Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 1. Februar 1901 Seite 3 geberische Vorfälle um seine Arbeit und sein Brot betrogen wurde. Wenige Vorkommnisse können mit diesem Massenelende verglichen werden. Es war eine furchtbare Aussperrung aller jüdischen Arbeiter; eine Aussperrung, die ihresgleichen kaum in der großen Eisenarbeiter-Aussperrung in Schweden-Norwegen findet. Damals hat die »Arbeiter-Zeitung" und die gesammte socialdemvkratische Presse ihre Pflicht gethan und durch Aufrufe und Sammelbogen Geld gesammelt. Diesmal hat sie sich nicht so echauffiert; schließlich hört ja Oesterreich bei Suczawa auf, und was kümmert es das »Organ der österr e i ch isch en Socialdemokratie", wenn in Rumänien jüdische Arbeiter verhungern! Und der internationale Socialisten-Congress in Paris, der sich der Boeren, der Finnländer, Chinesen rc. rc. annahm, er hat von der Bedrückung des jüdischen Arbeiters — geschwiegen. * * -» Wir haben vor einigen Wochen ein Ereignis miterlebt, dem so mancher Jude mit Besorgnis entgegensah — die Reichsrathswahlen. Die Besorgnis war, wie es sich zeigte, unnöthig; Oesterreichs Völker scheinen sich nach und nach an Reichsrathswahlen zu gewöhnen, Die Socialdemokratie erlitt in Böhmen schwere Schlappen, und wäre nicht Wien gewesen, so würde die Socialdemokratie zur Hälfte vermindert in den Neichsrath einziehen; wem sie es zu verdanken haben, dass dies nicht geschieht, das sind die Wiener: die Wiener Christlich-Socialen und die Wiener Juden. Den ersten, weil diese in der Minorität blieben, und den zweiten, weil die Juden für die Socialdemokraten st i m m t e n. Was werden wir Juden aber für Lohn hierfür bekommen'? Die Socialdemokraten, die sonst zu lärmen pflegen und sogar obstruieren können, werden sie wieder da, wo es sich um jüdische Interessen handelt — schweigen? .... 1.... g. Vom Tage. Der Thnrmbau des 2. Jahrtausends. Der Wahlsieg der radicalen Elemente in Böhmen hat in der activen Politik ein Chaos geschaffen, das bald zu einer Katastrophe führen muss. Die Radicalen sind hochmüthig geworden, die Christlich-Socialen fürchten für ihre Mandate, die Fortschrittler wissen vor Angst nicht, wo sie das Herz haben. Da regnet es Rathschläge über Rathschläge, einer versteht den andern nicht. Die Abgeordneten Glöckner und Nowak, zwei einfältige ABC-Pvlitiker, wollen sich mit Juden nicht in einen Club setzen; darum fürchten sich die Fortschrittler, die Wiener Abgeordneten in ihren Club aufzunehmen, obzwar sie nach ihrer heutigen Zusammensetzung in Böhmen nichts mehr zu suchen haben. Die »Volkspartei" möchte gerne mit der Fortschrittspartei gegen Schönerer gehen, aber die beiden Schwaben trauen sich nicht. Die Christlich-Socialen suchen mit der Hervorkehrung des Antisemitismus sich den Zutrrtt zum nationalen Salon Schönerer zu erzwingen. Und aus dem ganzen soll eine deutsche Gemeinbürgschaft werden! Wird schön ausschauen. Recht interessant wäre es ja, wenn die deutsche Fortschrittspartei sich »judenrein" machen würde; dann wüssten unsere Volksgenossen, in Mähren wenigstens, was sie zu thun hätten, wenn Neuwahlen an sie herantreten. Man darf immerhin gespannt sein auf die neue Session, in der sich bald Herausstellen wird, von wem der Jud' die Schläg' bekommen wird. Natürlich im Namen der Freiheit und des Fortschritts, denn unter diesem segelt ja die deutsche und czechische Cultur des 2. Jahrtausends. Der Thurm reicht fast in die Wolken; höher geht's kaum mehr! Der Herr, der von der Veranda aus alle Vorgänge beobachtet hatte, bemerkte zu der neben ihm sitzenden Frau: »Ist das aber ein Volk! Was sich so ein Jude alles gefallen lässt! Das scheint gar kein Gefühl zu haben . . . Von Ehre im Leibe schon gar keine Spur." »Ich zweifle überhaupt, ob sie eine Seele haben!" bemerkte die Gattin mit ihrer süßen, klangvollen Altstimme. Der Herr schien eine Weile nachzusinnen, dann antwortete er: »Du hast recht, mein Täubchen." Dann fügte er hinzu: »Wo sollte denn auch eine echte und rechte Seele, wie ein Christenmensch sie hat, in dem Leibe eines solchen gekrümuiten, schmierigen Geschöpfes wohnen?" Der nächste Tag war Samstag. Jankel kam nicht. Der Herr wartete, es wartete die gnädige Frau, es wartete die Frau Verweserin. Jankel kam nicht. Endlich ließ der Herr einspannen und fuhr voll Grimm in die Stadt, in das Nestche», wo Jankel wohnte, und too der Herr so oft gehalten hatte. An einem gewöhnlichen Tage ward das Gefährte des Herrn sogleich von einer Gruppe Männer und Weiber umringt, besonders staunten es die rußigen und schmutzigen Kinder an, die, einander stoßend und drängend, aus den Häusern stürzten. Auch Jankels Frau mit dem vollen halben Dutzend ihrer Sprösslinge eilte herbei. Heute dagegen war alles still und öde. Einige Knaben gafften aus der Ferne, einige Frauen guckten neugierig durch das Fenster, sonst machte die Kutsche nicht den geringsten Effect, besonders Jankels Haus blieb geschlossen. Das eigenhändige Klopfen des Herrn blieb erfolglos. „Die haben sich wohl mit ihrem Rosinenwein betrunken, oder was!" brummte der Edelmann aufs tiefste empört. Er konnte es nicht faffen, dass der Factor einmal nicht zu seiner Verfügung stawd. „Gnädiger Herr!" sprach ihn ein hübscher, sauber gekleideter Knabe an. »Jankel ist um diese Zeit nicht zuhause." „Wo denn sonst, mein Lieber?" fragte der Herr verwundert. »In der Synagoge." Ans dem liberalen Bezirks-Wahlcomits. In Kaffeehäusern, in denen sich gewisse Bezirks- Macher zu versammeln pflegen, herrscht große Aufregung. Die Herren haben es zwar durch ihre geistvolle Führung der jüdischen Wählerschaft zuwege gebracht, dass die Antisemiten in doppelter Stärke ins neue Haus einziehen, möchten aber der jüdischen Wählerschaft vorgaukeln, dass sie einen großen Erfolg errungen haben; denn sie fürchten, dass den Juden die Geduld reißen könnte und dass sie von diesen mit einem Fußtritte dahin geschickt würden, wohin sie schon längst gehören. Die richtige Darstellung der Thatsachen, die wir in einem der letzten Leitartikel gaben, hat die Herren begreiflicherweise in große Wuth versetzt, weil sie ihr Gewebe von Lüge und Betrug schonungslos aufdeckt. Am wüthendsten sind natürlich diejenigen, bei denen sich zu politischer Unanständigkeit noch persönliche Lumperei gesellt, z. B. ehemalige Volksmänner, die sich für guten Lohn von der Clique kapern lassen. Wir werden uns natürlich auch weiterhin nicht behindern lassen, die wirklichen Verhältnisse schonungslos bloßzulegen und werden dabei wahrscheinlich genöthigt sein, auf einzelne dieser Herren näher zurückzukommen. Schon wieder Herr Dr. Güdemann. Vor einigen Tagen feierte die Wiener Judenschaft den 80. Geburtstag eines seiner würdigsten und ehrwürdigsten Vertreter, des Rabbiners Dr. Schmie dl. Aus allen Kreisen der Bevölkerung kamen dem Jubilar ehrende Kundgebungen zu, auch der Cultusvorstand wollte seinen Dank für die jahrzehntelange Thätigkeit seines allverehrten Seelsorgers in besonderer Weise zum Ausdruck bringen und trug sich mit dem Gedanken, Herrn Dr. S ch m i e d l durch Verleihung des Titels „Oberrabbiner" auszuzeichnen. Da kam er aber bei Herrn Dr. Güdemann schlecht an. Dieser ehrwürdige Herr hält sich allein der Ehre würdig, „Oberrabbiner" genannt zu werden, und drohte, im Falle dieser Titel auch anderen erliehen würde, zu, demissionieren. Die K'hille hätte nun den Herrn „Oberrabbiner" gar zu gerne beim Worte genommen, doch der K'hol lässt sich von ihr nichts dreinreden. Er verlor gegenüber jener furchtbaren Drohung den Muth und gestattete Herrn Güdemann, beim Handelsgerichte um Protokollierung seiner Firma einzukommen. Der Herr Oberrabbiner kann nun ruhig schlafen in dem Bewusstsein, dass sein Titel ihn allein selig mache, und Herr Dr. Schmied! mag sich damit trösten, dass er, »der so tief unter Dr. Güdemann steht", von diesem taxfrei zu seinem „Vorbilde" ernannt wurde. Auch etwas! Theorie und Praxis im Cultusvorstand. Der Cultusvorsteher, der am grünen Tische über das wirtschaftliche Elend der Judenschaft klagt und draußen im Leben dem christlichen Bewerber vor dem jüdischen den Vorrang lässt, gehört durchaus nicht zu den Seltenheiten. Anlässlich der Cultusgemeinde-Wahlen konnten wir eine ganze Reihe von diesbezüglichen Anwürfen gegen Mitglieder des Vorstandes erheben, ohne dass auch nur einer widerlegt und entkräftet werden konnte. Ein ganz besonders erasser Fall der Zurücksetzung eines jüdischen Petenten seitens eines Cultusvorstehers wird uns heute berichtet. Es handelt sich diesmal um ein Mitglied des Vorstandes, das während der Wahlcampagne kaum einer Versammlung anwohnte, in der es nicht mit seinem schulfreundlichen Wirken, mit seinem Wohlwollen gegenüber der jüdischen Lehrerschaft prunkte. Herr Schul- »Was? In der Synagoge?" Das Staunen des Herrn wuchs und steigerte sich zur höchsten Entrüstung. Er empfand es als äußerste Ungehörigkeit, dass der Jude es wagte, in der Synagoge zu sein, während er, er! seiner bedurfte. »Junge, kannst Du mich nicht zu dieser Eurer Synagoge hinführen?" fragte er nervös, ungeduldig über die Verzögerung. „Sehr gern." Der Herr ließ das Fahrzeug tvarten und folgte dem Führer. Sie passierten einige schmutzige, krumme, öde Gassen und standen vor einem Hause, welches sich in nichts von den anderen unterschied. Von den Wänden war die Tünche herabgefallen, wie von den Wänden der anderen Häuser, und sie sahen aus wie entblößte, hässliche, gelblich-rothe, eiternde Wunden; die Fensterscheiben schienen an grauem Star zu leiden, das Dach war mosaikartig geputzt, und auch mit Moos und Pilzen. Der ganze Jammer des Volkes, welches sogar für das, was es am weiften liebt und wofür es oft sein Herzblut hingegeben, keine Behausung haben, kann, sprach ans dieser niedrigen, baufälligen Ruine, welche nur mit Mühe und mit dem Reste der Willensanstrengung aufrecht zu stehen schien. »Das ist Euer Gotteshaus?" Der Edelmann konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. »Schön, schön. .. aber warum ist es hier so stille, so ruhig?" Warum? Aus einer Juden-, schul muß ja stets der sprichwörtliche Lärm dringen und die Ohren betäuben. Der Knabe antwortete nichts. Er führte nur den Gast in den Vorhof und fragte: »Darf ich Jankel herausrnfen?" „Jawohl, mein Junge!" Dabei zog der Herr einige Münzen aus der Tasche und reichte sie dem Knaben. Dieser that einen Schritt zurück. „Heute darf ich nicht!... Ich danke, gnädiger Herr." Der Edelmann kam ans dem Staunen nicht heraus; da fiel sein Blick auf ein Bild, welches ihn förmlich bannte. Durch eine geöffnete Thüre erblickte er eine schwarze Menschengruppe, die in geordneter Masse das kleine Bethaus ausfüllte und in Schweigen und Sammlung dastand. Im Hintergründe, ganz director Simon hatte jüngst in der von ihm geleiteten Unterrichtsanstalt, welcher ausschließlich jüdische Schüler angehören, die Stelle eines Lehrers aus dem Französischen zu vergeben. Um dieselbe bewarb sich ein armer jüdischer Lehrer, der, nachdem er dem Director den Befähigungsnachweis erbracht hatte, dem Cultusvorsteher zu bedenken gab, dass er eine Familie mit einigen Kindern zu ernähren habe. Der Director lehnte aber die Intervention des Cultusvorsteher ab und verlieh die erledigte Stelle einem Christen. Commentar überflüssig! Eine interessante Nettigkeit kommt aus dem Barreau des Landesqerichtes. In diesem Monate findet der Process des Schriftstellers Bahr und des Directors Bukovics gegen den Herausgeber der „Fackel", Karl Kraus, statt und da erfahren wir aus sicherer Quelle, dass als Vertheidiger des Herrn Kraus kein Geringerer als Herr Dr. Robert Pattai fungieren wird. Wenngleich die kürzlich in der „Fackel" erschienene Weißwaschung des Herrn Bielohlawek eine solche Reciprocität der Waschungen erklärlich erscheinen lässt, können wir dennoch an die Wahrheit dieser Nachricht nicht recht glauben. Dass Herr Kraus den Herrn Dr. Pattai gerne als Vertheidiger nimmt, glauben wir aufs Wort; warum, das brauchen wir wohl nicht näher zu erörtern. Aber dass Dr. Pattai, der sich bei aller Parteileidenschaft doch immer reine Hände bewahrt hat, den Herrn Kraus in diesem Processe vertheidigt, das glauben wir noch nicht recht. Es wäre denn, dass er vom Gerichte dazu bestellt würde. Jüdische und christliche Rumänen. Von Dr. Georg Brandes in Kopenhagen.*) Brich aus in lauten Klagen, Du düst'res Martyrerlied, Das ich so lang getragen Im flammenstillen Gemüth! Heinrich Heine. Die Barbarei, welche, ständig im Steigen begriffen, das letzte Drittel des neunzehnten Jahrhunderts kennzeichnet, hat sich unter anderem in einer Wiederbelebung des Nationalitäten- und Rassenhasses Luft gemacht, den die vornehmsten Vertreter europäischer Bildung um das Jahr 184-8 im Erlöschen glaubten. Zugleich hat die Verachtung, welche die Bekenner verschiedener Religionen für einander empfinden, ein neues, zuweilen entsetzliches Auflodern gezeigt, und in manchen Fällen gesellt sich hierzu noch all der Hass, den der Classenkampf erzeugt. Von alledem ist etwas in dem Unwillen enthalten, der sich ungefähr vom Jahre 1870 ab immer stärker gegen die Juden in Europa wendete. Es schien eine Zeitlang, als ließe sich die Stärke des Judenhasses in jedem Lande nach dem Percentsatze berechnen, den die Juden innerhalb der Bevölkerung ausmachten, und in der Regel kann man sie in der That darnach bemessen. Jedoch die an das Mittelalter gemahnende Höhe, welche die Unverträglichkeit gegen die Juden in Frankreich, wo ihre Anzahl doch so gering ist, erreichte, hat bewiesen, dass diese Regel keine unbedingte Giltigkeit hat, sondern dass auch die Machtfcage in Betracht kommt. 1. Die europäischen Länder, in denen die Existenzbedingungen des so lange verfolgten und unterdrückten jüdischen Stammes am schlechtesten sind, sind erstens Russland, dessen Massen- *) Aus der dänischen Revue „Tielskueren". nahe beim Fenster, saß bei einem besonderen Pulte, von der Menge durch einen Halbkreis abgetheilt, Jankel, der Factor. Sein Haupt war jetzt nicht mehr gebeugt, seine Augen hatten nicht mehr den Ausdruck eines geschlagenen oder winselnden Hundes, die ganze Gestatt machte nicht mehr den Eindruck, als trüge sie schwere Fesseln. In dem vergilbten Antlitze glühten die Augen, die magere Hand glättete den schwarzen Bart oder erhob sich in der Luft, wie um den Worten Nachdruck zu verleihen, von den Lippen kamen Worte, seltsame, unbekannte Worte, in einem seltsamen unbekannten Tone. Es lag in ihnen eine gewisse Musik, bald wieder tönte aus ihnen etwas wie ein mächtiger, kategorischer Befehl heraus. Der Edelmann stand an der Thüre und wollte seinen eigenen Augen nicht trauen. »Was ist das?" ... „Ach nein, das konn ja nicht sein ..." dachte er rasch und verwirrt. „Mein Factor, und doch zugleich nicht er. .. hatte er einen Doppelgänger? Sollte er etwa nebenbei auch so etwas wie eine Art Rabbiner sein?" Plötzlich stieß er ein helles, lautes, lustiges Lachen aus. „Das ist aber drollig! . . ." lautete der Text zu diesen Lachen. „Nein, Factor . . . ein Lehrer oder Prediger I Gewiß unterrichtet er Dinge, die er selber nicht versteht. Einen Augenblick später wird er vor mir stehen, und mit denselben Lippen, die soeben noch irgendwelche erhabene Phrasen gestammelt, wird er vor meinen Tritten den Staub wegblasen. Habe ich nicht recht, wenn ich auf diese Weise das ganze Gesindel behandle?" Diese Betrachtungen unterbrach der Knabe, der aus dem Bethause kam und meldete: »Entschuldigen Sie, gnädiger Herr, aber Jankel wird nicht kommen." »Ja, was heißt denn das?" donnerte der Edelmann entrüstet. „Ja, er. . . er, gnädiger Herr, will am Sabbath nicht von Geschäften sprechen. Er will nicht einmal herauskommen. Er . .. lehrt nämlich die Leute dort." „Das ist aber prächtig! Was lehrt er denn? Er ist ja lelber uuwiffend wie ein Schaf." (Schluss folgt.)