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Jüdisches Volksblatt · 1900-12-14 · 50 (14.12.1900) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
50 (14.12.1900)
Date
1900-12-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag, Jüdisches Volksblatt 14. December 1900 Nr. 50 Wahlkampf eingetreten, aber damals thaten dies die Haupträdelsführet.— Prediger K ohu als Präsident und Dr. Byk als Secketär — nicht wegen welcher jüdischnationaler Regungen, sondern als deutsche „Verfassungstreue". Seitdem haben sich die „jüdischen" Abgeordneten und solche, die es werden wollten, gemausert und da der Polenclub zu einem politischen Machtfactor geworden ist, erschienen sie alle plötzkich — an ihrer Spitze Dr. Byk — in polnischer Dress. Der Fäll, dass ein Candidat in Galizien auftritt und erklärt, er betrachte sich ausschließlich als jüdischen Candidaten, werde, da die Zagehörigkeit zum Polenclub jede Möglichkeit für Juden zu wirken, ausschließe, dem Polenclub nicht beitreten, dieser Fall ereignet sich jetzt zum ersten Mal in der Städtecurie Brody—Zloczow. ' Und dass diese Entscheidung in Diesem Wahlkampfe in die Makkabäer-Woche fällt, macht den Kampf noch interessanter, denn wie damals richtet es sich auch diesmal gegen die politische Knechtschäft, die geistige Selbständigkeit, in denen sich die Juden befinden; wie damals, so wird auch jetzt der Kampf vom Volke selbst geführt, nachdem die reiche» Juden, in ihren Corruptions-Kahals organisiert, in tiefstet Unterwürfigkeit der Schlacht« zu Füßen liegen. Wie in den Zeiten Antiochus, so steht auch heute die galizische Judenschaft vor der Frage: Wie länge noch werden wir auf fremden Altären opfern? Wie lange noch werden wir fremden Götzen dienen? Wie lange noch werden wir unseren Großen und Führern folgen, die wegen eines Ordens oder Titels oder gar eines Schlachzizen Händedruckes ihr ganzes Volk, ihr Judenthum verkaufen und verrathen. Es ist eine schwere Situation, in der sich das jüdische Volk in Galizien befindet. Es hat nicht bloß gegen seine Feinde von außen, sondern auch gegen die Verräther vo innen zu kämpfen. Und darum ist dieser Kampf ein schwerer Neue Männer sind nothwendig, die diesem Volke im doppelten Kampfe beistehen, und die sich voll und ganz, unter Einsetzung ihrer ganzen Person, in die Bresche stellen, um endlich die corrupten galizischen Verhältnisie, unter denen die galizische JudensMft, nicht ohne Zuthun der jüdischen KahalS, so schwer an 8$^ und Seele leidet, zu bessern. Als rin solcher Mann, der gegen die poluische Schlach ztMWh^nd Kahal-Corruption den rücksichtslosesten Kampf auf genopMen hat, ist Dr. S a u l R a f a e l L a n d a u auf den Schauplatz der galizischen Wahlbewegung getreten, das hat wohl hingereicht, ihm den Hass und die Verleumdungen der antisemitischen polnischen Presse zuzuziehen, aber jede Jude, der mit seinen in tiefster Noth und unter dem schwersten politischen Drucke ächzenden galizischen Brüdern auch nur einen Funken Mitleids hat, wird dem Dr. Landau in seinem Kampfe sympathisch gegenüberstehen und ihm den besten Erfolg wünschen. Während in anderen Städtebezirken, ja sogar in d/m selben Bezirke jüdische Candidaten lediglich auf ihren Geld sack gestützt, jüdische Mandate ergattern, um dann sich als Pagoden dem Polen-Club zur Verfügung zu stellen, hat Dr. Landau den Kampf ausgenommen als Vertreter einer Idee und in erster Reihe, um das Volk zu belehren, aufzuklären und es zum Sckbstbewusstsein seiner schrecklichen Lage zu bringen. Darum ist der Wahlkampf in Brody ein Stück jüdischer Volksärbeit, die früher oder später Früchte tragen muss und traget, wird. Wir hoffen, dass der Wahlkampf schon dies mal, wie man uns Mittheilt, für Dr. Landau ein aussichtsvoller sein wird. Die jüdischen Massen und die Ruthenen, die kleinen unterdrückten Leute, die bisher keinen Vertheidiger ihrer Interessen gefunden haben, haben wiederholt Dr. Landau in Wählerversammlungen ihre Sympathien ausgesprochen und Die öffentliche Reinigkeit und der politische Anstand v langen es, dass der berüchtigteste galizische Kahal-Macher und Corruptionsfürchtling Dr. Byk vom Schauplatze verschwindet und es ist eine Ehrensache für die jüdischen und ruthenischen Wähler von Brody-Zloczow, diesen Parasiten der galizischen Judenschaft endlich e einmal in das Grab der Vergessenheit zu schleudern. Dann wird wlizien der Beginn einer neuen Aera zu verzeichnen sein. Chronik des Judenthums. Inland. Wien. (C u l t u s g e m e i n d e.) Sonntag den 16. December 1900, 10 Uhr Vormittags findet eine öffentliche Plenar-Sitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien, im Sitzungssaale I., Seitenstettengasse 4, 2. Stock, statt. Gegenstand: Fortsetzung der Berathung des Budget pro 1901. Wien. (Jüdischer Bolksverein.) Am Mittwoch den 19. d. M. findet im großen Festsaale des „Jüdischen Volksvereines" ein Vortrag des Schriftstellers Dr. Paul Wei seng rüu über „das sociale Element in der I u d e n f r a g e" statt. Gäste, auch Damen, sehr willkommeu. Wie«. (Jüdischer Volksverein.) Mittwoch den 12. d. M. sprach Dr. Arnold Ascher im großen Festsaale des Jüdischen Volksvereines über „die Genossenschaften, wie sie sind und wie sie sein sollen." Nach einem historischen Rückblick auf das Entstehen derselben, kennzeichnete der Vortragende an der Hand drastischer Beispiele ihr jetziges Wirken. Die Genossenschaften führen jederzeit Krieg, einerseits gegen die Juden, andererseits unter einander. Wo eine Frage aufgeworfen wird, welche die Möglichkeit zulässt, einen Juden oder eine Gruppe von Juden aus dem Erwerbsleben hinauszudrängen, haben die Genossenschaften die Hand im Spiele. Als eine Anzahl kleiner Kaufleute sich durch den Hausierhandel geschädigt glaubte, da waren es die Genossenschaften, welche die Action gegen diesen einleiteten, und zwar nicht bloß diejenige«, die mittelbar oder unmittelbar von dem Hausierhandel betroffen wurden, sondern auch solche, die damit gar Nichts zu thun haben, es genügte für sie, dass der ganze Feldzug gegen die Juden gehe. Einzelne Genossenschaften schließen Juden von vornherein aus, so wird bei der Genossenschaft der Mechaniker kein jüdischer Lehrling aufge düngen. In anderen sind sie allen möglichen Chikanen auf Gnade und Ungnade ausgeliefrrt: Die Meifterkränkeneafse der Tischler zwingt jüdische Meister, sich von antisemitischen Aerzten behandeln zu lassen, widrigenfälls die Auszahlung des Krankengeldes verweigert wird. Es ist daher Aufgabe der Juden, auch in den Genoffenschaften mannhaft aufzutreten, sich an den Versammlungen derselben lebhaft zu betheiligen, nicht aber im Kampfe um ihre Interessen den Muth zu verlieren.Commereialrath Stiasny berichtet aus eigener Erfahrung über den Stand der Genossenschaften seit dem Jahre 1859. FrauGlasermeister Kohn klagt über die Theilnahmslosigkeit der jüdischen Finanzkreise gegenüber den Leiden der Unteren Schichten und appelliert an jene, sich von dem Wirken der jüdischen Vereine nicht fernzuhalteu. Wien. (Einwanderung i n P a l ä st i n a.) Wie der „Politischen Correspondenz" aus Consta n ti n o p e l gemeldet wird, hat die Pforte den dortigen fremden Missionen in einer Circularn ote mitgetheilt, dass in Bezug auf die sich nach Palästina begebenden israelitischen Pilger ein eigenes Reglement ausgearbeitet worden sei, welches auf die Verhinderung der festen Ansiedlung der bezeichnetenKategorie von Pilgern in der genannten Provinz abziele. Zu diesem Zwecke habe die Pforte festgesetzt, dass für die Dauer derartiger Pilgerfahrten (Hin- und Rückreise) einMaximnm von drei Monaten einzuräumen ist. Wien. (Ein tapfererHeld.) Die einzige derzeit in der österreichischen Eavallerie vorhandene goldene Tapferkeilsmedaille schmückt die Brust eines unserer Glaubensgenossen. Major Wolf Bardach Edler von Chlumberg in Wien, deren Besitzer, hat sich die hohe Auszeichnung dadurch erworben, dass er sich als Wachtmeister freiwillig erbötig machte, eine vom Feinde bereits eroberte Standarte zürückzuholen und dieses Vorhaben auch ausführte. Vor der Front zum Offieier befördert, wurde er später in den Adelstand erhoben. Wien.(Zum25jährigenGedächtniseines iübt schen C o m p o n i st e n.) Ein Vierteljahrhundert ist verflossen seit man den zu den besten und größten Hoffnungen berechtigenden Componisten Georg Bizet, den Schöpfer der Oper „Carmen", die ihre Siegeszüge über den ganzen Eroenrund machte, unterm kühlen Rasen bettete. Den großen Weltruhm hat der im frühen Lebensalter von 37 Jahren Verblichene nicht mehr genießen können, denn in dem gleichen Jahre, da er ins Grab sank, 1875 wurde sein Hauptwerk „Carmen" zum erstenmale in Wien aus geführt. Seit jener Aufführung, die des bis dahin schon in Paris hochgeschätzten jüdischen Tonkunstlers Weltruhm erst begründete, sind also gleichfalls 25 Jahre verflossen; der Meister ruht im Grabe, sem Werk lebt fort! Georg Bizet war 1838 zu Paris zeboren und ein Schüler H a le v y's. 1856 erhielt der Achtzehnährige mit seiner Operette: „Der Wunderdoctor" bereits einen von Offenbach ausgefetzen Preis, dem sich ein Jahr später der Große Preis von Rom anschloss. Seine Hauptoper war „Carmen", in der bekanntlich Pauline Luc ca ihre höchsten Triumphe feierte. Auch die Entreaets zu Daudets Drama „L’Arlösienne“ zeigen das originale, Energie mit Anmuth und Grazie paarende Talent B i z e t s. Prag. (D i e „P o l i t i k" und derAberglaube.) 3« ihrer gestrigen Nummer veröffentlicht die „Politik" eine Geistergeschichte aus einem Dorfe bei Starkenbach. Dort soll nämlich eine Frau keine Ruhe im Grabe finden, weil man ihrem letzten Wunsche, ihre schwarzen Kleider mit in das Grab zu legen, nicht stattgab. An der Geschichte selbst wäre nun nicht viel Sonderbares, denn leider spielt der Aberglaube noch immer eine viel größere Rolle bei uns, als man glauben Trics und Künste, dre man unter dem Sammelbegriffs sollte. Sonderbarer ist aber die Bemerkung des citierten Blattes, Galizische Wahlen" kennt, werden diesmal wenig verschlage^, tzvornack dieser Vorfall „ein grelles Streiflicht auf den Aberglauben wirft, der heute noch in manchen Theilen unserer Bevölkerung herrscht." Consequenz ist nie die starke Seite der Politik" gewesen. Im Hinblicke auf ihre Berichte über den Piseker Process sollte sie aber doch wissen, dass der „Aberglaube" nicht nur in „manchen" Theilen unserer Bevölkerung, andern auch in Kreisen anzutreffen ist, die berufen wären, gegen ihn anzukämpfen. Prag. (Vorlesung Donath.) Der Verein „Bar Kochba", Verein jüdischer Hochschüler, vermittelte uns kürzlich die Bekanntschaft mit dem Wiener Lyriker Adolph Donath, einem eigenartigen starken Talent von bald schwermüthigem, bald heroischem Wesen. Solange Donath seine eigenen Gedichte, seine „Judenlieder", sein „Kampflied", und seine epischen Dichtungen vorlas, fesselte er sein Publicum vollständig und hatte vieljBeisall. Er las auch eine Novelle von Rudolph Lothar, „Der Golem", die sich wegen ihrer allzubreiten Darstellung zum Borlesen nicht zut eignet. Der weitere Verlauf der Veranstaltung brachte Geängsvorträae des Prager Baritonisten Leo Mirsky. der Sopranistin Camilla Löwenbach und einen Violinvortrag des MUC. Fleischmann, durchwegs vorzügliche Darbietungen, die lebhaft beklatscht wurden. Den Schluß machten lustige Vorträge des bekannten Prager Vereinshumorfften Friedrich Schiller, von dessen 'chon oft gewürdigten Leistungen das Publicum nicht genug haben konnte. Er wurde immer wieder gerufen, um noch ein Stückchen zuzugeben. Lichtenstadt. (C u l t u s w a h l e n.) Bei der am 11. November d. I. vorgenommenen Wahl eines neuen Vorlandes wurden folgende Herren gewählt: Siegmund Binder, Lichtenstadt, als Cultusvorsteher; Leopold Schulz, Neudek, als Vorsteher-Stellvertreter; Jsak Maier, Lichtenstadt, als Tempelvorsteher; Sebold P i cf, Lichtenstadt, als Cassier; Rudolf L ö w e n st e i n, Wilhelm Zentner, Schlackenwerth, jur. Dr. Anton Graf, Neudek, als Beiräthe. ktolin. (Der Vertheidiger Hülsners thätlich bedroht.) Dr. Zdenko Aukedniöek hatte gestern eine Tagsahrt in Chotöbok. Beim Verkästen des Gerichtsgebäudes wurde er von einer angesammelten Menge, die zweifellos von Jemand, der den Vertheidiger erkannt hatte, zusammengerasen worden war. thätlich insultirt. Man spuckte;ihm ms Gesicht und bedrohte ihn mit Erschlagen. Die wüthende Volksmaffe verfolgte Dr. Ankedniöek bis zum Bahubofe und nur durch schleunige Abreise konnte sich der Bedrohte aus augenscheinlicher Lebensgefahr retten. OMKtz. (Der Cultusvorstand und die Deutsch nationale««) Der schöne Erfolg der jüdischnatiottalen Idee bei den Wiener CultuSwahlen hat auch in unserer Judenschaft die Hoffnung erweckt, sich über kurz oder läng von der Zwittgherrschaft des seiner Mehrheit nach deutschassimilatorisch gesinnten Cultusvorstandes zu befreien. Wess Geistes Kind einige dieser Herren sind, davon einige Pröbchen aus jüngster Zeit: Entsprechend der Macht der hiesigen Judenschaft wurden in die deutsche Liste der Wahlmänner für die 5. Curie Herr CultuspräseS Eduard Hamburger und Herr 1. Beirath des CultuSausschuffes Josef Loew ausgenommen und auch gewählt. Aus lauter Freude über solche Ehrung sind diese beiden höchsten Würdenträger unserer Judengemeinde flugs bereit, ihre Stimmen dem deutschen CompromisScandidaten für das Mandat NordostmährenS in der 6. Curie, dem Herrn Zimmermeister Heinrich Münster zu geben, obgleich dieser strammer Schöneriatter und Judenfreffer ist. So ergeben sonst die Judenschaft die Entschließungen ihrer Führer hinnimmt, über dies Vorhaben herrscht nur eine Stimme des Erstaunens und der Entrüstung. Eine noch craffere Beschimpfung des jüdischen Namens leistete sich unsere israelitische Cultusgemeinde kürzlich, indem sie ohne ersichtlichen Grund dem antisemitischen „Bund der Deutschen Nordböhmens" eine Spende von 10 Kr. zukommen ließ, die in allen Tagesblättern ausgewiesen stand. Der hiesige Zionsverein, der schon zweimal vorher mit seinen Subventionsgesuchen „wegen Geldmangels" war abgewiesen worden, hielt sich nun auch berechtigt, für seine allen Juden zugängliche Bereinsbibliothek einen bescheidenen Betrag zu erbitten. Doch der löbl. Cultusvorstand verwarf über Betreiben der Herren Josef Loew und Dr. Josef Eben, beide liberale Parteigrößen, das Gesuch mit Stimmenmehrheit und der Begründung, dass der Verein „Zion" der Muttergemeinde feindlich gesinnt sei; er müffe sich vorerst beffern. Abgesehen davon, dass der von uns mit vollem Recht befehdete Cultusvorstand mit der über alles geliebten Muttergemeinde nicht identisch ist, liegt die Frage sehr nahe, wie denn der „Bund der Deutschen NordmährenS" der Olmützer Judenschaft gegenüber gesinnt ist. Vergebens hatten mehrere besonnene Vorstandsmitglieder in längeren Ausführungen vor dieser Heldenthat gewarnt, der Cäsarenwahnsinn behielt die Oberhand. Dass aber die Jüdisch-Nationalen diesen Schlag ins Gesicht sogleich mit der kräftigsten Agitation gegen ihre judenfeindtichen Gemeinde-Repräsentanten beantworten, liegt auf der Hand. Derartige Blößen lässt kein Vernünftiger ungenützt, zumal die Neuwahlen in den Cultusvorstand bevorstehen. — Am 10. Jänner werden die Deutschen versuchen, den Städtewahlkreis Olmütz—Proßnitz—Brodek, den sie vor 3 Jahren verloren, wieder zu erobern. Die Juden die den Ausschlag geben, werden verblendet genug sein, trotz aller Drohungen der mit Recht erbitterten Czechen diesen bis zum letzten Mann entgegenzutreten und das den schönen Augen der Deutschen zulieb, deren antisemitische Ausschreitungen auch in unserer Stadt stündlich um sich greifen! Wem'nicht zu rächen ist, denn ist auch nicht zu helfen! Dr. Egon Zweig. Leipuik. (Jugendgottesdienst und Bibelschule.) Samstag den 1. December fand der 1. Jugendgottesdienst im heurigen Schuljahre statt, an dem sämmtliche Realschüler und Volrsschüler nebst vielen Erwachsenen theilnahmen. Vor dem Einheben der Thora, zu deren Verlesung ausschließlich Realschüler aufgerufen wurden, hielt der Cultusvorstand Herr Notar Dr. Rokolnitz an die Schuljugend eine warme Ansprache. Er warf zuerst einen Rückblick auf die Geschichte der Juden, schilderte eingehend die Zustände vor dem Freiheitsjahre 1818 und entwarf dann ein Bild der jetzigen Verhältnisse und der traurigen Folgen des Antisemitismus. Der Jugendgottesdienst und dre Bibelschule, welche die hiesige Cultusgemeinde ins Leben rief, möge nun das Gefühl der Zusammengehörigkeit nebst dem religiösen Gefühle fördern. Die Schüler mögen beide Institutionen leißig benützen und trachten, durch eifriges Studium und antändiges Betragen sich die Achtung und Gleichberechtigung der Andersgläubigen zu erringen und zu erzwingen. Nach dem Einheben erläuterte der Herr Rabbiner Dr. Hillel, der zugleich Religionslehrer an der Mittel- und Volksschule ist, den Wochenabschnitt in recht gelungener Weise und ermahnte zum Schluffe die Jugend, stets auf Gott zu vertrauen, dann werde auch Gott 'tets mrt ihnen sein. Lemberg. (Zur Wahlb e w egun g.) In der Vrodyer Handelskammer wird der hiesige Großindustrielle Nationaljude Herr Dr. Max Sprecher als Reichsraths-Abgeordneter candidiert und ist dessen Wahl voraussichtlich. — In Kolomea candidieren die Juden: Herr Director S e n n f e l d, Herr Dr. Goldhammer aus Tarnow, Herr Dr. Sch o r r, Herr Dr. Z ip se r. Budapest. (D as „Blutmärch en" in Sz t. - En dr e.) Aus Szt.-Endre wird der folgende Fall berichtet: Einige deutsche Bauern überfielen einen Beamten der israelitischen Cultusgemeinde, der ein kleines Mädchen an der Hand führte, in der Nähe der Eisenbahnstation und schlugen ihn, vom Wahne befangen, dass er an dem Kinde einen Ritualmord verüben wolle, halbtodt. Glücklicherweise eilten einige Passanten dem bereits aus mehreren Wunden blutenden bewusstlosen Manne zu Hilfe und retteten ihn aus deu Händen seiner Peiniger. Der Schmerverwundete wurde ins Johannisspital gebracht. Den Thätern aber gelang es, zu entweichen. Nachträglich stellte es sich heraus, dass das von dem Cultusbeamten vermeintlich geraubte Mädchen das Töchterchen eines verarmten Alt-Ofener — Juden, des Juweliers Moritz Weil war, dessen Vater einen Selbstmord verübte und dessen Mutter aus Schmerz über den Verlust des Gatten irrsinnig wurde, der vermeintliche Mädchenräuber aber damit betraut war, das unter der Obhut seiner Großmutter Frau B o s k o v i t s befindliche verwaiste Kind iin Budapester israelitischen Waisenhause unterzubringen. Auf dem Wege zur Station der Budapest-Szt.- Endreer Bieinalbahn wurde er jedoch, wie erwähnt, von den unwissenden fanatisierten Bauern unter dem lächerlichen Verdachte eines beabsichtigten Ritualmordes attakiert und schwer verwundet. Die Gendarmerie forscht nach den Thätern. Das Waisenmädchen wurde von einer Budapester Dame ins israelitische Waisenhaus in der Damjanichgasse gebracht. Der Fall erregt in Szt.-Endre begreifliche Sensation. Budapest. (Vortrag.) Die »Israelitische literarische Gesellschaft" hielt am 4. d. M. eine BortragSsitzung, in welcher der gelehrte Rabbiner Dr. Ludwig Benettaner (Neuprst) einen sehr interessanten Bortrag über »Amhoorez" hielt. Ursprünglich trug diesen Na,ne» eine jüdische politische Partei,

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