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Jüdisches Volksblatt · 1900-12-21 · 51 (21.12.1900) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
51 (21.12.1900)
Date
1900-12-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 21. December 1900 Nr. 51 für das israelitische Altersversorgungshaus; Anonym für das Armenamt 6 Kr.; Anonym für den Armensond 2 Kr. Im Einlaufe befindet sich unter anderem eine Zuschrift des Vorstandes der Chewra Kadischa, betreffend die Wahl des Herrn Moriz K a r p e l e s zum Präses, des Herrn Dr. Markus Spitzer zum Vice-Präses und des Herrn S. Heit zum Schriftführer dieses Vereines. (Zur K e n n t n i s.) Der Präsident erwähnt der Allerhöchsten Auszeichnung, welche dem Eollegen im Vorstande Herrn Emil Horner zutheil wurde und gibt gleichzeitig der Freude des Vorstandes über die Wiedergenesung desselben Ausdruck. (Zusti m m u n g.) A g n o s c i e r u n g der Wahlen. Der Präsident constatiert, dass die im Statute vorgeschriebene Reclamationsfrist behufs Einbringung von Protesten gegen die erfolgten Wahlen verstrichen und dass eine Reclamation nicht eingelaufen sei. lieber Antrag des Referenten Vice-Präsidenten Dr. Alfred Stern werden sohin die am 25. November, beziehungsweise 2. und 4. December 1000 vorgenommenen Wahlen in den Vorstand, sowie bt^ Wahlen von 120 Vertrauensmännern agnoseiert. Der Beschluss des Vertreter-Collegiums, betreffend die Ueberreichung einer Eingabe an die statistische Central-Commission wegen Bearbeitung der aus der Volkszählung resultierenden Daten, betreffend die israelitischen Einwohner Wiens, für amtliche Zwecke der Cultusgemeinde und auf Kosten derselben wird zur Kenntnis genommen. Ueber Antrag der VI. Section und über Referat des Herrn Ober-Ingenieurs v. M i s e s wird dem türkisch-israelitischen Gemeindeverbande eine Anzahl von Gräbern zur Belegung für Mitglieder dieses Verbandes überlassen. Herr Dr. Adolf Stein referiert namens derRechtssection über die Ausschreibung der Osias H. Schorr'schen Stiftung fürRabbinatsundLehramtscandidaten der israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien. ■ Die Ausschreibung wird im Sinne des Antrages der Nechtssection mit Stimmenmehrheit beschlossen. Zum Schluffe folgen Erledigungen von Steuerrecursen. Wien. (JsraelitischeCultusgemeinde.) Bei den auf Grund des Statutes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien am 25. November 1900, beziehungsweise 2. December und 4. December 1900 stattgehabten Wahlen in den Cultusvorstand wurden nachbenannte Herren gewählt: 1. Von der G e s a m in t h e i t der Wähler a) am 25. November - Dr. Alfred Berger, Hof- und Gerichts-Advocat, I., Judenplatz 8 Emanuel Hoffmann, Hausbesitzer, XVIII., Carl Ludwigstro.ße 25 Heinrich Klinger, kais.' Rath, Fabrikant, I., Ebendorferstraße 8 Dr. Gustav Kohn, Hof- und Gerichts-Advoeat, IX., Hahngasse 25 Wilhelm Pollak, kais. Rath, Weingroßhändler, XIV., Reichsapfelgasse 8 Dr. Maximilian Steiner, Privatier, I., Graben 16 Dr. Alfred Stern, em. Hof- und Gerichts-Advocat, II., Untere Donaustraße 27, b) am 2. December (engere Wahl) : Hermann Eltbogen, Productenhändler, XX., Rafaelgasse 12 Isidor Gewitsch, Lederhändler, II., Kaiser Josesstraße 37. 2. Bon den höher be st euer len Mitgliedern am 4. December: Rudolf Auspitz, Großhändler, I., Oppolzergasse 6 Dr. Josef Breuer, Universitäts-Docent, I., Brandstätre 6 David Ritter v. Gutmann, Großindustrieller, IV., Schwindgasse 2 Dr. Felix Katzau, Hos- und Gerichts-Advocat, IX., Wasagasse 6 Moriz Edler v. Kuffner, Fabriksbesitzer, XVI., Ottakringerstraße 91 Wilhelm Kuffner, Fabriksbesitzer, XIX., Billrothstraße 03 Dr. Arthur Kuranda, Hof- und Gerichts-Advocat, I., Lugeck 3 Leopold v. Lieben, Vice-Gouverneur-Stellvertreter der Oesterreichisch-ungarischen Bank, I., Oppolzergasse 6 Leopold Pollak, Fabriksbesitzer, Präsident des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft, I., Vorlaufstraße 3 Sigmund Taussig, k. k. Ober-Baurath, IV., Heugasse 2 Theodor Ritter v. Taussig, Director der Bodencredit-Anstalt, I., Teinfaltstraße 8a Jonas Weil, k. k. Commercial-Rath, Präsident der Börse für landwirtschaftliche Products, I., Hohenstaufengasse 4. Diese Wahlen wurden gemäß 8 17, al. 3 der Wahlordnung in der Plenarsitzung vom 13. December 1900 vom Vorstands anerkannt, was hiermit verlautbart wird. Wien, 14. December 1900. Der erste Secretär: Der Präsident: Dr. Theodor Lieben. H. K l i n g e r. Wien. (Jüdischer Bolksverei u.) -Der bekaunte Schriftsteller Dr. Paul Weisengrüu, hielt am Mitwvch den 19. d. M. im großen Frstsaale des „Jüdischen Volks- Vereines" einen Vortrag über „Das sociale Element in der Judeufrage^. Dem Muss - Judenstandpunkte Vieler stellt er das bewußte Jndenthum gegenüber. Was unbewusst in uns gelebt hat, tritt an die Oberfläche. Man kann ans seiner Judenseele nicht hinaus. Einseitig und verfehlt wäre es, nur das nationale Element zu betonen und das sociale auszuschalten. Beide Momente zusammen bilden die Judensrage. In dem Augenblicke, in dem das bewusste Jndenthum erwacht, treten wirin ein seltsa mes Verhältnis zu unseren östlichen Massen. Wir treten mit ihnen in Coutact, um die Interessen des jüdischen Volkes zu einem Ganzen zu verweben. Doch mit einer bloßen nationalen Organisation kann es nicht gehen, mit der Anfstellnng eines Endzieles allein kann man keine Politik treiben: Es gibt eine Unmasse wirtschaftlicher Fragen zu lösen. Ein sociales Programm aber zu einer Zeit entwickelt, wo es im Judeuthum noch chaotisch aussieht, wo ein großer Theil der Juden noch nicht zur Erkenntnis des specifisch Jüdischen gereift ist, muss naturgemäß sehr lückenhaft sein, es kann auch nicht gleichmäßig für verschiedene Länder ausgestellt werden, sondern muss sich auf jene beschränken, in denen die Verhältnisse gestatten, auch das sociale in den Vordergrund zu schieben. Redner bespricht hierauf eine Reihe von wirtschaftlichen Maßnahmen, die die Lage der österreichischen Juden bessern könnten uno schließt mit einem Appell au die Judenschaft, das Wort „Social" neben das Wort „Jüdisch" aus ihre Fahne zu setzen. An der darauffolgenden Discussion betheiligten sich die Herren Dr. Fink, Redlich, Dr. Kadisch und Dr. K o h tt. Erschienen waren unter Anderen das Vorstandsmitglied Dr. Alfred Berger und Hofunb Gerichtsadvocat Dr. K a h n. Wien. (Jüdisches Museum.) Am 15. d. M. hielt der Verein zu Conservierung jüdischer Denkmäler seine. 4. ordentliche General-Versammlung ab. Nach dem Rechenschaftsbericht der Herren S t i a ß n y und Fleischer, die lebhafte Klage über das Fehlen finanzieller Mittel führen, wurden die neuen Erwerbungen des Vereines, das sind 8 reizvolle Aquarelle von der Meisterhand Schauers, Darstellungen aus dem Hohen Lied, und 4 Reproductionen ans der Haggadah von Sarajevo, ansgeführt von Architekt Max Fleischer besprochen. Nach der Wahl von 6 neuen correspondierendeu Mitgliedern, unter Anderen von Moritz Lazarus (Berlin), Josef H a l e v h (Paris), hielt Professor Dr. C o r v i l l ans Breslau einen hochinteressanten Vortrag über das Hohe Lied, das er von der schulgemäßen Auslegung abweichend commentierte. Wir kommen auf seine vollständig neue Erklärung des hohen Liedes noch ausführlich zurück. Wien. (Israelitisches S i e ch e n h a u s.) In geräuschloser Weise fand Mittwoch nachmittags die Uebernahme und Besichtigung dieses ans Anlass des 70. Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers von der Wiener Cultusgemeinde gestifteten Humanitären Institutes statt. Dasselbe schließt sich an das seit Jahren bestehende Altersversorgnngshaus in der Seegasse an und soll seinerzeit die Aufnahme von etwa siebzig Personen ermöglichen, bis die innere Einrichtung vollendet ist. Das stattliche Gebäude wurde nach dem Plane des Banrathes S t i a ß n y vom Architekten Reiser und Baumeister P a n t- .s choreck innerhalb kurzer Zeit erbaut. Wien. (Zur K o s cher - F leisch fr age.) Von einem hiesigen Fleischhauer erhalten wir folgendes Schreiben: Als Abonnent und eifriger Leser Ihres geschätzten Blattes, das in ausgezeichneter und rückhaltsloser Weise die Interessen des Judenthums überall, wo es noththut, auch gegen die eigenen, inneren Feinde zu vertreten weiß, erlaube ich mir Sie auf eine folgenschwere, höchst unzeitgemäße Neuerung seitens unserer verehrlichen Cultusgemeinde aufmerksam zu machen, mit der ergebenen Bitte, der Angelegenheit eine geeignete Besprechung in Ihrem geschützten Blatte zu widmen: Seit einiger Zeit hat unsere hochlöbliche Cultusgemeinde, die die Interessen des Judenthnms zu vertreten berufen ist, über Anregung eines sehr einsichtsvollen Rabbiners eine Neuerung getroffen, dass jene Fleischhauer, die Koscherfleisch verschleißen und die Bezeichnung in ihrem Schilds führen, verpflichtet find, eine Cantion von 500 fl. zu erlegen und überdies für die Schächtung eines Ochsen statt 25 kr. 80 kr. zu bezahlen. In der Zert, wo die Fleischpreise bereits eine schier unerschwingliche Höhe erreicht haben, unternimmt es die Cultusgemeinde, eine neue Cultussteuer auf das Fleisch aufzuerlegen, ohne zu bedeukeu, welchen schweren Schlag sie dadurch der Sache des Judenthnms versetzt hat. Die Cultusvorstehung mag von der Ansicht ausgegangen sein, dass derjenige, der aus rituellen Gründen Koscherfleisch ißt, auch bei erhöhten Preisen von demselben nicht Abstand nehmen wird. Das ist aber ein durchaus verfehlter Standpunkt. Es gibt in Wien tausende von jüdischen Haushaltungen, wo aus Gewohnheit und aus gewisser Pietät, keineswegs aber aus Ueberzeugung und religiösen Motiven rituelles Fleisch gebraucht wird. Eine geringe Aufzahlung, die man bei Koscherfleisch stets leisten muss, mag man ja angehen lassen, wenn man aber dafür 25—40% für das ohnehin horrend theure Fleisch mehr bezahlen muss, so wird sich so manche Hausfrau, die mit dem Kreuzer zu rechnen genöthigt ist, leicht von ihrem Princip oder sagen wir Gewohnheit ablenken lassen und zum Trefefleisch greifen. Diejenigen aber, die ihre Ueberzeugung nicht preisgeben wollen, denen aber die knappen Mittel nicht erlauben, das doppelt verteuerte Fleisch zu kaufen, werden auf dieses wichtigste Nahrungsmittel ganz oder theilweise und sogar umso eher verzichten müssen, als sie ja zu dem billigeren Pferdefleisch nicht greifen dürfen. Es wird also das Koscherfleisch nachgerade ein Luxusartikel werden für diejenigen Auserlesenen, bei denen die materiellen Mittel mit den religiösen Ueberzeugung Hand in Hand gehen. Wie bei diesen Verhältnissen die jüdischen Fleischhauer ihr Auskommen finden werden und ob die Finanzen der Cultusverwaltung dadurch gehoben werden, möge die Cultusvorstehung gefälligst wohl selbst entscheiden. In der Zeit, wo den Juden die Existenzbedingungen an allen Ecken und Enden erschwert und geradezu unmöglich gemacht werden, unternimmt die Cultusvorstehung einen so verhängnisvollen Schritt und bringt tausende und tausende jüdische Familien vor die Alternative, entweder ans ein wichtiges Nahrungsmittel zu verzichten, beziehungsweise dasselbe noch mehr einzuschränken oder die geringen Spuren des Judenthnms aus Haus und Hos zu banucu. Die Bevölkerung schreit nach rascher Abhilfe und s chlennigste Aufhebung dieser drakonischen Maßregel. Hochachtend A. Wrrmn. (M akkabüer - Feier.) Der Handesangestellteilverein „Emunah" veranstaltete am Sonntag den 10. d. M. im großen Saale des Altbrünner Brauhauses eine überaus gelungene Makkabäer-Feier. Der Vorsitzende Herr Tin tu er begrüßte die Erschienenen, u. a. die Vertreter des Vereines „Zion" in Brünn und des „Jüdischen Volksvereines" in Wien, ferner die Vertreter der akademischen Verbindmlgen „Jvria", „Beritas" und „Zephirah". Herr cantl. jur. Otto Abeles hielt die Festrede. In überaus feiner, zart empfundener Weise sprach er von Knechtschaft und Freiheit. Herr caud. techn. Robert Stricker zeichnete in scharfen Strichen die Schäden der Assimilatiou. Beide Redner fanden stürmischen Aiiklang. Hierauf luurbe flott getanzt. Die Pansen füllten nationale Gefänge. Znaim (Kauft nicht bei Jude n.) Nicht eilimal in Wien iverden die Worte des Prinzen Liechtenstein und Lueger „Kauft nicht bei Juden" so beachtet und befolgt, als in Znaim — von den Jndenfrauen. Znaim hat 100 bis 120 jüdische Familien, von denen mehr als neu» Zehntel factisch nicht bei Juden kaufen, fouberu gruppenweise bei den Ariern ihre Bedarfsartikel einkaufen, obzwar es fünf jüdische Kaufläden gibt, die gerade dasselbe bieten wie ihre arische» Concurrellten. Viel, sehr viel könnten die Judenfrauen zur Besserung des Kanfmannsstandes beitragen und damit die Lage ihrer Stammesverwandten verbessern. Prossnitz. (M ak k ab ä e r f e i e r.) Fast über einem Menschenalter ist das Channka-Fest in unserer Gemeinde nicht so glanzvoll gefeiert lvorden als diesmal. Nachdem die armen Schulkinder mit anständigen Winterkleidern bekleidet und die bedürftlgsten Eltern mit Heizmaterial und Lebensmittel versehen worden waren, begann das eigentlich festliche Gepräge dieses Tages. Punkt 4 Uhr nachmittags erstrahlte der Tempel im hellen Lichterglanze der vielen hunderten Kerzen. Die Orgel intonierte ein weihevolles Präludium mit Motiven von Muüs Zur. Hierauf celebrierte unser Obercantor Herr Isidor Brunowit« die Festgesänge verbunden mit oem Abendgottesdienste, dessen gediegener Bortrag unterstützt vom verstärkten Chore allgemeinen Beifall erzielte. Dann bestieg unser Meisterredner Sr. Ehrw. Herr Doctor Goldschmied die Kanzel, begann erst — mit dem Gesichte zum Channka-Lichtlein gewendet — die Vortheile dieses bescheidenen Fläinmchens zu schildern, gieng dann auf das scheinbar viel stärkere Irrlicht über und entwickelte daraus das Thema mton rvaiK1? nom •’u n»nn npiac anwendend auf den nationalen und confessionellen Zwiespalt der Jetztzeit. Obwohl viele Christen der besseren Stände im Tempel anwesend waren, donnerte er dennoch mit einem solchen Feuereifer aber in schwungvollen Ausdrücken auf unsere Verfolger, bezog sich gleichzeitig auf das Verhalten der hiesigen Juden bei der am 10. Jänner bevorstehenden Reichsrathswahl, so dass Alles von seiner zündenden Rede sehr ergriffen und begeistert worden ist. Dieser feierliche Act wird eine lange nachhaltige Wirkung auf alle Zuhörer üben. Bodenbach. Unser „dentschfortschrittliches" Organ, die „Tetschen-Bvdenbacher Zeitung", bringt am Sonntag vor Weihnachten einen Artikel unter dem Titel „Judenpunkt", der darin gipfelt, von der Partei den Verdacht zu nehmen, als sei sie philosemitisch. (Hat das jemand geglaubt?) Sie werden sich es nicht nehmen lassen, die Corruption im jüdischen Lager stets zu bekämpfen. (Wir sind einverstanden, wenn sie es auch im eigenen Lager nicht verabsäumt.) Neu ist das eine nur, dass die deutschfortschrittliche Partei bisher nur im Geheinlen den Antisemitismus propagierte, während sie neuesten^ —> als einzigen Fortschritt — den Antisemitismus unverhohlen coram publico verkündet. (Siehe „Vom Tage".) Am ersten Chanuka-Abende fand zugunsten des Tempelbaufonds eine sehr gut besuchte und trefflich dnrchgeführte Theatervorstellung statt, welche dem edlen Zwecke hoffentlich einen ansehnlichen Betrag zuführen dürfte und auch Zeugnis gab, dass die Zeitströmung eine Förderung des jüdischen gesellschaftlichen Lebens nach sich zieht. Das Arrangement lag in den Händen eines Mannes, der nicht nur den Kranken Heilmittel zu verschreiben imstande ist, sondern auch für die Gesunden eine Lachcur für zuträglich hält. Ansland. Berlin. (Graf P ü ck l e r.) Eine große antisemitische Volksversammlung versiel gestern Abend der polizeilichen Auslosung. Der bekannte Gras Pückler sollte über die Judenfrage und das deutsche Volk sprechen. Er begann: „Meine Herren und Damen! Sie werden gehört haben, dass ich inzwischen in Halle und Dresden mar und dort tüchtig auf die Judenbande losgedroschen habe. (Stürmischer Beifall.) Als er dann fortfuhr, er hätte erwartet, dass man eine Razzia durch verschiedene Berliner Locale unternommen hätte, erhob sich der überwachende Polizeiofficier und erklärte die Versammlung für aufgelöst. Berlin. (Die Bittschrift an den Pap st,) welche von einem Comito beider christlichen Confessionen in Belgien gegen den Antisemitismus, namentlich aber gegen die Blulbeschuldigungen gerichtet wurde, hat folgenden Wortlaut: Sehr heiliger Vater! Die Unterzeichneten, welche den verschiedensten philosophischen Schulen und, mit Ausnahme der jüdischen, allen Religionen angehören, haben die Ehre, Ew. Heiligkeit z»l^melden, dass alle edlen Geister, gleichviel welchen Glaubens, mit Schrecken den großen Fortschritt wahrnehmen, den der Judenhass in allen Ländern «rächt. Aengstlich sehen sie die roachsende Gunst, mit welcher die unwissenden Massen die ebenso hassensiverte wie absurde Legende vom Ritualmorde aufnehmen, feie beklagen die Gewaltthäligkeiten und die Plündernngsscenerr, derren diese Legende als Borwand dient; sie bedauern auch das in Knttenberg am 15. September gegen einen Inden wegen eines Ritualmordes ausgesprochene Todesnrtheil, das sie als den größten Schimpf für dre Cioilisation ansehen. Gleich nach Fällung jenes Todesurtheils hat die civilisierte Welt Protest dagegen erhoben, die Wissenschaft ist eingeschritten, und der verurtheilte Ine Hilsner ist nicht hingerichtet worden. Alle Geister der Humanität athmeten nach gefälltem Spruch des Cassationshofs erleichtert auf, da er durch Annlliernng des Urtheils der modernen Gesellschaft die Schande einer Hinrichtung wegen Ritlralmordes erspurt hat. Die Unterzeichneten setzen ihre Hoffnungen ans die Weisheit Ew. Heiligkeit, die sie instättdigst bitten, den glorreichen Traditionen des päpstlichen Stichles 31t folgen und die Wiederkehr ähnlicher Greuel zu verhindern. Die Unterzeichneten können sich auf mehr als einen erlauchten Vorgänger Ew. Heiligkeit und namentlich ans die Päpste Gregor X., Martin V., Paul Id. und Clemens XIV. berufen. Aber schon vor diesen drückte sich der große Papst Jnaocenz IV, wie folgt darüber aus: „Indem wir uns gegen die Verderbtheit und den Geiz schlechter Menschen erheben, befehlen wir, dass niemand jüdische Gräber schänden und jüdische Leichen nusgraben darf, um bei Ihnen nach Geld zu suchen. Dass ferner Niemand die Juden anklagen darf, sich zu religiösen Zwecken des Christenblutes zu bedienen. Das alte Testament verbietet ihnen den Gebrauch des Blutes überhaupt, geschweige denn des Menschenblntes." „Da in Fulda und in manchen Orten viele Juden infolge dieser Anklagen gelobtet wurden, so verbieten wir hierdurch ans das Strengste, dass sich solche Ereignisse noch einmal wiederholen." Aber Pnblieisten hetzten die verblendete Menge mir solchen Verbrechen auf, und Behörden geben dem Drängen dieser Menge nach und verklagen und vernrtheilen Inden wegen Ritnalmord. Alle diejenigen, welche bemüht sind, dieser verbrecherischen Legende beim Volke Glauben zu verschaffen, befinden sich in offener Rebellion gegen den Willen des souveränen Papstthums, sie erheben sich gegen die Kirche, indem sie den XXUI. Artikel des Syllabus und das Dogma oer päpstlichen Unfehlbarkeit verletzten. Daher bitten die Unterzeichneten Ew. Heiligkeit die christliche Welt an ihre Pflichtju mahnen und dadurch die Wiederholung jener blutigen Scenen und Justizverbrechen zu verhindern, welche der Menscheit zur Schmach gereichen." Paris. (Die Ittdell in Algier.) Der von der Deputirteiikaiumer im vorigen Jahre eingesetzte algierische Untersuchungsausschuss hat seine Arbeiten beendet und den Abgeordneten de Bvisserin mit der Berichterstattung betraut. Letzterer schlug vor: 1. Die Aufhebung des Cremieux'schen Ediets, welches den Juden Algiers die Gleichberechtigung verlieh. 2. Die Streichung aller in den letzten fünf Jahren in die

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