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Jüdisches Volksblatt · 1901-02-15 · 7 (15.2.1901) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
7 (15.2.1901)
Date
1901-02-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7 Wien, Freitaf Jüdisches Talkfibktt. 15. Februar 1-01 Seite 5 Penfionate behufs religiös-fittlicher Grziehung im Mittelpunkte je einer TultuSgemeinde zu errichten, will ich nachstehend, unter Zugrundelegung der hierorts bestehenden Verhältnisse, durch ein Beispiel illustrieren. Unsere TultuSgemeinde — Umstetten — umfasSt, wie beinahe alle 12 TultuSgemeinden Niederösterreichs, niedrere politische Bezirke und Stadtgebiete. Auf der Strecke zwischen St. Pölten—Linz z. B. existiert bloß diese einzige Tultu-gemeinde, deren Stammsitz früher IbbS a. d. Lonau war, jetzt jedoch Amstetten ist. Die Zahl der jüdischen Familien aller politischen Bezirke beträgt circa hundert. Während IbbS einen allen und einen neuen jüdischen Friedhof hat, befindet sich der Tempel und der Sitz de- BezirkZrabbinerS in Amstetten. In keiner einzigen der zahlreichen zur CultnSgemeinde gehörigen Ortschaften wohnen mehr alS 8 Familien. Der Herr Rabbiner selbtt muss schon einen „Wanderlehrer" machen, indem er in Amstetten, IbbS a. d. Donan, Kemmelbach und Waidhosen a. d. IbbS NeligionS-Unterricht ertheilen muss; Zahl aller Schüler circa 30. Ich bekleide die Gtelle eines zweiten „Wanderlehrers" und mein Gebiet ist der politische Bezirk ScheibbS; mein Domieit jedoch ist Purgstall, und habe ich gegenwärtig vierzig Schüler — Graden und Mädchen — an fünf öffentlichen Schulen zu unterrichten. Einige Ortschaften noch in unserem Bezirke, sowie die Ortschaften an der Lonau: Kl.-Pöchlarn, Marbach, Persenbeug, GottSdorf, Nächtingrc., mussten vom ReligionS-Unternchte ganz auSgrschaltet werden, da unsere Gemeinde — trotz hooer CultuSfleuer — nicht in der Lage ist, noch einen weiteren Lehrer anzustrllen. Also während alle anderen Kinder sich mit einer Stunde wöchentlich begnügen müssen, wachsen in vielen Orten jüdische Kinder auf, die, wie Herr Dr. Rachmuth in seinen Ausführungen richtig bemerkt, »*» ihrem Judenthum keine andere Kenntnis haben, alt dass sie von ihren Mitschülern als Jud' „geschimpft" werden; solche Kinder haben auch nicht die leiseste Ahnung von Religion. Herangewachsen, fehlt ihnen sodann jeder sittlich-moralische Halt; sie können die Prüfungen — deren eS so viele im Leben gib; — niemals bestehen, da ihnen die Religion keinerlei Stühe zu bieten vermag. Die natürlichen Folgen einer solch goltlosen Erziehung jedoch sind, dass solche Juden schließlich dem Glauben ihrer Väter ganz entfremdet weiden. Wir jedoch müssen um die Zukunft de§ Judenthums besorgt sein, uuo wahrlich, eS ist de- GchweißeS der Besten ivert, sich der hehren und heiligen Aufzabe der Jugenderziehung anzunrhinen. — Ein NeligionS-Schulverein könnte da Großes leisten! Natürlich inüsSte He Zentrale, der Hauptsitz dirseS Vereine», in Wien, im Herzen des Landes, wohin alle Fäden zusammentaufrn, untergebracht und dessen Leitung in bewährte Hände zetegt werden. Der benannte Verein müsste nach mir sännntlichrn GultuSgenirinven veS Landebehufs Hrünvung von Zweißvereinrn mit je einem Institute, womöglich im Centrum der betreffendem Gemeinde, in Fühlung treten. In hiesiger Gegend z. B. wäre die bekannte Nibelungenstadt Gr.-Pöchlarn, eine große Berkrhrsstation zu Wasser und zu Lande, zur Errichtung eiueS Touvickes herrlich geeignet. Hier könnten Kinder dreier roßer TultuSgeine'.nden, St. Pölten, Arnstettrn, Linz, Aufnahme nden; denn die erivähmen angrenzenden Gemeinden zählen viele Orte, die, zu entfernt von ihrer Muttergemeinde, auf den fegenspendenven ReligionS-ttnterricht verzichten müssen. Gilt solche» Institut «äre iyne,l allen daher von emin-nler Wichtigkeit. Hudvenrioiten von den dazugehörigen Gemeinden, freie Spende» von humanitären Vereinen, Pv-ivalrn urtd schließlich da- Entgelt süc die Brr!ösrign»g der zumeist bennttelren Zöglinge würden vie zur Trhaltuilg der ConvieteS llölhlgen Mittel reichlich aufbringen. In ähnlicher Weise wäre dies auch in den Gemeinde» Waidhvfen a. ö. Thaya, Tulln, Mödling u. s. w. durchführbar. Der jo ersprurptich wirkende Jüdische BolkZverein in Wien wurde sich allriisnllS Dank und Anerkennung einer ganzen Generation, ja aller jüd.jch derlkrnden und fühlenden Glaubensgenossen ver- ,lchert Hallen, so er Vieles edle und unvergängliche Werk gründen und fördern roollte. Schließlich sind wir auch gewiss, dass auch ÄÜa Mitglieder der betheiligten CultuSgemeinden bereit wären, »ei dem Aufbau solcher segenverheißenden Institute nach Kräften mitzuwirkrn. „Mil vereinten Kräften" sei die Devise, unter welcher dieser Gedanke bei allen unseren opferwilligen Glaubensgenossen ausgenommen und verwirklicht werden möge. Grnrrsl-Vrrssmmlung der lehrervrrrine» drr VsiM Hirsch-Stiftungvschulen. Am 31. Jänner l. I. fand hier in Gegenwart vvn 100 Mitgliedern die General-Versammlung drS LehrervereineS der Baron H i r f ch - StiftungSschulen statt. Den Vorsitz derselben führte der Präsiden! Herr Jnspeclor GrüneS auS Kolomea. Als Gäste wohitlen der Versammlung bei: Dr. Friedländer und Dr. Ascher auS Wie», Dr. vlraS Tischler, Obmann delnesigen Loeal-ComitöS, und der hieronige Prediger und -iaddiner Doctor B r u u d e. Der Vorsitzende begrüßt die Geschienenen mit eiui>en herzlichen Worten und gibt dem Wunsche Ausdruck, dass di« Ge° rctthnngr» der Versammlung vom besten Srsolge begleitet sei» mögen. Die Ausgaben, die der Ausschuss zu erstillen hatte, wäre» groß und umsastend, und wettn nicht Lberall gute Resultate erzielt wurden, ist dieS den oben «rwthnten Schwierigkeiten und nicht dein Mangel an gutem Willen -uzuschrriden. Dann dringt der Aorsttzend» zur allgemeiuen Kenntnis, das- Dr. Friedliinder, der bisherige Seeretär der Stiftung sich in Ruhestand versetzen ließ, und feiert in warmen Worten die Verdienste, di« stch derselbe um die Stiftung und Lehrerschaft ermorde» hade. Voctor Friedländ « r, fährt Bvrsttzender mit erhobener Stimme fort, war ein Gönner der gesammte» Lehrerschaft dor BarvnHi rsch- Gchulen, ihm haben sic vieles zu »erdaicke». Aber lüchl nur dre Hehrer allein, sondern daS ganz« Judenthum ist Dr. Friedländer -» Dank verpflichtet. Darum wird auch fein Name in den An- »ale» der Stiftung, roir auch des JudrnthumS mit goldenen Hetter» verzeichnet fein. Diese Worte wurden von der ganzen -Versammlung mit stürmischem Beifalle acclamiert. Schließlich stellt der Vorsitzende den neuen Seeretär Dr. Ascher vor, und weist darauf hin, dass derselbe durch sein bisheriges Wirken auf humanitärem Gebiete zur Hostnung berechtige, dass auch er ein Freund der Lehrer fein und daS Best« der btiftuugSfchulen fördern werden. Nachdem er die Grcknde klarlegt, die ihn zur Uedernahme dttseS A»leS bewogen haben, verspricht er im Sinne seines Vorgängers die Agenden der Stiftung zu leiten, und zu trachten, dass alle berechtigte» Postulat« der Lehrer baldigst günstig erledigt werde. Hierauf ergreift Herr Dr. Ascher daS W«rk. In Bezug auf oaS Wichtigste derselben, die Grhöhuug der Bezüge, könne mvmentan nichts Positives versprochen werden, doch versichert Redner, seinen ganzen Giufius» zu benütze», um imierl-nld der nächsten Zeit einen The»erungSb»itrag beim Turat»itutn zu erwirken. Redner geht hierauf zu den in der Zeitschrift „Monitor" veröffentlichten Artikeln über die Gtistuna über und deiveist He Grundlosigkeit drr darin aufgestellten Behauptungen. Ar. Ascher schließt seine Ausführungen in folgenden Morte»: „Ich will «in Fr«u»d der Lehrer fein, ich will mit Ihnen zusammen für das Wohl der Stiftung arbeite» uud ich hitte Hie, wollen Tie auch mir, wie meinem Vorgänger, treu bleiben." Hieran anknüpfend begrüßt Schulleiter Nagelßerg aus Zlvezow im Namen ber versammelten Dr. Ascher miß versichert ihn der Treue u»d Grgrbe»heit der Lehrerschaft. Nun erstattete Jnspeetor Sperber als Seeretär des Vereines den Rechenschafts-Bericht Ueber diesen Bericht entspann stch eine lebhafte Debatte die sechs Stunden dauerte. An derselben nahmen theil: Liebling, G. Nagelbera, A. Nagelberg, Fischbach, Goldblatt, Lorber, Nosenrauch, Löw, Vogel. Auch Doctor A s ch e^r ergriff einigenmle daS Wort. Dann erftattete'die RevisionS- Sommifsion, bestehend auS B. B l a u ft e i n, G e z e l t und Ivänkel den Caffabericht, worauf dem Ausschuss« daS Absolutorium «rtheilt wird. Den nächsten Punkt der Tagesordnung bildeten die zahlreichen Anträge, von denen folgende zum Beschluffe erhoben wurden: 1. Die Lehrschaft entsendet zu einer jeden Sitzung desCuratoriumS einen Delegaten auS ihrer Mitte. Die Bewilligung hierzu seitens deS löbl. CuratoriumS habe der Ausschuss im PetitionSwege zu erlangen. (Antragsteller E. Nagelberg.) 9. Der Ausschuss des LehrervereineS wird beauftragt, eine Petition an daS Curatorium zu richten, worin um einen TheuerungSbeitrag gebeten wird. (Antragsteller Hube r.) 3. Drr Verein habe dafür Sorge zu tragen, dass die Lehrer, welche die BefähigungSprüfung noch nicht abgelegt haben, an Schulen mit dem OeffentlichkeitSrechte angestellt werden. (Antragsteller Lorber jun.) Nachdem die Versammlung über die Liste der in den Ausschuss zu wühlenden Mitglieder nicht einig werden konnte, sah sich der Vorsitzende veranlasst, die Sitzung zu schließen, mit der Bemerkung, dass er nächstens ei»e außerordentliche General-Versammlung einberufen werde. M. R. Demusuni KersMNlnWbtrichjk. Wie». (Akademie.) Die Vereinigung jüdischer Hochschüler auS Galizien „Bar-Kochba" veranstaltet am 28. Februar im großen Saale des „Hotel Continental", II., Taborstraße, eine Akademie mit nachfolgendein Tanzkränzcheu. Das vorbereitende Comitö hat seinen Sitz VTU., Lnngegasse 14, II. Stiege, Parterre. Wien. (Jüdische T o y n b e e - H a l l e.) Programm vom 16. bis 21. Februar: Samstag den 16. Februar: Herr R i n g w a l d : „Agada." Herr Tiger: Besang. Sonntag den 17. F e b r n a r: Dr. H o r o w i tz: „Hamlet" (mit Recitationen). Musik: Trio (Fräulein Feige n b a u m und Herren TedeSco). Montag den 18. Februar: Dr. B e r n st e i n : „Processfall von DamascuS." Dienstag den 1v. F e b r n a r : terr Beer: „Jüdische Hausierer." Concrrt: Fräuleins Abel, ü r st und Frau Stock. Mittwoch den 80. F e b r n a r: Herr Sicher: „Die Prager Judenstadt." Herr Schön: Necitaüon. Donnerstag den üi. Febrnar: Dr. Sadger: „Asepsis." WLeur. Der literarische ÄeselligkeitSverrin jüdischer Mädchen „Moria" veranstaltet am 24. Februar im Prachtsaale des „Hotel Central", II., Taborstraße 8, eine Purim-Feier zu wohlthäligen Zwecken. Nach den Vorbereitungen des sehr distinguierten Mädchen-Comitös zu schließen, dürste daS Fest lmendlich amüsant werden. VV. Mi»«. (Verein „Moria".) Im literarischen Gesrlligkeitsvrreine jüdischer Mädchen „Moria" hielr Sonntag den 10. Februar Herr Jork-Steiner einen sehr interessanten Vortrag über „Das Dentschth»m und jüdische Cultnr" und las dir Geschichten „Dir heilige Nacht" und „Wann ivird er kommen" von Leo NafaclZ. i)iach Beendigung des literarischen dlachmittag? fand eine Ausschusssitzung statt, wo noch Berathungen für dre am Ä4. Februar starrfindende große Purim-Feier mit anschließendem Tanzkränzcheu gepflogen wurden. Das rührige Herren- und Dninen-Colnits tr-fft mit großem Eifer Vorbereitungen, um daS Fest würdig und glanzvoll zu gestalicn. Wie«. (Humanitärer Verein „M a r p e Laue f e s ch.) Zu Ehren deS jüngst verstorbenen Baron Wilhelm v. Rothschild aus Frankfurt a. M. fand im orthodoxen Bethause „Marpe Lanefesch", II., Glockengasse 4, ein „Hesped" statt. Seine Ehrwürden Herr Rabbiner N. Fried mann schilderte in einer geistvvllen, wohldurchdachten Trauerrede die seltenen Vorzüge des edlen Verklärten. Ferner hielt Seine Ghrwürden dem hervorragenden, gelehrten Rabbiner U l l m a n n auS Lackenbach und dem allgemein bekannten Philanthropen Herrn Dr. Ludwig R. v. Sutmann einen ehrenden Nachruf. Die überaus zahlreich erschienenen Trauergäst« waren durch die zu Herzen gehenden Wort« Seiner Ghr,vürden mächtig erregt und btirü kaunr ein Auge trockem GstzwalleeztzSEa. (vereinSnachricht.) Im Vereine „Degel Jehuda" wurde ein SursuS zürn Unterrichte in der hebräischen Sprache und Literatur gegründet. Im Programme dek LehreurscS ist enthalten der Unterricht in der hebräischen Grammatck und Orthographie, Bibel mit Mendelssohns Uebersrtzung, „Die neuesten Litecaturproducte" (Lectüre und Erklärung). Leitender Lehrer ist der vereinScassier Herr Nachman Podhvrzer. Am 3. Februar feierte der Präses deS genannten Vereines Herr atuil. David Denen bäum seinen Geburtstag. Um 5 Uhr nachmittags fand im Vereine „Degel Jehuda" eine Versammlung statt. Der vereinScassier Herr Nachman Podhorzer skizzierte die Verdienste des Präses, und nach einer längeren Rede deS Jubilars wurde dir Versammlung geschlossen. Der Schlüssel. Brzählunr »sn Ebxard Kalke. (Fortsetzung.) „Lnsüt sie sein, wie alt sie will, biß hundert Jahr," sagte Salme Äloser, „auSsehen tbut sie wie eine Prinzessin. Daheißt eine Schönheit! Ich weiß gar nicht, woher Dir so war zukommt, Schwager Barl." „Weil Du ein ')iarr bist!" sagte Barl Lederer, „warum? mei Pessrle, in „Genedem" (Paradies) soll sie ruhen, ist „efscher" (vielleicht) nicht schön gewesen?" „Wisst Ihr, Reb Bär," sagte Mechol Pradenik, „für die Mad dürft Ihr Euch schon die „Nedan" Mitgift zurechtlegen; die darf schon eine „Kalle" (Braut) werden?' „Für so eine Mad?" sagte Nnche Plauscherin, „ein' Echad für jeden Kreuzer; bei so einer Mad muss einer noch an der „Srefeh mejaler" sein (an dem Brand profitieren). (Selb in Beutel müsist' mir ein „Choßen" (Bräutigam) noch herauszahlen, wenn ich ihm sie geben sollt'." ,Du red'st, Nuche", sagte Bärl Lederer, „wie wenn Du gar keine Jüdene wärst. Was sind daS für Narreschkeiten; so war kann vorkourruen bei ^ihnen^, verließt sich meinetwegen ein Graf in eine Bauerntochter; aber bei uns verliebt man sich nicht und nran nimmt keine umsonst, und wenn sie noch so schön ist, und war Du red'st, ist lauter „Stuß* (Thorheit)/ „D«S kann man nicht wissen," und gleichsam, alr wollte sie den tiefen Ginn ihrer Rede ein wenig entschleiern, fuhr Ruche fort: „Wie sie sich in den Sumpel hineinhängt. wie wenn er der schönste und reichste Jung' in der Gaff' wär'. Räb Bär, wird man zu die Zwei bald „Masel Tow^ sagen (gratulieren) dürfen?^ »Gar nicht zu sagen," fieng nun Chawele Spazierstock an, „was der Gumpel für ein Mensch geworden ist. Wie man sich kann „toie^ sein (irren), man hat gemeint, er taugt zu gar nichts, und heut' nimmt er's mit jedem Jungen auf/ »Was weißt Du von Gumpel^, sagte Salme Gloser, »den musst Du im Dorfe draußen sehen. Ich denk' noch, wie er hat angefangen, in Dorf zu gehen und zu handeln, das ist jetzt eine „Maiße" (Geschichte) von vierzehn, fünfzehn Jahr'. Er war damals grad' nach der Barmitzweh, ein Krupp! Berech da ist ein Ries' gegen ihn, wie er damals ausgesehen hat. aber stark ist er schon damals gewesen. Gleich am ersten Tage hat er sich ein Tabakfeifele gekauft und ein' Tabakbeutel mit einem »Sparak" daran, der bald größer war wie er, und mit seine vier Groschen, die er noch in der Tasch' gehabt hat, ist er hinausgegangen, wie wenn einer taufend Gulden in der Tasch' hat. Da§ heißt ein großer Jung', was der damals wie über Nacht geworden ist. Wenn er in Dorf hinausgekommen ist, hat er Dir auSgesehen wie einer, der Dich fragt, wie Du Dich unterstehst, da herumzugeh'n, wo er geht; wär' nöthig gewesen, dass allenachhause gegangen wär' und ihm das ganze Dorf überlassen hält'. Alle »Hafenhäutlech" waren zu wenig für ihn, und das alles mit seine vier Groschen. Ich Hab' das besser bemerken gekonnt wie ein jeder anderer, denn ich thu keinem von Euch ein' »Aussteiger", ich setz' meine Fensterscheiben ein und weiter „poter" aus. Wie ich ihn damals draußen treff', sag' ich zu ihm: Nu. Gumpel, bist auch schon ein Dorfgeh'r geworden? In „Cheder" zu sitzen ist besser und alle Tag' zuhaus' Supp' und Fleisch oder Mehlspeis' essen, als wie da herumgeh'n und schwitzen, bevor man ein' Groschen verdient. Da gehl eine Andere „Sedreh" als wie in „Cheder". Er aber sagt: Ich bet' Euch, hört mir auf mit der „Sedreh", ich bin froh, ich brauch kein „Chumesch" mehr in die Hand zu nehmen. Und wenn ich mich noch so plagen soll, das sag' ich Euch: All's besser wie gelernt. — Wie wenn es gestern gewesen war', thu' ich mich daran erinnern, sobald ich ihn sehe. Man muss es aber sagen, er ist ein ganz tüchtiger Jung' geworden und hat sich seine schöne paar hundert Gulden erspart. Und alles mit die vier Groschen. Und ein schöner Mensch ist er auch, und eS wundert mich gar nicht, dass Rösele so in ihn vernarrt ist, und wenn ich an Deiner Stell' wär'," hiermit wendet er sich an Bärl Lederer, „möcht' ich ihm die Mad geben." lltuche Plauscherin sah, dass Salme Gloser den Sinn ihrer Rede besser aufgefasst hatte als Bärl Lederer, deshalb unternahm sie es rasch, für diesen die Antwort zu ertheilen: „Wenn man so eine Tochter hat, wie Rösele BärlZ ist, braucht man sich nicht zu beeilen, mein lieber Salme, und sie dem ersten Besten an den Kopf zu werfen. Ich mein', so ein „Schidech" (Partie), wie Gumpel ist, wird sie noch immer ausnehmen. Mein' Eisek — vorige Woch' hat er sich eine neue goldene Uhr gekauft — eine Repetieruhr — was die Stunden schlagt — auf die neue Mode — in Brünn tragt man jetzt solche Uhren — und im Theater ist er in Brünn auch gewesen — „paketel" ein Stück, erzählt er, haben sie dort aufgeführt — eine ganze Räuberbande — nu ja, wenn einer schon solche Geschäfte macht, dass er auf Brünn thut, muss er doch auch schon in Theater geh'«." „Ruche." sagte Gawriele Ctuffer, „hitzet hör' aus, sonst schmeißen wir Dich aus'n Rä'del heraus, und wenn Du willst, kannst Du mir gleich voraus sagen, wo Du am liebsten ausstehen willst; denn wenn Du wieder anfangst zu plauschen, so ist mit Dir nicht auszuhallen." »'N weh," sagte Nuche, »das heißt mir »Msire" (Furcht) gemacht; meinst Du, ich fürcht' mich vor Dir. Mei Eisek kann es mit Dir auch noch aufnehrnen, und er ist mir lieber im kleinen Finger! wie zwanzig solche GnmpelS/ ,^Jetzt ist es draußen," sagte Mechol Pradenik, „jetzt wird sie schweigen; das eine Wort hat sie auf der Brust liegen gehabt, und daS hat gedrückt, wie eine fette Schabbeskugel. Habt Ihr gehört, Reb Bär? Man hat Eurer Tochter hier schon wieder einen neuen »Schidech" (Partie) gered't. Soll man heut' Abend die Schal zerbrechen?" und schallendes Gelächter des ganzen Rä'dels begleitete diese Aeußerung, worüber Nuche Plauscherin, die einzige, die nicht mitlachte, vor Zorn feuerroth wurde; und sie halte bei ihrer großen Beredtsamkeit auch sicherlich nicht schweigend solche Beschämung erduldet, wenn nicht eben in demselben Augenblicke, in dem sie den Mund aufchat, um die Schale des Zornes über die Spötter auszugießen, der SchameS zum »Minche", d. i. zum Abendgebet, in Schul gerufen hätte. Das Rä'del zerstreute sich; wer in Hemdärmeln war, musste sich erst seinen Rock holen, denn so konnte er nicht in Schul gehen. Ruche war so zornig, dass sie nicht in Schul, sondern nachhause gieng und sich vornahm, das Rä'del nicht mehr zu besuchen. Eitler Vorsatz! Nuche Plauscherin und kein Rä'del besuchen! Wo ließ eS sich denn besser plauschen als eben im Rä'del! Wir können überzeugt sein, dass NucheS Vorsatz zu jenen Entwürfen gehört, von denen der Dichter singt, dass sie der »Mensch, der vergängliche, baut". X. Gi«e Uebe*r«sch«»t. Bärl Lederer war gerade kein unangenehmer Mensch, eS ließ sich mit ihm schon auSkommen; aber wenn man meinte, man habe ihn am „Schnürl", dann hatte ma» ihn erst recht nicht, denn er gieng seinen eigenen Weg;

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