nichts davon gehört hatte, dass das bereits vorhandene natürliche Flussnetz zur Befriedigung sportlicher Gelüste nicht ausreiche. Hieraus referierte der Redner, so viel ich in meiner entfernten Ecke vernehmen konnte, über wie er sich unverfälscht wienerisch ausdrückte — „A Dressdebatte", aus der ich entnehmen konnte, dass die Delegierten auch in der Kleidung die Einheitlichkeit ihrer Clubs zum Ausdrucke bringen wollten. Beim Punkte „Jnvostitionsvorlage" kam der R?dner übrigens noch einmal auf diesen Punkt zu sprechen. Eine Anzahl Worte, die bis zu mir hinüberdrangen, wie z. B. Tauernbahn, Recruten-Contingent, ezechische Universität, konnte ich nur schwer mit den von mir angenommenen Interessen des Donau-Clubs in Einklang bringen, doch als man begeistert Bravo klatschte, da that ich kräftig mit, da ich nun die Beruhigung hatte, dass es mit allem seine Nichtigkeit haben müsse. Unterdessen war.es spät geworden. Um mich wach zu erhalten und durch längeres Verweilen den Druckereischlnss nicht zu verschlafen, beschloss ich, die Versammlung wenigstens für die Berichterstattung zu schließen und suchte das Weite.- Meine Aufzeichnungen versah ich mit dem Vermerk „Sportrubrik" und »bergab sie persönlich unserem Metteur, dem ich sie wärmstens an die Seele band. Der Getreue hatte, wie ich mich itn' Cäf« persönlich überzeugte, mit gewohnter Accuratesse seines Antles gewaltet. Druckfehlerfrri lacht mir aus der Morgenausgabe unseres Blattes mein Bericht entgegen, der aus der SpcMeite den ersten Platz einnimmt. Da, Entsetzen! Ich nehme die „Neue Morgtznpresse". unser mächtiges Concurrenzblatt zur Hand, mein Blick sällt'kuf den p o l i t i 1 ch e n Theil des Blattes, und ich sehe eine Notiz: Wien, Donau-Club. Ja, ist denn der Redaeteur verrückt? Und was lese ich da? „Gestern wurde im Donau-Club eine Versammlung von Bürgern der Ludwigstadt abgehalten, in welcher Neichsralhs-Abgeordneter Dr. Finkler über „Das Parlament und seine gegenwärtige Lage" referierte. Nachdem er die derzeit geltende Geschäftsordnung und ihre Handhabung einer Kritik unterzogen hatte, nahm er Stellung gegenüber der Adressdebatte (A Dressdebatte! Es ist zum Haarausraufen!) und streifte auch mit einigen Worten, die dem Parlamente vorgelegten Dringlichkeilsanträge, betreffend den Bau künstlicher Wasserstraßen, der Tauernbahn» der Errichtung einer czechischen Universität in Brünn re.- Ich konnte noch von dem Beifalle, der den Ausführungen des Redners folgte, Notiz nehmen, dann schwankt.mir das Bewusstsein. Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte. hegab ich mich schleunigst zu einern befreurtdeten Arzte und" lwß mir ein Zeugnis ausstellen, dass die intensive Arbeit. der letzte» Tage meine geistigen Functionen vorübergehend gestört hätte. Mit diesem Scheine bewaffnet, gehe ich den schweren Gang zu meinem Chef. Frechheit, steh' mir bei!

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