Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 14. December 1900 Nr. 50 Andächtigen das Wort Gottes verkündet und er daran erbaut werden soll, einen Feldzug gegen die Jüdisch-Nationalen und Zionisten eröffneten, dass Sie dieselben als Friedensstörer in der Gemeinde bezeichneten, und hiezu ganz besonders deren Betheiligung an den Cultus-Wahlen und deren Auftreten gegen einige ebenso unjüdische als unmenschliche Vorkommnisse, welche gelegentlich der Hilfeleistung bei der jüngsten rumänischen Judenewigration leider vorgefallen sind, zum Anlass nahmen. Sie müssen entschuldigen, wenn ich der Empfindung Ausdruck verleihe, dass ich die Prediger-Kanzel für derlei Einmengungen in Parteistreitigkeiten und Aburtheilung von Richtungen im Volke und in der Gemeinde für einen jüdischen Rabbiner ebenso ungeeignet und den Vorgang für so ungerecht halte, wie ich dies lehavdil bei seiner Hochwürden, dem Herrn Pfarrer Deckert verdamme, wenn er die Kirche dazu benützt, um gegen Andersgläubige und Anderkstammige loszuziehen, oder wenn czechische Priester die der Lehre der Menschenliebe geweihten Orte dazu missbrauchen, um den Hais gegen die Deutschen zu entfachen." Die Juden sind, wie Euer Hochehrwürden nur zu gut bekannt ist, hauptsächlich dadurch vor dem Hereinbrechen clericaler Richtungen und derlei Bestrebungen verwahrt geblieben, dass cs dem demokratischen Zuge des Volkes gemäß, auch dem geringsten Gemeindegenossen gestattet war, selbst dem autoritativsten Rabbiner, der eine Leuchte der Gottesgelehrtheit sein mochte, wenn er in einem Falle geirrt hätte, entgegenzntreten, und, mit dem vor Zeiten noch fast von allen gekannten Schulchan-Aruch in der Hand, zu erklären: Rabbi, es ist nicht so, wie Ihr gemeint; Hier ist es anders entschieden! Hochgeehrter Herr Rabbiner! Ich habe nicht die Ehre, von Ihnen gekannt zu werden. Auch ich kenne Sie nur aus Ihrer literarischen Thätigkeit. Ich las nämlich Ihre »Geschichte der Cultnr der abendländischen Juden während des Mittelalters", wohl nicht im Originale, aber in einer sehr guten hebräischen Uebersetzung von A. S. F r i e d b e r g. (Es ist eine meiner Schwächen, dass ich über jüdische Angelegenheiten am liebsten in den in unserer altehrwürdigen Sprache geschriebenen Werken Nachlese) und ergötztemich an einzelnen Ihrer Darstellungen. Ich las auch Ihre Broschüre, ,Nationaljudenthumdie mich nicht ergötzte. Wenn man nun mit den Geistern der früheren Perioden durch das Nachempfinden ihrer Gefühle, durch das Jnsichaufnehmen und Verarbeiten ihrer Gedanken iu einen gewissen Contact, eine gewisse Cognatio spiritualis tritt, um toit viel mehr muss dies der Fall sein bei Zeitgenossen, bei denen man nicht erst in eine bestimmte geschichtliche Atmosphäre sich hineinleben muss, um den betreffenden Denker aus seiner gesellschaftlichen Umgebung, aus dem Stande der Wissenschaften und dem ethischen Genius eines bestimmten historischen Zeitabschnittes heraus zu erfassen. -Du gleichst dem Geiste, den Du begreifst", sagt Altmeister Goethe, und aus dieser Gleichheit heraus, als auch auf Grund jenes alten Rechtes des geringsten Gemeindegenossen bin ich so frei, zu sagen: Rabbi, es ist nicht so, wie Ihr gemeint. Hier ist die Sache anders zu entscheiden! Jedenfalls ist der Satz der mosaischen Processordnung (Dt. I. 16) dass man erst zwischen den Brüdern, also beide hören muss, um dann erst gerecht richten zu können, mit einer jener natürlichen, ethischen Grundsätze, welche, wie viele andere Thora-Sätze in das Rechtsbewusstsein der gesitteten Völker übernommen wurden, so dass er selbst in dem alten deutschen Rechte sich zur Rechtsparömie verdichtete: Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede, man muss sie hören alle Becde! Das haben Sie leider nicht grthau. Darum, wegen ') .vn« pai «tk pa pnx onaattn □dvik pa und in einem gemeinsamen Werke verbunden. Sie fanden sich auf dem Boden der Kunst, und außerdem verband sie wohl noch eine gemeinsame, obgleich bei einem jewn von ihnen auf einem anderen Seelengrund erwachsene Liebe zu Israel und seinen Heiligthümern. Was Münchhausen sang, das lässt Lilien vor unserem Auge auflebett. Nicht als ob diese Illustration im Sinne der guten alten Zeit wäre, da der bildende Künstler es für seine Aufgabe hielt, den Inhalt des Gedichtes, stofflich gefasst, auf der nächsten Seite aufzumalen, bamit der Philister und die höhere Tochter etwa bei der Lectüre von Goethes »Erlkönig" entzückt ausrufen könnten: »Da steht er, da ist er ja, wie er leibt und lebt, der Vater mit seinem Sohn!" Die moderne Buchillnstratiou wandelt andere Pfade. Sie will nicht eine sinnliche Erläuterung zu den Worten des Textes bieten, sondern die aus diesem emanierende Stimmung in ein künstlerisches Gewand kleiden. So bietet denn hier Lilien in freien Compvsiüoneu glcichsam eine Ergänzung zu den Liedern des Dichters, eine selbstständige, sich aus sich selber heraus erläuternde Serie von Darstellnugen, die sich innig und frei dem Texte anschmiegt, so dass Beides, das Werk des Dichters und das des Malers in eine höhere Einheit zusammenfließt, welche Geist und Auge erfreut. Den Reigen der Gedichte eröffnet die Widmung: „Euch!" überschrieben. „Mir klang aus weiter Ferne her ein Rufen, Des Halljahrs Hörner bliesen heimwehstark, Ich sah im Osten Zions Tempelstufe», Da griff ein Sehnen mir ins tiefste Mark." In gedrängten, leuchtenden Visionen zieht die Geschichte des jüdischen Volkes an der Seele des Dichters vorbei. Die glanzvolle, hehre Jugend Israels steigt aus dem Schutt der Vergangenheit empor, dann die tragischen Schicksale, der Untergang, der Jammer der Zerstreunng, das Herumirren und Herumtasteu, die Verfolgung, die Aechtung, der Hohn, und das Seherauge des Dichterwirft einen Blick hinter die geheimnisvollen Schleier der Zukunft. dieser Außerachtlaffung deS primitivsten Principerechtmäßigen UrtheilenS, ist eS Ihnen passiert, dass Sie in Ihrem in eontimaciam gefällten Urtheile sich des ebenso ungerechten als harten Ausspruches schuldig machten, dass die Zionisten und Jüdisch-Nationalen, welche so gerne eine Organisation des GesammtjudenthumS herbeiführen möchten, welche mit aller Kraft dahiuarbeiten, dass alle Juden der Welt sich als Brüder ansehen, und sich, da leider GotteS sie nicht mehr das Band der Religion enge zusammenzuhalten vermag, wenigstens im zweiten, noch zurückgeblieben, natürlichen, ebenfalls ethischen und von aller Welt im guten wie im bösen Sinne anerkannten Einigungselemente der Stammeszugehörigkeit, des von Ihnen so verpönten „Nationaljudenthums" 'zusammenthun und an das alte, ewig junge Ideal, an die Zioushoffuttttg aulehnen und stärken — dass diese Juden, die sich freuen, wenn sie irgendwo eine Institution finden, die sich der jüdischen Marke nicht schämt, dass eben dieselben Juden darauf loSgehen, „die altehrwürdige. noch einzige jüdische Institution, die israelitische Allianz, zu zerstören". — Um Gotteswillen, Rabbi, das ist nicht wahr! . .. Das mögen wohl jene wenigen, zum großen Glücke sehr wenige Personen sagen, die sich einer Beurtheilung und Vernrtheilnng ihres Benehmens gegen arme, hilf- und heimatlose Stammes- und Religionsgenossen entziehen wollen und deshalb ihr eigenes liebes Ich hinter die altehrwürdige Institution verstecken möchten. Das mögen jene sagen, die es gewagt haben, armen, hungernden Brüdern ein antisemitisches Schimpfwort znznrufen, die es gewagt haben, eine schwangere, arme Frau, die nicht einmal zudringlich war, sondern weil sie ihnen vielleicht im Zustande ihrer Uebermüdnng oder Aufregung mit einer Bitte in die Quere kam, zur Thüre Hinausweisen! Das mögen jene sagen, die den traurigen Muth hatten, Greise, erschöpfte Frauen und nach Erfrischung und Nahrung lechzende Mütter mit unschuldigen Säuglingen auf den Händen, von Früh bis Nachmittag an einem heißen Sommertage ohne Labsal und Erfrischung zu lassen. Das sollen d i e sagen, aber nicht Sie. Rabbi, sonst machen Sie sich der Billigung solcher Geschehnisse und einer argen Parteilichkeit schuldig, wenn Sie davon Kenntnis haben, oder, wenn Sie, wovon ich mich überzeugt halte, von dem allem nichts wissen, dann machen Sie sich eines voreiligen Schuldspruches, und noch dazu an einer Stelle schuldig, wo nur siebenfach geläuterte Wahrheit gesprochen werden darf, und wo derjenige, den Sie anklagen, sich nicht vertheidigen, und Sie nicht widerlegen kann und das, Rabbi, ist nicht edel! Eins von Beiden! Entweder Sie gehen einem Parteistreite aus dem Wege und halten den Standpunkt fest, dass das erhabene, auch bei Juden sogenannte Seelsorgeamt von seinem hohen Piedestal nicht hinuntersteigen darf in die Meinungsverschiedenheit (wenn es eine solche hier überhaupt geben kann) und in das Gezanke der Parteien, dann stellen Sie sich nicht vor die Einen und lassen Sie, um des Himmels willen das Rabbinat, das, mit Recht oder Unrecht, schon so viel an Ansehen bei dem Jndenthume eingebüßt hat, nicht noch weiter Schaden nehmen. Oder Sie wollten, was ja in der alten, guten Zeit vorgekommen ist, die Sache vor Ihrem Richter-, stnhle, vielleicht unter Zuziehung von noch zwei Dajanim, damit' cs ein complet besetztes Beth-Din sei, ausgetragen und zum Frieden vermittelt sehen, dann hätten Sie die Parteien, natürlich auch die Gegenseite, laden müssen. Ich glaube, dass ich die Beschwerdeführer dazu hätte bewegen können, sich bei Ihnen zu Gericht zu stellen, obschon Sie in dieser Frage eine gewisse Präoccnpativn verrathen haben. Wir stecken, Gott sei es geklagt, so tief in der Asssimilation und haben schon so viel Fremdartiges in unseren Gottesdienst, in unsere rituellen Gebräuche rc. hineingebracht, dass es uns kaum schaden dürfte, auch ein canouisches Rechtsmittel per analogiam anzuwrndeu, »vom schlecht informierten Rabbiner an den besser informierten zu „Geächtet Volk, ich zeige dir die Stege Aus Hass und Hohn zu dieser Jugend Glück." Aus dem Glanze der Vergangenheit leuchtet ihm das Idealbild der Zukunft entgegen, er sieht und fühlt es und fasst es in glühende Worte. Wohin führen die Pfade, die er dem alten Volke zeigen will? „Zurück zur Schönheit einst gesungener Psalmen. Zurück zu diesem alten großen Gott!" Und man fühlt, dass es aus dem Herzen kommt, wenn er ausrnst: „Stark ist mein Schrei, die Liebe ihn gebar!" Es ist die aufrichtige, reine, intellectnelle Liebe, die Liebe zu den Idealen, zu dem Hoheitsvollen und Schönen, welche uns aus diesen Versen anweht. Und prophetische Töne schlügt er an, wenn er spricht: „Noch lebt dein Gott und seine Säulen gehen Noch heute vor dir, höre Israel!" In diesen Worten klingt das merkwürdige Gedicht aus, welchrs den Ton der ganzen Sammlung angibt. Und der Rahmen, in den Lilien die erste Seite dieses PoömS gefasst hat, gehört wohl zu den schönsten Blättern, die er geschaffen, aber er ist auch einer der originellsten, die mau sehen kann. Em Nahmen aus Köpfen! Nach alten und neuen Bildnissen hat der Künstler die Köpfe hervorragender jüdischer Männer, Rabbiner und Gelehrte, von Chiskia de Silva unu Josef Salvmvn del Medigv bis zu Zunz und Nappaport, zu einem prächtigen Kranz und mit großem Geschmack geordnet. Welch eine Mannigfaltigkeit des Ausdrucks, welch' kühne und kraftvolle, bald durchgeistigte oder asketische, bald sinnende und ernste, bald weise und milde Physiognomien! Ein paar Jahrhunderte geistigen Schaffens sind hier auf diesem Blatt vereinigt. Welch' vornehme, ehrwürdige Köpfe! Will man rin Volk gerecht und unvoreingenommen beunheilen, so darf man nicht die ersten besten dieser Mitglieder, denen man auf der appellieren!" Sie hätten nur dafür zu sorgen gehabt, dasdie Gegner kommen und Ihren Richterspruch annehmen und respectieren! Nur Einenicht, Herr Rabbiner! Man darf unS nicht kommen mit jener alten, schon so oft übel angewandten Vertuschungs-Vogelscheuche »Chillul-Haschem!" O, hätten unsere Vorfahren von dieser Rücksicht einen etwas ökonomischeren Gebrauch gemacht! Es stünde vieles anders in und um uns! Ein Chillul-Haschem wird nur dann nothwendig eintreten müssen — und Niemand wird eS mehr bedauern, als ich — wenn man eS mit jenen bekannten mehr begreiflichen, als löblichen Mitteln versuchen wird, uns mundtodt zu machen, um die Stimme der Wahrheit zu unterdrücken! Die Jüdischnationaleu und Zionisten Feinde der Allianz? Warum und womit? Etwa damit, dass sie seit Jahr und Tag für dieselbe Mitglieder anwerben, dass sie im abgelanfenen Sommer überall herumhausierten und agitierten, dass man derselben Spenden zuwende? Rabbi! Man hat Sie irregeführt! Ihre obenangeführte geschichtliche Studie hat mir bewiesen, dass auch Sie den eouventionellen Lügen abhold sind, und dass Sie den Math der eigenen Ueberzeuqung haben können und auch haben. Lassen Sie sich nicht missbrauchen!-Ich bin ciu Jude und ein Abkömmling von Aron, von dem es heißt, dass er den Frieden liebte, und ihm leidenschaftlich nachjagte. Ich bin auch nicht intoleranter Orthodoxe. — Wenn ich aber einen Gast aus dem Osten habe, und ihn gerne bei mir zu Tische haben möchte, so erachte ich es als meine Pflicht, ihn erst darauf aufmerksam zu machen, dass er zwar nicht Gefahr läuft, bei meinem Tische da- Verbot aus Lev. ix. 7 zu übertreten, dass er im Uebrigen auf eine genaue Einhaltung der Ritualspeisegebote bei mir nicht rechnen könne. Ich thue das fürwahr nicht aus Frömmigkeit, sondern aus — wie soll ich venu das schnell nennen? — jagen wir, aus nationaler Ehrlichkeit. Infolge meiner Friedensliebe halte ich nicht zu jenen Glattbensgenossen, die gesagt haben: Ja, wo war denn der Herr Oberrabbiner G ü d e m a it n, als unsere armen Brüder aus Rumänien, nach jahrelanger Verfolgung sich geflüchtet, und, wie irrende Schäfchen, nach Hilfe anslugten, und von den eigenen Brüdern so oft unbarmherzig behandelt wurden, dass es einen Stein erbarmen konnte? Wäre es nicht seine Pflicht gewesen, anstatt sein Geld in einem antisemitischen Neste, wie Baden, oder sonstwo zu verzehren, viel lieber die Hilfsaction zu übernehmen, sich mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit, seinem hohen Ansehen als Oberrabbiner der Metropole Wien, seinen einflußreichen Beziehungen zu den Reichen in Israel, für die Golus-Brüder zu verwenden, bei jenen Reichen, die bei einem Wettrennen so viel einsetzen und verlieren, als nothwendig ist, hundert Familien nach Amerika — speciell nach Canada — zu spedieren und selbe sogar dort für die erste Zeit zu verpflegen? Ich sage das nicht. Im Gegentheile — ich glaube, dass es Ihr Gesundheitszustand gewiss nothwendig erforderte, dass Sie einen Curvrt aufsuchten. Aber dafür hätten Sie vielleicht durch Ihre Untergebenen im Amte sorgen lassen können, wenn man den armen Leuten, die viel lieber gefastet hätten, Trefe- Conserven vorsetzt, dass diefeswenigstens nicht im Namen jüdischer Wohlthätigkeit geschehe! — Rabbi, das that man Inden, die in der Nähe des GlutofenS der Dampfmaschine, wo sie tagelang gehalten wurden, ihr Mincha- Gebct im Minjan verrichteten! DaS that man armen Juden, die damit ihr Seelenheil zu verwirken glaubten! Das that man Juden, die nur, weil sie Juden bleiben wollten, den Golus- Stab ergreifen, die in dieser tragischen Situation noch für die an sie herantretenden Versucher, in Person von protestantischer und katholischer Missionäre, taube Ohren hatten. Rabbi! Sie, wie kein anderer vielleicht, wissen, dass in Straße begegnet, als Muster wählen, ja nicht einmal der sogenannte statistische Durchschnitt, der ja eigentlich keine reale Existenz hat, und nur eine wissenschaftliche Fiction ist, darf als normativ angesehen werden. Vielmehr müssen die repräsentativen Individualitäten angeschaut werden. Diejenigen, die das betreffende Volk selber als die höchsten Stufen seiner Entwicklung betrachtet, als die Ideale, denen nahzutreten sich verlohnt, als seine geistigen Führer und Repräsentanten. Das gilt wohl nicht allein in intellectneller und moralischer Beziehung, sondern auch wo es gilt, den physischen Habitus zu charakterisieren. Da diese Köpfe mit möglichster historischer Treue hingezeichnet sind, so bilden sie mit ihrem markanten Ausdruck und ihren gemeisselten Zügen von Söhnen eines alten, aber von jedem senilen Zug völlig freie» Stammes, einen intecessanten Beitrag zur Anthropologie der Juden. (Schluss folgt.) Drr allmächtige Schammes. (Eine Skizze aus d e in Ghetto.) Es ist wieder ein Bild aus der alten Gasse, das ich einem jüngeren Geschlechts vorführen möchte, und abermals wird es sich zeigen, daß das Ghetto die großen Weltereignisse, die Erscheinungen in Staat und Gesellschaft im Kleinen darstellte, und dann wieder, wie das Leben in den allen jüdischen Gemeinden auch heute noch sortbesteht, mögen die Mauern des Ghettoszlängst schon zusammeiigestürzt sein. . . . Du hast, theuerer Leser, in deiner Weltgeschichte gewiß von allmächtigen Vezieren gelesen, und wenn auch sonst von keinem Anderen, so doch von jenem berüchtigten Haman, dem wir Juden oas Purimsest mit Allem, was drum und dran häiigt, zu danken haben. Diese Veziere beherrschten ihre Sultane vollständig, und sie, die da meinten, über das Leben von Millionen in, despotischer Laune verfügen zu können, waren selbst unterthan einem Einzelnen. Freilich mußte der Vezier gewärtig sein, eines für ihn unschönen Tages von einem Anderen gestürzt, und dann — eine unliebsame Erhöhung — selbst gehängt zu iverden, wie dies auch jenem Haman geschah, der da abstammte vom alten Amalek, und ohne den es keine Purimkrapfen, keine Megillah und keine Masken gäbe. Nun, geliebtester Leser, solche Veziere finden sich auch im alten Ghetto, ihre Sultane waren die Männer, welche den stolzen