Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 6 (8.2.1901)
- Date
- 1901-02-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 8. Februar 1901 Nr. 6 freund wie als Arzt allgemeiner Wertschätzung, so dass sein Hingang einen schweren Verlust für alle, die ihn kannten, bedeutet. Leipuik. (G e n e r a l -- V e r s a nt m l u n g.) Sonntag den 3. Februar a. c. fand hier die General-Versammlung des „Vereines zur Bekleidung armer jüdischer Schulkinder" in Leipnik („Malbisch-Arumim") statt. Dem Rechenschaftsberichte ist zu entnehmen, dass am 9. December 1900 als am Geburtstage des bekannten Philanthropen Baron Hirsch wie alljährlich sämmtliche arme Schüler und Schülerinnen der hiesigen VolkS- und Bürgerschule wie auch der Oberrealschule mit Schuhen und Kleidern betheilt wurden. Die hierzu nothwendigen Auslagen betrugen weit mehr als 400 K. Dieser Betrag konnte nur dadurch beschafft werden, dass nebst den Mitgliedsbeiträgen auch von vielen auswärts wohnenden (Leipniker) Wohlthätern und Gönnern de- Vereines viele Spenden und Beiträge cinliefen. Diesem wird hier seitens des gefertigten Ausschusses öffentlich laut Beschluss der General-Versammlung der Dank namens der armen beschenkten Schuljugend zum Ausdrucke gebracht. Gleichzeitig ergeht jedoch an dieselben die Bitte, den wahrhaft Humanitären Verein auch fernerhin unterstützen zu wollen, da sich die Anforderungen, welche an den Verein gestellt werden, von Jahr zu Jahr steigern. — Dienstag den 5. Februar l. I. wurde hier die Mutter des Herrn k. k. Regierungsrathes und Gewerbe-JnspectorS K u l k a aus Wien unter zahlreicher Betheiligung der hiesigen Bevölkerung zu Grabe getragen. Die Verblichene hatte ein ziemlich hohes Alter erreicht. Sie war schon viele Jahre verwitwet und lebte äußerst bescheiden und zurückgezogen. Nebst foeBt obgenannten einzigen Sohne gehörte zu den Leidtragenden der Troppauer Rabbiner Dr. B l ü h, ein Bruder der Verstorbenen, welcher nebst dem hiesigen Rabbiner Dr. H i l l e l derselben einen warmen Nachruf hielt. Er pries sie namentlich darum glücklich, weil sie einen solchen Sohn, auf den die ganze Gemeinde stolz sein kann, ihr Eigen nannte. Lobofitz. (EinJudenfreund. — Neuwahlen.) Der hiesige Oeconom Peter K r ü tz n e r jun. ist sonst im Verkehre ein ganz netter und liebenswürdiger Mann. Aber ein Lamm im Wolfspelze. Um sich populär zu machen, benützt der gute Mann jede sich ihm darbietende Gelegenheit, um seine Gesinnung gegen die Juden an den Tag zu legen. Bei dem vorige Woche von der hiesigen Ortsgruppe des „B. d. D. i. B." veranstalteten Bundesballe, ergriff Peter Krützner jun., welcher Obmann der Ortsgruppe ist, um Mitternacht das Wort zu einer Begrüßungsansprache. (B. d. — „Leitmeritzer Wochenblatt".) Er betonte in derselben, dass das deutsche Volk, der Culturträger aller civilisierten Völker, aus seiner ihm vorgezeichueten Bahn einen schweren Kampf gegen die clericalen, slavischen, jüdischen und internationalen Todfeinde zu führen habe. Den jüdischen Zersetzungsgelüsten dürfe es niemals gelingen, das deutsche Volk irrezuführen. — Am 3. Februar wurde die Neuwahl des Chewra Kadischa - Vorstandes vorgenommen. ES wurden gewählt: Herr Kobi G l ä ß n e r, Vereinsvorsteher; Herr Heinrich E. Stern, Vorsteher-Stellvertreter; Herr Adolf Roth, Caffier, die Herren Heinrich Freudenfeld , Leopold Aufrichtig und Josef Bergmann als Vorstandsmitglieder. Graz. (Todesfall.) Dienstag nachts ist in Graz der Bruder des Politikers und Pnblicisten Dr. Ignaz Kuranda, Adolf Kuranda, im Alter von 75 Jahren gestorben. Kuranda hat in Prag, seiner Geburtsstadt, an der Freiheitsbewegung des Achtundvierzigerjahres thätigen Antheil genommen, und bekam damals bei der Vertheidigung einer Barricade einen Schuss in die rechte Hand, welcher die Verkrüppelung des kleinen Fingers zur Folge hatte. Kuranda übernahm später daS von seinem Vater begründete renommierte Antiquariat in Prag, das er jedoch Ende der Sechzigerjahre verkaufte, um sich in Wien gleichfalls als Buchhändler zu etablieren. Biele Gelehrte und Literaten werden sich sicherlich mit Vergnügen der hiesigen Kuranda'schen Buchhandlung erinnern, welche stets Raritäten am Lager hatte. Vor etwa fünfzehn oder sechzehn Jahren ließ sich Kuranda in Graz r.ieder, wo er sich ebenso wie in Prag und Wien viele Freunde erwarb. Ein Sohn Kurandas weilt in Transvaal in hervorragender Stellung. Budapest. (Christliche Kleidergenossenschaft.) Seit zwei Monaten prangt ein Schild mit goldenen Lettern, daS diese Aufschrift trägt, über einem Locale de- Theresienringes. Die Behörde, die seit einiger Zeit gar scharfe Augen hat für jede Reclame, die über den Amtsstil hinauSgeht, erhob keinerlei Einspruch gegen den Aufruf der Genossenschaft, worin der Naffenhass benützt, also die niedrigsten Instinkte angerufen wurden, um Kleider zu verkaufen. Und so führte die Genossenschaft ein gar idyllisches Leben, nahm und verausgabte Cautionen der Angestellten, verprasste die letzten Spargroschen kleiner Leute und Capläne und verschleuderte die Waren gut christlicher und schlecht jüdischer Gläubiger, die den gewissenlosen, frommen Schwindlern auf den Leim giengen. Der Zusammenbruch, der nun dieser Tage, also nach denkbar kürzester Zeit erfolgte, ist ein wahrhaft schändlicher und wird von Umständen begleitet, die beweisen, dass hierbei von vorneherein auf Schwindel abgesehen war. Die Herren mit dem „christlichen" Schlagworte sitzen nun hinter Schloss und Riegel, und zahlreiche arme Teufel erfahren nun, wie viel Schmutz bei den Unternehmungen zutage tritt, die „judenrein" angelegt werden. Was uns aber aufrichtig freut, ist der Umstand, dass jüdische Firmen, die einem antisemitischen Unternehmen Credit und so Unterstützung verliehen, es nun an der Tasche spüren, der einzigen Stelle, wo sie Empfindung zu haben scheinen, dass mit der Hintansetzung der Interessen der Allgemeinheit gewöhnlich auch die eigenen schwer geschädigt werden. Budapest. (Von dem verstorbenen Baron Rothschild.) Baron Willy Rothschild hatte jedes Jahr an D i s r a e l i, den nachherigen Lord Beaconsfield, zum Peßach-Feste MazzeS geschickt; damit es in England nicht auffalle, dass der Lord jedes Jahr um die gleiche Zeit auS einer und derselben Stadt eine Sendung erhalte, damit aber andererseits die Wohlthätigkeit, die der verstorbene Baron so gerne ausübte, verschiedenen Gemeinden zugute käme, bestellte er diese Mazzoth jedes Jahr in einer anderen Gemeinde, so z. B. in Pressburg, Fürth, Posen, Livorno, Salonichi u. a. — Der Verstorbene weilte oft in Marienbad zum Eurgebranche und wohnte in dem in der Nähe gelegenen Königswart, welches Eigenthum des Fürsten Metternich ist. Dieser befahl seinen Jägern, dass sie dem Baron lebendes Wild, z. B. Rehe, Hirsche, Fasane, zur Verfügung stellen, damit dieses rituell geschlachtet werde, um eS gebrauchsfähig für die Rothschild'sche Tafel zu machen. Budapest. (Israel. Frauenverein.) In der unter Vorsitz der Präsidentin Frau Marie Herzl jüngst stattgehabten Sitzung des Pester israel. Frauenvereines gelangte der Bericht über die in den verflossenen drei Monaten: October, November und December vorigen Jahres entfaltete Thätigkeit zur Verlesung. Als Unterstützungen für von Fall zu Fall ansuchende Arme wurden 15.04! Kr., als regelmäßige monatliche Stipendien 7161 Kr., als vierteljährliche Zrnsbeiträge 2826 Kr., als Wöchnerinnen-Unterstützungen 448 Kr., als Heirats-Ausstattungsbeiträge 760 Kr., zusammen 26.236 Kr. in barem vertheilt. Für die im Waisenhause befindlichen 56 gänzlich verwaisten Mädchen wurden 5804-36 Kr., sowie für die im Baron Hirsch-Waisenasyl des Vereines aufgenommenen 50 Halbwaisen 5779-66 Kr. und für die theils bei ihren Angehörigen, theils bei Fremden untergebrachten 71 externen Waisen 3410 82 Kr., zusammen für 177 Waisenkinder 14.993-84 Kr. verausgabt. In der Volksküche des Vereines haben in diesen drei Monaten 44.047 Personen zu Mittag gespeist, und zwar 10.459 Personen gänzlich gratis, sowie 740 arme hungernde Schulkinder. Als ungewöhnlich große Wohlthat hat sich die allabendlich stattfindende unentgeltliche Verabfolgung von Brot und warmer Suppe an die Arbeitslosen und deren Angehörige erwiesen, nachdem in den letzten drei Wochen 14.681 Personen ohne Unterschied der Eonfession diese Volksküche zwischen 5—7 Uhr abends ausgesucht und ihr Abendessen eingenommen haben. Die Ausgaben für die Volksküche betrugen 10.323 Kr. 60 H. und insgesammt für alle Verwaltungszweige während der obbezeichneten drei Monate 51.554 Kr. 44 H. Hierauf gelangten die zugunsten der einzelnen Vereinszweige und der Suppenvertheilung eingeflossenen Spenden zur Verlesung. Schließlich wurde bestimmt, den alljährlich stattfindenden Wohlthätigkeits-Maskenball diesmal wieder am Fasching-Sonntag den 17. Februar zu veranstalten und die Eintrittskarten, wie bisher, nur wieder per Post an die Gönner der zahlreichen Humanitäts-Anstalten des Vereines zu versenden, da iener Vorgang, wonach Vereinsfunctionäre persönlich die Wohnungen aufsuchen und Karten zum Verkaufe anbieten, mit Recht als eine unstatthafte Belästigung des Publicums betrachtet werden muss. Budapest. (Die „i s r. - U n g. literarische Gesellschaft") hielt unter dem Vorsitze Adolf A g a i s eine Vortragssitzung, welcher ein zahlreiches, gewähltes Publicum beiwohnte. Eleazar Rokeach hielt in hebräischer Sprache einen Vortrag über die Frauen im Heiligen Lande. Dr. Kornel Hevess brachte brachte dann ein Gedicht „Boldogsäg“ zum Vortrage, welches lebhaft applaudiert wurde. Dr. Alexander R o s e n b e r g, der gelehrte Oberrabbiner von Arad, hielt sodann unter dem Titel „Nathan der Weise" eine interessante wissenschaftliche Vorlesung, in welcher die Beziehungen dieses großen dichterischen Werkes zum Judentum .in anziehender Weise erörtert werden. Das Auditorium folgte diesem gediegenen Bortrage mit lebhaftestem- Interesse und spendete demselben stürmischen Beifall. Die Gesellschaft hat auch jetzt das *Evkönyv“ für das Jahr 1901 und „Die Geschichte der Juden in Budapest" herausgegeben, auf deren interessanten Inhalt wir nächstenin eingehender Weise znrückkehren werden. Ausland. Berlin. (Ganz wie bei uns!) Zur Klärung der in letzter Zeit stark ventilierten Frage, wie sich die Juden dem politischen Liberalismus gegenüber zu verhalten haben, kommt gerade recht eine Nachricht aus Hamburg, welche auf die Gesinnungslüchtigkeit des Liberattsmus ein bezeichnendes Licht wirft. Ju Hamburg finden am 15. Februar die allgemeinen Bürgerschaftswahlen statt, zu welchen alle Parteien ihre Vorbereitungen treffen. Vor einiger Zeit gelang es zum erftenmale den Antisemiten, einen Vertreter, den Reichstags-Abgeordneten Raab, durchzubringen. Auf die Hamburger Liberalen hat dieser vereinzelte Vorfall eigenartige Wirkungen ausgeübt. Von überzeugten Politikern sollte man erwarten, dass sie umso stärker ihre Gesinnung betonen würden. Aber der Liberalismus ist in den letzten Jahren altersschwach geworden, und daher ängstlich -und concessionslüstern, und aller Liberalismus hat die Hamburger Wähler nicht gehindert. mit den Antisemiten Beziehungen anzuknüpfen. Zwei Bürgervereine haben bereits ihre Candidatenlisten ausgestellt, und man findet auf denselben friedlich nebeneinander Abgeordnete der Linken und Antisemiten. Man hat aber, um sich die Gunst der Judenhetzer zu sichern, noch mehr gethan, indem man einen der bisherigen Vertreter, einen Juden und entschiedenen Liberalen, der neuen Freundschaft zum Opfer gebrächt hat. Unsere liberalen Freunde, die jetzt wieder einmal mit aufgehobenen Händen die Juden beschwören, doch nur nicht vom Liberalismus sich zu trennen, und unsere lieben Juden, die durch den Anschluss an längst bankerotte und innerlich vermorschle Parteien noch immer glauben, der Sache des JudenthumS am besten zu dienen, mögen über dieses niedliche Pröbchen liberaler Charakterfestigkeit Nachdenken. Könitz. (Zum B lut m o rd.) Der von gewisser Seite mit großer Emphase ins Leben gerufene E rm i t t e l u n g s v e r e i n zur Aufklärung, der Konitzer Mo r dt hat unterhält, wie die feit kurzem in Könitz erscheinende „Ostdeutsche Tageszeitung" mittheilt, mit den gesammelten Geldern einige in antisemitischem Sinne thätige Ermittler oder Rechercheure, darunter auch den Berichterstatter der „Staatsbürger-Zeitung". Dass etwas anderes bei der vielgerühmten Gründung nicht herauskommen würde, war vorauszusehen. — Antisemitische Versammlungen mit der Tagesordnung „Der Blutmord in Kopitz und welches sind die Ursachen der Nichtentdeckung der Mörder?" wird der bekannte Verleger Wilhelm Bruhn in den nächsten Tagen in Kreutz, Hammerstein und anderen Orten abha^n. In letztgenannten Städten haben schon im Vorjahre anlässlich der antisemitischen Hetze nicht unbedeutende Krawalle stattgefundeu, umsomehr muss das erneute Hineintragen der antisemttislren Gehässigkeiten entschieden verurtheilt werden. Zum Frieden der Bevölkerung tragen derartige Versammlungen niemals bei, am allerwenigsten aber iu antisemitisch inficierten Gegenden. Lo»don. (Königin Victoria und die Juden) Von den vielen Millionen, welche den Tod der Königin Victoria beklagen, hat vielleicht niemand so viel Grund dazu, wie die englischen Juden. Das Zeitalter der Königin Victoria war sttr die Juden Großbritanniens eine Aera der vollständigen Emancipation, durch welche sie von der tiefsten Stufe der Erniedrigung zur glänzenden Höhe der vollständigen politischen und socialen Gleichstellung emporgestiegen sind. Als ehrliche Hüterin der englischen Constitulion konnte Königin Victoria für die Gleichstellung der Juden direct zwar wenig thun, desto mehr trug sie aber indirect dazu bei, indem sie durch gleichmäßige Behandlung aller ihrer Unterthanen, sowie durch ihren persönlichen freundschaftlichen Verkehr mit ihren hervorragenden jüdischen Unterthanen ein glänzendes Beispiel der Vorurtheilslosigkeit gab und dadurch zur gesetzlichen Gleichstellung der Juden wesentlich beitrug. Schon als kleines Mädchen kam Königin Victoria in Ramsgate, das sie mit ihrer Mutter, der Herzogin von Kent, häufig zu besuchen pflegte, mit jüdischen Kindern vielfach in Berührung. Hier durfte nämlich die kleine Prinzessin mit Kindern ihres Alters nach Herzenslust im Sande spielen. Der Jude Richard Henry aus Ramsgate war sein ganzes Leben laug'stolz auf einen Kuss, den ec als Kind von der kleinen Prinzessin Vicky bei dieser Gelegenheit erhalten hat. Zu derselben Zeit machte die lleine Prinzessin die Bekanntschaft Moses Moutefiores, welcher die Herzogin von Kent einlud, seinen hübschen Garten, den früheren Sitz der unglücklichen Königin Caroline, welche als Prinzessin os Wales früher in Ramsgate residiert hat, zu benützen. Mir MoseS Montefiore kam die Königin nachher gesellschaftlich wie amtlich öfters in Berührung, so namentlich, als der berühmte Philanthrop gelegentlich der bekannten Blutbeschuldigung von Damaskus 1840 feine Reife zu Mahmed-Ali von 'Aegypten unternahm. Ferner 1841 bei seiner Rückkehr aus dem Orient. Beidemale wurde MoseS Montefiore von der Königin in einer Audienz empfangen. Nach seiner Rückkehr aus Petersburg, wohin Montefiore 184« gereist war, um im Interesse der unterdrückten russischen Juden beim Czaren Nikolaus vorstellig zu werden, wurde er von der Königin zum Zeichen ihrer Sympathie zum Baronet erhoben. Sir Moses Montefiore war übrigens nicht der erste Jude, der in England zum Baronet erhoben wurde. Schon vor ihm wurde dem bekannten Vorkämpfer der Juden-Emancipation in England, Sir Isaak Lyon Goldsmid, 1841 der Rang eines Baronets verliehen. Die Königin verkehrte auch persönlich mit Sir Goldsmid, den sie 1833 in Begleitung des Prince consort eine« Tages mit ihrem Besuche überrascht hat. Daneben stand dir Königin in intimen Beziehungen zum Hause Rothschild, von denen sie namentlich dem Baron Ferdinand de Rothschild, dem sie 1890 die seltene Ehre ihres Besuches zutheil werden ließ, sowie die Baronesse Hannah de Rothschild, nachmalige Lady Rosebery, mit ihrer speciellrn Freundschaft beehrt hat. . London. (Etwas über die Juden in London.) Jüngst ist im Verlage von Unwin Fischer ein kleiner Band erschienen, der unter dem Titel „Der Jude in London" eine lesenswerte Studie über die jüdische Bevölkerung Londons enthält. Eigentlich sind eS zwei Aufsätze, von denen der eine von einem Christen Rüssel verfasst ist, der ein Jahr lang in dem jetzigen Judenviertel Erhebungen gemacht hat, während ver zweite Aufsatz einen gelehrten Juden LewiS zum Verfasser hat. Diebeiden Aufsätze ergänzen einander; wiewohl sie von verschiedenen Gesichtspunkten geschrieben sind, kommen sie doch zu demselben Schluffe, dass die jüdischen Bestandtheile allmählich von den sie umgebenden christlichen ausgesogen werden. Verbrechen kommen im Judenviertel äußerst selten vor. Selbst zur Zeit, als Jack der Aufschlitzer diejenigen Straßen unsicher machte, die jetzt vorwiegend von Juden bewohnt sind, stellten die Behörden den jüdischen Einwohnern das Zeugnis aus, dass Verbrechen unter ihnen nicht Vorkommen. Nun hat sich in den letzten zehn Jahren die jüdische Bevölkerung in jenem Stadtviertel beinahe verdoppelt: sie wird von Rüssel auf wenigstens 110.000 geschätzt, von denen 60.000 Ginwanderer sind. Diese „Greener" haben die Nichtiuden aus manchen Straßen gänzlich verdrängt und befinden sich m scharfem Wettbewerb mit den christlichen Arbeitern in einigen verufszweigen, für welche die eingewanderten Juden besondere Befähigung an den Tag gelegt habe». In erster Linie steht das Schueiderhandwerk; hier haben die Juden viele Arbeiter durch Anwendung eines neuen Verfahrens verdrängt. Sie machen auch bereits den Schneidern im Westende Ceneurrrnz, weil sie billiger und besser arbeiten und in der Vertheilung der Arbeit Großes leisten. Auch als Schuster, Cigarrenarbeiter, Pelzarbeiter u. f. w. verdient der jüdische Ginwanderer «seinen Lebensunterhalt, ohne dass die englischen Arbeiter Einsprache deswegen erhoben hätten. Von einer Judenhetze, wie sie in vielen Ländern Europas vorkommt, findet man in London auch nicht eine Spur. Höchstens, dass sich die irischen, d. h. katholischen Schneider im Ostende von ihren jüdischen Berufsgenossen streng abschließen. Sie werden als nüchtern, fleißig und sparsaur geschildert, die nur ein Ziel verfolgen: Geld zu verdienen; es vom Lohnarbeiter zum Meister, vom Mieter znm Hausbesitzer zu bringen. Sie sind nicht in Gewerkvereinen organisiert, weit sie die Unabhängigkeit oorziehen und keine Wochenbeiträge entrichten wollen. Lodz. (Allgemeiner jüdischerArbeiterbund). Russisch-Polen und einzelne Theile deeigentlichen Russland haben bekanntlich ein nach Millionen zählendes und in den denkbar kümmerlichsten Verhältnissen lebendejüdisches Proletariat von Arbeitern des Handwerks sowie der HauS- und FabrikSinduftrie- Unter diesen jüdischen Arbeitern hat der Socialismus schon seit Jahren eine große Zahl äußerst eifriger Anhänger mit einer sehr entwickelten Organisation, jdem Allgemeinen jüdischen Arbeiterbund in Russland und Polen, gesunden. Dieser Bund gibt gegenwärtig bereits acht, natürlich im geheimen gedruckte und verbreitete Zeitungen heraus, nämlich ein wiffenschaftlicheS und ein agitatorisches Centralorgan, ein Gewerkschaftsorgan für die besonders organisierten zahlreichen jüdischen Borstenarbeiter, und fünf locale Blätter für Wilna, Warschau, Bialystok, MinSk und Hornel. Durch eine Menge von Strikes hat er den Erfolg erzielt, daß fast überall die vor einigen Jahren noch meist 14- bis löstündische Arbeitszeit auf zehn Stunden herabgesetzt worden ist. Der den ganzen Nordwesten Russlands umfassende Bund ist als autonomer Bestandtheil der soeialdemokratifchen Arbeiterpartei Russlands beigetreten. Dadurch ist er aber in scharfen Gegensatz zu der soeialistischen Partei Polens gekommen, welche die große Mehrzahl der polnischen Industriearbeiter umfasst und neben den speeifischen Arbeiterforderungen die Wiederherstellung der nationalen Unabhängigkeit Polens auf ihre Fahne geschrieben hat. Die nationalpolnischen