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Jüdisches Volksblatt · 1900-12-07 · 49 (7.12.1900) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
49 (7.12.1900)
Date
1900-12-07
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 7. December 1900 Nr. 49 Seite 6 Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler. Lectionenvermittlung Ql „fl nUJ| unterrichtet Untergymnasiasten. Gefl. Zuschriften vlUII. jJllll. erbeten unter ,.J. S.“, Leseuml Redehalle jüd. Hochschüler, IX., WShringerstrasse 24. QlllH nhil of mafh W{ire bereit’ Obergymnasiasten in OIUU. plill. CI IlIClIII. allen Fächern zu unterrichten, ev. zur Matura vomibereiten. Unter ,,E. M.“ an die Lesehalle jüd. Hochschüler, IX., Währingerstrasse 24. Milcher vülksmkin in Wien. Der „Jüdische Volksverein" Hot den Zweck, überall dort, wo die politischen und wirtschaftlichen Interessen der Juden geschädigt werden, helfend und schützend einzugreifen, den Geist der Zusammengehörigkeit unter ben Juden zu fördern und zu heben und alle Theile zu einem festen Ganzen zu vereinigen. Wer nur einen Funken Gefühl für die politische Drangsalierung, wirtschaftlichen Boycotts und gesellschaftlicher Missachtung, unter denen wir Juden zu leiden haben, hat, muss einsehen, dass unser Verein nur dann Ersprießliches zu leisten vermag, wenn in unseren Reihen das gesammte jüdische Volk steht. Es ist daher nolhwendig. dass ein jeder Jude dem jüdischen Volksvereine als Mitglied beitrete. Die Höhe des Mitgliedsbeitrages wird dem eigenen Ermessen jedes Einzelnen anheimgestellt. Anmeldungen werden im Vereinslocal II., Leopoldsgasse 4S enlgegengenommen. Nachtrag. Dr. VyK vor seinen (O ri g. - T e l e g r. des „Jüd. B o l k s b l a t t".) B r o d y, 5. December 1900. Gestern abends hielt Herr Dr. Byk im Cultusgemeindesaale seinen Rechenschaftsbericht. Um allen Demonstrationen vorzubeugen, wurden früher an die Wähler Einladungen geschickt, welche zugleich als Eintrittskarten galten. Äuch die Polizei und Gendarmerie thaten dabei ihr Bestes. Als Dr. Byk die Rednertribüne betritt, konnte er durch die unzufriedenen Laute des Publicums nicht zu Worte kommen und musste beschämt unter Pfiffen, „Nieder mit Byk! Hoch Landau!" die Rednertribüne verlassen. Nach dieser traurigen Niederlage ergriff Herr Handelskammersecretär Dr. Rittet das Wort und auch er, sowie Herr Bürgermeister Kulak mussten unter Pfiffen und Rufen auf das Wort verzichten. Dann betrat der Großindustrielle Herr Karp eluß die Redüertribüne und widerlegte alle Angaben des Dr. Byk bezüglich seiner Thätigkeit für die Juden. (Stürmischer Beifall.) Noch so mancher Philo-Byk bat ums Wort und musste trotz ständigen Läutens des Vorsitzenden, beschämt zurücktreten. Als dann die Sitzung geschlossen wurde, gab Doctor Byk seinem Aerger durch die verwerflichen Worte Ausdruck : „Niederträchtige polnische I u d en". Außer manchen Aristokraten, sind sämmtliche Wähler Anti-Bykisch gesinnt. J. A. Der Schlüssel. Erzählung von Cduard Kulke. (Fortsetzung.) VI. Das Beurlauben. Nachdem der Herr Blumenthal abgereist war, hatten Löb und Jentel Frank eine wichtige Unterredung. Am Schlüsse derselben sagte Löb Frank zu seinem Weibe: „Weißt Du was, mein Kind, Du brauchst über die Sach' kein Wort mehr zu verlieren. Ich Hab' Dich nur nicht unterbrechen wollen und darum Hab' ich so ruhig alles angehört, was Du gesagt hast. Du musst aber nicht meinen, dass ich dagegen bin und Deine ganze Begründung war gar nicht nöthig. Auch wenn der Herr Blumenthal sich anders «usgesprochen hätte, ich hätte doch nur gethan, was Du willst; Dein Wille ist mir ^enug. Nur eins muss ich Dich bitten und dagegen wirst Du nichts einzüwenden haben: Ich möchte die Barmizweh von Felix noch hier in meinem Hause haben, denn wenn ein Kind einmal aus dem Hause geht, daun kann mau sich's mehr unter keinen Glaskasten stellen, wie das Silbergeschirr und es geht dann seinen eigenen Weg. Gott soll geben, es soll alles zum Guten ausschlagen." Schweigend umarmten sich die Eheleute und Löb Frank drückte Jentel mit einer Inbrunst an das Herz, wie er es gethan hatte, als er sie zum erstenmale in sein Haus eingeführt. Die Vorbereitungen für die Barmizweh und für den Eintritt ins Gymnasium wurden jetzt mit gleichem Eifer betrieben. Felix lernte „Tsillin" (die Gebetriemen) legen und nahm beim christlichen Schullehrer Unterricht in der dritten Classe, weil er vor dem Eintritt ins Gymnasium aus dieser Classe die Prüfung machen musste. „Der ..Bocher" ist ein ganz braver Mensch", hatte sich Jentel Frank gesagt, „und alles, was zum Jüdischen gehört, hat er meinem Kind beigebracht; aber vom Deutschen versteht er ,.nebech" (leider) selbst nichts und ein Schelm, der mehr gibt, als er hat." Darum hat sie dem Felix beim christlichen Schullehrer eine Privatstunde genommen. Felix hatte seine Hände voll zu thun. Vor allem musste er täglich eine ganze Menge Aufgaben ausarbeiten, etwas ganz Neues für ihn, da er früher, außer bei der Schreibstunde in der Schule, niemals eine Feder angerührt hatte. Dann musste ec wieder beim jüdischen Lehrer eine „Barmizweh-Droscheh" (Confirmationsrede) lernen, denn Löb Frank wollte sein Kind, bevor es in die Fremde geht, noch „darschenen" (predigen) hören. Ueberdies setzte Felix nlit größtem Eifer seine geheime Lectüre des Neuen Testamentes fort und verweilte oft länger dabei, als er sich gestatten durfte, und endlich waren jetzt auch seine Zusammenkünfte mit Gumpel wieder erneuert worden, und er hätte lieber noch etwas anderes rersäumt, als seinen Freund Gumpel zu vernachlässigen. Dass den beiden Knaben nach langjähriger Trennung jetzt nichts im Wege stand und sie allen Bär Lederers der Welt trotzen können, das ist so gekommen. Erstlich hatte der Schames, da Löb Frank für ihn ein sehr einträgliches Haus war, sich der von Jentel Frank ausdrücklich gewünschten Annäherung nicht schnurstracks widersetzen können. Dann musste Gumpel ja auch lernen, „Tsillin" legen, da er sogar etwas älter war als Felix, und die beiden Knaben, die hierin zugleich unterrichtet wurden, hatten schon dadurch wieder Gelegenheit täglich zusammenzukommen. Endlich tröstete der Schames sich und sein Weib damit, dass das Ganze, nur noch kurze Zeit dauern wird, denn Felix wird studieren und wird daher bald abreisen. So gieng alles trefflich von statten, und mit Ansnahme von Bär Lederer war alles zufrieden. Bloß der Lehrer hätte zur Unzufriedenheit einige Ursache gehabt, da Felix außer ihm noch einen zweiten Lehrer hatte; aber er war nicht empfindlich und fühlte sich hierüber auch nicht beleidigt. Er war so vernünftig, sich zu sagen: „Wenn Felix wirklich studieren soll, so muss er einmal damit den Anfang machen", und dass er selbst ihm in dieser Richtung nutzt viel leisten konnte, das wusste er nickt nur, sondern er gestand es auch, im Gegensatz zu jenen Lehrern, welche nur immer darauf los unterrichten, auch wenn sie von dem Gegenstände gar keine Kenntnis haben; ja der Lehrer war sogar innerlich froh, dass ihm die Last der Sprachlehre, welche Jentel Frank ihm aufgebürdet hatte, nun wieder abgenommen war. Nur eines machte ihm geheimen Kummer. Er fürchtet-', Felix könne in der Folge von den Studenten verdorben werden. Felix hat sein Versprechen, vom Lesen des geheimnisvollen Buches niemand zu sagen, so getreu erfüllt, dass er selbst gegen seinen Lehrer hierüber das tiefste Stillschweigen beobachtete, und dieser wusste nicht, wie er solches Schweigen deuten soll. War Felix beschwichtigt? Sind seine Zweifel gelöst, seine Fragen beantwortet? Oder sollte er durch die letzten Vorgänge in eine andere Richtung gebracht, an das Buch und alles, was damit zusammenhängt, wie an eine frühere Laune, gänzlich vergessen haben? Der Lehrer wusste hierüber kernen Bescheid, und er hielt es für gefährlich, durch eine Frage den vielleicht schon vergessenen Gegenstand wieder anzuregen. Deshalb schien ihm das Rathsamste, ebenfalls zu schweigen und abzuwarten, was sich im Laufe der Zeiten daraus ergeben werde. Wenigstens konnte er sich in seinem Gewissen keinen Vorwurf machen. Mittlerweile rückte der Zeitpunkt der Barmizweh für die beiden Knaben immer näher heran. Für Gumpel lief diese ziemlich geräuschlos ab. Er hat eine neue Garderobe bekommen und ist in Schul aufgerufen worden. Das war so ziemlich alles, was sich davon erzählen lässt. Die Barmizweh des anderen Knaben erregte in der Gemeinde die allgemeine Aufmerksamkeit in etwas höherem Grade. Bei der großen Mahlzeit, die Löb und Jentel Frank für Schabbes-Abend veranstaltet hatten, hielt Felix eine „Droscheh" (Predigt) über den Wochenabschnitt. Wenn er sie auch nicht selbst verfasst, so hat er in dieselbe seiner Gewohnheit gemäß stark hineingearbeitet, und dies verlieh ihm eine Sicherheit und ein Feuer beim Vortrage, dass er nicht nur die ganze Gemeinde, sondern auch den Rabbiner in Erstaunen setzte. „Schade," sagte dieser, „dass Ihr Sohn kein Row werden wird; es geht mit ihm ein großer „Charef" (scharfsinniger Mann) zugrunde," worauf Jentel erwiderte, dass man dieses heute noch gar nicht wissen kann, was aus Felix noch werden wird; „vielleicht wird er ein Row; denn wenn er auch studiert, so kann er dabei auch noch immerfort Gemoreh lernen/ „Helwajeh (Gott gebe)," sagte Bert Lederer, „ich müsst' vor ihm auf stehen, wenn er in Schul hineinkommt/ Salme Gloser aber, der mit glotzenden Augen dagesessen hatte, wandte sich an den Lehrer, welcher heute besonders Ursache hatte, stolz zu sein, mit der Frage, ob sein Jüngel zu der Barmizweh das auch kennen wird, wohingegen der Lehrer mit überlegenem Lächeln sagte, dass sich so was nicht vorausberechnen lässt. „Ich bin nicht Löb Frank/ sprach Salme Gloser weiter, „und Hab' nicht so viel im Vermögen, als die Reifen von seine Fässer wert sind, aber absparen möcht' ich mir den Bissen vom Maul, und möcht' mein' Jtzegel, wenn er zu der Barmizweh eine solche „Droscheh" führen kann, eine goldene Uhr kaufen, die sich vor der da nicht zu schämen braucht, die Löb Frank seinem Jüngel gegeben hat." Salme Glasers Weib, Chawele Spazierstöckele, so genannt, weil sie dem großen Salme bequem als ein „Spazierstöckele" hätte dienen können, wie klein sie sich gegen ihn ausnahm, fügte hinzu: „Und ich geb' ihm dies „Fingerl" (Ringlein) von meiner Hand herunter, wenn ich's erleb', und das braucht sich auch nicht spotten zu lassen, und ich kann mich doch gewiss auch nicht mit Jentel Frank vergleichen/ Sie sagte dies, da sie sah, dass Jentel Frank ein Ringlein von ihrem kleinen Finger nahm und es dem Felix an den Zeigefinger steckte. Gawriele Stuffer, der dies hörte, wendete sich an Chawele Spazierstock: „Und ich", sagte er, „verehr' ihm ein „Schaß haposkim" (den ganzen Talmud), das alle Farben spielen soll; ein ganz neues „Päschele" Karten, und schon am Freitag Abend beim Schulrufen setz' ich mich als „Pojatz" (Bajazzo) vermaskiert auf ein Pferd und werd' dem „Schames" vorreiten, und der „Row", der mir den „Chower" umsonst verehrt hat, wird Deinem Jtzegel schon zu der Barmizweh den „Chower" geben. Dein Jtzegel wird ein „Lamden" (Gelehrter) werden nach dem letzten Brünner Markt; er hat ein „Schick" (Geschick) zu einem „Lamden", wie ein Kälbel zu einem Trompeter. Ich mein', wenn er eine „Gemoreh" sieht, steht er richtig dabei, wie eine Kuh beim neuen Thor/ „Du verdienst, dass man Dir ins „Ponim" (Gesicht) . hinein „speiben" (spucken) soll," sagte Chawele > Spazierstock, „weil Du mich öffentlich thust „mewajesch" (beschämen) sein; Du meinst, weil Du den „Choiver" hast, kannst Du Dir gegen jeden herausnehmen, was Du willst." „Mach'kein Gelärm, Chawele/ beschwichtigte Mechol Pradenik, „sein' Chower hat er sich einmal verdient, und er hat sich früher auch kein Blatt vor das Maul genommen. Du thust, wie wenn Du ihn gar nicht kennen möchtst. Lass ihn reden, er meint's nicht schlecht, und was er Dir wünscht, das soll Dir angeh'n/ Gawriele Stuffer hatte schon wieder einen Witz auf der Zunge; aber als er ihn loslaffen wollte, fieng der „Chasen" an, „Ledowid Borech" zu singen; denn es begann zu dunkeln, und man hatte beschlossen, hier im Hause Minjen zu machen. Deshalb musste Gawriele sein Witz in der Kehle stecken bleiben zur großen Freude von Chawele Spazierstock und zum größten Aerger von Schloime Klatschkopf; denn ihm war nichts lieber, als wenn Gawriele jemand tüchtig die Galt' reizte, und er sah es am liebsten, wenn die Leute „baßen" (sich ärgern), dass sie das „Bestemm" (eine Krankheit) kriegen. „Wenn mir so ein Wort in der Kehl' stecken bleiben sollt'/ sagte er heimlich zu Gawriele, „so möcht' ich davon den „Kutzer" (Husten) bekommen/ Ber! Lederer aber, der daneben stand, schrie: „Mafsik / und sah ihn mit zornigem Gesicht an. Als man sich hierauf nach verrichtetem Gebete entfernte. wünschte man Löb und Jentel Frank noch einmal Glück, sie mögen das Kind erziehen zur „Chuppe" (Trauung), zur „Thoire" (Lehre) und zu „Maißim toimim" (guten Handlungen). Felix konnte sich nach der Barmizweh seinen Vorbereitungsstudien mit desto größerem Eifer hingeben, und in kurzer Zeit lagen die Worte eines jeden Satzes in seinem Kopse so gut eingetheilt, als ob sie dort ihre bestimmten Schublüdchen hätten, wo er sie hineinorduete; so gut wusste er zu analysieren. Kein Bruch war so halsstarrig, dass er ihn nicht eingerichtet, und keine Proportion so verkehrt, dass er sie nicht gerade gemacht Hütte.. Sein Privatlehrer erklärte, dass er genügend vorbereitet sei und dass er aus der dritten Classe die Prüfung bestehen könne. Man fuhr mit Felix nach dem nahegelegenen Nikolsburg, wo sich ein Piaristenktoster befindet, und Felix setzte, wie sein Lehrer erzählt, die Professoren in Staunen durch seine Antworten. Nachhause kam er mit einem Zeugnis, das gar nicht besser sein konnte. In dem Zeugnisse stand: „Dieser Schüler verdient, in die erste Classe mit Vorzug gesetzt zu werden." Die lange Jittel, welche eben anwesend war, als Löb Frank das Zeugnis vorgelesen, sagte: „Und das ist ein gut Zeugnis? Das Hab' ich auch noch nicht gehört. Ich Hab' gemeint, er hat die dritte Claff' Prüfung gemacht, und jetzt verdient er, in die erste Claff' gesetzt zu werden. Er muss bei der Prüfung gar nix gekonnt haben." Felix war über diese Bemerkung ganz betroffen. Schnell aber sammelte er sich und sagte: „Ist denn daS die deutsche erste Claff', was da steht? Das ist ja die lateinische!" „Und noch dazu mit Vorzug," fügte Jentel Frank hinzu, die sich dem Ziele ihrer Wünsche so nahe sah. Die Hochsommermonate verstrichen, der Herbst begann, die Blätter färbten sich gelb und sielen von den Bäumen, der October, der Monat, in dem die Studien beginnen, rückte näher heran, und man machte Anstalten zur Abreise des jungen Studenten, wie man ihn jetzt bereits allgemein nannte. Der Tag der Abreise erschien. Felix gieng — so war es in früheren Zeiten üblich, wenn ein Kind aus

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