Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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m. so Wien, Freitag Jüdisches Folksblatt 14. December 1900 Seite 5 welche den Saduceäern gegenüberstand, später galt diese Bezeichnung allen jenen, welche in Glaubenssachen einer sreieren Auffüssung huldigten und consessionelle Fragen zum Gegenstände von Erörterungen machten« In der Folge erfuhr das Wort Amhoorez noch eine weitere Modifikation und man nannte „A m H o o r e z" jene Personen, welche die „jüdischen" Religionssatzungen und Gebräuche nicht kannten, die in allem „dem Rache ihrer Frau folgten". Heute heißt derjenige „A m h o o r e z", der vor lauter profaner Bildung sein Judenthum verleugnet. Dem Bortrage folgte ein nicht endenwollender Applaus, welchen der Redner auch verdiente. Dann setzte Herr A g a i seine interessanten Mittheilungen aus seinem alten Tagebuche fort. Budapest. (Se. Majestät interessiert sich für de n S y n a g o g en b a u.) Gelegentlich des letzten Hofdiners erkundigte sich Se. Majestät mit großem Interesse bei den der Hoftafel zugezogenen Baumeistern nach dem zu künftigen Syuagogenbau der hiesigen Gemeinde. Se. Majestät fragte, wie hoch denn die Kuppel sein werde, worauf er die Antwort erhielt — 33 Meter. Also nur um 7 Meter niedriger als die Kuppel der St.-PeteErche in Rom, bemerkte hierauf der König. „Es dürfte ein Prachtbau werden," bemerkte er den Angesprochenen gegenüber. Ausland. Berlin. (Der Verein selbstständiger H andwerker) jüdischen Glaubens, gegründet 1895, feierte am Sonntag den 9. Deeember, das 5. Stiftungsfest, verbunden mit Bannerweihe. Der Verein, von einer kleinen Anzahl jüdischer Handwerksmeister begründet, zählt heute bereits 200 Mitglieder. Jeden zweiten und vierten Montag im Monat finden im genannten Locale Mitgliederversammlungen statt Berlin. (Das Blut Märchen.) Unter obigem Titel bringt die „Berliner Morg.-Ztg." in der Rubrik „Meinungsaustausch" ein Eingesendet aus Leserkreisen, F. in P. unterzeichnet, das zu interessant rst, als dass es weiteren jüdischen Kreisen vorenthalten werden sollte. Einsender schreibt: „Welche Folgen das Blutmärchen gezeitigt hat, mag folgender, kaum zu glaubender, aber wahrer Vorfall beweisen: In einem sonst recht friedlrchem Städtchen Hinterpommerns hielt der Antisemitismus seinen Einzug. Es ist allbekannt, dass er seine giftige Saat gern dort verstreut, wo er nur einen empfänglichen Boden findet. Es ist ihm auch ganz einerlei, ob daraus dem Orte Nachtheil erwächst oder nicht. Die Hauptsache ist ihm nur, in jeder Weise gegen die jüdischen Mitbürger zu hetzen. Selbst die unschuldigen Gemächer der Schulkinder werden durch Wort und Schrift rn Mitleidenschaft gezogen. In einer Schule sollte eine Schulinspection stattfinden. Allerdings scheinen die Kinder vorher nichts davon gewusst zu haben. Aus einer Elaste musste sich der betreffende Lehrer auf eine kurze Zeit entfernen. Gerade in diesem Augenblicke erscheint in der Elaste der alte, ehrwürdige Schulrath, seines Amtes zu walten. Sowie er aber in die Elaste tritt, begrüßen ihn die Kinder mit einem entsetzlichen Angstgeschrei. Es entsteht ein ängstliches Drängen, ein Wimmern und ein Heulen, dass der Schulralh ganz verblüfft dasteht. Auch in den anderen Elasten wird das Geschrei gehört. Nun eilt der betreffende Klassenlehrer herbei und es glückt iym endlich, seine Elaste zu beruhigen. Auf die Frage, was denn eigentlich geschehen sei, erhält er jammernd und verängstigt die Antwort: „Der alte Jud' kauft Kinder zum Abschlachten auf und will uns auch holen." So etwas geschieht im Jahre 1900. Breska«. (Antisemitismus in der Studentenschüft.) Die an der Breslauer Universität bestehende „studentisch - wissenschaftliche Verbindung" wurde am 31. Juli d. I. vom Rector und Senat vorläufig, und zwar für die Dauer eines schwebenden Untersuchungsverfahrens, suspendirt. Dies Verfahren war durch ein Mitglied der Verbindung herbeigeführt worden, welches einem Mitgliede der Turnerschaft „Suevia' wegen seines herausfordernden antisemitischen Benehmens eine Orfeige versetzt hatte. Diese in akademischen Kreisen sonst ungewöhnliche Selbsthilfe, zu der sich der jüdische Student Hinreißen ließ, ist auf eine persönliche Beleidigung zurückzuführen, die ihm von dem antisemitischen Studenten angethan wurde. Die „Bresl. Ztg.' berichtet darüber: Die feindliche Stimmung war schon seit längerer Zeit durch verschiedene Vorgänge im Hörsaale vorbereitet worden. Auf den Bänken standen nicht selten von unbekannter Hand geschriebene, offenkundig an die Adresse der jüdischen Coiflmilitonen gerichtete Bemerkungen, z. B. „Duft aus Könitz', oder „Ein schöner Anblick ist hienieden — Ei wai, 's sind kausch're Jüden. Aehnliche taktlose Aeußerungen wurden von studentischen Antisemiten in Gegenwart jüdischer Studenten öfters ge sprochen und an diese auch persönlich gerichtet, wie z. B.: „In Könitz geschieht noch viel zu wenig, die Juden müssten zu,Mus geschlagen werden." Eines Tages riß einem der fortgesetzt Geschmähten die Geduld. Es geschah bei der Vorstellung eines schwerkranken galizischen Juden in der chirurgischen Klinik am 9. Juli d. I. Der Patient machte bei Erzählung seiner Krankengeschichte eigenthümliche Gesten, die von dem zufällig gegenwärtigen antisemitischen Sueven in recht auffallender Weise nachgeahmt wurden. Durch dieses Benehmen fühlte sich der neben ihm sitzende jüdische. Sind ent beleidigt und ignorirte ihn dafür, was er auch dadurch zeigte, dass er die von dem Antisemiten ihm überreichten Präparate nicht nbnahm. Nach Beendigung des Collegs folgte der Sueve dem jüdischen Studenten in die Garderobe und rief ihm zu: „Sie sind ein unverschämter Mensch!" Als Antwort darauf erhielt er von dem jüdischen Studenten eine schallende Ohrfeige. Auf studentischem Wege wurde die Angelegenheit nicht zum Auslrage gebracht, vielmehr beschloß eine Conferenz aller an der Universität bestehenden Verbindungen gegen den Protest des „Vereines jüdischer Verbindungen," den Herrn, der die Orfeige ausgetheilt, beim akademischen Senat zur Anzeige zu bringen, dagegen über den Antrag der jüdischen Vertreter, das Verhalten des Sneven für iucommerttmäßig zu erklären, zur Tagesordnung überzugehen. Auf diese Anzeige hin wurde die eben erwähnte Untersuchung gegen den jüdischen Studenten eingeleitet und derselbe von akademischen Senate der Universität durch ein am schwarzen Brett zum Aushang gebrachtes Urtheil „wegen thätlicher Beleidigung eines Commilitonen mit Entfernung von der Universität bestraft." Wkikzbnrg. Dem Rechenschaftsberichte für die „Israelitische Lehrerbildungsanstalt" in Würzburg für das sechsünddreißigste Jahr ihres Bestehens, von Nathan Bamberger, DistrietS- Rabbiner und Borstand der Anstalt, entnehmen wir: Mit dem Schluffe des Schuljahres bestanden neun Zöglinge, die sämmtlichen Schüler des Obereurses, die Austrittsprüfung am Kgl. Schullehrer-Seminar dahier mit gutem Erfolge und wurden in die Praxis entlasten. Die Zahl aller seit dem Bestehen der Anstalt ausgebildeten und in die Praxis entlassenen Schüler beträgt jetzt 307, die nn den verschiedenen Gegenden Deutschlands und noch weiter hinaus segensreich wirken. Alljährlich wird von einem der geistlichen Mitglieder des Euratorinms Prüfung aus der Religionsliteratur abgehalten, die auch diesem Jahre ein ganz günstiges Resultat lieferte. Die Anstalt hatte im abgelaufenen Schulzahre 29 Zöglinge. Die eingegangenen Spenden haben im abgelaufenen Jahre ein ganz befnedigendes Resultat ergeben. Es'sei daher allen verehrten Spendern und Spenderinnen inniger herzlicher Dank ausgesprochen. Paris. (Ein antisemischer Ge sch ä fts kn iff.) Die republikanischen Blätter veröffentlichen ein Rundschreiben der „Libr e P aro l e", das an eine große Anzahl von Maler n und Bi ldha uern gerichtet worden ist. ES lautes: „Wir organisieren für den 1. Jänner eine P r e iS V e rth ei lung an unsere Abonnenten. Wir möchten unter unseren Preisen einige K u »st w e r Vt, selbstverständlich von geringem Werte, haben, und ersuchen deshalb um Ihre Unterstützung. Vielleicht haben auch Sie sich nicht immer über die Juden lobend zu äußern gehabt. Vielleicht werden Sie nicht zögern, eines Ihrer Werke, ^wie gering es auch sein mag, uns zur Verfügung zu stellen. Zum Tausch bieten wir Ihnen Alles an. was wir bieten können, d. h. die „Libre Parole" Ihnen stets zur Verfügung zu stellen, so oft Sie uns eine Mittheilung zufchicken wollen -- Salons, Ausstellungen u. s. w. Wir werden das Geschenk, das Sie uns zu machen belieben, in der Prämienliste als einen Ankauf seitens der „Libre Parole" verzeichnen, wenn Sie dies vocziehen. Genehmigen Sie u. s. w." — Ein Maler, der ein derartiges Schreiben erhielt, antwortete jedoch Drumon t kurz und bündig: „Mein Herr! Ihr eigennütziges Rundschreiben ist das Allerhöchste von einem „Judenkuiffe". Meine von einer tiefen Verachtung durchtränkten Cömplimeute." Paris. Das vortreffliche Buch des Herrn Profeffor Strack „Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit" ist soeben mit einem Vorwort des Herrn Professor Saloinon R e i n ch in französischer Uebersetzung erschienen. Beigegeben sind derselben die päpstlichen Ballen und das Gutachten des Cardinals Gangauelli über die Blutbeschuldignng. Paris. (Die Antisemiten und Präsident Krüger.) Aus Marseille wird berichtet, dass die Vertreter des Antisemitenverbandes dem Präsidenten Krüger im Aufträge des vom Staatsgerichtshof verurtheilten Agitators Jules Guärin einen Blumenstrauß überreichten und erklärten, dass Guerin, der Gefangene der Regierung und der Juden, i» einer ähnlichen Lage sich befinde wie die Buren ch. St. Helena. Krüger wies hierauf in sehr nachdrücklicher Weise den Blumenstrauß zurück. London. Dem jüdischen General-Staatsanwalt von Victoria, A. Isaak, welcher rn Folge des nach dem Siege der Liberalen im vorigen Jahre nothwendig gewordenen Rücktritt des bisherigen Ministeriums sein Amt verloren hat, ist jetzt von dem unter Sir Georges Turner reeonstruierten Ministerium dieses Amt wieder übertragen worden. Geboren zu Melbourne 1855, wurde Mr. Isaak 1892 von den Einwohnern von Bogong ins Parlament geschickt, worauf ihm 1894 der Posten eines General- Staatsanwaltes übertragen wurde. Als solcher verwaltete er während der Abwesenheit seines Chefs in England die Stelle eines Premier-Mmrsters. 1897 wurde er von seiner Regierung zum Congress aller australischen Staaten delegiert, auf dem die Errichtung einer australischen Federation berathen wurde. London. (Die Steuernder „Jea".) Der hiesige Appellhof entschied kürzlich, dass die hier berm Handelsamtc eingetragene „Jüdische Colonisations-Gesellschaft" für eine ihr vom verstorbenen Baron Hirsch im Jahre 1892 vermachte Summe von 7 Millionen Pfund Sterling Nachlasssteuer in der Höhe von 8% und Erbschaftssteuer in der Höhe von 10%, zusammen 18%, also 1,260.000 Pfund Sterling Steuer zu bezahlen habe. Der Einwand, welcher erhoben war, daß Baron Hirsch außerhalb England gelebt habe und gestorben sei und sein Vermächtnis nur allsländischen Juden zukomme, wurde vom Gerichte verworfen. Dagegen machte das Gericht geltend, daß die „Jüdische Colonisations-Gesellschaft" in England registriert und darum englischen Gesetzen unterworfen sei. Die Thatsache, daß die Gesellschaft ihr Haupt-Bureau in Paris hat und außerhalb Englands Geschäfte betreibt, wurde als unwesentlich angesehen. Baron Hirsch schenkte dieser Gesellschaft zu seinen Lebzeiten 2 Millionen Pfuno Sterling. 1892 übermachte er ihr weitere 7 Millionen Pfund Sterling unter der Bedingung, dass ihm bei Lebzeiten die Zinsen davon verblieben. Von diesen 7 Millionen war 1 Million bei einer Londoner Bank deponiert, die übrigen 6 Millionen dagegen bei ausländischen Banken und in ausländischen Werthen. Die Colonisations-Gesellschaft hielt nur die in London deponierte Million für steuerpflichtig, während die Appellrichter dagegen den gesammten Betrag von 7 Millionen für steuerpflichtig erklärten. Der Stenerbetrag von 1,260.000 Pfund Sterling (l5 Millionen Gulden) wurde sogleich beim Gerichte deponiert, so lange Berufung an die höchste Instanz noch in Aussicht genommen ist. Rom. Die in Ancona erscheinende iutransigent-clericäle „Patria' hatte im vorigen .Monate unter dem Titel: „Die Statistik der Juden", einen von Verleumdungen und Schmähungen strotzenden Artikel veröffentlicht. Die israelitische Cnltusgemeinde der Stadt beschwerte sich darüber bei der Staatsanwaltschaft, welche gegen das Blatt die Verlenmdungsklage erhob. Heute fand die Hanptverhaudlttttg statt. Der Bertheidiger verwahrte sich gegen die Zulassung der israelitischen Cnltusgemeinde als Privatbetheiligte, da die Inden weder eine Elaste bilden, noch individuell angegriffen wurden, ihr Beitritt zur Klage also unberechtigt sei. Der Gerichtshof entschied in diesem Sinne. Der Staatsanwalt meldete dagegen Berufung an. Die Verhandlung wurde darauf vertagt. Warschau. (Statistik.) Die statistische Abtheilung unserer Stadt veröffentlicht soeben ihren Bericht pro 1899. Wie wir demselben entnehmen, betrug die Zahl der ehelichen Geburten unter den Juden 39*74 pro Mille, gegen 39*94 bei den Protestanten und 41*95 bei den Katholiken, die außerehelichen 0-70, während sie bei den Protestanten 2*57, bei den Rüsten 3-84 und bei den Katholiken sogar 6'16 betrugen. Die Zahl der jüdischen Ehen war sehr niedrig. Sie betrug 8'19, dagegen bei den Katholiken 10 59, bei. den Protestanten 11-53 und bei den Rüsten 15-21 pro Tausend. Die Todesfälle beliefen sich bei den Juden auf 12-73 bei den Protestanten auf 21'59, bei den Katholiken auf 24*02 pro Taufend. Vttkareft. (Wie Judenhetzen entstehen,) Der gegenwärtig hier sich abspielende Process gegen dfe „Bulgarischen Mörder' hat für uns Juden hochinteressante Details zutage gefördert. Der Angeklagte Trifanov plauderte aus, dass die bulgarische Liga, um während ihrer Annexionsaetion auf Makedonien nicht durch dir eifersüchtigen Nachbarstaatcn gestört zu werden, für diese ablenkende Volksbewegungen geplant habe. So sei für Rumänien d?e Jnseenierung einer Judenhetze in Aussicht genommen gewesen. Wir glauben kaunr, dass die Durchführung dieses Planes den bulgarischen Intrigantes schwer gefallen wäre, bemerkenswert ist bei diesem Blicke hinter die Coulisten der Weltgeschichte blos die Erkenntnis, wie mannigfaltig die „Ursachen' zu Judenverfolgungen sind und an wie schwachem Faden Ruh und Frieden jüdischen Gemeinwesen im Golus hängen. Die Reichsrathslvahleil in der (Orig.-Corr. des „Jüdischen Volksblatt^ Von den elf Mandaten, die die Bukowina zu ve rgeb^n hat, kommen nur drei für die Inden des Landes in Be kracht. Das Mandat der Landeshauptstadt Czernowitz, . dgs . der drei Städte. Suezawa, Sereth, Radautz und das Handelskammer- Mandat. In den Städten haben die Inden eine starke relative Majorität, die bei der Zerklüftung der Bsvölkern/ig nach Nationen und Confessionen zur absoluten werden kann,-wenn malcontente Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. J a der Handelskammer verfügen die Juden über zehn -von; sechzehn Mandaten. In Czernowitz candidiert der ehemalige Reichsraths- Abgeordnete Dr. Benno Strau eher, der in der glücklichen Lage ist, in allen Bevölkerungsschichten bei Judenund'auch bei Christen Sympathien zu finden. Er ist derzeit dev einzig mögliche jüdische Candidat. Ein kluger, politisch geschulter Kopf, im öffentlichen Leben der Landeshauptstadt hervorragend chätig, von anerkannter Uneigennützigkeit und Integrität des Charakters, ein Bolkmann par excellence nach classisch-antikem Muster — so ist Dr. Strauch er der Liebling des Bottes und sein Erwählter geworden. Seine Candidatur erfährt., bis heute keine Anfechtung, er dürste auch einstimmig in den Reichsrath entsendet werden. Sein Wirken als jüdischer Abgeordneter ist bekannt. Die Juden haben allen Grund, mit ihm zufrieden zü sein. In den drei Städten candidiert ohne Rivalen ei» Deutscher, Profeffor Dr. Arthur Sk edel, eine Blume unter der Sonne der Regierungsgunst. Die Juden der drei Städte wagen es nicht, sich aufzuraffen und einen aus ihrer Mitte zu candidieren. Bezirkshauptmannschaft und Steueramt corrigieren die freie Wahl. Selbst wenn es in den drei Städten lauter Juden gäbe, das Wahlresultat wäre immer nur nach Wunsch der „hohen Regierung". Die wirtschaftliche Abhängigkeit von den Behörden entmündigt die jüdische Wählerschaft, die zumeist aus Schänkern, Greißlern, kleinen Geschäftsleuten ü. dgl. m. besteht. So erleben wir das Merkwürdige, dass ein,deutschnationaler Candidat von einer orthodox jüdischen Bevölkerung umjubelt wird. Früher war es Professor Dr. R o s ch m a u, n, jetzt ist es Profeffor Dr. Sted l. Zum Teufel ist der.,,,Spiritus", das Phlegma ist geblieben. Andere Personen, aher Deutschnationale sind es immer. Professor Dr. Skedl fft zwar ein freundlicher, liebenswürdiger Herr, der den Juderr 7 „Toleranz" — ein süßes Wort — verspricht, der Juyen und Deutsche gerne in einem deutsch-politischen Vereine zur ^Förderung deutscher Politik und deutscher Interessen sehen möchte,-sich aber dabei gewaltig verrechnet, weil ihm außer einigen deutschdümmelnden Juden niemand auf den L:im , geht. Profeffor Dr. Skedl wird unzweifelhaft Reichsraths-Abgeordneter werden, trotz Professor Dr. Wahle, den die Lorbeeren. S k e d l s nicht schlafen ließen, und der mit einem ausgezeichneten Wahlaufrufe gegen die „widerlichen Streber" erfolglos zu Felde zog. Nun die Handelskammer. Zehn gegen sech;. das ist das Stimmenverhältnis der jüdischen gegen die nichtjüdischen Wähler. Um das Mandat haben sich bis vor Kurzem zwei Männer beworben: Ferdinand M a y e r und Leon R o s e n z w e i g. Die Agitation für beide Herren war eine sehr lebhafte. Beide Herren sind Juden. Ferdinand Mayer dem Stamme und der Ueberzengung nach, Leon Rosenzweig dem Stamme und den Matriken nach. Ferdinand Mayer, ein Mann von eminenter Wohlthätigkeit, erster Gründer eines Waisenhauses, Leon Rosen zweig, ein Manu mit zugeknöpften Taschen. Beide sind auf wirtschaftlichem und finanziellem Gebiete wohlbewanderte Männer, Leon R o s e n z w e i g hat noch eine Qualität mehr, er zählt sich zu den „deutschen Schriftstellern", weil von ihm einige Erzählungen unter dem kopszerbrccherischen Pseudonym L—n R—s—nzvv—g im Buchhandel erschienen sind. Als sich in jüdischen Kreisen gegen die Candidatur R o s e n z w e i g s ein Sturm der Entrüstung erhob, weil Leon Rosen zweig nichts weniger als ein überzeugung-treuer Jude ist, betheuerte er in einem öffentlichen Briefe seine Zugehörigkeit zum Judenthum, indem er seiner Verwunderung Ausdruck gab, dass man ihm, „dem Abstämmling von Rabbinern, Mangel jüdischen Gefühles zumuthe". Darob unauslöschliche-, homerisches Gelächter. Er, der in einer Schrift „Wir Juden" in den Achtzigerjahren die Massentaufe gepredigt und seine Kinder zur Taufe geführt, beruft sich auf die ehrwürdigen Gestalten seiner Ahnen, zerrt sie aus dem Grabe, um für eine blaspheuüsche Lüge sie zeugen zu lassen! Leon R o s e n z w e i g,