Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 3 (18.1.1901)
- Date
- 1901-01-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2432763-2432864-2432867--0845-2434538- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
<lrd«rlion: TOI/1, SchLSHelgaffr 11. Gp»»ch-M»»««r An Wochentagen von 4 bis 6 Uhr ««chmittags. pspadrch.r Jü»tscheS »-nsvlatt, Mt«. viii|l. W»fchtv»rde« wegen beMüteter oder gar nicht erfolgter Zustcklung ervitt«, wir 800 dringen». — Marmfertvte werbe« «tcht prrückDesteSt« Vostfparcasfen^ont* »470»?. I« das «bonnement kann man täglich eintretea. Erscheint jeden Zreitns Mitwirkung drr vom Mvifchrn VolKsvsreirr erwähnen Prrfsrommifston. Z?«fe««te übernehmen die Firmen; I. Danneberg, M. DnteS, {*«!«*« stein & Sagtet, Rndolf Moste. Sl. Ovpelik. M. Po»s»n»t. «. Schalet in Mien, ferner alle «nnoncon-Pxpedittonen im «nSlande. M«zeL'N«mwer to Wie« 16 Heller. Rdministrrckwn: YIll/1, SchlSgelgaM u. 9foonntMtnt9pvti9: Mir B»it« tu Oeftorretch.Ungnr« sammt Sr«nc»i»st»ll«ng. Ganzjährig Halbjährig Bierteljthrig nt. 8.- : fc 9Jk bnß gesammt« Üitibw* sammt Fra»e«r»ß«ünng. »aazjthrig ....... «a. Halbjährig. «ierteljährig ..... 4.50 ftM msaasgmmmmBBBBsmm mmsmm Nr 3 Wie«- 18. Jänner 1901. III. Jahrgang. k nsgqtrt»gaur»»«agiiPKW>« Juden, erwerbet das Euch zukommende Heimatsrecht zu Eurem und Eurer Kinder Schutze. Der „Jüdische Polksverein" hat es Skernommen, Me alle die Zuständigkeit uustrekenden Juden dir uothuß endigen Kchritte zu unternehmen. Nähere und detaillierte Aufklärungen erhält jeder Jude im „Jüdischen Molk*- »eretn",!I„ Keopoldgasse 49, Mezzanin. Vormittags non 9—12 und nachmittags »o« 3—8 Mhr. Epilog zu den Reichsrathswahlen. Oeffnet die Thore der Tempel und Synagogen, lasset sie in Hellem Lichterglanze erstrahlen, rufet Hosianna und Halleluja, enthüllet die Bundesladen, erhebet die Thorarollen, richtet Dankgebete zum Himmel, bietet Huldigungen den neuen Männern dar, denn es schlug der Dötz den G e ß m a n n, der V ö l k l den I a x. Holter den E b e n h o ch, ein Schöpserianer den Dipauli. Heil Juda! Du bist gerettet! So müsste der jüdische Leser im Stile der „freisinnigen" Blätter unwillkürlich ausrufen, wenn ihm von den Massenleitartikeln der Kopf wirr wurde. Denn fürwahr, als die Prager Judenverfolgung dank einflussreichen Männern abgewehrt wurde, konnte man sich nicht so von einem Alp erlöst dünken, wie man jetzt die Juden glauben machen will. Hand ans Herz. Ist aber dem wirklich so? Haben die Juden wirklich Grund und Veranlassung zu frohlocken? Prüfen wir nüchtern das Ergebnis der Wahlen frei von jeder Sentimentalität. Das Ergebnis der jetzigen Wahlen ist für die Juden dss denkbar traurigste, allein keine Wahlcampagne ist so Am Codestage Moses Mendelssohns. Girre Dichtung von Dr. M-riz «nppnport.*) Du Volk von Juda, sei mir hochgepriesen! Mil Stolz nenn' ich mich Deiner Stamme- Sohn; Ob sie auch Zwerg Dich heißen unter Riesen, Und Dich mit Schmach bedrängen und mit Hohn. Sie nahmen alles Dir mit kalten Händen, Dar Vaterland, die Ehre und da- Recht, Und wunderbar! zerstreut nach allen Enden Noch lebt und strebt und blühet Dein Geschlecht! Blick* nur umher! Wo sind die Nationen, Auf die der AlterthumeS Ruhm gepocht? Wo sind die zahllos starken Legionen, Die eine Welt für Roma unterjocht? Athen! wo ist Dein Glanz? Wo sind die Schaaren, Die Spartas Heldensinn dem Perser bot? ES meldet die Geschichte, dass sie waren, Ihr Ruhm lebt ewig, aber sie — sind tobt! Jerusalem! auch Du bist Schutt und Trümmer, Und Zion fiel nach langem Kampf erschlafft; Doch nicht bloß in der Vorzeit hellem Schimmer, Du lebst in Deiner Söhne voller Kraft! *) Die vorliegende Dichtung wurde von Moriz Rappa- Port, dem am $8. Mai 1880 dahingeschiedenen Sänger de- „Mose" und „Bajazzo", vor nun fünfundzwanzig Jahren anlässlich der 1860 zu Leipzig veranstalteten Mendelssohn-Feier gedichtet, bei dieser Feier vorgetragen und gleichzeitig auch durch den Druck verbreitet. Sie wird sicherlich vielen unserer Leser «lS Gabe zum Todestage MoseS Mendelssohn- (4. Jänner) willkommen sein. reich an lehrreichen, charakteristischen und typischen Episoden, wie die jetzige. Der antisemitische Hochgedanke in seiner vollen Reinheit, nackt und entkleidet aller opportunistischen Schalen ist das große Um und Auf der künftigen politischen Parteigestaltungen. Fürwahr, es deckt sich nahezu die antisemitische Gemeinbürgschast mit der „deutschen" Gemeinbürgschaft. Wenn es sich darum handeln wird, dem Juden etwas anzuhängen, wird sofort eine Einigung der disparatesten Elemente erzielt werden. Es wird ruhen die Obstruktion, die technische, stille und die sogenannte wilde und geräuschvolle. Was bisher weder die Reden der Minister, noch Warnungen, Schmeicheleien und Drohungen vermochten, das wird der Antisemitismus bewirken — die Ralliierung aller gegen die Juden. Wir wollen jedoch nicht ins andere Extrem verfallen und uns etwa dem Vorwurfe aussetzen, daß wir durch nichts begründeten Optimismus einen unmotivierten Pessimismus entgegensetzen. Für uns sollen nackte und trockene Ziffern sprechen. ES sind bisher gewählt: 46 Deutsche B"olkspartei LIDeutschradicale 32 Christlich-Sociale. All' diesen Parteien ist das klare, deutliche und durch gar nichts zu beschönigende Linzer Programm mehr oder weniger gemeinsam. Eines d.e r wichtistg en Hauptpunkte des Linzer Programm es bildet die Einschränkung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden, Verbot der Judeneinwanderungen, Untersagung deS Besitzes von Grund und Boden durch Juden, rechtliche Unfähigkeit der Juden, öffentliche Aemter und Ehren stellen zu besitzen. Daß sich diese Parteien untereinander bekriegen, thut nichts, in der Judenfrage sind und bleiben sie stets einig. Was waren die ersten Worte des K. H. Wolf, als er seine Getreuen Revue passieren ließ? „Nunmehr kann die Judenfrage endlich gelöst werden." Mit diesen Worten begann und schloss K. H. Wolf seinen „Wahlartikel." Wie diese Lösung aussieht, das bedarf gewiss auf jüdischer Seite keiner eingehenden Untersuchung. Er zog auch hieraus die Consequenzen. Während K. H. Wolf und seine Getreuen nur durch. die socialdemokratischen Stimmen bei den Stichwahlen in den böhmischen Städten gegen die „Deutschfortschrittlichen" durchdrangen, ließ Herr K. H. Wolf Du lebst in Deine- Glaubengeist'gen Hallen! Im einzig-ein'gen Gott, den Du erkannt! Als Romas, Hellas Götter sind gefallen, Da fiel auch Rom, da fiel auch Griechenl«nd! Kennt Ihr die alte deutungsvolle Sage? Als Zion sank, da ras't in toller Wuth Der Römer, hält im Tempel Lustgelage Und wirst die heil'ge Rolle in die Glut. ES jauchzt die wilde Horde, rachetruukcn, Stets zügelloser steigt der Roheit Lauf, Dar Pergament zerstiebt in tausend Funke», Die Thora brennt, die Lettern — fliegen auf! Die Lettern fliegen auf! — Der Geist, der reine. Schwingt sich empor beim ruchlos frechen Spiel, Und folgt dem Volk im langen Dämmerscheine, In Drang und Noth, in- Elend — in- Exil! Und zieht mit ihm ans seinen Jammerzügen, Unsichtbar wohl, als ew'ge- Heiligthum; Die Thora brennt, jedoch die Lettern fliegen, Der Jude fiel, doch nicht da- Judenthum! Und sichtbar seine Boten auch entsendet Jehova mit de- Geiste- Vollgewicht; Wie seine SchmerzenSwand'rung nimmer endet. So fehlt auch Israel sein Moses nicht. Und flammt im Auge ihm die heiße Zähre, Blickt zu dem Mann er auf, den Gott ges«ndt, Der trägt dar Banner heil'ger Glaubenslehre, Den Mosisstab in der geweihten Hand. Gin MoseS ist es, den wir heut' beweinen! Ein Held aus jener auSerwählten Schar, Der auf dem Lebensgang, dem edlen, reinen, Als Stern erglänzte, wundervoll und klar. die Socialdemokraten bei der engeren Wahl in Korneuburg zwischen S e i tz «nd Richter in Stich. Wolf unterstützte seinen größten politischen und persönlichen Feind. Ja, wie rechtfertigte er dies? Durch eine sehr einfache Formel. Prof. Richter ist Antisemit. Zu den obgeschilderten Parteien mit ihrem klaren, streng umschriebenen und festen antisemitischen Programm gehören die „neuen" Männer Völkl, Holter und Dötz. Und weil solche principientreue antisemitische Männer gewählt worden sind, zünden Juden Freudenfeuer und Leitartikel aller „freisinnigen" Bläftex stimmen Jubelhymnen an. ' : ' Ja noch mehr! In Wien wurde anläM.ch des Wahlausganges in der Inneren Stadt eine Siegesfeier veranstaltet. Man glaubte allgemein, es finde M,jüdisches Hochzeitsfest statt. So viel Juden undwenig Arier waren bei dieser Siegesfeier anwesend. D re s e Juden sandten dem b e w u s s te n A n t i se m i t enHölte r ein Glückwunsch - Telegramm anlässlich seiner Wahl. Unterschrieben war dieses Telegramm von einem Juden. Der Antisemit Holter hat dieses.. ,Telegramm auch gehörig gewürdigt. Er handelte wie. ein Mann, er hat als Antisemit den Juden keine Antwort gegeben. Dieser Tric der „Juden"blätter hat aber auch seine unheilvollen Consequenzen. •. Die Katholische Volkspartei, welcheselbstverständlich als confeffionelle Partei Andersgläubigen sehrkühl gegenübersteht, aber den Antisemitismus als wahrhaft christliche Partei wenigstens nie ausdrücklich betonte, wird nunmehr entschieden antisemitisch. Und man Ia irn 4rie 23 Abgeordneten der Katholischen V.olks p artei ruhig zur antisemitischen G e>me i nb ür gschüft rechnen. Das ist die Folge der Ässimilantenpolitik und der Politik des Kampfes gegen den.sogenannten Clericalismus. Dieser sogenannte Kampf gegen ^.den Clerjcalismus, in welchem man die Assimilanten stets innersten Kressen findet, kostet stets den Juden ihr Gut und Blut. So viel über die Wahlsiege. Wie . steht's mit der Stimmenzahl? Demgegenüber muss betont werdey, dass der Antisemitismus in Wien, namentlich: inr Bürgerstande, nach wie vor fest wurzelt. Man lasse; .sich. nicht etwa täuschen, dass in manchen Bezirken bei der jetzigen Wahl weniger antisemitische Stimmen abgegeben wuxden. — In den sogenannten „sicheren* antisemitischen Bezirken ist der antisemitische Wähler faul, die Agitation keine intensive. Da geht der antisemitische. Automat von selbst. Dort, wo der Antisemitismus erobernd auftritt, da steht ,yian die antisemitischen Bataillone in erschreckender Hähl aufrücken Ein Stern, dem also reicher Glanz entflossen In milder Strahlenfülle, unbegrenzt, Dass er nicht leuchte bloß den Stammgenoffen, Dass ewig er am Himmel Deutschlands glänzt. ES war die Zeit so trübe und so düster! Der deutsche Sinn von fränk'schem Hauch erschlafft. Da nahen sie, die ew'gen Hohenpriester, Der deutschen Kunst, der deutschen Wissenschaft. Die Herrscher in dem Reiche der Gedanken, Mit hellem, mächtigen Prophetenton, Aus Königsberg, aus Kamenz und aus Franken, Und Dessau schickt den MoseS Mendelssohn! AuS Deffau kam der Knabe an, der schwache. Der Leib gekrümmt, das Antlitz bleich und fahl, Jedoch beseelt für eine große Sache, Begeistert von der Forschung hellem Strahl. Mit mildem Sinn trägt er des Lebens Bürde, Die Qual des Hungers, wie des Winter- Frost, Doch unersättlich lechzt der Seele Gierde. Nach göttlicher, nach edler Himmelsköst! Das trock'ne Brod, er theilt es knapp — vergebens! Ach, es genügt kaum für der Sätt'gung Drang; Doch in der Tiefe seines innern Lebens -... Da häuft er selt'ne Schätze, jahrelang. Verschlossen noch in kngen, engen Kreisen, Noch ist die Kraft, noch ist sein Muth gelähmt, Pi« da defrommen Juden Ruf, des weisen, Ganz Deutschland schnell mit Staunen überströmt. Ein Jude ist es in der Armut Hülle, Der sich den ersten Deukern angereiht! Ein Jude, der mit reichster Geistesfülle Dadeutsche Wort zur Formvollendung weiht!