Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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SSS mtsm. ifmmaaitictfnmmaemfpam/mbhi Ur. 50 Wien» 14. Decemver 1900. II. Jahrgang. »w l; rfc*^iwr-.>»tidaäajrepei/jiv ^ftj^ra^io^vwuR^ajweji 2LW.AE»»»»« Jüdische «oWMiiikimd östrrreichische ReichssiMik. Zu den Hauptargmnenten der Gegner jeder jüdischen Volkspol itik und jeder jüdischen Organisation gehört die Behauptung , dass man keinen Gegensatz zwischen jüdischen und allgemei n merischlicken Forderungen consüuier.-i! dürfe und dass speciell in Oesterreich die Juden nicht als isolierter Factor, sondern nur im Bunde mit den fortgeschrittenen Elementen der übrigen Bevölkerung ihre Lage verbessern könnten. ES fällt nun nicht schwer, den Nachweis zu liefern, dass ein großer Thcil derjenigen, welche das Meuschenthum und Oefierreicherthum gegen das Judenthum aus spielen, nicht etwa nur eine veraltele und verfehlte Judeupolitik cultivieren, sondern auch der Sache de? reinen Menschenthums und einer modernösterreichischen Politik unendlichen Schaden zufügen. Es ist nun einmal eine Ironie des Schicksals, dass die Juden, so oft sie iüe eigenes Volk schädigen, sie gleichzeitig auch alle übrigen Boiler schädigen. Eine gesunde jüdische Realpolitik aber nützt gleichzeitig den Juden wie allen übrigen österreichischen Völkern und fördert eine zeitgemäße österreichische Rcichspolitik. Jene Juden, die ihre Bölkeriudividualitäten verläugnen, haben nicht nur kein Verständnis für die eigentlichen Ursachen des Rasten- und ökonomischen Antisemitismus und für die Mittel zur Uebcrwinduug desselben, sondern es fehlt ihnen naturgemäß auch das Verständnis für die nationalen Gefühle und ökonomischen Bedürfniste der übrigen Völkerindividualitäten, welche den österreichischen Reichskörper bilden. — Sie bilden nicht nur ein rückständiges Glied im jüdischen Volke, sie sind auch als Fremdkörper in anderen Völkern keineswegs, wie sie sich einbilden, Verbündete wahrhaft fortschrittlicher Gruppen, sondern die Stützen und Alliierten abgestorbener Fractionen, die in nationaler und socialer Richtung conservativ oder rückschrittlich (in den Augen der überwiegenden Majorität der Bevölkerung) sind. Nur darum gelten sie in einzelnen jüdischen Kreisen als »freiheitlich" und „fortschrittlich", weil sie die Juden als deutsche, czechische, polnische, italienische oder magyarische B ürger mosaischer Religion anerkennen. Diese, die jüdischen Astimilanten quittieren dann diesen »Philosemitismus" damit, dass sie nicht etwa nur sich ihres eigenen jüdischen Volks thums enteignen, den Leiden desselben in ideeller und materieller Hinsicht kühl gegenüberstehen, sondern auch in den vordersten Reihen jener extrem nationalen Chauvinisten deutschen, czechischen, polnischen, italienischen und magyarischen Stammes fechten, welche in den anderen Nationalitäten der Monarchie nicht gesetzlich gleichberechtigte Bürger, sondern Oesterreicher zweiter und dritter Elaste erblicken. Auf diese Weise fördern die Astimilanten den brudermörderischen Rastenkampf, der die Fundamente des Reiches Der Sang von Inda. (Juda". Gesänge von Börries, Freiherr von Münchhausen. Buchschmuck von E. M. Lilie n.*) Die Zeit, in der wir leben, ist reich an Gegensätzen. Wer hätte es glauben können, dass zu derselben Stunde, in welcher hüben und drüben in dem Europa des emporziehenden 20. Jahrhunderts blutiger Aberglaube aus dem Grabe sich erhebt, um uns, unsere Vergangenheit und unsere Religion mit giftiger Verleumdung zu bespritzen, zn derselben Zeit, in welcher in civilrsierten und halbcivilisierten Ländern unser Recht zum Dasein förmlich bestritten wird — aus Deutschland, der Geburtsstätte des modernen Judenhasses, von wo aus die Schlagworte des Ausrotteus und Vernichtens gegen uns erklungen sind — mm plötzlich Klänge herübertönen, wie wir sie seit den Zeiten, da Byron seine hebräischen Melodien in die Welt lfinausschmetterte, nicht vernommen, wenigstens aus christlichem Munde nicht vernommen haben. Allein, Deutschland ist nicht nur die Heimat des Antisemitismus, es ist auch das Land des Bibelfiudiums, nirgends auf dem Eontinent wird das Buch der Bücher so liebevoll studiert, gepflegt uud commentiert, wie in Deutschland, und keines Bolkes Geistesleben steht so unter dem Einfluss der Propheten und Psalmisten, wie das des deutschen — trotz allem und allem. Und so groß ist die Gewalt des alten Buches, dass es auch dem Volke Freunde wirbt, dessen unveräußerliches Besitzthum, dessen ursprüngliches Erbe es ist. Börries von M tt n ch h a u s e n, der hochbegabte juit^e deutsche Dichter, hat die Bibel gelesen und ihren Geist auf sich wirken lassen. Verwandte Saiten erzitterten in seiner Seele, es erwachten in ihm Lieder, durchweht von dem Hauche alttestanienterschüttert und somit in gleichem Maße die Sache der Menschheit, wie die Sache des wirklichen Fortschrittes und die LebenSiliteresten Oesterreichs schädigt, gleichzeitig aber durch das Aufpeitschen der Leidenschaft eines fremden nationalen Fanatismus die Wege dem Antisemitismus ebnet. Dagegen leugnen die Vertreter einer modernen jüdischen Volkspolitik keineswegs die Thatsache, dass, ebenso wie es einerseits Interessen des Individuums und andererseits Interessen der Gesammtheit gibt, auch bei uns Juden, wie bei allen übrigen Nationalitäten, außer den speeifisch-nationalen Sonderinteresten auch gemeinsame politische und wirtschaftliche österreichische Reichsintercssen existieren. Nur halten wir cs keineswegs für nvthwendig, dass die Juden sich ihrer Rastenindividualität entäußern müssen, um ihren Tribut der Sache der Menschheit und der österreichischen Reichsidee zollen zu können, sondern dass im Gegentheile die Juden als einheitlicher Volkskörper und nur als solcher ein nützlicher integrierender Bestandtheil jener österreichischen Volkspartci sein können, welche als Coalilion und Liga derjenigen Elemente aus allen österreichischen Nationalitäten, Confessionen und Elasten sich hersuskrystallisieren muss und wird, die nicht in der Herrschaft und Unterdrückung, nicht in der Vergewaltigung oder Entäußerung, sondern in der Respectierung der Einzelindividuen und nationalen Individualitäten, in der Autonomie und Genossenschaft das Heil der österreichischen Monarchie, den Frieden der Völker und deren materielle Wohlfahrt erblicken. Die Parteien der Gegenwart, von denen die assimilatorischen Elemente der Juden durch Anschluss an die dieselben gleichzeitig die Ueberwindung des Antisemitismus, sowie den allgemeinen politischen und socialen Fortschritt, erwarten, sind dies keineswegs imstande. Ja noch mehr, diese heute bestehenden fortschrittlichen Parteien, in welchen das assimilatorische Judenthum einen Bundesgenossen „gegen der? Antisemitismus" und die »Reaction" sucht, diese Parteien werden zum guten Theile, wenn nicht ausschließlich, durch jüdische Mitglieder und bei den Wahlen durch jüdisches Geld und jüdische Stimmen am Leben erhalten. Die bestehenden Parteien aber, auch soweit sie nicht antisemitisch sind, fördern durch ihren nationalen Chauvinismus oder durch ihre kurzsichtige Classcnpolitik den Rastenrespeetive ökonomischen Antisemitismus. Dieser sucht sich nach obenhin durch Drapierung mit einem schwai zgelben staatserhaltcnden Mäntelchen, nach unten als Retter ans dem „kapitalistischen Joche" zu drapieren, trotzdem der Antisemitismus, wie der Nationalitätenhader derselben Quelle, der nationalen Unduldsamkeit und des Rassenhochmuthes entspringt, trotzdem beide die Lebenswurzeln Oesterreichs unterbinden und eine Haupthemmnis für jede radicale wirtschaftliche Reform bilden. Dies alles hat die assimilatorische Politik jener jüdischen Führer verkannt, welche die Deutschfortschrittlichen und die deuts che Gemeinbürgschaft überhaupt unterstützen, obwohl in derselben einerseits Herr S ch ö ne r e r, andererseits Herr Lueger commandieren. Dieselben politischen Sünden begehen jene jüdischen Trabanten der Jungczechen, die unter der Zuchtruthe eines Baxa stehen, und die jüdischen Hausknechte des Polenclubs, der zum Theile offen, zum Theile verkappt mit der Stojalowsky-Partei gegen Juden und Ruthenen poctiert. Welche unter den genannten Parteieu vertritt also die »allgemeinen, menschlichen Interessen", die Interessen der „Freiheit", „Gleichheit" und »Brüderlichkeit", die Interessen Oesterreichs? Alle diese offen oder verkappt antisemitischen Fractionen sind zu jeder Stunde bereit, für die schäbigsten Sonderinteressen ihrer Gruppe, für die engherzigsten nationalen, confessionellen oder Classensonderinteressen nicht etwa nur die Juden preiszugeben, sondern auch alles das,^ was diese Herren „Freiheit", „Fortschritt" und „österreichischen Patriotismus" nennen. Und dieser Coterien halber, die Oesterreich bis an den Abgrund gebracht haben, die alle Völker untereinander verhetzen und uns Juden als Sündenbock für die. Unfähigkeit aller österreichischen Regierungen uud die Verlotterung aller bestehenden österreichischen Parteien den unzufriedenen Massen zu opfern bereit sind, diesen Coterien zuliebe sollen wir uns unserer nationalen Individualität entäußern, mit ihnen sollen wir uns auch weiter coalieren??? Darüber wich die jüdische Wählerschaft Gesammtösterreichs sich endlich klar.werden müssen, ob sie die alten ausgetretenen Pfaden trotz all der bitteren Erfahrungen noch weiter wandeln will, oder ob sie sich nicht endlich zu ihrem eigenen Nutzen und zum Nutzen der österreichischen Volksgesammtheit von dem alten Parteitrödel emancipieren will. Wir, die wir auf der Hochwarte einer moderner jüdischen Volkspolitik stehen, haben also die Pflicht, .rüstig weiter zu bauen an unserer jüdisch-volklichen Organisation zur nationalen und socialen Regeneration unseres Volkes, aber auch einer Phalanx, die bereit ist, ein Glied zu bilden der österreichischen Volkspartci der Zukunft, welche die politische und wirtschaftliche Regeneration Oesterreichs zum Feldrufe erhebt. Dr. K. Offener Aries an Sr. Ehmürden Herrn Oilerrabbiner Ar. Memann! Euer Ehrwürden! Ein Gesinnungs-Genosse, d. h. ein Jude,' den die alte Hoffnung Israels auf eine Regeneration auf der alten geliebten, mit dem Blute unserer Vorfahren getränkten Schölle in ihrem neuzeitlichen Gewände des sogenannten »politischen Zionismus" erfasst und beseelt, theilte mir mit, dass Sie in Ihrer Predigt von Freitag Abends, 30. November, von' der Kanzel herab, also von jener Stelle aus, von welcher dem aufhorchenden licher Kraft und Schlichtheit. Noch mehr, angezogen von den Schönheiten, die er in der Bibel entdeckte und die ihn bezauberten, regte sich in ihm das Interesse für das Volk, welches ihr Träger durch der Zeiten Ungunst war, er bestrebte sich, seine Sitten und Bräuche, seine tragische Vergangenheit, sein Fühlen und Denken kennen zu lernen. „Und wie ich gieng des alten Volkes Pfade, Da stiegen greise Schatten ans dem Grund. Da klang die Erde, und des Ewigen Gnade That meinem Ohr verscholl'ne Lieder kund." Diese Lieder hat Börries von Münchhausen in ein Buch gegossen, welches ihn unter die besten Dichter und unter die edelsten Geister seiner Nation einreihen wird, uns Juden aber in diesen Zeiten des Trübsals und der Verfolgung ein Unterpfand gewährt, vafs nach dem Regen schöner Wetter kommen kann. Auch lehrt es uns, was leider Viele unter uns nur zu oft vergessen, welch' einen Schatz wir in unserer alten Bibel besitzen. Und E. M. Lilien hat dieses Buch mit Illustrationen geschmückt, die von dem Können und Streben, von der schöpferischen Phantasie, der Gestaltungskraft und dem ernsten Wollen des jungen Künstlers das Schönste erhoffen lasten. E. M. Lilien, der unter der jungen Generation der modernen Zeichner und Illustratoren von Deutschland eines wachsenden Rufes sich erfreut, ist eine Erscheinung, die die Aufmerksamkeit herausfordert. Noch sehr jung, kaum sechsundzwanzigjährig, darf er bereits auf eine reiche künstlerische Ernte Hinweisen und kann auf eine ziemlich bewegte Vergangenheit zurückblicken. Der Sohn eines armen jüdischen Drechslermeisters aus Drohobycz in Galizien, der Geburtsstadt Moriz Gottliebs, hat er, in dem sich schon seit der frühesten Kindheit der künstlerische Drang regte, erst nachdem er daS bittere Brot eines Lehrlings bei einem Zimmermaler eine Zeitlang gegessen und auch sonst genugsam hin- und hergeschleudert worden, den Weg zu seinem eigentlichen Berufe gefunden. An der Krakauer Kunstakademie, die er kurze Zeit besuchte, lernte er höchstens verstehen, wie er, seiner Anlage und seinem Talente entsprechend, nicht malen dürfe. Darauf pilgerte er nach München, dem Mekka aller polnischen Maler, mit dem festen Vorsatze, sich in die dortige Akademie aufnehmen zu lasten. Aber das erlaubten ihm seine Mittel nun nicht. So blieb er denn auf sich selbst angewiesen und bahnte sich mit eigener Kraft einen Weg durch das dornenvolle Gestrüpp, welches die Laufbahn eines Künstlers ohne Protection und Verbindungen, wenn er noch dazu ein Jude ist, liebt. In hartnäckiger, trotziger, verschlossener, rastloser Arbeit reifte sein Talent. In der Einsamkeit und Verlassenheit fand er sich selber und aus seinem tiefsten Innern schöpfend, von einer aufrichtigen, heiligen Liebe für seine Kunst begeistert, bot er aller Not und allem Ungemach die Stirn. Heiter, sonnig und humorvoll, getragen von einer ruhigen Lust am Leben, von einer Freude au Form und Linie, ist seine Kunst erblüht — wohl im Gegensatz zu seinem persönlichen Leben von damals. Seine Zeichnungen, die eine höchst individuelle, in ihrer Art vollendete Technik ausweisen, wie.sie nur durch emsiges Studium und gewissenhafte, liebevolle Beobachtung der Natur erworben werden konnte, zeigen eine üppige, erfindungsreiche Phantasie, eine schwellende, beinahe feminine Weichheit und Zartheit der Linien. Doch in allem diesen reichen Schaffen fand Lilien nicht seine volle Befriedigung, da er fühlte, dass er hierin nicht alle die Kraft zu legen vermochte, welche in seinem Innern wogte. Er sehnte sich nach einer höheren Aufgabe, die größere Forderungen an sein Können stellen sollte. Ein freundlicher Stern hat den niedersächsichen Grandseigneur und den jüdischen DrechslersyHr zusammengeführt *) Perlag von F. A. L a t t m a n n, Goslar. 1900.