Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 3 (18.1.1901)
- Date
- 1901-01-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 18. Jänner 1901 Nr. t und wachsen. In der Judenstadt haben sich bei der letzten Wahl die „Freisinnigen" den Luxus der Spaltung gestatlet, 'eHjwkämpsten einander Socialpolitiker und Liberale. Wie siAhl'Achelite in der Judenstadt aus. Bei mMsiver Arbeit konnte die Innere Stadt kaum 60 SArsskM^Majontät aufbringen. Eine wahre antisemitische 'Überflutung, und das nennt man: »Rückgang der müisemkiischen Stimmen.'' Heute, wo man um die zwei sichersten Wahlbezirke zittern muss, spricht man von einer »ab"steigendem Antisemitischen Bewegung. In eine solche SelbsttäuschuiMwMman die Juden einlullen. Umgekehrt, tfer Antisemitismus mag sein politisches Kleid wechfM;'Allein er erstarkt zusehends. Der Antisemitismus dring in alle Kreise und Parteien. Die Deutsche Fortschrittspartei erklärt, sie nehme keinen jüdischen Abgeordneten auf. Diese von den Prager Casinoten (durchwegs Juden) erhaltene und abhängige Partei lässt durch die Tetschen-Bodenbacher Zeitung erklären, für sie sei der Antisemitismus Privatsache. Rovak und Glöckner, die zwei Musterknaben dieses Restes der alten principienlosen Liberalen, erklären, sie seien Antisemiten. Die Socialdemokraten haben 9 Mandate an Antisemiten verloren. Berners antisemitische Rede hat nichts gefruchtet. Die jetzigen Wahlen haben im Zeichen des Antisemitismus getagt und zwar überall auch bei den Juden. Im II. Bezirke der Stadt Wien wurde Hofrath Kar eis, welcher dreimal vom Bezirkswahlcomite einstimmig au.fgestellt wurde, fallen gelassen und zw a r mit der Begründung, weil er ein I u d e'fst? I u den imComite stellen ihre Cand i d ü^t e.n nach antisemitischen Grund- ' s ätz e M Nun sind im II. Bezirke die I u d e n er organisiert und die charaktervollen Juden wollten sich dies einfach nicht -g es ün e n lassen. o $;%rl appernd und zitternd liefen d i e W-mtz Fm-crch er von Jud zu Jud. Gerüchte s ch wckr r t e iFl!i<n der Luft herum, wie Wahlen t h a l t u ng, Gegenaction des Jüdischen Volk sw ejc e j.ifce s, Kompromiss mit de n A n t is e m irtrselMre. 5 'Die' ^.ch aralter festen" Angstmeier k 0 wn tslDsW nicht beruhigen. Man l re f z u m Führer der jüdischen Volkspartei. Ein a n g e s e h.'LN'vr Functionär der jüdischen C u l t ft s-KkM e i n d e wurde um Protection bei d.'s-^-Mklung der »Jüdischen Volksparte i"^MNcheg angen. DieFeigli n g e fürchte t eri'fH-rMr Mandat. 'A h l,6:NN5lsrch-o n f r ü h e r h a t d i e Jüdische Vo lkSp or td'tp,tr o'ij schwerer Bedenken enun^cirK^le wolle die Wahl im II.. Bezirk'w^Mt.fördern noch stören. He-vL2s^>gsi!ath Kar eis hat nicht eandidirt, Dr. LudwiF e r wurde durch jüdische Wahlarbeit gewähltzHud M/ geschieht nun? Herr Dr. Ludwig Vogler schließt. ftch,jidet »Deutschen Fortschrittspartei" an, jener Partei, tMche^„Judenreinheit' als Clubprincip aufgestellt hat. Dr^.^'A^ler ist Parteigenosse des Novak und G l ö.^n^eMH Welche Kehve sollen die Juden aus diesen WahlergebnMn,UeM? Juden! finden nirgends Stütze, nur im eigenen Volke und im-d^eH^nÄt Organisation. Sie werden von Freund ~LTT) -- "" Ein. Jude, Mitten in dem Kreis der Geister, Der höchsten, die Germania gebar! Ein mrittkr' Jude, aber auch ein Meister, Uiü> Mnbürtig jener edlen Schar! •'v ■; •. Der Heller-Glanz zerstreut die dichte Wolke, Die ihn so schwer, so drückend hat umhüllt; Ein neuer Moses, bringt er seinem Volke Das neue Heil — der geist'gen Freiheit Bild! Und lehrt es, dass nur in der Fortschritts Weihe Für Israel die Zeit des Glücks erscheint: Dass Gottesfurcht und reine Glaubeustreue Sich doppelt schön mii echter Bildung eint! And lehrt es: dass das frischbcwegte Leben Als Gottesströinung rausche durch die Welt, Dass nur im Kampf, im edlen Borwärlsstreben Das Judenthum die Zukunft sich erhält. Und lehrt es: dass auf neu erschloss'nen Bahnen Die Weltgeschichte hält daS Weltgericht, And dass das heil'ge Erbe unserer Ahnen Nicht scheuen darf daS Helle Tageslicht! Und-kehrt-^es: dass, wenn trag' und abgeschlossen, Es ausgeschlossen sei von ird'schem Recht; Und dass' ilii Glanz, der jeder Zeit entflossen, Gemeingut'lei^b'em menschlichen Geschlecht! Und dass^M Glaube nicht bloß Form und Hülle, ' Däss"-keben'sfrisch er reiche Blüten trägt; Wentt-'-tlef-tzie Wurzel schwillt in Mark und Fülle, Dkr D^sW hoch und freudig sich bewegt! UW.Lehr^'und Leben waren fest verwoben, ÜW^Wö^'und That im vollsten Gleichgewicht; Wd'ün' hochder Geistesheros sich erhoben, Pei ^eiue'i^ Volke war es der Jude schlicht, Der^Jude/cher nicht ivich und der nicht wankte, Galt es das^alte, heilige Gesetz. 5; ‘ . :l »-mr. und Feind verrathen und durch ihre Haltung von den Ariern verachtet. Wer sich mit dem Sport des Stimmenzählens befasst, wird eine eigenthümliche Wahrnehmung gemacht haben. In der Inneren Stadt hat ein jüdischer Candidat mehr Stimmen wie mancher arische College unter den Candidaten. Woher mag das kommen? Der Arier respektiert den für Juden eintretenden Juden, nicht aber den für Juden eintretenden Arier. — Wollen sich die Juden aus ihrer Unterdrückung befreien und die Achtung der Arier erwerben, so müssen sie bewusste Juden sein, nicht in fremden Lagern herumlungern. Gegend ie antisemitische Ge meinbürgschaft jüdische Gemeinbürgschaft. Ein jüdisch-statistisches Amt. II. Dr. H. Seitens der CultuSgemeinde wird man, > vermuthe ich, einwenden: Die Durchführung dieser Idee sei theoretisch und praktisch wenn nicht ganz unmöglich, so doch unendlich schwierig, theoretisch deshalb, weil ein jüdisch-statistisches Amt jener rechtlichen, gesetzlich bestimmten Grundlage entbehre, durch welche sowohl die reine AusknnftSangabe seitens der aufzunehmenden Objecte, als auch die wahrheitsgetreue Angabe zu einer Verpflichtung erhoben wird, deren Umgehung oder Uebertretung vom Gesetze bestraft wird. Die Resultate eines jüdisch-statistischen Amtes werden deshalb nach außen hin als völlig privater Provenienz erscheinen, denen man immer den Vorwurf machen könne, sie seien — gefärbt. Doch wenn man sich theoretisch selbst schon mit dieser privaten Statistik wenigstens für innere Zwecke begnügen wolle, so sei auch dies praktisch infolge des kulturlosen Zustandes der galizischen Gemeinden nicht durchführbar. Und als Beleg wird man anführen: Anlässlich der vor zwei Jahren stattgehabten Jubiläumsausstellung wurde von der Abtheilung für »Wohlfahrtseinrichtungen" eine Statistik der Wohlthätigkeitseinrichtungen sämmtlicher in Oesterreich vertretenen Confessionen verfasst. In das Comite wurde für das Judenthum der erste Secretär der hiesigen CultuSgemeinde, kais. Rath Dr. L i e b e n, berufen. Die ernsthaftesten und aufrichtigsten Bemühungen dieses sicherlich hervorragenden Beamten scheiterten daran, dass der größte Theil der jüdisch-galizischen Gemeinden die bezüglichen Zuschriften entweder u n,b eantw ortet ließ oder nur sehr unvollständig beantwortet^ So dass im Gesammtreiultat die jüdische Confession als die verhältnismäßig schlechtest vertretene erscheint. , Ich glaube, dass beide Ginwände, so schwerwiegend sie e v sch einen, in praxi bod) sticht stichhältig. sind. Ich bin selbst der Ansicht, dass die trchmche Grundlage, von der ich oben sprach, für ein jüdisch-stcftistlsches Amt kaum zu erlangen sein dürfte. Aber ich weiß auch, dass dieselbe gar nicht nothwendig ist; und dass man trotzdem mit einem Material, das auf Basis der rechtlichen Verhältnisse gewonnen wurde, arbeiten kann. Ich meine das so. - Das jüdisch-statistische Amt müsste sich an die statistische Centralcommission mit dem Ersuchen um Benützung des V olkszäh lungsmater i a l e s w e n d e n. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, dass die Benützung. ohne jeden A n-st a n d g e st a t t e t würde. Damit wäre zweierlei erreicht : Man hätte einerseits amtliches, auf Grund rechtlicher Bestimmungen gewonnenes Material, dem man den Vorwurf her Gefärbtheit nicht machen Der Geist drang aufwärts, doch die Seel' umrankte All die Gebote seines Glaubens stets. Ja, niemals wich er von dem alten Gleise, Das flücht'gem Sinn nur abgenützt erscheint I Wer kennt den Nathan nicht, gleich fromm und weise,. Wie ihn gestaltete sein großer Freund? Und MoseS-Nathan bot die edlen Schätze Der ganzen Welt, dem eig'nen Volke hin, Und rasch zerriss er jene engen Netze Des Vomrtheils — des mächt'gen Salad in! In Nacht und Stumpfsinn war das Volk versunken, Ins Grab der Ahnen zog es sich zurück, Da naht ein Moses, mit den Geistesfunken Als Flammensäule dem erstaunten Blick. Er zieht voran ihm mit den milden Strahlen, Und Israel folgt treu der lichten Spur, Und führt es durch das Meer uralter Qualen In das gelobte Land hin der Cnltur. Wie viele Kämpfe Dir noch Vorbehalten, Du Volk von Juda! Denk' des Meisters treu! Er hat das Leidensmeer Dir neu gespalten, Und offen liegt der Pfad, und hell und frei. Und ftitrmeu nach die wilden Pharaonen: Das Vorurtheil, der Wahn im engen Bund, Es wird die Helle Zeit sie ninuner schonen, Und sie versinken in der Tiefe Grund. Nur musst Du selber kraftvoll Dich erheben, Und wirken, wie's der Mann ans Dessau that: Nach echter Bildung sei Dein höchstes Streben, Doch pfleg' auch treu die , alte, heil'ge Saat. Erheb' Dich zu des Daseins klaren Höhen, So wahrst Du schön des todten Meisters Ruh«! Und £><mb in Hand, sich stets ergänzend, gehe» Die neue Zeit — das alte Judenthum l könnte, ohne gleichzeitig denselben Anwurf gegen die staatliche Statistik z» schleudern. Es wären andererseits die wichtigste» Rubriken für eine jüdische Statistik gewonnen, deren Weiterführung innerhalb der zehn zwischen den Volkszählungen liegenden Jahre ausschließlich eine Frage geschickter Leitung und consequ enter Arbeit wäre. Denn wer die Intentionen, die der diesjährigen Zählung zugrunde liegen, kennt, weiß, dass dieselben hauptsächlich socialpolitischer Natur sind. Die Aufnahme der Wohmmgsverhältnisse wird mit einer genauen Statistik der Berufs- »nd Betriebsstättenverhältnisse verbunden, zu der noch eine der Arbeitslosigkeit mit den Ursachen dieser, etwa Krankheit, Saisonarbeit rc. kommt. Material genug, um zu einer vergleichenden Statistik der Einkommensverhältnisse zu gelangen, deren Wichtigkeit ich im ersten Artikel behufs Systematisierung der Steuerbemessung betonte. Allerdings fehlen in dem BolkszählungSmaterial natürlich auch wichtige Rubriken. Aber diese könnten auf demselben Wege von anderen Behörden gewonnen werden. Ich nehme z. B. die Rubriken: Zugewandert; davon: Dauernd niedergelassen- - durchreisend. Auf dem Lande, -in den kleineren Gemeinden, wären diese Rnbrike« durch die Einrichtung des statistischen Amtes, wie ich sie unten andeuten werde, ohne jede Schwierigkeit zu führen. In den größeren Gemeinden, z. B. Wien, könnte man das Material, so wie oben von der Centralcommission, hier, von der Polizei erhalten, y Es würde lediglich die Anstellung eines Schreibers erfordern. Ich glaube schon mit diesem Wenigen gezeigt zu haben, dass der theoretische Einwand zumindest für einen Versuch hinfällig ist. Dasselbe ergibt sich aus dem Folgenden für den praktischen Einwurf. Wie müsste dieses Amt eingerichtet sein, um genau zu funetionieren? Vor allem: Es wären meiner Ansicht nach zwei Aemter nothwendig. Ein Centralamt in Wien und ein Filialamt specieöl für Galizien und Bukowina. Der Vorstand des Csntralamtr's müsste die oberste Leitung beider Stätten besitzen, als Leiter des Filialamtes könnte ein Adjunkt fungieren. Auf Grund des zur Verfügung gestellten Materiales müssten genaue Rubriken- Listen ausgearbeitet und sammt der sorgsamsten, event. persönlichen Instruction an die Landgemeinden abgegeben werden. Diese müssten durch Gemeindebeschluss die Institution einführen, die Listen durch ihre Secretäre unter Aufsicht des Gemeindevorstandes führen zu lassen. Das gienge ohne jede Schwierigkeit und ohne materielle Belastung, da die Verschiebungen in diesen Gemeinden verhältnismäßig so minimal sind, dass für die Secretäre höchstens eine Mehrarbeit von 10—15 Stunden per Monat resultierte. Derselbe Vorgang müsste auch in den größeren Gemeinden festgehalten werden; nur mit dem Unterschiede, dass in diesen vielleicht die Anstellung eines Schreibers nothwendig würde. Allein felbst dies miteingerechnet, würden , sich durch diese Einrichtung die Kosten des Amtes trotzdem ganz ungemein vermindern, während andererseits die Durchführung völlig modernnach dem System der concentrischen Arbeitstheilung wäre. Nun bin ich überzeugt, dass es trotz Gemeindebesitz lnss und sorgsamster Instruction in Galizien und der Bukowina anfangs hapern würde. Zu diesem Zweck ist eben das Filialamt da. Dieses müsste dort, wo sich Schwierigkeiten ergeben, sofort ' durch Beamte persönlich eingreisen und genaue Controle durch oftmalige Reisen üben. Dazu bedürfte es lediglich der Unterstützung des bezüglichen Borstmtdes. Bei so fortgesetzter vier- bis fünfjähriger Arbeit würden auch die galizischen Gemeinden bereits tadellos fungieren. Aus diesen Gründen müsste aber das Filialamt sich nicht in Wien, sondern in Krakau oder Lemberg befinden. Auf Details der inneren Einrichtung kann ich hier selbstverständlich nicht eingehen, sondern muss mich mit allgemeinen Umrissen begnügen. Als Beamtenstatus würde genügen : Ein,Centralvorstand, zwei Adjuncten, wovon der eine Leiter des Fialilamtes wäre, überdies ein Official für Galizien, im übrigen Schreiber nach Bedarf. Das Ausgabenbudget würde sich für das Centralamt auf h ö ch st e n s 20^.000 fl., für das galizische auf h ö ch st e n s 15.000 fl. per Jahr belaufen. Diese Ziffern sind sehr hoch gegriffen und müssten sich speciell für das galizische Amt von Jahr zu Jahr bis auf schätzungsweise 8000 fl. verringern. Die Jnstallationskosten, die für Aufarbeitung de- VolkSzählnngSmateriales mitinbegriffen, könnten nicht mehr als höchstens 30.000 fl. betragen. Die Bedeckung wäre, wenn man die Sache ernstlich in die Hand nehmen wollte, ohne besondere Schwierigkeiten durch Beiträge seitens des GemeindebundeS, sowie einzelner Gemeinden, Wien voran, zu finden.; Und sollte die Wiener Gemeinde auf ihre zerrütteten Finanzen Hinweise«, so könnte man ihr ruhig und ernsthaft antworten: ES wäre gescheidter und nützlicher, etwa 10.000—15.000 fl. von ihrem unfruchtbaren Armenbndget zu streichen und für diese fruchtbare Ausgabe zu verwenden, als mit dem ewigen Geserres, dass man »kein Geld' habe, nur die eigene Unlust und Unfähigkeit zur Werkthätigkeit verdecken zu wollen. Ich habe mich bemüht, im einzelnen die Wichtigkeit einer jüdischen Statistik nachzuweisen und zu zeigen, dass bei gutem Willen die Durchführung keinen unüberwindlichen Schwierigkeiten begegnen kann. Manches, das für die Bedeutung dieser Materie noch weiterhin spräche, musste ich aus Raummangel übergehen. Allein ich denke, dass jedermann, der die Sache überlegt, dies selbst herausfinden wird. Aber alle, ' die von dieser Wichtigkeit überzeugt sind, mögen Eines bedenke»: Auf einem anderen Wege, als dem gezeigten, ist die Erlangung einer jüdischen Statistik nicht gut möglich. Soll anS der Sache also überhaupt etwas werden, so muss sie —das liegt in ihren e i g e n 1 h ü m lich e n Verhält nissen — jetzt sofort »nb nachdrücklichft in die Hand genommen werden. Ans welche Art und Weise — das muss ich activen Parteipolitikern überlassen.