Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 1. Februar 1901 Nr. 5 anStreibungen der Juden schon vor zwanzig Jahren die allgemeine Aufmerksamkeit erregten, und wo die Zurückgebliebenen noch heutigen Tages auf jede nur mögliche Art misshandelt werden, sodann Rumänien, welches in den letzten Jahren alle anderen Staaten durch die Roheit, mit der Machthaber und Bevölkerung dort eine Verfolgung der jüdischen Rumänen in Scene setzten, übertroffen hat, während es gleichzeitig diese Roheit mit nicht geringer Frechheit und Klugheit abzulengnen und fortzubencheln sucht. In diesem kleinen, halbcivilisierten Staate rief König C a r o l s (Karls von Hohenzollern) erster leitender Minister B r a t i a n n schon in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre Judenverfolgungen hervor, um die unteren Classen für sich zu gewinnen. Damals hatte Rumänien, das nun 6 Millionen zählt, wohl 4*5 Millionen Einwohner, von denen 170.000 Juden waren, welche neben der productiven Bauernbevölkerung die ökonomische Triebkraft des Landes repräsentierten. Man hielt die jüdische Bevölkerung unter dem Drucke der Rechtlosigkeit nieder. Den Borwand dazu lieferte damals wie späterhin in Rumänien wie in anderen Ländern, die Behauptung, dass die Juden durch Wucher den Bauernstand in seiner Entwicklung hindern, eine Behauptung, deren Unwahrheit sich erweisen lässt; denn die Bauernaufstände, die in den Jahren 1860, 1888 und 1899 in Rumänien ausbrachen, haben in Gegenden stattgefunden, wo es entweder gar keine Juden gibt oder wo sie sich nur in verschwindend kleiner Anzahl finden, und die Gerichtsverhandlungen, zu denen die Aufstände Anlass gaben, haben gezeigt, dass die Klagen der Bauern christlichen Gutsbesitzern galten. Die Verfassung, welche Fürst C a r o l im Jahre 1866 nach seiner Thronbesteigung Rumänien gab, enthielt in ihrem Artikel VII die Bestimmung, dass Nichtchristen, also Juden, von der Erlangung des Staatsbürgerrechtes ausgeschlossen sind. Aber damals, unter dem Einflüsse der Grundgedanken des zweiten französischen Kaiserthums, huldigte man gleichwohl noch den Principien der Gewissens- und Religionsfreiheit. Alle Eingeborenen waren ohne Rücksicht auf das verschiedene Bekenntnis vor dem Gesetze gleich, und ans Fürst C u z a s bürgerlichem Gesetzbnche gieng die Bestimmung in die neue Verfassung über, dass die Ausübung der allgemeinen Bürgerrechte nicht von dem Staatsbürgerrechte abhänge. Aber schon im Jahre 1867 nahm das unter B r a t i a u u s Ministerium gewählte Parlament ein Polizeigesetz an, demzufolge es jedwedem Fremden verboten war, sich ohne besondere Erlaubnis der Communalbehörde in einer Landgemeinde niederzulassen. Kraft dieses Gesetzes begann schon damals die Austreibung der Juden ans Dörfern und Flecken, und zwar mit solcher Roheit, dass man einige von ihnen, die man von Ort zu Ort gehetzt hatte, um sie los zu werden, bei Galatz in der Donau ertränkte. Diese Zustände blieben in Europa nicht unbekannt, und aus dem Berliner Congresse von 1878 wurde Rumänien nur unter der Bedingung von den Großmächten als selbständiger Staat anerkannt, dass in Zukunst der Unterschied der Religion keine politische Bedeutung habe. Artikel 44 des Berliner Vertrages erklärt, dass „in Rumänien der Unterschied des religiösen Glaubens oder Bekenntnisses gegen niemanden als Grund der Ausschließung oder der Unfähigkeit geltend gemacht werden könne, die bürgerlichen und politischen Rechte zu genießen". Um diese Zeit betrug die Anzahl der rumänischen Juden, wie jetzt, ungefähr 250.000. Rumänien gieng auf jede Forderung ein, die man ihm stellte, und wurde auf Grund der gestellten Bedingungen als mit ihrem zarten Kinde in Schnee und Unwetter auf die Landstraße. Allmählich wurde nun eine ganze Reihe von Gesetzen und Verfügungen erlassen, die den Inden ihre Existenz erschwerten. In seiner Gier nach Einnahmen monopolisierte der Staat jede sichere Industrie, z. B. die Tabak-, Streichholz- und Cigarettenpapier-Fabrication. Als das Tabakmonopol und die Steuer auf den Ausschank spiritnoser Getränke eingeführt wurden, schloss man die Inden vom Tabakverkaufe, sowie vom Wirtsgewerbe auf dem Lande ans. Nicht einmal Gehilfen durften sie sein. Da nur Staatsbürger zu Staats-, Districts- oder Communal-Beamten ernannt werden konnten, aber fast nur Juden ruedicinische Kenntnisse besaßen, so griff mau zu dem Auswege, zwar Inden als Aerzte anzustellen, doch so, dass sie gleichwohl nicht als Beamte galten, und nur auf unbestimmte Zeit, bis man einen Christen fand, der die Stelle gewünscht. Es wurde den Inden verboten, Apotheken zu besitzen oder zu leiten, ja sogar, nur Apotheker-Gehilfen zn sein. Es wurde ihnen verboten, Materialwarenhandel zu treiben, und diejenigen, welche schon einen solchen hatten, beraubte man durch allerhand Rechtsverdrehungen ihres Gewerbes. Sie durften weder Getreide-, noch Wechselmakler sein, auch nicht Gehilfen eines Maklers. Sie durften keine Vollmacht für die Zollbeamten, auch kein Speditionsgeschäft besitzen. Bei den Wahlen zn den Handelskammern konnten sie wedör Wähler, noch Gewählte sein. Sie durften weder Directoren, noch Angestellte bei der Nationalbank sein, auch nicht, wenn sie dazu gewählt wurden. Dasselbe galt von den großen Credit- Anstalten des Landes, Credit Rural und Credit Urbain. In keinem Lande ist ans Grund der schlechten Beschaffenheit der Straßen und Wege der Hausierhandel so nothwendig und so weit verbreitet, und eine Menge rumänischer Juden verdiente gleich den Slovaken, Griechen und Maeedoniern ihr Brot damit, dass sie allerhand Waren in den ungepflasterten Vorstädten ansboten. Aber selbst dieses elenden Erwerbes würden sie beraubt, indem man ein Gesetz gegen die umherziehenden Händler erließ, das — der Ordre gemäß — nur gegen Juden in Anwendung gebracht wurde. Jeder jüdische Schuhmacher, der umhergieng, um ein Paar Schuhe zu verkaufen, wurde eingesperrt, damit er sich dann loskanfte und so die Taschen der Polizisten füllte. Ja, selbst den jüdischen Taglöhnern raubte man ihr Brot. In den Donanhäfen waren viele arme Juden als Lastträger beschäftigt. Die Behörde ließ sie fortjagen und durch Leute von jenseits der Donau ersetzen. (Fortsetzung folgt.) Chronik des Iudenlhums. KrriaUd. Wien. (Jüdischer Volksverei n.) Am Mittwoch den 6. Februar, 8 Uhr abends, findet im großen Festsaale des „Jüdischen Volksvereines" ein Bortrag des Schriftstellers Dr. Adolf Gelber über „Shakespeare und das Shylock-Problem" statt. Bei der bedeutenden Stellung, welche Gelber unter den Shakespeare-Forschern der Gegenwart einnimmt und welche in seiner Ernennnng zum Ehrenmitgliede der Shakespeare-Gesellschaft in London zum Ansdrucke kam, darf man ans einen außerordentlich genussreichen Abend rechnen. Gäste, auch Damen, herzlich willkominen. Wien. (Jüdischer Volksverei n.) Am letzten selbständiges Königreich anerkannt. Doch kaum war das Ge-1 Mittwoch hielt Dr. H. K a d i s ch im großen Festsaale des wünschte erreicht, als man einen Ausweg fand, sich seinen Ver-^ „Jüdischen Volksvereines" einen Vortrag über das Thema: pflichtungen zu entziehen: eine Wendung, so plump, ein Betrug, l „Was haben wir vom neuen Reichsrathe zu erwarten?" so frech, dass die politische Geschichte des Jahrhunderts kaum s Seine Antwort auf diese Frage lautet: Nichts. Was viele Seitenstücke dazu hl kt. Ganz gewiss, so erklärt man, j könnte man auch von einem Parlamente erwarten, in sollen religiöse Unterschiede in Zukunft nichts zn bedeuten haben, welchem keine verlässliche Majorität zu bilden, kein Aber dies gilt nur für die eingeborene Bevölkerung des Landes. Da die Juden Fremde sind, so hat die Bestimmung für sie keine Giltigkeit. Auf diese Weise wurde die unglückliche israelitische Bevölkerung, die seit undenklichen Zeiten im Lande ansässig und Präsident zu finden ist? Wenn es einen Kitt gibt in diesem Hause, der die disparaten Elemente zusammenhält, so wird es der Antsemitismus sein. Die eigentlichen Sieger bei den letzten Wahlen waren die radicalen Antisemiten, und gewisslich nicht weniger eingeboren war, wie das herrschende es ist ein Betrug, wenn man den Juden einreden will, Mischvolk, anch keinem anderen Staate unrerthan, als vater-! dass die Wahlen einen Niedergang des Antisemitismus lauds- und deshalb rechtlos gestempelt. Das europäische Völkerbezeichnet hätten. Redner schildert die Inden in den recht erklärt indessen, dass memcmb ohne Vaterland sein kann. I Parteien und kommt zn dem Schlüsse, dass es nicht weiter cm . v. ... r. .... ~ f , ...... , i gehe, eine Verfassung zu halten, die aufgebaut sei auf der Wahrend d,e Großmacht- ,m Jahr- 18,b b-abßchtlgt Herrschaft zweier Nationen. ES müsse vielmehr ein Aushatten, den Juden durch eine einfache administrative Maßregel die Bürgerrechte zu verschaffen, wurde durch das Gesetz von 1879 bestimmt, dass die im Lande eingeborenen Juden nur einzeln um das Heimatsrecht nachsuchen können, das in jedem einzelnen Falle einzig und allein durch ein voic Kammer und Senat angenommenes Gesetz ertheitt werden konnte, und factisch sind von dieser Zeit an bis heute im ganzen kaum zweihundert Juden, überdies gegen Erlegung schwerer Geldsummen, rumänische Bürger geworden. Dieses Gesetz von 1879 verbot ihnen zugleich jeden Erwerb von Grundbesitz, der nur den Inhabern politischer Rechte gestattet wurde. Allerdings war man großmüthig genug, unmittelbar nach dem Unabhängigkeits-Kriege 900 Juden, welche in den ersten Reihen gekämpft hatten, das Bürgerrecht zu verleihen. Aber die meisten gleich angebahnt werden unter allen Völkern der Monarchie auf dem Boden der Gleichberechtigung. In dem Momente nun, wo die Grenzen zwischen den Völkern abgesteckt werden, wird man auch den Juden Beachtung schenken müssen, wenn sie organisiert dastehen. Wir haben also in erster Linie Volksarbeit zu verrichten. Wir müssen in allen Schichten unsere Principien vertreten, und wenn die Judenschaft erkannt haben wird, dass ihre bisherige Haltung eine schädliche war, dann wird eine Politik eingeschlagen werden, die unserem Volke zum Nutzen und der Gesammtheit zum Frieden gereichen wird. Wien. (W 0 h l t h ä t i g k e i t s - A k a d e in l e.) Ein distinguiertes Publicum versammelte Samstag den "10. d. M. der a zu ... «... Leopoldstadter Frauen-Wohtthatlgkettsverein tu den Mnstkveremsvon ihnen lagen tit den bulgarc chen Gräbern; bie Burger- ' a " .. . ' ' “ . . . . - - - a 1 J ' } Sälen. Ans dem stattlichen Programme der Akademie seien Diplome der anderen wurden in der Mappe eines patriotischen Obersts „vergessen", wo man sie später entdeckte und vor sieben' Jahren durch einen Ministerialbeschluss vernichtete. Ein neues Gesetz verbot den Juden den Aufenthalt in den Dörfern und Flecken und erlaubte nur einigen wenigen das Wohnen in den Landgemeinden. Zahlreiche jüdische Familien wurden von Haus und Hof vertrieben und mussten in die Städte ziehen, wo das Elend unter den Juden folglich mit reißender Geschwindigkeit anwuchs. Die auf dem Lande Zurückgebliebenen hatten unter der Willkür der Behörden alles zu erdulden. Jeden Augenblick wurde die jüdische Familie von «iuem Ausweisungsdeeret bedroht; zuiveileu schleppte mau arme alte Menschen aus ihren Hütten, ja mau warf Wöchnerinnen besonders hervorgehoben die Borträge von Poldi Spiel mann und Fiedler, ferners von Lola B e e t h und dem Ehepaare G l ö ck n e r - K r a m e r, die Beifallsstürme nicht zu vergessen, die sich das treffliche B a ch r i ch - Q u a r t e 11 errang. Nach Mitternacht trat der Tanz in seine Rechte. Es erösfneten: Frau kais. Rath Bertha K o h n mit Herrn Dr. Josef W i n t e r u i tz, Frau Dr. Elise W i n t e r n i tz mit Herrn Benno R o t h z i v g e l, Fräulein Else Dub mit Herrn Julius Ripp er, Fräulein Marianne Kohn mit Herrn zur. Walther Nagelstock, Fräulein Lilly Hirsch mit Herrn Fleischer re. rc. Aus der Menge reizender Mädchen, die sich nun flott am Tanze betheiligten, fielen besonders auf die Fräuleins: Rudi Hertzka, Elise Kohn, Selma Körner, Paula Knina, Bilma Morway, Wally Hirsch, Hedwig F a b r i. Der Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchen-Hort in Wien wird mit dem Reinerträgnisse zufrieden sein. . Wien. (Schriftsteller C h i a v a c c i in d e r „L e s eunb Redehalle jüdischer Hochschule r".) Montag, 4. Februar, 'l2S Uhr abends, hält Herr Bineenz C h i a v a c c i, Schriftsteller, für die „Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler" einen Bortrag: „Wiener Bilder. Ernstes und Heiteres aus dem Wiener Leben." Universität, Hörsaal 99 (htr. Facnltät). Gäste willkominen. Prag. (Vom alten jüdischen Prager Friedhof e.) Die städtische Assanierungs-Commission hielt dieser Tage eine Sitzung ab, welcher die Anträge des Herrn Dr. Thomas Czerny als Vertreter der isr. Beerdigungs-Brüderschaft Vorlagen, wonach dem Assanierungszwecke ein kleiner Theil des alten jüdischen Friedhofes zum Opfer fallen würde. Herr Dr. Czerny bot namens der erwähnten Brüderschaft der Stadtgemeinde den nach seinen Anträgen wegzurasierenden Theil des historischen Friedhofes unentgeltlich an und versprach, dass die isr. Beerdigungs-Brüderschaft den neuen Eingang in den Friedhof auf ihre Kosten Herstellen und beim Ministerium die Erlaubnis erwirken werde, dass das Gebäude für das czechische Altstädter Gymnasium auf dem geänderten Blocke errichtet werde. Auch die Verfertigung der hierdurch bedingten neuen Pläne für dieses Gymnafial-Gebäude wolle die Brüderschaft aus Eigenem besorgen lassen. Nach längerer Debatte wurde beschlossen, das Anerbieten der isr. Beerdigungs-Brüderschaft abzulehnen und dem Stadtrathe zu empfehlen, die weiteren Verhandlungen mit der Brüderschaft abzubrechen und bei dem ursprünglichen Enteigungsr-Pojecte zu beharren. Mistek. (Todesfall.) Am 10. d. M. um 11 Uhr nachts verschied hier plötzlich der in allen Kreisen der hiesigen Bevölkerung bekannte und ebenso beliebte Arzt, Herr Dr. Moriz Spitzer, Erzherzog Friedrich'scher Werksarzt, Bahnarzt, emerierter Stadtphysicus, Spitalsarzt, Armenarzt und Schularzt, Gemeinderath, Mitglied des k. k. Bezirksschnlrathes, Ehrenbürger der Stadt Friedek rc. rc. im 09. Lebensjahre. Trotzdem sich der Verstorbene jede prunkvolle Feierlichkeit verbeten hatte, zeigte doch sein Leichenbegängnis von der allgemeinen, großen Sympathie, welche sich dieser Mann durch seine aufopfernde 97jährige Thätigkeit überall erworben. Allgemeine Trauer bemächtigte sich der Gemüther aller, die Eisenwerke und anderen Fabriken stellten ihre Arbeit ein, ans allen Öffentlichen Gebäuden wurden Trauerflaggen gehisst, alle Geschaftslocale gesperrt, sogar die Straßen wurden beleuchtet. Lange vor der festgesetzten Zeit versammelte sich vor dem Trauerhanse eine nach Tausenden zählende Menschenmenge. Alt und Jung, Arm und Reich, sowohl Juden als auch Christen, strömten herbei, um dem Manne für die unzähligen Liebesdienste, welche er gethan, wenigstens den letzten erweisen zu können, und es säumte niemand, trotz des orkanartigen Sturmes, welcher an diesem Tage herrschte, die Leiche bis aus den weit entfernten Friedhof zu geleiten. Außer dem sich eorporativ betheiligenden Gemeinderathe der Stadt waren anch Herr Cameraldirector W a l ch e r v. U i s d a l als Vertreter des Herrn 'Erzherzog Friedrich, sowie auch die Herren Dr. Bukowski und Werksinspector Hoheneger erschienen. Am Friedhofe entwickelte der hiesige Rabbiner Herr Dr. Bergmann in wenigen Worten das Bild des allverehrten Verstorbenen, welches alle Anwesenden bis zu Thrünen erschütterte; hierauf wurde die Leiche eingesegnet und ohne weitere Leichenrede von den Mitgliedern der „Chewra Kadischa' eingesenkt. Der Gemeinderath der Stadt Friedek beschloss in Anerkennung der vielen Verdienste in einer außerordentlichen Sitzung, dem Verstorbenen ein Ehren- Grabdenkmal errichten zu lassen, was umsomehr bemerkenswert ist, da sich ersterer meist aus Christen znsammensetzt. Was dieser Mann gethan, darüber kann man sich kaum eine volle, richtige Vorstellung machen, man denke mir, dass er durch volle 97 Jahre sämmtliche Kranke im Gemeindespitale, sowie auch im Waisenhause und alle Armen der Umgegend unentgeltlich behandelte, ja für die letzteren sogar noch recht oft die Arzneien und gewöhnlich die Rück-ahrt nach ihrer Heimstätte zahlte. Wir Juden verloren an ihm sehr viel, trotz seines ungemein anstrengenden Berufes und seiner Popularität vergaß er nie, dass er ein Jude und nichts als Jude sei. Er ist zwar gestorben, sein Name aber bleibt uns ewig erhalten, und in treuem Angedenken wollen wir uns stets seiner erinnern. Proßnitz. (T r a u e r f a l l). Am 19. d. M. ist hier ein ehrwürdiges Stück der Judengemeinde zur ewigen Ruhe bestattet worden. Herr Jakob Eisler, der Vater des bekannten mährischschlesischen Landes-Advoeaten Dr. 'Alois Eisler in Troppau und Bruder des berühmten, philosophisch gelehrten Herrn Dr. Mayer Eisler in Nikolsbnrg, ist im 77. Lebensjahre nach zweitägiger Krankheit in das bessere Jenseits hinüber geschlummert. Wegen seiner strengen Frömmigkeit und Gelehrtheit wurde er schon vor mehreren Jahren mit dem Morene-Titel ausgezeichnet. Die Wertschätzung, die er genoss, bekundete sich erst recht bei seinem Leichenbegängnisse. Eine große Trauerfahne vom Gemeinde- Hause zeigte allen den großen Verlust an. An dem Leichenconduete betheiligte sich fast die ganze Gemeinde, und ans dem Friedhofe hielt unser Rabbiner Herr Dr. Goldschmied einen sehr ergreifenden Nachruf. A»sla«d. Berlin. (Die I u d e n l a n f e n der G e g e n w a r t.) Im „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" sprach heute Professor Dr. Martin Philip pson über das Thema: „Die Judentanfen der Gegenwart". Der Saal der Gesellschaft der Freunde erwies sich als viel zu klein, um die Menge der Erschienenen aufnehmen zu können Mit gewohnter Klarheit und in beredten Worten wies der Vortragende darauf hin, dass alle Verluste, welche das jüdische Volk an Glaubensgenossen sowohl im Alterthum, wie im Mittelalter erfahren hat, durch den Zwang herbeigeführt waren, während es attsschließlich in der Neuzeit vorgekoinmen ist, dass sich eine große Anzahl von Inden freiwillig von ihrem Glauben abwendeten. Für die Uebertritte der Juden zum Christenthum am Ende des t8. und Beginn des 19. Jahrhunderts hatte man wenigstens noch die Erklärung, dass die damaligen Juden von dem Lichte der sich über sie ergießenden modernen Ctlltur geblendet wurden und die Neuheit der einstürmenden Empfindungen in den meisten gebildeten Juden der damaligen Zeit die Ansicht auftauchen ließ, dass das Judenthum, wie sie es in der Jugend kennen gelernt hatten, mit den Anforderungen der Cnltur nicht zn vereinbaren sei. Trotzdem in dem verflossenen Jahrhundert der Widerstreit zwischen der allgemeinen Cnltur und dem Jndenthnm verschwunden ist, trotzdem das Judenthum aus das glänzendste seine Entwicklungsfähigkeit und sein Anpassungsvermögen dargethan hat, finden in der Gegenmart noch zahlreiche Uebertritte statt, welche seit dein letzten Deeennium in erschreckendem Maße nicht nur der Zahl, sondern auch der Qualität nach zugenonunen haben Für die Taufen wurden mehrere Gründe als maßgebend gewählt. Nicht stichhältig ist der Grund, dass das Judenthum als Religion veraltet sei und der