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Jüdisches Volksblatt · 1901-03-08 · 10 (8.3.1901) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
10 (8.3.1901)
Date
1901-03-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 8. März 1901 Nr. 10 merk zuzuwendeu. In der Wohnung des „Directors" Fritsch, sowie des Vcrejnscassiers wurden Hausdurchsuchungen vorgenommen und" sätnmtliche Bücher, Schriften rc. mit Beschlag belegt. Bon dem Veveinsvermögen wurde — nichts vorgefunden, so dass die zahlreichen Mitglieder leer ausgehen dürften. — Der Vorstand des Teplitzer Tempelvereines veranstaltete im Vereine mit dem Lehrkörper der israelitischen Volksschule am letzten Sonntag aus Anlass des Purim-Festes ein Kinderfest, welches einen schönen Verlauf nahm und ein erträgliches Sümmchen abwarf. Das Fest wurde mit einer weihevollen Ansprache seitens-des Herrn Rabbiner Dr. Kur rein eingeleitet, welcher die Bedeutung des Purim-Festes in religiöser Beziehung erörterte. Hierauf gelangten mehrere Liederspiele durch die hiesige israelitische Schuljugend zur Aufführung. Den Schluss des gelungenen Festes bildete die Absingung des Kaiserliedes-, verbunden mit einer Apotheose. Äremsier,?(F a m i l i e n f e st.) Herr und Frau Philipp Donath, die Ettern Adolph Donaths, begiengen am 7. März d. I. in schlichter Weise das Fest der silbernen Hochzeit. Lebpttik. (Auszeichnung). Der durch seine jüdischgeschichtlrch'en Forschungen und Vorträge in Oesterreich und Deutschland rühmlichst bekannte Herr Dr. Sal. K u l k a erhielt am 25. Februar a. c. das Diplom als correfpondierendes Mitglied der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft in Leipzig und zwar für die,,von ihm überreichte „Studie über das jüdisch-chazarische Reich (630—960)/ Wir rufen dem greisen Gelehrten ein herzliches „Jejascher kauchecho" zu. 8. Agram.(„Literarni sastanci zidovske o m 1 a d i n e;f) --heißt der Verein, der von den jüdischen Schülern der hiesigen Mittelschulen gegründet wurde und sich schon drei Jahre seines Bestandes erfreut. Der Zweck dieses Vereines, ist, die jüdffche Jugend mit jüdischer Literatur und mit allen jüdischen Größen bekannt zu machen. Dazu dienen den Vereinsmitgliedern eine bis jetzt noch kleine Bibliothek und jüdische Zeitungen aller Tendenzen. Der Verein, bester die Zusammenkünfte, die dreimal in der Woche stattfinden, stehen unter der.-Aufsicht des Herrn Obberrabiners Dr. HoseaJacob i, der auch jedem Vortragenden Mitglieds seine reiche Bibliothek in liebenswürdigster Weise zum Gebrauche öffnet. Die Vorträge werden im Gemeindehause abgehalten, wo dem Vereine ein separates Zimmer zur Verfügung gestellt wurde. Außerdem wird der Verein durch eine jährliche Zugabe von der Gemeinde unterstützt. Zweinml in der Woche wird gelesen und einmal vorgetragen. Dem^Wortrage folgt eine Debatte, die nicht selten interessant zu werden pflegt. Vorträge über Jehuda Halevi, S. ibn Gabiroh Moses Mendelssohn, Maimonides, Montefiore, über Nationaljudenthum, Zionismus und anderes wurden von verschiedenen Schülern sehr schön vorgetragen. Von den letzten Vorträgen sind hervorzuheben: „Die sociale Frage in der Bibel gelöst" von dem Maturanten der Handelsschule Herrn Richard Neumann, „Der' Judenstaat" von dem Maturanten des Gymnasiums' Herrn Arpad Feriä, „Buddhismus und Judenthum"/ von Herrn Rudolf Rosenfeld. Zwei sehr schöne Vorträge hielt Herr Rabbiner Dr. Gabriel Schwarz, der bis vor kurzer Zeit als solcher in Karlstadt wirkte und nun von der Regierung als Religionslehrer an den Mittelschulen angestellt,Mirde. Am 16. d. M. versammelten sich die Schüler aller Mittelschulen in der Aula des Gemeindehauses, um den Religionslehr.er zu begrüßen. Der Maturant des Gymnasiums Herr Ludwig Fischer begrüßte Herrn Dr. Schwarz im Namen aller Schüler in schwungvollsten Worten, worauf sich derselbe herzlich bedankte und sein Möglichstes zum Aufblühen des Vereines beizutragen versprach. Darauf folgte sein Vortrag :. ,;Uehex die. Makkabäer-Gräber", der sehr interestant war. Wie sehr sich' Herr Dr. Schwarz für den Verein interessiert, sieht man daraus, dass er schon vierzehn Tage später seinen zweiten Vortrag: „Heine und seine Werke, das Judenthum betreffend" hielt. Nach kurzer biographischer Skizze schilderteder Redner verschiedene Einwirkungen auf Heines Leben und Schreiben, worauf er auf einzelne Werke übergieng. Dem Redner wurde reicher Beifall gezollt. Gäste waren erschienen, unter heuen sich auch einige Damen befanden. Dies ist der beste Beweis, dass auch in unser Jugend das nationale Bewusstsein erwacht. R. H. Ausland. Berlin. (Jüdisch-kaufmännischer Verein.) Am 10. Februar 1901 fand in Richters Hotel, Burgstraße 12, die konstituierende Versammlung des „Jüdischen Kaufmännischen Vereines" statt. Nach einem von Herrn A. N. H a r t m a n n erstatteten Referate, in welchem der Vortragende die Nothwendigkeit der Gründung eines jüdischen Kaufmännischen Vereines und die Ziele desselben klarlegte, erfolgte die Constituiernng des Vereines durch Annahme folgenden Programmes : Der „Jüdische Kaufmännische Verein" bezweckt, die Pflege des jüdischen Selbstbewusstseins und der nationaljüdischen Gesinnung, sowie die Hebung der socialen Lage der jüdischen Kaufleute, insbesondere der Handlungsgehilfen. Der Verein erkennt das Baseler Programm an. Die Versammlung wählte sodann eine aus sieben Mitgliedern bestehende Statutencommission, welche am 24. Februar in der General-Versammlung den Statutenentwurf vorlegte. Nach der Annahme der Statuten erfolgte die Wahl des Vorstandes. Berlin. (Statistik der Juden inDeutschland.) Nach der amtlichen Volkszählung befanden sich in Preußen 372.059 Inden, in Bayern 53.885, Sachsen 9368, Württemberg 12.639, Baden 26.735, Hessen 25.531, Mecklenburg-Schwerin 2182' Sachsen-Weimar 1252, Mecklenbury-Strelitz 489, Oldenburg 1552, Braunschweig 1635, Sachsen-Meiningen 1560, Sachsen-Altenburg 45, Sachsen-Cobnrg-Gotha 549, Anhalt 1580, Schwarzburg- Sondershausen Schwarzburg-Rudolstadt 71, Waldeck 753, Reuß ältere Liyte'6,2/ Reuß jüngere Linie 147, Schaumburg-Lippe '6ü, Lippe 989/ /Lübeck 654, Bremen 1031, Hamburg 17.877, Elsuß-LothrinKen 34.645. Jnsgesammt befanden sich unter den damals 49,428.470 Einwohnern 567.884 Juden, gegen 563.172 m Jahre 1885, 561.612 im Jahre 1880 und 512.153 im Jahre .'•*71. Von 1871 bis 1890 hat daher die Zahl der Juden um 10 Pereent zugenommen. Den größten Bruchtheil von Juden weist in Preußen Berlin mit 50'2 per tausend auf, während der Durchschnitt in Preußen auf 12-4 per tausend stand, lieber diesen Durchschnitt erhoben sich noch Westpreußen mit 15-3 Juden per tausend Einwohner, Provinz Posen mit 25-3 und Hessen-Nassau mit 26-8 Juden per tausend. Im Königreich Bayern war der Durchschnitt 9-6 per tausend, in der Pfalz mit 15-1, wurde er also erheblich überschritten. Im. Königreich Sachsen war das Verhältnis nur 3 7 per tausend, in Württemberg 6-2, in Baden 16-1, in Hessen 25-7, in Mecklenburg-Schwerin 3-8, in Sachsen- Weimar 3-8, in Mecklenburg-Strelitz 5-9, in Oldenburg 4-4, in Braunschweig 40, in Sachsen-Meiningen 7-0, Sachsen-Altenburg 0-3, Coburg-Gotha 2-7, Anhalt 5-8, Schwarzburg-Sondershausen 3-0, Schwarzburg-Rudolstadt »-8, Waldeck 13-2, Reuß ältere Linie 1-0, Reuß jüngere Linie l'2, Schaumburg-Lippe 9-3, Lippe 7-7, Lübeck 5-6, Bremen 5-7, Hamburg 28-7 und in Elsaß-Lothringen 216. Der Durchschnitt im ganzen deutschen Reiche betrug 11-5. Derselbe ist, entgegen den weiter oben aufgeführten absoluten Zahlen, die eine Zunahme der Kopfzahl der Juden im Reiche kennzeichnet, seit 1870 stetig gesunken, denn der Durchschnitt im deutschen Reiche betrug 1871 auf tausend Einwohner 12 5 Juden, 1880 12-5 1885 nur 12 und 1890, wie vorher bemerkt, 11-5. Berlin (Behufs Stellungnahme gegen die bekannte Aeußerung des I u st iz m i n i st e r s S ch ö n st e d t) über die Anstellung jüdischer Notare circnliert gegenwärtig unter den Rechtsanwälten eine Liste, um Unterschriften zum Zwecke der Einberufung einer Anwaltskammer- Sitzung zu erlangen. Es sind statuarisch 250 Unterschriften erforderlich, um den Vorstand zu veranlassen, eine derartige Sitzung einzuberufen. Die Anwaltskammer soll beauftragt werden, gegen die ministeriellen Anschauungen Stellung zu nehmen. Breslau. (Jüdische Un iv e rs it äts- Assistenten.) Der Breslauer „Zionist" schreibt: Die „Kreuzzeitung" will gehört haben, dass unsere Meldung voll der Nichtanstellung jüdischer Assistenten an preußischen Universitäts-Kliniken nicht den Thatsachen entspreche. Aber wir würden uns gewiss freuen, wenn dem so wäre. Wir hegen doch noch einigen Zweifel, ob nicht unser Gewährsmann diesmal doch besser unterrichtet war. Denn schon in den letzten Jahren haben wir des öfteren gehört, dass junge jüdische Mediciner wohl Privat- oder Volontär-Assistenten werden konnten, nicht aber etatsmäßig angestellt würden, obwohl gegen sie nichts weiter sprach, als ihr — Judenthum. Sollte die „Kreuzzeitung" auch hier genauer orientiert sein — und bei ihren Beziehungen zu maßgebenden Kreisen ist das ja schließlich anzunehmen — so möge sie nicht bloß dementieren, sondern zahlenmäßig Nachweisen, wie viel jüdische elatsmäßige Assistenten in den letzten Jahren an preußischen Universitäten ohne das En tr ö e6iII e t in Form des Taufscheines — angestellt/wurden, und in welchem Verhältnis dies zu der bekanntlich nicht unbeträchtlichen Zahl jüdischer Mediciner überhau pt st eh t. > BreSlau. (D i e p r y. u ß i / ch e V e r f a f s u n g in der Praxi §.) Zum Capitel „j üd i s ch e. Oberlehrer" wird der „Bresl. Ztg." folgender interessante Beitrag aus der Provinz übersandt: „Nach dem «Staatsexamen pro^ fs^. doc:. machte ich das Probejahr an einem Breslauer Gymnasitryi. Nach Beendigung des Probejahres wurde mir von meinem mir sehr wohlgesinnten Director wörtlich gesagt: „Wenn Sie übertreten, bekommen Sie sofort die etatsmäßige Hilfslehrerstelle, die jetzt vacant ist. Ich habe schon mit dem Schulrathe gesprochen." Uebergetreten bin ich nicht, erhielt natürlich auch die Stellung nicht, durste aber mit besonderer Genehmigung des Provinzial-Schulcollegiums noch ein Jahr ohne Entschädigung unterrichten; dann hewarb ich mich, als der Inhaber einer Breslauer Privatschule diese verkaufen wollte und wir über die Bedingung schnell einig geworden waren, um die Conceffion. Die städtischen Schulbehörden kamen mir in der liebenswürdigsten Weise entgegen,, der Stadtschulrath erklärte, er würde alles thun, um die Genehmigung zu ermöglichen, die Bedürfnissrage vor allem in bejahendem Sinne beantworten u. s. w. Die Entscheidung lag bei der' Regierung. Ich machte dem betreffenden Decernenten —einem schon verstorbenen Schulrathe — meinen Besuch und erhielt die Antwort, die Negierung behalte sich vor, die Bedürfnisfrage zu prüfen. Auf meine bescheidene Andeutung, daß die städtischen Behörden diese Frage durchaus bejahten, wurde mir der Bescheidgegeben: „Nichtsdestoweniger behalten wir uns vor, die Bedürfnisfrage unsererseits zu prüfen." Diese Prüfung nun bestand darin, dass, als der Verkäufer der Schule am folgenden Tage selbst bei der Negierung vörsprach, um bezüglich der Concessionsertheilung sich zu informieren, ihm gesagt wurde, ein Jude erhielte die Conceffion keinesfalls. Thatsächlich erhielt auch ein christlicher Philologe die Conceffion nach kurzer Zeit." Pose». (Wie d a s M ä r ch e n vom R i t u a l m o r d entsteh t,) beweist ein neuer Fall, der sich in der vorigen Woche hier zugetragen hat. Wenn auch die Angelegenheit in manchen Kreisen schon bekannt sein mag, so dürfte eine richtige Darstellung des Falles im Interesse der -Oeffentlichkeit geboten erscheinen, zumal alle möglichen und unmöglichen Gerüchte die Thatsache verdunkeln. In der M arkus'schen Bäckerei in der Judenstrafie werden, wie alljährlich vor Ostern, .Mazzos gebacken. Eine dort beschäftigte Frauensperson hat nun, mit oder ohne Absicht, das soll hier dahingestellt bleiben, sich in den Finger geritzt und das herausquellende Blut in ein Stück Teig, das sie abriss, abgewischt. Dies muss in einem unbewachten Augenblick in heimlicher Weise geschehen sein, da das Backen unter strengster Aufsicht geschieht. JeueS Stück Teig gab sie sodanu einem in derselben Bäckereibeschäftigten Arbeiter — dem sogenannten „Schieber" (das ist derjenige, der die Mazzos in den Ofen schiebt), welcher seinerseits den mit Blut besudelten Teig in die Tasche steckte. In einer Schenke hat nun jener Arbeiter den Teig wieder aus der Tasche geholt und den Anwesenden gezeigt, wahrscheinlich um hiermit zu beweisen, dass die Juden zum Backen der Mazzos Christenblut verwendeten. Nachdem Herrn Bäckermeister Markus das Vorerwähnte zu -Ohren gekommen, hat er sofort einen Theil seines Personals entlassen, darunter jenen „Schieber", gegen welchen er einen Strafantrag stellte. Die Nachricht, dass Herrn Markus aus Anlass dessen die Mazzos-Bäckerei geschlossen worden sei, trifft nicht zu. .Herr M. konnte lediglich ans Mangel an Personal den Betrieb nicht aufrechterhalten; jetzt dürfte da- «das Backen der Mazzos seinen Fortgang nehmen. Aus dem ebenen kann man wieder einmcck sehen, wie das Märchen vom Nitualmord entsteht. Der schwebenden Untersuchung soll zwar nicht vorgegriffen werden, eine Beschleunigung derselben wäre aber durchaus erwünscht, zumal der Thäler sich noch auf freiem Fuße befindet. — Auch auS Ober)chlesien wird iy. einer Zuschrift von zuverlässiger Seite an einem drastischen Beispiele unter Angabe von Ort und Namen bekundet, wie solche Märchen auf den Bäumen wachsen. Ein jüdischer Kaufmann erfuhr beim Besuche eines Gutes, dass eine Magd dem Inspektor milgetheilt habe, dass, als sie mit einem vierjährigen Ainde in der Stadt gewesen sei, eine Frau an sie hcrangekommen sei und sie gefragt habe, ob sie das Kind nicht verkaufen wolle, sie könne ihr mehrere tausend Mark für das Kind geben, denn es sei jetzt balo Ostern, und da solle sie den Juden ein Kind zum Schlachten besorgen. Der jüdische Kaufmann brachte die Sache sofort bei der Behörde zur Anzeige behufs Klarstellung dieser Geschichte. Die amtliche Untersuchung ergab nun, dass in der That die Erzählung der Magd auf Wahrheit beruhte, aber sie ergab zugleich, dass die betreffende Frau, welche den Kinderkauf vorschlug, eine notorisch verrückte Fran ist, die als unzurechnungsfähig strafrechtlich nicht verfolgt werden kann. Chers»«. (Jüdische Productions-Genossenschäften.) Als einen erfreulichen Fortschritt auf dem Gebiete der socialen Entwicklung, dessen Bedeutung gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann, ist die Entstehung und das rasche Umsichgreifen des Genossenschaftswesens unter den Juden Südrusslands zu begrüßen. Es ist daS ein wichtiger Schritt auf dem Wege zur Selbsthilfe, den vor zehn Jahren noch niemand den russischen Juden zugetraut hätte. Die erste Anregung zur Errichtung derartiger Genossenschaften unter den Juden hat ein Nichtjude, der bekannte russische Organisator des Genossenschaftswesens Lewitski gegeben. Diesem wahren Volksfreunde welcher in seiner edlen Menschenliebe keine religiösen Unterschiede kennt, erschien das russische Judenthum mit seinen zahlreichen Handwerkern und sonstigen physischen Arbeitern als ein zur Organisation von Productiv-Genossenschaften vorzüglich geeigneter Boden. Er hegann daher vor etwa fünf Jahren, diesen Boden sehr energisch zu bearbeiten, mit dem Resultate, dass gegenwärtig in Südrussland zahlreiche jüdische Schneider, Schuhmacher und Tischler sich zu Genossenschaften vereinigt haben, welche, allen pessimistischen Voraussagungen entgegen, vortrefflich gedeihen. illeuerdings wurde auch der Versuch gemacht, selbst die jüdischen Ackerbauer inlandwirtschaftlichen Genossenschaften zu organisieren. Die erste derartige Genossenschaft wurde in der jüdischen Ackerbau-Colonie Jnguletz im Gouvernement Cherson gegründet. Auf Veranlassung des Colonisten Ascher Kukui traten zunächst fünf Familien mit 25 Seelen, welche im ganzen 75 Hektar Land besaßen, zu einer Genossenschaft zusammen. Die kleine Gruppe legte ihren Boden zusammen und führte in ihrer Wirtschaft das Fünffelder-System ein. Das Ergebnis war überaus glänzend. Die Genossenschaftler erzielten eine viermal so gute Ernte, als die übrigen jüdischen Bauern von Jnguletz. Das glänzende Resultat veranlagte weitere achtzig Familien in Jnguletz, sich der Genossenschaft anzüschließen, so dass gegenwärtig die erste jüdische Landwirtschaftliche Genossenschaft 83 Familien zählt, die zusammeu 1385 Hektar Land bearbeiten. Die Colonie zählt im ganzen 3593 Seelen nur 380 Häusern. Der Bodenbesitz derselben beträgt 1420 Hektar. Jüdische und christliche Rumänen. Von Dr. Georg BraudeS in Kopenhagen. IV. Schon zu Beginn der Auswanderung hatte Ungarn als Grenzstaat seine Maßregeln dagegen getroffen und die ungarischrumänische Grenze gesperrt, das heißt, die Regierung hatte es jedem Emigranten unmöglich gemacht, sich in Ungarn niederzulassen oder bloß dort zu bleiben, indem nur denjenigen die Passage gestattet wurde, welche durch ihr Billet Nachweisen, konnten/' dass sie sich nach einem Orte begaben, der 'außerhalb Ungarns lag, und während der ganzen Durchreise durch das Land durfte kein Emigrant das Eisenbahn-Coupe oder den Dampfer verlassen. Dieser Umstand vermehrte in hohem Grade das Zusammenströmen von Auswanderern in Wien, wo ihnen zuletzt verboten werden musste, von den Dampfern ans Land zu gehen, und von wo sie, trotz ihr Verzweiflung, unmittelbar zürückgesandt wurden. Um die Mitte August war Wien von den rumänischen Flüchtlingen nahezu geräumt. Längs der ungarischen Grenze hatte man nun den einzigartigen Anblick einer ganzen, jammervoll fliehenden Bevölkerung, welche hin und zurück über die Grenze geworfen worden war und dort unter elenden Zelten lagerte, außerstande, weiter zu kommen und sich so weit zu zu bringen, um in das Land zurückzukehren, wo das Martyrium ihrer harrte, doppelt grausam nach ihrem fruchtlosen Versuche, ihm zu entrinnen. Um diese Zeit standen die Dinge — nach Angabe des einsichtigsten Gewährsmannes, des Mannes, der mehr als irgendein anderer gethan, um den Unglücklichen zu helfen, des Herrn A st r u c, Schuldirector in Rustschuk — so, dass von den 250.000 Juden Rumäniens 100.000 Hunger litten. Am 15. August fand er in Galatz sechshundert Emigranten, die eben von Wien zurückgesandt worden waren. Es waren etwa hundert Familien, die weder Obdach noch Möbel hatten, sondern auf den Straßen oder in den Höfen lagen, denn die christlichen Arbeiter duldeten keine jüdischen Lastträger neben sich. Astruc eröffnete ein Samaritan und schilderte den entsetzlichen Zustrom ettieS Menschenhaufens, der aus wahren Skeletten bestand. Blinde und Lahme wurden hereingeführt; Männer, welche Frau, Kinder und Vermögen verloren hatte», wurden als Geistesschwache hineingeleitet. Hier stand ein junger Mann, der außer Rumänisch noch Französisch, Englisch, Deutsch sprach, aber dennoch außerstande war, täglich dreißig Pfennige zu verdienen, und jetzt obendrein brustkrank geworveu war. Dort kam ein junges Mädchen, welches der Jammer wahnsinnig gemacht hatte, nachdem ihr Vater, der aus dem Dorfe, in dem sie wohnten, vertrieben worden, seinen Verstand darüber verloren und bei seinem kurz nachher eingetretenen Tode die Tochter allein, von allem entblößt, in der Welt zurückgelassen hatte. Dort kam eine Witwe mit neun nackten Kindern, dann ein Soldat, der vier Tage lang nichts gegessen hatte, seit er die Kaserne verließ, wo er von der Tyrannei seiner Vorgesetzen und von dem Hohne seiner „Kameraden" das Aergste erlitten hatte, was ein Mensch nur aushalten kann. Dort stand eine Dame, deren Mann sich in der Verzweiflung selbst das Leben genommen, und die mm seit drei Monaten außerstande gewesen war, für ihre Kinder zu sorgen. All diese Armen, Frauen, Kinder und Greise, stürzten sich in schrecklichem Gedränge über das Essen, dessen bloßer Anblick sie wild machte. Milten in diesem Elende veröffentlichte ein muthiger Mann, Herr Mot ru, Professor an der Universität in Bukarest, eine Abhandlung in der „Nova Revista Romana“ (1. August 1900), in welcher er einen Angriff auf den siegreichen Antisemitismus in seinem Baterlande richtete. Er sagt hier:

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