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Jüdisches Volksblatt · 1900-12-14 · 50 (14.12.1900) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
50 (14.12.1900)
Date
1900-12-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 50 Wien, Freitag Jüdisches Volksbiaf.t 14 Deeemher 1900 Seife 3 unserer Thora geschrieben siebt: Lifne Jver lo titen michschal! Sie wissen auch, wie dieser Satz von unseren Weisen gedemei wird? . . . Was sagen Sie von Ihrem rabbinischem Standpunkte aus dazu, wenn Jbnen noch hinzngefiigt wird, dass diemit Wissen von die Hllfsaction leitenden Persönlichkeiten geschah? Wo liegt der Chillul-Haschem?-Wissen Sie, was ich, der Unfromme, dazu sage? Ich nenne es sehr zcm — eine Unehrlichkeit I Bei e,ner Unehrlichkeit wird Wohlthat zur Plage, und das Gute in sein Gegentheil verwandelt. Nun, Rabbi! Wenn die bös.n Zionisten und die Jiü isch-Rationalen gegen diese sonst sehr ehrenwerten Persönlichkeiten auftreten, die sich aber so benommen, wenn sie sagen, solche nervöse Herren, die man ja mit anderen Ehrenämtern ausstatten kann, dürfen nicht das Werk der Wohlthätigkeit verwalten, ist es Recht gewesen, über dieselben das Anathen», wie über die Rotte Korachs zu sprechen? Noch einmal! Die Zionisteu und Natioualjude,' achten die Institution der Israelitischen Allianz hoch, viel höher als diejenigen, welche die Erhabenheit und Nothwendigkeit dieses Vereines nicht so weit einschen, dass sie deren Ansehen zu untergraben sich nicht scheuen. Ein Unrecht märe es, für die Sünden Einzelner die ganze, wahrhaft hohe Institution, die im warmem jüdischem Herzen und den Bedrängnissen des Golus ihren Ursprung und Urgrund hat, veraiitwortllch zu machen — und das thnn wir nicht. Rabbi! Was ich da vorgebracht, habe ich nur so gethan, megaleh tefach umchasseh tefachajim. Hätten Sie die Streitenden vor Ihren Richterstuhl geladen, da hätten Sie mehr erfahren können! — Was die Betheiligung an den Cultnswahlen betrifft, so haben sich die Nattonaljuden und die Zionisten dazu aus dem Grunde entschlossen, weil Sie der Ueberzeugung sind, dass es Pflicht auch der Cultusgemeinde als solcher gewesen wäre, bei derartigen Katastrophen über eine so große Mehrheit von Correligiosen selbstthätig helfend und controllierend einzugreifen und dass bei derselben Cultusgemeinde noch sehr vieles ans dem sogenannten Liberalen ins Spceiflsch-Jüdische zu reformieren wäre. Es wurde Niemand persönlich angegriffen. Es wurde ausdrücklich betont, dass es sich nicht um die gewiss hochachtbaren Persönlichkeiten handelt, die dermalen Vorsteher sind, sondern um das S y st e m, um die Gruudauschauung. Wenn bei Beurtheilung dieser Letzteren es vvrgekommen ist, dass harte Worte gefallen sind, dann glauben Sie es mir, Rabbi, dass mich dies, ebenso wie Sie vielleicht, tief schmerzte, gerade so tief, wie Ihre harten Worte von der Kanzel. Allein was sind Worte gegen Thaten, wie die obigen! Sie sollen gesagt haben: Welchen Feind haben die Zionisten schon abgewendet? Ich will nicht mit eurer Gegenfrage kommen, sondern sage, dass man es weder hüben noch drüben thun kann. Allein zur Liebe kann mar. den Feind nicht zwingen. Wir leiden aber auch nicht nur unter dem Hass, sondern auch, was in neuerer Zeit und im Westen viel tiefer empfunden wird, unter der Verachtung der anderen Völker. Und nach dieser Richtung haben wir doch schon etwas geholfen. Dadurch, dass wir uns nicht maskieren, uns nicht als Deutsche, als Czechen, Polen re. sondern selbstbewusst als Juden geben, haben wir uns wenigstens die Achtung der Feinde erzwungen! Ich schließe mit dem Wunsche: „Zedek, Zedek tirdvf!" Mit anszeichnender Hochachtung Dr. Leopold Kahn, Hof- und Gerichtsadvocat VII., Lindengasse 11. Bombage. Fürst Paul Sapieha — gegen das »Jüdische Vvlksblatt". Man schreibt uns ans Brody am 13. d. M.: Der Artikel in Nr. 40 des »Jüdischen Volksblatt" über die Person des Fürsten Sapieha hat hier kolossales Aufsehen erregt. Unsere Kahal-Juden beginnen sich zn schämen, dass sie für dieses antisemitische Fürstensöhnchen das Stimmvieh abgeben müssen. Infolgedessen haben sie beschlossen, für Fürst Sapieha nicht zu stimmen — würden Sie glauben. Nein! Vielmehr wurde Fürst Sapieha veranlasst, heute, am Wahltage der V. Curie, Placate zn affichieren, die heute auf allen öffentlichen Plätzen prangen und in denen vom Sapieha telegraphiert wird, dass die in Nr. 49 des »Jüdischen Volksblatt" ihm in den Mund gelegten Worte „verdreht" sind. Nun sind unsere Kahal-Wahlmänner beruhigt und können zur Wahlurne gehen. Einige Anständigere bleiben zuhause. Die Wahl Sapiehas ist trotzdem gesichert. Tie alte Jndenstadt Brody wird somit tu der V. Curie durch einen galizischen L i e ch t e n st e i n, den Antisemiten Sapieha repräsentiert sein. Wenn noch der B y k, sein Protector, daznkommt, dann ist das Pärchen comp let. * * ch Betha als Erzieher. Seit dem Erscheinen des epochemachenden „Rembrandt- Bnches" lassen die Lorbeeren die „Erzieher" nicht ruhen. Kein Wunder, wenn sich nun auch der »geschätzte Mitarbeiter" des dümmsten Journals aller fünf Continente, der „Deutschen Zeitung", anfmacht, um Deutschland einen „Erzieher" zu schenken. Er leitet seine Methode von den altgriechischen Wasserorganismcn Benthos (die Tiefe), Plankton (das schweifend Umhergetriebene) und Nskton (das Schwimmende) ab und kommt natürlich — er schreibt ja für die „Deutsche Zeitung" —> zu dem Schlüsse, dass Plankton — wer hätte darunter nicht längst den Juden erkannt! — von Benthos und Nekton einfach ansgerottet werden müsste, wenn für die anderen altgriechischl-n Wasserbewohner altgermanisches Heil erblühen soll. Soweit wäre ja das Verlangen des „geschätzten Mitarbeiters" gallz begreiflich, wenn nur nicht aus der Zusammenstellung die logische Frage auftauchen würde, wie die „Tiefe" und das „Schwimmende" zusammenkommen sollen, wenn nicht das „umhertreibeiide" Element wäre. Denn die Tiefe bleibt nach Betha immer verbohrt unten hocken — Herr Betha meint damit offenbar die christlich-socialen Spießer — während das „Schwimmende" stets an der Oberfläche herumtreibt, wie etwa die Herausgeber der christlich-socialen Blätter, die auch jeder Tiefe answeichen und im Meere der Gedankenlosigkeit stets an der Oberfläche herumplätschern. Wenn da nicht das „schweifend Umhirgetrrebene" wäre — z. B. die Bankdirectoren und Tramwayactionäre — wovon würden denn die „schwimmenden" Herausgeber der großen christlich-socialen Blätter, die Herren V e r g a n i und Wahner, sich vierstöckige Häuser bauen und geschützte Mitarbeiter bezahlen? Unter solchen Umständen können auch Sätze, wie: „Alle Wiedergeburt aber kann nur aus dem Geiste erfolgen und bedarf darum einer Vereinfachung der maßgebenden Vorstellungen und Begriffe, durch welche die von der soi disant Wissenschaft, die sich so gern die „reine" nennt, zum Theile aus sehr unreinen Leitmotiven, zum Theile im Deductionsdelirium geschaffene Terminologie wieder abgestoßen wird, und diesem Zwecke leistet die Anwendung der in unserer Spitzmarke vereinigten Wissenschaft vom natürlichen Leben entnommenen Termini auf die Grundform des nationalen Wirtschaftslebens mächtigen Vorschub." mcister vou l'/2 Wlifliottcit Stimmen gewählt sei. Da der Ehrenbürger von Mühldorf das Mogeln nicht lassen kaun, verlegt er die Minister nm eine Rangclaffe herauf und multipliciert die Wählerzahl, die Lueger zum Primaivrensessel verholfen, mit zehn. Das ist weiter nicht auffallend. Merkwürdiger ist, dass christlich-sociale Volksmänner die Rangstufen so peinlich genau eingehalten wissen wollen. Da die Donau so glücklich ist, ziemlich entfernt neben Wien abfließen zu können, und nur den übel genug behandelten Canal unter das derzeitige Regime stellt, hätte eigentlich der Bürgermeister der Residenzstadt mit der Donau sehr wenig zu schaffen; umio weniger kann man es tadeln, wenn die Anwohner des Wasserstraßentoges einen Minister für wichtiger halten, als den Herrn Bürgermeister. Sie sind ja keine „Wasserer", denen der christlich-sociale Ri enzi näher steht, als jede andere Autorität. Aber so sind die christlich-socialen Größen nun einmal. Da ihr Glorienschein von der vornehmen Welt nicht gesehen wird, drängen sie ihn auf. „Ehret den Bürgermeister!" ruft V e r g a n i im kategorischen Imperativ, und bedenkt gar nicht, dass er es ist, der so schreit. . . * Die Arbeiter-Zeitung „mogelt". Ganz Wien — vom derzeit kranken Bürgermeister-Stellvertreter hinunter bis zum letzten christtich-soclalen Spießer — ganz Wien war erstaunt darüber, wie sich im Wiener Gemeinderathe der Herr Bürgermeister und der Socialdemokrat Strohmeier angestrudclt haben. Dr. Lueger sprach seine Verwunderung darüber aus, dass sich Svcialdemokratie und Christlich-Sociale nicht längst in den Armen liegen und der focialdemokcatische Wau-Wau in der Gnneiudestube hatte seinerseits gegen diesen Wunsch nichts einzuwenden. Kein Wunder, das man darob in der Redaction der „Arbeiter-Zeitung" in arge Verlegenheit gerieth. Zwar wissen die Herren Austerlitz, Ellenbogen und Adler längst, dass Herr Schn hmeier ein ganz unverschämter Antisemit ist; dass er ihnen eben jetzt vor der Wahlzeit dergestalt in die Suppe spucken würde, das hatten sie doch nicht erwartet. Sie thaten, was sie konnten: sie ließen einfach im Blatte die schöne Einladung des Bürgermeisters an die »christliche Socialdemokratie" weg und suchten, nach der alten Methode: „Haltet den Dieb", die christlich-sociale Presse der Mogelei zn zeihen. Die leidige Fama war aber noch fixer, als die Redacteure der „Arbeiter- Zeitung" und colportierte rasch das Gerücht, dass Doctor Lueger gnädigst die Wahl des Herrn Schuhmeier gestatte, dieser dagegen keine allzu unfäuberliche Opposition zn machen habe. Ob die Fama recht hat, wird sich ja bald zeigen. Jedenfalls hat sie darin recht, dcds Herr S ch u h m e i e r für ein Reichsralhsmandat bic ganzen Juden der Socialdemokratie hingibt. „Das schmiert aber kan echten Juden nicht" — deswegen geht doch der Herr Dr. Ornstein die jüdischen Häuser für den Wahlfonds abschnorren und Herr Schuh meier lässt sich für das Geld wählen. Die „Arbeiter-Zeitung" bringt schon wieder alles ins Geleise; denn in dem, was man weise verschweigt, zeigt sich der Meister. nicht zur Wiedergeburt verhelfen, so gefährlich sie für eine Wöchnerin auch werden können. Der Ausicht ist das Blakt des Hausherrn von der Wickenburggaffe auch, denn es stößt den Seufzer ans: „Aber freilich, Bethas Buch müsste auch gelesen werden." Und wir setzen hinzu: „Und die „D. Z." auch! Christlich-socialer Cäsarenwahn Das „Deutsche Vvlksblatt" legte gestern eine „warme Lanze" kür Dr. Lueger ein, weil dieser beim österreichischen Wafferstraßentage nicht vor allen anderen Würdenträgern begrüßt worden sei. Ein Mluister, meint Herr Vergant, wäre doch immerhin eit« Beamter I. Rangclaffe, während der Bürger- < /i\t Reichsrathswahl in Brody—Zloezow. (Qng.-Corresp. des „Jüd. Vvlksblatt".) Wenn mir dieser Reichsrathswahl eine erhöhte Aufmerksamkeit schenken und sie auch heute au leitender Stelle behandeln, so geschieht dies deshalb, weil hier zum ersten Mal seit der constitutionellkn Aera ein Kampf ansgefochten wird zwischen Trägern zweier wichtigen Strömungen im Judenthum: Der assimilatorischen und jüdischnationalen Idee. Zwar sind die galizischen Juden schon im Jahre 1873 Hand tu Hand mit den Rulhenen gegen die Polen in den Titel Rosch-ha-Kohol, „Haupt der Gemeinde", führen; freilich konnte es den Ghetto-Vezieren kaum passieren, gehängt zu werden, obwohl auch hier unliebsame „Stürze" vorkamen, denn die Gunst der Mächtigen, sie währt nicht lange, und ist vergänglich, wie das Fleisch und dorrt dahin, wie das Gras des Feldes. Ein solcher Vezier war mein „Schammes", mit dem ich nun unsere jüdischen Epigonen bekannt machen will. Staunend werden manche von ihnen ihr Haupt schütteln, und vielleicht ansrufen: «Ganz wie bei uns." — Das wird mich sehr freuen, denn ich meine auch, die Geschichte ist die Lehrerin des Lebens. — Was ein Schammes ist? Der Verbaldefinition nach ein Diener. Welches die Verrichtungen und Verpflichtungen des Schammes waren? Heilige und unheilige. Er hatte die Säumigen „in Schill" zu rufen, indem er mit einein Hammer an die Thnren ihrer Häuser klopfte, er war also „Schulklopser", gewiß ein heiliges Amt; er hatte die Cultussteuer einzucassieren, eine weniger heilige Verpflichtung, er versteigerte die Alijüth, d. h. er gab dem Meistbietenden Gelegenheit jur Thora gerufen zu werden, aber er küßte auch der gnädigen Frau Nosch-ha-Kohol die Hand und machte für sie verschiedene „Gänge", besorgte ihr und dem gnädigen Fräulein Tochter Commissionen aller Art beirn Schneider und der allerwichtigsten Frau Marchande des modes; wie man sieht, sehr weltliche Aufgaben. Dafür war es ihm gegönnt, wenn der Vorbeter an irgend einer Indigestion, Unpäßlichkeit oder sonstigen Uebel litt, wenn er sich z. B., insbesondere am Sabbath, am allzusetten Schalet den Magen verdorben hatte, den „Boten der Gemeiilde" zu vertreten, und selbst vorznbeten, sicherlich wieder ein heiliges Amt, oder, wenn man will, Aenttchen. Jeder wird nun lvissen, was unser Schammes ivar, offen liegt seine Thätigkeit vor Jedermann da, und doch, wie wird Jeder staunen, wenn er hört, dieser Schammes ist mehr als der Noschha-Kohol, dessen Gemalin er unterthänigst die Hände küßt und dessen Fräulein Tochter, er Commissionen besorgt, wie wird sich jeder wundern, wenn er vernimmt, der eigentlich Allmächtige in der Killah ist nicht der Nosch-ha-Kohol, sondern sein allerunterthänigster Majordomus, der Minister des Hauses und der Gemeinde —■ kurz unser Schammes. Die Sultane hatten nicht immer Zeit, sich um die Regierungsgeschäfte zn kümmern; leset, Geliebteste, darüber wieder in der Geschichte der Esther nach, und Ihr werdet hier erzählt finden, wie der altpersische Schah Ahaschwerosch mehr um seinen Harem besorgt war, um da Ewigweibliche mehr, als tim das Wohl und Wehe seiner Unterthanen; darüber ließ er schon lieber Haman sich den Kopf zerbrechen. Aehnlich stand es nm unseren Nosch-ha-Kohol und seinen Schammes. Zwar sorgte sich der Killah-Sultan nicht um das Ewigweibliche — dies Hütte die Frau Rosch-ha-Kohol nie und nimmer zugegeben — aber er hatte andere Sorgen, der Gemeinde- Schah, nämlich seine Schätze zu vermehren, welche ans dem Quell eines schwungvoll betriebenen Weinhandels flössen. Und die Killah will ja doch regiert sein. Da gibt cs so mannigfache Sorgen: Wahlen, Gottesdienst, Stenern, Friedhof, die Herren Meschubodim, das sind nämlich die Herren Angestellten, den Herrn Rabbi mit eingeschlossen, des rituelle Bad, die Armennnterstntznng, das Begräbnislvesen und die weltbedeutende Koscherfleischfrnge, die Verwaltung von Stiftungen und die Mazzotbäckerei, wie man sieht eine Fülle vork Agenden, denen man nicht „vorstehcn" kann, wenn es nothwendig ist, seine Geschäfte zn besorgen imb darauf zn achten, dass die berühmte erste Million bald beisammen sei. Dein schwacher Uuterthanenverstand — verzeihe geliebter Leser das allznharte Morr — sagt zwar Dir und mir: Wenn der Vorsteher nur für seine Geschäfte Zeit hat, möge er gütigst die der Killah Anderen überlassen — die zum mindesten mehr Zeit haben als er. Aber Dein Unlerthanenverstand, Thenerster, kann in die Tiefen des Verwaltungssystems einer jüdischen Gemeinde nicht eindcingen, er wird sie nie erforschen noch begreifen. Darum schweige, Geliebtester — und dann, wozu hat der Killah-Schah seinen Schammes, wozu hatte Ahaschwerosch, der doch voir Indien bis Aethiopien über 127 Provinzen regierte, seinen Haman? Der Schammes rst der Geist, welcher über den Killah- Angelegenheiten schwebt. Der Schammes ist unersetzlich. Er macht die Wahlen, er dringt in die Geheimnisse der Bermögensvechältnisse der Killah,»itglicder ein, er weiß, wie sie zu besteuern sind, mit ihm lliüssen sich Angestellte und Arme und Fleischhauer verhalten, Friedhofangelegenheiten und die Mysterien der Mikwah (rilnelles Bad), „Schulsachen" und Schosarblasen und Begraben und Borbeten, alles, alles versteht, erforscht und besorgt der Schammes, dieser wirklich allmächtige Prüftet der Gemeinde, dieser Kenner der innersten Geheimnisse der Killah, diese rechte Hand der Nosch-ha-Kohol, diese Stütze, welche die einstürzende Hütte der Gemeinde aufrecht erhält. Der Schammes ist der wahre Netter in der Noth, und getrost mag sich der Rosch-ha-Kohol um sein Geschäft bekümmern, um seinen Wein und die Million, zu der nur noch einige tausend Guldenjffehlen. Wie richtig wusste, um nur eines zu erwähnen, der Schammes den für die Gemeinde passenden Rabbinats-Candidaten ans der Schar der Bewerber um dieses Amt, deren wahrlich nicht wenige waren, zu erwählen! Der Candidat war kein glänzender Redner, über seine talmudischen und sonstigen Kenntnisse erzählte man sich für ihn gerade nicht Schmeichelhaftes, aber der kluge Amtsbewerber verstand es, den Schammes für sich zu gewinnen, illden, er ihm fein und diplolnatisch Einblick in seine Sinnesart gewährte, welche von solcher Art war, dass der Vezier ans ihr zn erkennen verrnochte, dieser Rabbi werde der Gemeinde, das ist dem Rosch-ha-Kohol, nie Unannehmlichkeiten bereiten, was man von seinem Gegner, einem strarnmen Redner und bedeutenden Gelehrten, rricht mit gleichem Rechte hätte behaupten können. Der hatte den unverzeihlichen Fehler begangen, dem Vezier der Gemeinde den, wie dieser meinte, ihm gebärenden Besuch zn unterlassen. Er war schlecht berathen und musste seine geringe diplomatische Schulung damit büßen, dass ihm das erstrebte Amt nicht übertragen wurde. — Begreifst Du nun, thenrer Leser, die Bedeutung des Schammes? Auch er gehörte zu jenen Dienern, welche ans dem Pferde sitzen, während die Herren zn Fuß einherlanfen. Mein Schammes ist lange todt, aber er hat sich mit seinen ersparten Kreuzern vor seinem Tode ein ewiges Gedächtnis gestiftet und man gedenkt seiner bei der „Seelengedächtnisfeier" so wie der Neichen und Gelehrten, der Angesehenen und Frommen. Er hat die Gemeinde stramm geleitet und der Rosch-ha-Kohol konnte zn seiner Million nahezu gelangen. Das Geschlecht der Gemeindeveziere ist aber nicht ansgestorben, sie blühen und gedeihen. Sie machen die Wahlen und bestimmen die Steuern, sie stellen an und setzen ab, sie „unterstützen" die Armen und sorgen für die Friedhöfe, sie meistern die „Meschubodim" und kümmern sich um das rituelle Bad, um „Schnt"angelegenheiten, Koscherfleisch, Rabbiner und Mazzotbäckerei. — Wie Du siehst, spiegeln sich die großen Ereignisse der Weltgeschichte in unseren jüdischen Gemeinden, wir haben Sultane, aber auch Veziere. Jeder Achaschwerosch, und wenn er auch nicht über 127 Provinzen regiert, hat seinen Haman, und jeder Rosch-ha-Kohol seinen Schammes. B a r n ch - h a - Z o p h e.

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