Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 8 (22.2.1901)
- Date
- 1901-02-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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8«its 4 Wien, Freitag Jödiaekes Volksblatt 22. Februar 1901 Nr. 8 jüdischer Richter" brachte Abgeordneter Schönerer eine Anfrage an den Ministerpräsidenten mit der Forderung ein, Juden in allen Zweigen der Staatsverwaltung künftig nicht «ehr oder nur ausnahmsweise anzustellen. Wien. (Ueber die Erziehung im talmudi-- s ch e n Zeitalter.) Ueber dieses Thema hielt Herr Rabbiner Dr. I. Tag licht am 16. d. M. einen Vortrag. In formvollendeter Rede führte der Vortragende die Priueipien der jüdischen Erziehungsmethode in talmudischer Zeit vor und stellte in überzeugender Weise fest, dass die Juden hierin in talmudischer Zeit zu Resultaten gelangten, die im Wesentlichen mit den Principien der modernen Pädagogik übereinstimmen. Zur Illustrierung dieser Behauptung führte er viele Belegstellen auS Rousseau und Dittes an, die sich in diesem Zusammenhänge wie eine Zusammenfassung der vom Vortragenden in überaus übersichtlicher Weise vorgeführten talmudischen Belegstellen auSnahmen. Die größte Beachtung widmete der Vortragende der Organisation der Volksschulen. Er unterließ er aber auch nicht, die Mittel- und Hochschulen in den Kreis seiner Besprechung zu ziehen. Die bezüglichen Vorschriften über die Zahl der Schüler, die in einem Raume unterrichtet werden sollen, über die Lern- und Lehrmethode, deren Befolgung stricte überwacht werden sollte, werden auch noch heute den Principien der Hygiene entsprechen. Von besonderem Interesse war die Ausführung über die sociale Stellung der Lehrer. Die Juden der talmudischen Zeit erkannten schon früh deren Bedeutung für Staat nnd Gesellschaft und suchten dieser Ueberzeugung durch Verleihung entsprechender äußerer Ehren Ausdruck zu verleihen. »Wächter des Staates'' werden sie bezeichnenderweise genannt, die als solche berufen sind, die höchsten Güter der Nation in Obsorge zr nehmen und der lernenden Jugend mitzutheilen. Der Vortragende war natürlich nicht in der Lage, auch hierin eine Parallele mit den gegenwärtigen Zuständen zu ziehen. Auch die Gründe, die im Talmud gegen dar Frauenstudium angeführt, werden und die aus diesem Anlasse geäußerten Ansichten über den gesellschaftlichen Beruf der Frau können noch heute in ernste Erwägung gezogen werden. Gleichwohl kennt der Talmud bedeutende Frauen von Gesetzeslehrern sowohl rn mischnaitischer als talmudischer Zeit, die den gesammten Lehrstoff in ausgezeichneter Weise beherrschten. Die hohe Bedeutung, schloss der Vortragende, die die Juden in talmudischer Zeit der Erziehung mit Recht beilegten, ist die Consequenz der jüdischen Anschauung von dem hohen Werte ideeller Güter. Diesem Principe treu, haben die Juden allen Stürmen der Zeit widerstanden und der Bestand der Judentbnms ist durch die ihm eigene Liebe zur Wissenschaft verbürgt. Reicher Beifall lohnte die interessanten Ausführungen des Vortragenden. Floridsdorf. (Lehrer-Jubiläum.) Samstag den 9. d. M. fand das Jubiläum des verdienstvollen VolksschullehrerS Herrn Adolf Ehrenfest statt. Der Jubilar empfieng eine große Anzahl Gratulationen seitens seiner Verehrer und Schüler. Der Herr k. k. Bezirks-Schulinspector Josef Ho letsch ek erschien in der Volksschule und richtete an den Jubilar eine überaus warme Ansprache, in der er die Verdienste desselben würdigte. Da Herr Ehrenfest zugleich in der hiesigen BezirkS-CultuSgemeinde den Religionsunterricht ertheilt, so wurde derselbe von Sr. Ehrwürden dem Herrn Bezirks-Rabbiner Dr. M. R o s e n m a n n in der Mädchen-Bürgerschule mit einer belobenden Ansprache beehrt. Den Culminationspunkt erhielt die Feier bei dem nachmittags abgehaltenen Jugend-GotteSdienste. Anschließend an die Erzählung des Wochenabschnittes, dass Moses, der große Erzieher unseres Volkes, zur Unterstützung seines Werkes sich Männer erwählte, „die mit ihm die Last trugen," wies der Herr Bezirks-Rabbiner darauf hin, dass der Seelsorger nur mit Hilfe der Religionslehrer seiner heiligen Aufgabe, die Jugend der Gotteslehre zu «eihen, Nachkommen kann. Mit dem Wunsche, dass es dem Herrn Jubilar noch ferner gegönnt sein möge, seines heiligen Amtes «alten zu können, schloss die Ansprache. Wie wir erfahren, stehen dem beliebten Jubilar noch weitere Ehrungen bevor. Prag. (Die Taufe eines Rabbiners.) Die „Rowa Reforma" berichtet auS Wien, dass in der polnischen Kirche am Rennweg der junge Rabbiner Jehuda T. aus Galizien zum Christenthum übergetreten rst. Herr Jehuda T. aus Galizien, ist der auch in Berlin unrühmlich bekannte Jehuda T i l l i n g e r. Rabbiner ist der traurige Held übrigens Nicht und auch niemals gewesen. Ruch einem Leben voll Lug und Trug istr-er nunmehr in dem rettenden Hafen eingelaufen. Die Kirche kann sich zu diesem Musterexemplar gratulieren. Olmütz. (AuS dem „trutschen* Blätterwald e.) AuS Olmütz in Mähren erhalten wir von befreundeter Seite zwei dort allwöchentlich erscheinende deutschvölkische Blätter zugesandt, das „Deutsche Nordmährerblatt*, Organ der Schönererianer, und die »Deutsche Warte", Parteiblatt der Deutschen Volkspartei. Wir müssen gestehen, das» durch diese Zusendungen unsere bisherige Ansicht, Olmütz sei »och einer der letzten Schlupfwinkel der AltliberaliSmuS, gründlich zerstört wurde, denn in einem so frech-cynischen Tone könncn jene Blätter nur schreiben, wenn die Juden verachtet, macht- und willenlos dastehen. Das „Nordmährerblatt" veröffentlicht u. a. als Feuilleton „Dar Lied vom Levi", worin de» Juden, diesem Schwindelpack von Kanaan, diesen wüsten Mammonsknechten, diesen Spinnen und Wanzen rc. sämmtliche «sinnbare Verbrechen zugeschvben werden, und worin schließlich das deutsche Volk aufgerufen wird, den Juden die Nasen breitzuschlagen und alle Levis aus dem deutschen Land aurzupeitschen. Unter der Gpitzmarke „Der Olmützer Turnverein bleibt, verjudet"' werden jene Jndenknechte beschimpft, die bei der letzte» Hauptversammlung den beantragten HinauSwnrf der jüdischen Mitglieder abgelehnt hätten, und wird die de«- «ichstige Wiederholung de» Antrages angekündigt. — Die „Deutsche Warte" wieder greift die Olmützer Jüdisch-Nationalen an, wei^ diese eS nicht für richtig finden, dass jüdische Repräsentanten' die schönererianische Hatz «itmachen. Et sei wohl richtig, dassich der große Entscheidungtkampf zwischen Ariern und Juden nahe, welch letztere, durch ihre Rassenlaster Europa furchtbaren Schaden zugefügt haben. ,,J« gegenwärtigen Augenblicke haben wir Deutsche aber hier eine» anderen Kampf zu bestehen, den für die Vorherrschaft unserer Sprache und'hir'damit verbundenen politischen Machtstellung. - An diesem Kampfe muss alles theilnehmen, mat an der Erhaltung der deutschen Sprache ein Interesse hat, und das sind auch die Juden —■ die. Zionisten nicht ausgenommen, die, wenn die deutsche Sprache einmal fiele, auf keinen grünen Zweig kommen würden. Ob sie gern oder ungern dabei mitthun, ist g l e i ch g i l t i g, wir Arier kämpfen auch nicht zu unserem Vergnügen. Hat dieser Kampf einmal mit dem Siege unserer Sprache uitb unserer Sache geendet, dann können mir ehrlich Front gegenteinander machen; dann werden wir auch von den J«de« «ich «ehr verlangen, dass sie den „Teutonen" Münster (Schönererianer) wählen. So lange dat aber nicht der Fall ist, bedeuten die unverfrorenen Ouertreibereien der hiesigen Zionisten-Gesellschaft einen frevelhaften StadtfriedenSbruch und müssen als solcher gebrandmarkt werden. DieS für heute in aller Ruhe und Leidenschaftslosigkeit. Da» nächstemal kommen wir mit stärkerem Geschßtz.* Und das wird den Olmützer Juden geboten, die noch bei der letzten Reich»- rathSwahl Mann für Mann deutsch gewählt haben. Olmütz. (Dr. Hamburger. — Dr. E b e n.) Am 12. Februar starb der hiesige CultuSvorsteher Herr Dr. Eduard H a m b u r g e r. Wenn er auch in politischer Beziehung blindlings den Deutschen folgte und jede jüdisch-nationale Regung in seiner Gemeinde niederhielt, zeichnete er sich durch persönliche Liebenswürdigkeit und regen Wohlthätigkeitssinn auS. So hinterließ er nebst sonstigen Dotierungen öffentlicher Institutionen 9200 Kr. für specifisch jüdische Zwecke. — Der neue CultuSvorsteher Dr. Jacob Eben, Redacteur des »Mähr. TagblatteS*, wirb hoffentlich seiner neuen Stellung Rechnung tragen und die Hetzartikel gegen Czechen und Pfaffen in Hinkunft unterlassen. Seine eifrige »Los von Rom "-Propaganda hat ja ohnehin schon einen schönen Erfolg anfzuweisen. Schauspieler Arthur Berge n tritt vom Judenthum — zur protestantischen Kirche über. Jejascher kauach. Dr. Egon Zweig. Brody. (Todesfall.) In Brody verschied am 13. d. M. der dortige Rabbiner Jsak C Hajes, ein Sohn des hervorragenden Gelehrten Hirsch CHajes. Rabbi Hirsch C-hajeS war, obwohl er im reifen Mannesalter seiner Thätigkeit entrissen wurde, durch seine halachischen und besonders religionSphilosophtschen Schriften zur Berühmtheit gelangt in einer Zeit, wo in Russland, Ungarn nnd in seinem Heimatlande Galizien jeder RabbinatSsttz von hervorragenden Gelehrten eingenommen war. Der Verblichene, sein würdiger Sohn, war einer der genialsten Talmudisten der Jetztzeit. Mit bewundernswertem Scharfsinne verband er vollste Beherrschung des ausgedehnten halachischen Gebietes. Drei Jahrzehnte hindurch versammelte er um sich einen Kreis auSgewählter Jünger, von denen manche jetzt zu den namhafteren Rabbinern Galiziens gehören. Von ungewöhnlicher Droductivität, wusste er talmudischen Feinschmeckern köstliche Ueberraschungen zu bereiten. Seine Responsen, die er auf zahlreiche Anfragen hin in die entferntesten Länder schickte, gewährten Liebhabern stets einen Hochgenuss. Auf Drängen seiner Verehrer publicierte er im vorigen Jahre eine Schrift über den Tractat Makloth, während zwei große Werke druckfertig der Veröffentlichung harren. Aber nicht nur als hervorragender Gelehrter, sondern auch als Leiter und Berather seiner großen Gemeinde leistete EhajeS Außerordentliches. Seine tiefe Frömmigkeit, seine Selbstlosigkeit, vereint mit großer Weltklugheit, machten ihn zum väterlichen Freunde seiner ganzen Gemeinde. Der Verlust dieses Mannes lässt eine Lücke zurück, die sich schwer fühlbar machen wird. Montag den 11. d. M. berührte rhn während eines Vortrages die Hand des Todes, und zwei Tage darauf erlag er im Alter von i»8 Jahren seinen Leiden. Lemberg. (Jüdisch-politischer Volksverein.) Einige jüdisch fühlende Männer, an deren Spitze der allezeit wackere Dr. Rubin Vierer, thun sich emsig zusammen, einen jüdisch-politischen Volksverein zum Schutze jüdisch-politischer Interessen ins Leben zu rufen. Wegen Vermeidens langwieriger behördlicher Formalitäten ziehen sie es vor, den hierorts bestehenden politischen Verein „Schomer Israel" zu reactivieren, jedoch mit ausgesprochen jüdisch-nationalem Gepräge, im Gegensätze zu den bisherigen kosmopolitisch - assimilatorischen Bestrebungen dieses vor 30 Jahren begründeten Vereines. Beachtenswert sind jedenfalls die diesfälligen Aeußerungen deS Herrn Dr. B. in seinem erlassenen Ausrufe. Er sagt: „Der rührige jüdische Bürger wird zum Spielball einiger oft ganz unqualificierter Leute, öfters ab^r, was noch viel schlimmer ist, in der Hand notorischer Schädlinge, die wie die kleinen Füchse den Weinberg Gottes ver^ derben . .. Unser jüdisches Volk gewährt hierdurch den betrübendsten Anblick den Nichtjuden gegenüber, unserem Volke fehlt ein Galizien an einer festen politischen Organisation, an nneigennützigen Führern und Lenkern." Im neu zu begründenden Vereine werden Diseusfionen über alle Fragen des JudenthumS im allgemeinen, wie insbesondere der Lemberger jüdischen Gemeinde abgehalten werden, nicht minder jedoch auch Fragen socialer und politischer Natur, wie die Frage der Reorganisierung der jüdischen Gemeindeschulen, des Religionsunterrichtes in den Mittelschulen, Armenpflege u. s. w. Wir wünschen dem edlen Streben des in der jüdischen Sache ergrauten Dr. B i e r e r bestes Gelingen, möchten ihn jedoch auf die Gewiunung mehrerer wackerer, akademisch gebildeter Persönlichkeiten für sein Unternehmen aufmerksam machen, deren Beistand unentbehrlich erscheint. Pbg. Lemberg. (Zu« G e « eittdetage.) Der galizische Gemeindetag, auf dessen Zustandekommen und Tagung in unserer Mitte jahrelang die schönsten Hoffnungen gesetzt wurden, weil derselbe der Bekämpfung der Ruth und Hebung der Erwerbßfähigkeit unter der galizischen Judenbeit nähertreten sollte, und diese Bedingungen, die unseren» Volke hierzulande so sehr noth thun, zu seinem Programme erhob, dieser Gemeindetag jährt sich schon i« nächsten Mai, aber ohne von dessen Thätigkeit und Erfolge irgendeine Spur zu bemerken. Ist er nicht beschämend genug für unsere Gemeinden mib unser Bvlk, dass die seinerzeit eingesetzten „stabilen Commissioneu" bit zur Gkuude nicht einmal eine einzige Sitzung abgehalten, ein Referat au-gearbeitet habe«? Kau«, dass diese j»»nge, halb polnische, halb assimilatorische Institution aus de« M gekrochen war, als sie sich au den Sprudelquelle« labte, später,' im Hochsommer die Lüfte des Hochgebirges aufsuchen musste. Im Herbste wiederum weidete sie sich an dem geistig-idealen Aufstreben zur Wahrung der österreichischen Rechtsfragen, jetzt im Winter geht sie gar zu illustren Bällen. Wann werben endlich unsere „führenden Geister* Ernst annehmen und einsehen lernen, dass derlei Manipulationen nicht auf die Dauer haltbar sind, dass sie jedes Aufstreben und jede Anregung im jüdischen Volke nur lahmlegt und im Keime erstickt. Wie wurde heute die jüdische Sache stehen, wenn sie ausschließlich auf diese Aspirationen angewiesen wäre und nicht entsprechenden Vorschub von Seiten der nativnal-jüdischen Bewegung bekäme? Aber verzage nicht, Israel! Bald wird dein Licht aufgehen, bald wirst du befreit und gerettet werden, eS ist eine neue Bewegung irr Sicht. Wir meinen die Ergänzungswahl in den Cultusvorstand in Lemberg. Dbg. Ausland. Berlin. (E i n Jude hält Umschau nach Chriftenkindern.) Herr Fabrikant L. Wolfs, Planufer Nr. 32, schreibt dem »Berl. Tgbl.": „AlS ich dieser Tage abends die Friedrichstraße passierte, gewahrte ich, wie einige Damen und Herren sich um ein paar Kinder gruppierten. Ein Knabe im Alter von etwa 12 Jahren trug ein kleine-, einige Monate alte» Kindchen auf dem Arme und führte außerdem noch zwei Kinder von 3—4 Jahren bei sich. Die Kinder froren sehr »md «einten bitterlich. Durch Fragen stellte ich fest, dasdie Kleinen nach der Auguststraße wollten. Ich nahm eine Droschke, setzte die kleine Gesellschaft hinein und ließ durch den Kutscher die Kinder dem Bcsti«m«ng»orte zuftihren. Nachdem i« mich schnell auS der Ansammlung, welche sich ja bekanntlich besonder» in der Friedrichstraße bald bildet, e»»tfernt hatte, hörte ich plötzlich, wie ein Herr einen anderen hinter mir hergehenden fragte, was eigentlich logewesen sei, worauf der Gefragte erwiderte: »Ei« Jude hat Umschau nach Christenkindern gehalten." Ein Gommentar zu dieser schlichten Mittheilung ist wohl überflüssig. Jtaaifc. (3 um Blutmorde.) Nach viertägiger, höchst aufregender Verhandlung wurde Moritz Levy, welcher unter Eid auSgesagt hatte, den ermordeten Gymnasiasten Ämter nicht gekannt zu haben, wegen wissentlichen Meineides in drei Fällen zu vier Jahren Zuchthaus und vier Jahren Ehrverlust verurtheilt. Bertheidiger Appelbaum entlarvte den Schriftsteller § immer, der einerseits antisernitifche, andererseits philosemitische estnnung hegte, der mit der rechten Hand die schärfsten antisemitischen Artikel für die „Staatsbürger-Zeitung" und daS»Konitzer Tageblatt" schrieb und mit der linken Hand da» Geld der Juden nehmen wollte, um im Sinne der Juden thätia zu sein. Der Staatsanwalt verurtheilte denn auch scharf diesen Mann, der keinen Funken Ehre besitze. Hinaus mit diesen Leuten, ries der Staatsanwalt, die diese unglückliche Stadt als melkende Kuh betrachten. Aber auch vie in jüdischem Sinne thätig gewesenen Detectives, die Zeugen beeinflussen wollten durch Traetieren und andere Mittel, kamen nicht glimpflich weg. Der Staatsanwalt schließt sein Plaidoyer mit folgenden Worten: „ES ist gesagt worden: der Angeklagte wird auf alle Fälle verurtheilt, weil er Jude ist. DieS ist ein, schwere Beleidigung gegen die christliche Bevölkerung. Mögen draußen die Parteileidenschaften tobenim preußischen GerichtSsaale findet sie keinerlei Stätte. Hier gibt eS weder Juden, noch Ehriüen, nech Mohammedaner, noch Heiden, sondern nur Angeklagte. Andererseits ist eS unverständlich, dass gegen die Behörden der Vorwurf erhoben w»rde, dieselben hätten Furcht, einzuschreiten, weil dir Juden dadurch bloßgestellt würden. Ein preußischer Staatsanwalt kennt keine Furcht J Die Frage ist nicht: wesS Glaubens ober Standes ist jemand? sondern : ist seine Schuld nachgrwiesen? Noch waltet in Preußen Gerechtigkeit, noch hat die Justitia die Binde vor den Augen. Weh«, wenn sie die Binde einmal lüftet, um zu sehen, welchen Glauben» ober Stande» der Angeklagte sei, um darnach das llrtheil zu fällen! Wir haben alle mit hoher Tenugthuung das 300jährige Jubiläum de» Königshauses gefeiert, da» Preußen zu solchem Wohlstände gebracht hat. DaS ist hauptsächlich erreicht worden, weil die Grundlage deS preußischen Staate» Gerechtigkeit ist. Noch ist die Grundlage unerschüttert. De, erste preußische König hat den Sch,varzen Adler-Orden mit der Inschrift „Luum cuique" begründet. Dieser Grundsatz mag Sie auch bei Abgabe Ihres Wahrspruches leiten. Jedem da» Seme! Dem Unschuldigen die Freiheit, dem Verbrecher das Zuchthaus. Gehen Sie an die Beantwortung der Schuldfragen mit dem Muthe und der Entschlossenheit, wie eS deutschen Männern geziemt. Sie sollen den Angeklagten nicht verurtheilen, weil er Jude ist. Da» wäre auch gegen den Willen de» Stifter» unserer Religion; e» wäre «ine Verletzung der christlichen Religionsgrundsätze. verurtheilen Sie den Angeklagten, weil er ich vergangen hat an dm Grundsätzen der christlichen Gesetzgebung, aber auch an den Vorschriften seiner eigenen Religion, die ebenfall» vorschreibt: Du sollst nicht falsch,» Zeugnis abtegen wider Deinen Nächsten." Aufgabe der vertheidigung wird e» nunmehr sein, nachzuweisen, das» die Belastungszeugen zum größten Theile unglaubwürdig waren, damit in der Revision etwa begangene Jrrihüme» wieder gutgemacht «erden können. Pchlkis. (Max Regi» — d urch gefall eu.) I« hiesigen elften Arrondissement hat vorige Hoche die Ersatzwahl zur Depuliertenkawmer stattgesunden, da der bi»herige Abgeordnete Baudin, der zugleich Minister der öffentlichen Arbeiten ist. in eine« Prvvinzialwahlkreise ge«ählt wurde und daher da» Pariser Mandat niedergrlegt hat. Unter den Eandidaten, die sich um diesen Sitz bewarben, befand sich auch Mag Regi», der Führer der Antisemiten von Algier, der Busenreund und Bewunderer D r u « n t», einer der Hauptanstifter der Judenkrawalle vvn Algier. — Seine Wahl wäre in der That eine furchtbare Schmach für die Hauptstadt de» Lande», in der zuerst die Menschenrechte proklamiert wurden und w» da» Blut vieler französischer Bürger für Wahrheit, Freiheit und Recht in Strömen floss. Die ga»,ze Geschichte entbehrt auch nicht der Komik. Regi», der allein den Patriotismus gepachtet zu haben behauptet — ganz nach dem Muster der deutschen Antisemiten 1 — dieser Patriot, dessen Gandidatur , eifrig von der Patrioten-Liga unterstützt wurde, ist ein Franzose ganz juageu Datum». Seine Eltern waren biedere italienische Bürger, die wohl de» »Franzma«» nicht leiden" mochten. U»d jetzt bewarb sich dieser so gefährliche Demagoge, der »icht» aU hohle, abgedroschene Phrasen wiederholt, u« einen Witz nn französischen Parlamente! Leider waren beim erste» «ahlgange die liuk»stehendru Parteien nicht einig. Unter dr« drei Gegeneandidaten von Regit, * 11 e «t a u c, Faberot und Legrain, erhielt Äl I e «, a n e die größte