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Jüdisches Volksblatt · 1901-02-08 · 6 (8.2.1901) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
6 (8.2.1901)
Date
1901-02-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 8. Februar 1901 Nr. 6 wünschen. Ich halte daher die Forderung der gesetzlichen Anerkennung der deutschen Sprache als gemeinsame Verständigungssprache für nothwendig und gerecht. * Man identificiert immer die Juden mit dem Capitalismus, und speciel die Antisemiten bethören die christliche Bevölkerung damit, dass sie stets die wenigen jüdischen Reichen als ihre Bedrücker und Ausbeuter hinstellen, während doch die ungeheure Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in der denkbarst ungünstigsten wirtschaftlichen Lage sich befindet und speciell das jüdische Proletariat in Galizien, Bukowina und anderwärts unter einem noch ärgeren socialen Elende schmachtet, als die ärmste christliche Bevölkerung. Die Ausbeutung ist international und interconfessionell; die christlichen und jüdischen Capitalisten beuten gleichmäßig das christliche wie das jüdische Proletariat aus. Dies schweigen die Antisemiten tobt, und es ist besonders die Hauptsünde der christlich-socialen Partei Wiens, eine Mauer aufgerichtet zu haben zwischen jüdischen und christlichen Kleingewerbetreibenden, wodurch beide geschädigt wurden. Die Juden fordern keinerlei Vorrechte für sich, verwerfen vielmehr jede Ausnahmestellung für sich und andere Theile der österreichischen Bevölkerung. Die Juden participieren an allen Staatslasten als Gleichverpflichtete und lasten sich nicht als Parias betrachten, sondern beanspruchen gleiche Rechte. Wenn die Juden sich organisieren, so sind ihre Organisationen Defensiv-Organisationen, in welchen sie keinerlei aggressive Thätigkeit gegen die anderen Volksstämme entfalten. Sie arbeiten vielmehr in diesen Organisationen an den politischen und social-wirtschaftlichen Fortschritten der Gesammtheit mit. * * * Sehr bedauernswert ist es nun, dass das österreichische Abgeordnetenhaus nach nationalen Parteien sich fast gänzlich gruppiert, und dass eine politische und parlamentarische Organisation, eine österreichische Volkspartei vollständig fehlt, welche die für den österreichischen Gesammtstaat und für die Gesammtbevölkerunq so nothwendigen socialpolitischen Reformen zum Mittelpunkte ihres Programmes macht. Wohl ist es zweifellos, dass unter den nationalen Parteien sich erleuchtete, freiheitlich gesinnte Männer befinden, die die Nothwendigkeit derselben einsehen, aber leider ist bei den heutigen zerfahrenen Verhältnissen deren so nothwendiger Zusammenschluss sehr erschwert. * * . * . ... Interview mit dem Abgeordneten Breiter. Der neugewählte Abgeordnete Breiter, der Vertreter der V. Curie von Lemberg, äußerte sich einem unserer Mitarbeiter gegenüber über seine eigene parlamentarische Stellung im allgemeinen und über seine Stellung zu den galizischen Juden im besonderem „Um meine Unabhängigkeit nach allen Seiten zu wahren, bin ich keinem parlamentarischen Club Leigetreten, umsomehr, als die versuchte Einigung aller galizischen oppositionellen Abgeordneten gescheitert ist. Ich bin bloß vielleicht nicht, gnädiger Herr, dass wir am Sabbath eine andere Seele haben ... und diese andere Seele kann ich nicht vor die werktägigen Geschäfte spannen... so wahr ich meiner Frau und meinen Kindern Leben und Gesundheit wünsche, das kann ich nicht!•' .Der gnädige Herr betrachtete Jankel forschend und drehte seinen Schnurrbart. »Sag mir mal, Jankel", fieng er mit einem ungewöhnlichen Ernste.an, »wer bist Du eigentlich? Seit gestern denke ich darüber Nach und kann es nicht verstehen. Wer bist Du, was bist Du? Und wie soll ich es mir erklären, dass Du gestern ein anderer warst und heute wieder ein anderer bist?" »Ach, gnädiger Herr, Sie sprechen so zu mir? — Sie wollen solche Sachen wissen?" Der. winzige, armselige Jude richtete sich gerade empor, in seinen Augen spielte ein seltsames Feuer, seine Stimme klang tief und feierlich: „Was ich bin? Ich bin Jankel Factor. Ich bin ein Jude... Uitd wenn Sie wollen, gnädiger Herr, ich bin das Judenthum..... Darum diene ich und lasse mich von den Hunden zausen, und wenn ich mit diesen Thieren befreundet werde, amüsiere ich sie und hüpfe und tanze und bleibe ruhig, obgleich ich von Walek und seinesgleichen .die schmerzhaftesten Püffe oft bekomme. Wie ich Ihnen das erklären soll? Ja. wenn ich hierher käme und Ihnen meine »Pirke Amanß" vortragen wollte, Sie würden mich hinauswerfen und meine Frau und meine Kinder hätten nichts zu essen. Daher spreche ich zu Ihnen in dieser Sprache, an die Sie gewöhnt sind, meine eigene Sprache aber... ." „Jankel!" Die zarte, feine Altstimme kam ans dem geöffneten Fenster des Schlosses. Mit einem Sprunge war der Gerufene an Ort und Stelle. „Nun, was hört man von meinem Kleide? Warst Du bei der Schneiderin, Jankel?" Der Edelmann erwachte augenblicklich und schüttelte die thörichten Träumereien von sich. Er griff sich nervös an die Stirne. Herrgott noch einmal! Diese Toilette seiner Gemahlin und dann der Mangel an diesem verfl.Geloe! »Jankel!" donnerte er nach alter Weise. „Zn Befehl, gnädiger Herr!" Hospitant im Ruthenenclub, der auf freiheitlicher Grundlage ruht. Mein oberster Programmpunkt lautet: Gleichberechtigung aller Rationen, Confessionen und Elasten; in diesem Sinne bin ich Anhänger der nationalen Autonomie. Was speciell die Juden in Galizien betrifft, betrachte ich sie als selbständige Nation, welche leider viele politische Fehler macht, wofür in erster Linie die Führer der Juden verantwortlich gemacht werden müssen. Ihr Hauptfehler ist, dass sie nie selbständig austreten, sondern immer nur als Werkzeug der einen oder der anderen Partei Handlangerdienste leisten. In Galizien zum Beispiel stehen die Juden in der Regel auf Seiten der Stanczyken (siehe Lemberger Wahlen lll. Curie), oder sie stimmen, namentlich aus Furcht, mit der jeweiligen Majorität (z. B. 1897 Wahl Kosak i e w i c z). Es ist eine Nothwendigkeit, dass unter den Juden eine Partei bestehe, die als Hauptprogramm aufstellt: Autonomie und Bekämpfung der Corruption. Die bisherige jüdische Politik fördert in Galizien systematisch den Antisemitismus, ja es ist sogar vorgekommen, dass in manchen Bezirken Galiziens, die Juden für clericale, antisemitische Candidaten gegen die ruthenischen Gegencandidaten stimmten." Wir können von unserem Standpunkte aus, es nur freudigst begrüßen, dass ein Deputierter des österreichischen Parlaments, und speciell ein Abgeordneter aus Galizien, so offene und unzweideutige Anschauungen über die Juden zum Ausdrucke bringt, wie es in dem obigen Interview mit dem Abgeordneten Breiter der Fall ist. Wir haben allezeit innerhalb der jüdischen Volksorganisation und in den Spalten des »Jüdischen Volksblattes" diese Anschauungen verfochten, und es wird nnser Bestreben dahin gerichtet sein, dass diese Anschaunngen in der österreichischen Judenschaft im allgemeinen und in der galizischen im besonderen immer festere Wurzel fasse. Bom Tage. Central-Armeneataster der Stadt Wien. Durch den liberalen Blätterwald gieng vor einigen Tagen eine Lobeshymne auf ^die Fürsorge des christlichsocialen Regimes für die Armen. Vor kurzem wurde nämlich im Magistrate, nach ungefähr einjähriger Arbeit, der Central-Armencataster fertiggestellt, dessen Anlage angeblich eine wichtige Vorbedingung für die Reform der Wiener Armenpflege bedeute/. Jedes Gehirn nun, das noch, nicht vom liberalen Phrasenschwall verblödet ist, musste ob dieser unerhörten Fürsorge Gxegorigs,Sch neid ers und Consorten für die Armen höchlichst erstaunt sein und einen Pferdefuß bei dem Junker suchen. Dieser ist nun bald gefunden. Das neue Heimatsgesetz enthält die Bestimmung, dass diejenigen von der Wohlthüt des Gesetzes ausgeschlossen sind, welche aus öffentlichen Fonds unterstützt wurden. Da nun die christlich-socialen Volksfreunde ein Interests daran haben, dass möglichst wenigen die Heimatsberechtigung in Wien ertheilt werde,,, 'wird eine förmliche Concription der Armen insceniertz um sie auf die Proscriptionsliste der Rechtslosigkeit setzen zu können. Jedenfalls liegt in dieser Hinterlist System. Vor kurzem gieng an die jüdische Cultusgemeinde ein Ansuchen von Seiten des Magistrates, die von ihr unterstützten Armen ausheben und das Verzeichnis derselben an ihn abgehen zu lasten. Der Cultusvorstand roch aber den Braten und wies das Ansuchen rundwegs ab. Nun will sich der Magistrat an sämmtliche Humanitätsvereine wenden, angeblich um mit diesen gemeinsam den Armencataster zu führen, in Wahrheit aber, um zur Kenntnis jener Personen zu gelangen, welche von diesen unterstützt, werden. Wir warnen die jüdischen Wohlthätigkeitsoereine. auf den Lueger'schen Lockruf hineinzufallen. Kam von Amalek je Gutes? * * * Die Deutsch-Fortschrittler ind jetzt in argen Nöthen. Die Nadicalen haben ihnen das Ultimatum gestellt: »mit Juden kohlen wir nicht!" und der Herr Glöckner, der zwar weder ordentlich lesen noch 'chreiben, wohl aber laut schreien kann, hat ihnen furchtbar mit seinem Austritte gedroht, wenn sie Juden in den Club aufnehmen. Na, die Herren Pergelt und Funke hätten ja am liebsten dem ehrsamen Neustadtler Glöckner recht gegeben, aber nun, wo sie in Böhmeu eh nicht viel zu verlieren haben, sind die Mährer. Schlesier und Wiener Mitglieder des Clubs denn doch nachdenklich geworden, und der radicale Schritt des Abgeordneten Wrabetz hat den Ausschlag gegeben. Die Fortschrittler dulden die Juden Anspitz und Rosenzweig in ihrer Mitte. Sie werden sie zwar vom Restaurations-Tisch verbannen und sie vor den Nadicalen hübsch verstecken, aber das macht nichts. Die Inden lassen sich's gefallen und die Nadicalen werden hoffentlich ein Auge zudrückeu. Also kann es wieder vorwärts gehen im »Fortschritt". Beneidenswert ist die Rolle, welche die beiden Juden in der Partei spielen; ob sie das wohl fühlen mögen? Assimilanten fühlen das ja nicht; sie lassen ihre Person immer der »großen Sache unterordneu", wie etwa die Robben sich ruhig keulen lassen. Sie sind einmal dazu da! * * * Christlich-soeiales Gewissen. Wenn Dr. Lueger sich eben mit beiden Händen und dem § 19 dagegen wehrt, dass der Defraudant der Wiener Einspänner-Genossenschaft Schrabauer sein Gesinnungsgenosse ist — kein Wunder. Was auch Dr. Lueger sonst sein möge, reine Hände hat er sich bewahrt. Wenn aber die anderen Mitglieder der christlich-socialen Meute tiefentrüstet von »Judenmoral" sprechen, muss man immer an die alte Gaunerfinte: „Haltet den Dieb!" denken. Vergani trieft wieder einmal von Moral gegen die Firma Haas, welche ihre Teppiche und Vorhänge auch in den Wohnungen anbringen wolle, und betont, dass er natürlich auf Seite der Tapezierer stehe, welche sich durch diese Agendenerweiterung der Gesellschaft geschädigt fühlen. Keine Kunst. Die Actien-Gesellschaft Haas hat erst vor kurzem große Jnseratenaufträge ertheilt, und vor Jahresfrist sind keine solchen zu erwarten. Herr Vergani hat das eingeflossene Geld ruhig eiugesteckt und dafür im Antisemitenhofe ein großes Faschingffest gegeben, das auch Dr. Lueger mit seiner Anwesenheit zierte; bis zum Herbst ist die Tapezierergeschichte wieder vergeffen und Vergani nimmt wieder — Jnseratenaufträge. Das christlich-sociale Gewissen ist eine Repetieruhr: es schlägt nur, wenn man's aufzieht. Beim Einnehmen wird eben nicht aufgezogen, ob der Gewiffensiuhaber jetzt Vergani oder Schrabauer heißt. * * Chriftlich-soeiale Genossenschaften. Man erinnert sich, mit welchem Pathos und Schellengeklingel seinerzeit die christlich-sociale Gewerberetterei in Scene gesetzt wurde. Die erhoffte goldene Zeit für das Handwerk ist aber ausgeblieben, wohl aber kam die goldene Zeit für Defraudanten oder solche, die es werden wollen. Diese Genossenschaften scheinen wirkliche Brutstätten für unsauberes Gelichter aller Art zu sein. Ein unlauterer Wettbewerb hat sich entsponnen, wem die Krone in der Kunst, Genossenschaftsgelder zu unterschlagen, gebüre. Vorderhand scheint die Einspänner-Genossenschaft Aussicht auf die Weltmeisterschaft zu haben. Und da ist es ergötzlich zu beobachten, wie die Christlich-Socialen ihre Brüder, welche sich erwischen ließen, zu verleugnen suchen. Doch darf mail dieses Bemühen nicht gar zu ernst nehmen. Ist der Lärm vorüber und der Schaden gutgemacht, dann werden die verirrten Schäflein wieder in Gnaden ausgenommen, nachdem ihnen der Mustermensch Vergani eine kleine Strafpredigt gehalten und sie dringendst ermahnt hat, das nächstemal vorsichtiger zu sein. Ehren -Vergani hat aber wieder einmal mit seinem principiellen Antisemitismus Recht behalten: »Auch an diesem Malheur sind nur die Juden schuld, denn ohne den jüdischen Rechtsanwalt, der die Bücher der Genossenschaft untersuchte, wäre der ganze Schwindel unentdeckt geblieben. „Also", ruft Vergani und gedenket vergangener Zeiten, „Nieder mit den Juden!" SocialPolM und die Juden. Von Dr. Josef Grünberg, Lemberg. (Schluss.) Die sociale Frage hat bei den Juden niemals existiert Die ganz gleichen Existenz- und Anfenchaltsbedingungen ließen unter den Juden nicht besondere sociale Classen und separate Interessen einzelner Gruppen zum Schaden des Ganzen entstehen. Die Juden hatten keine Paläste. Glück und Unglück wohnten in den gleichen Hütten. Es gab eine Unterdrückung, es gab eine Verfolgung, das Unrecht schrie oft um Rache zum Himmel, aber alles von außen, gerichtet gegen das ganze Jndenthum als eine Classe. In der jüdischen Gesellschaft machten nicht Geld und Wohlstand, nicht das Brot und nicht das Fleisch den Unterschied zwischen den Menschen. Der einzige Adel war die Gelehrsamkeit, das einzige Wappen, das Verdienst, Ansehen und Achtung sicherten, nur Wcssen und die „guten Thaten". Der Reichthum und das Elend in Israel waren nicht auf Elasten vertheilt, gruppierten sich nicht in feindlichen Lagern, dienten nicht als Kampfparolen der Parteien, polarisierten sich nicht als die entgegengesetzten Pole des socialen Organismus. Die jüdische arme Masse rief niemals nach Circenses, und Panem fand sie am Tische des Wohlstandes. So war es früher. Andere Zeiten sind gekommen. Das Judenthum wurde in den Strudel des titanischen Kampfes der großen europäischen Völker genssen, welche, in den Armeen der Arbeit organisiert, nach innen nnd außen ihre übermächtigen Kräfte spielen lassen. Der Fortschritt in der materiellen und geistigen Production, welcher der Ausfluss jener brutalen nnd rohen, aber schöpferischen und eivilisatorischen Kräfte der christlichen Bevölkerung ist, fegt vor unseren Augen von der Oberfläche der Welt hinweg unsere alte und überlebte Cnltur mit ihrem maßlosen Uebergewichte der geistigen über die physischen Kräfte, mit ihrer Hypertrophie des Gefühles und dem üppig wuchernden Individualismus. Auf seinem Eroberungszuge durch die ganze Welt drang der Fortschritt der christlichen Völker nicht nur in unsere Wohnsitze, sondern ergriff auch mit Riesenarmen die Vorposten unseres Erwerbes und drängte uns außerhalb der Bedingungen der wirtschaftlichen Existenz. Dem modernen Zug nach potenzierter Lebensenergie, nach Exploitation allerverborgenen und schlummernden Kräfte, nach Verdoppelung und Verdreifachung der Anstrengungen und Anläufe ist ein von seinem tragischen Schicksal gebrochenes Volk, das alle seine Reserven in einem übermenschlichen, zwanzig Jahrhunderte dauernden Kampfe mit der ganzen Welt erschöpft hat, nicht gewachsen. Aus dem der Civilisation des XIX. Jahrhnnd erts augerichteten Debaele haben wir als einziges und letztes M ittel des Kampfes ums Dasein nur unseren Judividualismu s gerettet, der im ökonomischen Leben Speculation heißt. Eine merkwürdige Ironie des Schicksals: Während in der Aera der Emaucipation der Völker und Bergesellschaf tlichung der Arbeit der Individualismus der Speculation immer mehr zum Anachronisinus wird, niüssen wir, angewiesen auf dieses

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