Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 6 (8.2.1901)
- Date
- 1901-02-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jeden Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prefsrommiftion. J»jevate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. DukcS, Haasenstein * Bögler, Rudolf Moste, H. Oppelik, M. Pozsonyi, S. Schale! in Wien, ferner alle rlnnoncen-SxpedUionen im kluSlande. Einzel-Nummer in Wien I« Heller. Mir«- 8. Februar 1901. ÄBbatfton: VHI/1, SchlüKelgaffe 11. Sprechst«vbe«r Ln Wochentagen von 4 bis Uhr nachmittag». poftaMI*. Jüdisches «olkSblntt, Wie», VIII|1. Vrfrhwrrden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — NiarmserUite werde« uicht zpnmekaksteüt. Pofisparcastm-Conto ^47037. In daS vbonncuicnt kann man täglich eintreten. *-♦ .....MH.. II III M II 1,1 ..'LJggS Ur. 6 Administration: YIII/1, SchlStzelgaste 11. Abonnementspreis: O- Mir Wie» n, Oesterretch-Ungarn fammt Francozustellung. Sanziährig . . Kr. 8.— Halbjährig.. 4- Bierteljährig.. 8.— Für das gesammte AuSlemb fammt Francozustellung, »anzjährig .... vierteljährig . . . . Kr. ».- - tf 4.50 . „ 9.25 III. Jahrgang. Der Juden Punkt im Deutschen Fortschritts-Club. Es sind noch nicht zwei Jahre verstrichen, da spielte sich im Abgeordnetenhause eine hochinteressante Episode ab. — Es erhob sich der damalige Minister-Präsident Graf Thun — ein hochconservativer, feudaler und streng katholischer Cavalier — vertheidigte die Regierung und die Behörden gegen Angriffe aus dem Lager der Gemeinbürgschaft und der damaligen Linken. Es handelte sich unter anderen! um Maßnahmen, welche gegen Judenexcesse getroffen worden waren. In dieser Bertheidigungsrede sprach Graf Thun folgende bemerkenswerte Worte: „Auch die Rechte Andersgläubiger müssen geschützt werden. Vieser Schutz muss ein gleicher sein. Die Ändersgläubigen müssen sich gleicher Rechte erfreuen. Ich würde mich schämen, anderer Meinung zu sein, und lasse mich daher in eine Discussion über die Frage der Gleichheit der Rechte gar nicht ein, diese Frage ist und darf nicht Gegenstand einer Discussion sein. Eine solche Discussion wäre nur beschämend." Diese Worte riefen auf den christlich-socialen Antisemitenbänken Erregung hervor. Diese so selten gehörten Worte wurden von keinem Demokraten, keinem Socialdemokraten und keinem deutschliberalen Parteiführer im Parlamente gesprochen; nein, von einem Manne, gegen den man als sogenannten „clericalen Reaktionär" losgieng. Die Deutsche Fortschrittspartei, diese große Macherin in Fortschritt und Freiheit, die ihren Bestand zum großen Theile der mährisch-jüdischen Wählerschaft zu verdanken hat, führte den Kampf gegen Graf Thun, . weil er erzreactionär sei, .beschloss aber gleichzeitig, keinen jüdischen Abgeordneten den Fortschritts-Club aufzunehmen. Mährische Juden bekämpfen den Grafen Thun und helfen dieser Fortschrittspartei — man kann sich eine heiterere Antithese gar nicht vorstellen, und der angeblich reaktionäre Graf Thun ist für die Gleichberechtigung, die liberale Partei jedoch verletzt das erste Grundgesetz der konfessionellen Gleichberechtigung in ihrem eigenen Parteistabe. Nicht bedauern wir dieses noch nicht dagewesene Beispiel politischer Charakterlosigkeit, viel bedauerlicher ist die Decadence jüdischer Ehre und jüdischen Volksbewusstleins. Wenn sich Juden finden, die sich nicht nur dies gefallen lassen, sondern umgekehrt eine solche Partei mit Geld, Stimmen und Existenz ihrer Volksgenossen unterstützen, da muss man sich — wie richtig In zwei Gestatten. Skizze aus dem Polnischen von R. — S. (Schluss.) Jetzt sah sich der Edelmann von einer größeren Gruppe von Juden umringt. Der Anblick eines so seltsamen Gastes hatte sie angelockt, und als sie dessen geringschätzige Aeußerungen vernahmen, protestierten sie einstimmig dagegen. „Sagen Sie das nicht, gnädiger Herr," rief ein junger Mann mit Brille. „Jankel der Factor, ist in unseren Dingen sehr bewandert und gelehrt." „Woher hat er denn all diese Weisheit geschöpft?" „Woher? Er hat gearbeitet, er arbeitet noch. Schon mit Sonnenaufgang sah man Jentel stets über unsere heiligen Bücher gebeugt, und bis spät in die Nacht lässt er von ihnen nicht ab. Den ganzen lieben Tag rennt er herum, plagt sich und arbeitet, um für seine Frau und Kinder das Brot zu erwerben, dann aber lebt er nur für den Dienst des Himmels. Er ist ein gelehrter Mann und ein frommer Mann. Deshalb versammeln sich anl Sabbath viele Männer um ihn herum, und er erklärt ihnen die Lehren der heiligen Bücher." Hier wurde die Thüre wieder geöffnet, und der Edelmann warf einen Blick in das Innere. Er erblickte einen Haufen von armseligen Gestalten, welche von sich das alltägliche Kleid und damit das alltägliche Elend geworfen hatten und wie verwandelt dastanden, strahlend von einem tiefen inneren Gefühl und von dem Ernste der Gedanken. Und unter ihnen saß Jankel, vielleicht der Aermste zwischen ihnen, gleichsam losgelöst von dieser Welt und ihrem Elend, und führte das Wort; und es war ein kraftvolles Wort, wie mit magnetischer Kraft begabt, welches sie hinaus und ihre Herzen in eine höhere Region hinwegzutragen sch en, wohin der Lärm des werktäglichen Treibens nicht drang, noch der Wiederschein des groben und brutalen Lebenskampfes, wo eine eigenartige Heimlichkeit herrschte, eine festliche Lebensstinimung, eine überirdische der Ministerpräsident sagte — schämen. Die Discussion im Fortschritts-Club ist nicht beschämend für diese Partei, denn sie hat ja kein Schamgefühl, nein, sie ist beschämend für die jüdischen Casinoten e tutti quanti. — Es sind eben Juden, denen der Jundenpunkt Nebensache ist. Trotz des die Judenreinheit proclamierenden Beschlusses wurden die „Deutsch-Fortschrittlichen" nach Auslösung des Hauses durch Juden wiedergewählt. Wo bic Juden nicht in starker Zahl vertreten waren, da verloren sie die Mandate an die Antisemiten, Alldeutschen, oder es wurden Abgeordnete ä la Nowak und Glöckner gewählt — eine neue Figur: „Deutsch-fortschrittllche Antisemiten". Die Führer der deutsch-fortschrittlichen Parteien erließen nun an alle, auf Grund des nebulösen und mysteriösen deutsch-fortschrittlichen Programms gewählten Abgeordneten Einladungen, dem Fortschritts-Club beizutreten. An die „deutschen" Abgeordneten jüdischer Confession ergieng die Einladung nicht. Diese haben sich selb st gemeldet. Es waren dies die Abgeordneten Auspitz und Rosenzweig. Und nun begann jene beschämende mehrstündige Discussion, über die die Presse so viel berichtete. Die Discussion ging dahin, ob im fortschrittlichen Parteiverbande für Juden Platz sei. Eine starke Minorität hat sich dagegen ausgesprochen, es waren dies die deutschfortschrittlichen Antisemiten. Diese zwei jüdischen Abgeordneten giengen nun in den Fortschritts-Club hinein. Wir schämen uns tief dieses Ereignisses, wieder nicht wegen der Fortschrittspartei, nein,- sondern der Juden wegen, die dort eintraten. Werden sie sich dort behaglich fühlen, diese zwei jüdischen Abgeordneten? Empfinden sie das Traurige ihrer Situation? Interessant sind die Argumente der xro- Redner. Nicht der Parteigrundsatz der Gleichheit aller Confessionen war da maßgebend. Man sagte: Wir sind schwach geworden, haben viele Mandate andieSchönererianer verloren, wir brauchen diese zwei Mandate zur Stärkung unserer Position. Mit den zwei Mandaten mehr bekommen wir mehr Vertreter in den Ausschüssen, Abtheilungen, Comitäs und Sub-Comites. Hätten wir die Mandate nicht verloren — sagte ein Redner — wären wir beim Alten geblieben und hätten die Petenten nicht ausgenommen. Und so etwas lassen sich diese drei Juden bieten. Hochinteressant sind aber die Kundgebungen der liberalen Presse. Die böhmische liberale Presse steht durchwegs auf Seite der antisemitischen Abgeordneten in der Fortschrittspartei. Ab- Abgeordneter Strauche sagt in der „Abwehr":, Das Vorgehen der Mehrheit des Clubs war unpraktisch und unklug. Die Deutsche Fortschrittspartei braucht nicht Vertreter k la Harmonie waltete. Diese Stimmung fieng an, aus den Edelmann zu wirken. „Was trägt er denn dort vor?" fragte er wieder und dämpfte unwillkürlich die Stimme, in der ein achtungsvoller Klang zu vernehmen war. „Was er vorträgt? „Pirke Awanß" trägt er vor, das liest nämlich jeder fromme Jude am Sabbath-Nachmittag den ganzen Sommer lang." „Awauß, was heißt denn das? Könnte mir nicht jemand das erklären?" „Sehr gerne," antwortete der junge Mann mit den Augengläsern. „Ich höre ganz gut, was Reb Jankel jetzt sagt, und kann es ihnen übersetzen: Rabbi Elieser pflegte zu sagen: ES soll Dir die Ehre Deines Nächsten ebenso tbeuer sein, wie Deine eigene Ehre. Hüte Dich vor dem Jähzorn und thne Buße einen Tag vor Deinem Tode. So lehrte Rabbi Elieser. Und Reb Jankel erklärte das wie folgt: In der Heiligen Schrift heißt es nnr: Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst; er aber geht weiter und befiehlt, die Ehre, die Menschenwürde des Nächsten zu achten und zu lieben. Wer seinen Nächsten erniedrigt, der handelt, wie wenn er besten Seele beschimpfte. Wer aber dem Jähzorne verfällt, der sündigt, wie wenn er Götzendienst triebe, und der Weise befiehlt uns, daran jeden Augenblick zu denken. Was bedeutet nämlich das Wort: Thue Buße einen Tag vor dem Tode? Kein Mensch kennt ja den Tag seines Todes. Das bedeutet eben nichts anderes, als dass wir, da uns die Todesstunde unbekannt ist, jeden Augenblick Buße thun und unsere Sünden berenen müssen. Wie aber sollen wir Buße thun? Worin besteht das Wesen der Buße? In der Rene, in dem Gebete und in den guten Thaten." Der junge Mann hatte etwas langsam und schwerfällig gesprochen. Endlich sagte der Edelmann mit leiser Stimme: »Solche Dinge also lehrt Jankel?" Und der arme, verachtete Factor, von den» er einmal bezweifelte, ob er eine Seele habe, fieng an, in seinen Augen Anspitz. Noch energischer spricht der liberale Abgeordnete Pfeifer in der „Rumburger Zeitung": „Die Deutsche Fortschrittspartei mit Juden! Das würde das gänzliche moralische Ende dieser Partei bedeuten." Man denke, für solche Parteien haben sich Juden exponiert, für solche Parteien ließen sich Proßnitzer Juden über Winke ihrer Führer boycottieren. Rach diesem Verhalten des letzten Restes der liberalen Partei werden sich die Juden sagen: Wohin nun? Nur im jüdischen Lager können die Juden Ruhe finden, aber dann dürfen bie" Auspitz und Ro s en z w e ig nicht ihre Vertreter sein. Die politischen Ausgaben der Juden in Oesterreich. Interview mit dem Abgeordneten Dr. Straucher. Einer unserer Mitarbeiter hatte eine längere Unterredung mit dem Abgeordneten Dr. Straucher, dem Vertreter von Czernowitz, in welcher derselbe seine Auffassung über die politischen Aufgaben der Juden in Oesterrrich und über das von ihnen zu vertretende Programm folgendermaßen äußerte: Für die Juden Oesterreichs muss es als oberstes Axiom gelten: Unbedingte Kaiser- und Staatstreue, so wie unverbrüchliches Festhalten an der durch die Verfassung proclamierten unbedingten Gleichberechtigung aller österreichischen Staatsbürger, in politischer, nationaler und konfessioneller Hinsicht. Erstrebenswert ist eine Revision der Verfassung mit Bezug auf die Ausgestaltung der Freiheit und besonders des Wahlrechtes. Zum Schutze der Minoritäten und besonders der nationalen Minoritäten ist die Einführung des Proportional- Wahlsystems in Oesterreich dringend geboten. Entschieden müssen wir den Länder-Föderalismus perhorrescieren, und spreche ich der nationalen Autonom!/ das Wort. Als Juden wie als Oesterreicher wünschen wir gleichmäßig die Beendigung des Nationalitätenhaders, ja noch mehr, die österreichischen Juden müssen alles unterlassen, was zur Schürung des Nationalitätenhaders beiträgt, umsomehr, da derselbe gewöhnlich in den Rassenantisemitismns umschlägt. Als Oesterreicher müssen wir im Interesse der Reichseinheit eine starke Centralgewalt der Monarchie zu wuchsen und zu steigen. Ein Helles, warmes Licht floss durch den Raum und auf die Versammlung herunter. Der Edelmann erblickte nun vor sich auch andere Handwerker, Krämer, ganz kleine, verachtete Menschenwesen, die sich gleichfalls von dem Schmutze der Erde losgelöst hatten und nun die Lehre von der Achtung der Ehre des Nächsten predigten, und davon, dass man den Mitmenschen Liebe und Sanftmuth erweisen und stets bereit fein müsse, vor denk Antlitze des Allvaters zu erscheinen. Und Jankel Factor war einer von ihnen, einer von den vielen, die für ihre Ucberzeugung auf dem Scheiterhaufen oder durch die Schärfe des Schwertes sielen. Aber Jankel Factor gieng gleichfalls auf Erden umher wie ein Doppelmensch. Er bestand eigemlich aus zwei Menschen, von denen der eine ein kleines, verächtliches, getretenes Würmchen war und der zweite ein höher,r Lehrer... „Es soll Dir die Ehre Deines Nächsten theuer sein«/ ... „Nein, das war zu seltsam, zu unbegreiflich .#. Der gnädige Herr hatte einst die Vorträge berühmter Professoren und die Predigten großer Kanzelredner gehört, er hatte viele literarische Werke gelesen, er kannte den Ehrencodex so manchen Landes, aber niemals hatte ihm jemand so kategorisch zugernfen: Achte die Ehre Deines Nächsten, wie Deine eigene... Erst dieser obscnre, armselige, uneultivierte jüdische Factor lässt ihn diese Lehre vernehmen ... Wie seltsam. Und schweren Schrittes, von einem erhabenen Gedanken beherrscht, entfernte sich der Edelmann. Früh am nächsten Morgen stand der Jantel vor ihm. Er war, wie sonst, demüthig gebückt: sein gelbes, kleines, zerknittertes Gesicht sah aus wie eine vertrocknete Citrone. Der Hut, dessen Urstoff man nicht erkennen konnte, und der Rock, eine Mosaik verschiedenfarbiger Flecken, ließen ihn noch armseliger und beinahe komisch erscheinen. „Aerzklhen Sie, gnädiger Herr/ fieng er an rmd brachte seinen Rücken in eine Reihe tiefer Verbeugungen, »aber den Sabbath-Tag müssen Sie mir schon schenken. Sie wiffen