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Jüdisches Volksblatt · 1900-12-07 · 49 (7.12.1900) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
49 (7.12.1900)
Date
1900-12-07
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Wien, Freitag Jftdisekes Volksblatt Nr. 49 dem elterlichen Hause in die Fremde zog — in der ganzen Gemeinde' von Haus zu Haus, um sich zu beurlauben. Er lief; auch nicht eine einzige Thüre ungeöffnet; ohne Unterschied, reich und arm, groß und klein, von allen musste er Abschied nehmen. Dabei fehlte es in den verschiedenen Häusern ebensowenig an Ermahnungen, als an Gaben. Für ein armes Kind waren die letzteren oft von großem Wert; für Felix waren sie nur ein Zeichen der Aufmerksamkeit; denn was hatte er es nöthig, wenn ihm Jachedel Brumerin eine Stoppleber, oder Bune Kreißerin ein Teller! Grieben in Papier eingewickelt in die Tasche steckte. Seine Eltern konnten ihn so versorgen, dass er keinen Hunger leiden wird, nichtsdestoweniger nahm er diese Liebesgaben an, weil es einmal so Sitte war. Der Schames und die Schamestin, bei denen er den Anfang machte, sagten ihm ein einfaches: Bleib' gesund! — Desto länger hatte er mit Gumpel zu reden, mit dem er am letzten Tage noch ein halbes Stündchen beisammen sein wollte. Kreßele Kezinetin konnte den armen Felix nicht genug bedauern. »Du bist mir ein groß »Rachmones" (bedauerlich)" sagte sie ihm, „ein Kind von so reichen Eltern hätt' es auch nicht nöthig, in die Fremd' zu gehn; und eh' ich mein Jossephleben fortgehn ließe, möcht' ich mich lieber gleich in die Erd' hineinlegen." Neb Selke Morene war aus anderen Motiven gegen die Fahrt: er bezweifelte nämlich, ob der Junge, in der Stadt sich selbst überlassen, genug fleißig sein werde. Deshalb sagte er: »Lern' fleißig, denn sonst — was brauchst Du auf Wien, um in Wien nichts zu lernen; bleib' Du hier, wirst Du „e wade" (gewiss) in Wien nichts lernen/ Mechol Pradenik ermahnte den Knaben ebenfalls zum Fleiß, aber wieder in ganz anderer Absicht. »Tracht", sagte er, »dass etwas aus Dir wird, und dass Du einmal der ganzen Gemeinde Ehre machst/ Wenn Ore Geizkrogen in ähnli her Weise begann, so schwebte ihm doch wieder etwas ganz anderes vor, daS bezeugt die Wendung, die seine Ermahnung nahm, denn er sagte: „Sieh' dass etwas Rechts aus Dir wird, dass Deine Eltern das schwere Geld nicht umsonst hinauswerfen, und thu' Dich »genieten" (entbehren) in der Fremd' denn in der Fremd' kann man nicht alles so haben, wie zu Haus." Dr. Berger, der diese ganze Entwicklung der Dinge einzig als sein Werk ansah, freute sich herzlich, den jungen Studenten seinem Ziele entgegenschreiten zu sehen; er sagte zum Schlüsse einer längeren Abschiedsrede, in der er'ihn auf die verschiedenen Wissenschaften aufmerksam gemacht hatte: „Und wenn Du einmal etwas geworden feilt wirst, dann kannst Du Deine Mutter fragen, was ich während Deiner Krankheit mit ihr gesprochen habe." Die lange Jittel war für das geistige Wohl des Knaben weniger besorgt, desto mehr lag ihr sein leibliches Wohl am Herzen, deshalb ermahnte sie: »Geb' nur Obacht, Felixleben, dass Du Dich in der Fremd' nit verkühlst, dass Du keinen jächen Trunk machst, wenn Du erhitzt bist, dass Du Dich nicht verderbst und dass Du chaßwescholem nit krank wirst und nit zu doctern brauchst; denn sie kennen alle nix, die Doctoren, wie sie sind, verstehen sie eine Kränk." Der Rabbiner, der es selbstverständlich an Ermahnungen nicht fehlen ließ, sagte beim Abschied: Wirf nur über die lateinischen Sprache nicht gleich die Gemoreh weg; ich bin schon neugierig auf die Sugjeh (Inhalt), die Du ausgeben wirst, wenn Du einmal wieder nachhause kommst; ich versprech' Dir die Morene und ich hoffe, Du wirst sie verdienen." Am meisten freute den Knaben das, was ihm sein Lehrer sagte. Hat ihm dieser schon durch die Mittheilung jenes geheimnißvollen Buches einen Beweis großen Vertrauens gegeben, so drückte sich dieses Vertrauen jetzt noch mehr aus in den Worten: „Was soll ich Dir sagen, mein! Felix? Am besten, ich sag Dir gar nichts; denn was ich , Dir auch sagen könnte, es wär' nie genug und doch immer schon zu viel. Ich weiß. Du hast ein gutes Herz und bist unfähig, etwas Schlechtes zu thun. Das ist mein Trost, wenn ich Dich von mir scheiden sehe." Schwüle Kaketzer, der sich verpflichtet fühlte, auch sein Scherflein beizutragen, und der sich noch dazu große Stücke auf seine Beredtsamkeit einbildete, drängte diesmal seine Ermahnung in die Worte zusammen; „Thu — Thu — Thu Dich in Wie — Wie — Wien gu — gu — gut au — fführen!" Schloime Klatschkopf aber sagte: „Was wirst Du werden in Wien, auch ein Buchhalter. Das Buch wirst Du verlieren, wirst Du bleiben ein „Halter" (Hirt). Als er zu Bär Lederer eintrat, wurde er leichenblass. Bär Lederer sagte: „Feiwele, in Wien kann man leicht ein Goi werden; und wie Du daS erstemal Echabbes j schreibst, geh' gleich hin und lass Dich „koifer" sein (taufen),' denn das ist mir alles eins. , v, . . , i Felix war keines Wortes mächtig und war früh, als er wieder draußen war, um mit zitternden Knieen seinen! Rundgang fortzusetzen; Rösele aber, Bär Lederers Töchterchen, ward über die Aeußerung ihres Vaters so! erschrocken, als ob der Blitz in das Haus eingeschlagen? hättte. .! Felix kam nachhause. Der Wagen stand schon vor! der Thüre: der Rabbiner und der Lehrer kamen heran, j „Jetzt beurlaub' Dich noch mit der Mutter", sagte Löb! Frank, der mit dem Knaben den Wagen besteigen sollte,! um ihn nach der Stadt zu bringen. Felix umarmte seine! Mutter und küsste sie und beide weinten; da trat! Rösele ein. ‘ 7. Dccember 1900 Seite 7 „Was bringst Du, mein Kind?" fragte Löb Frank. Sie konnte aber bei dem Anblick, der sich ihr bot, den Auftrag, welchen ihr Bär Lederer gegeben hatte, nicht ausrichten, sondern sing ebenfalls an zu weinen. Felix, hierüber gerührt, streckte ihr fast willenlos die Hand zum Abschied hin; Rösele ergriff sie feurig und sagte zu Felix leise: „Mein Vater ist ein Unmensch! Er hat Dir weh gethan! Mir auch!" In demselben Moment kam auch Gumpel gelaufen; denn er wollte, obwohl sie sich schon verabschiedet hatten, seinen Genossen noch einmal sehen. Man riss sich endlich los. Löb Frank und Felix bestiegen den Wagen. Die Mutter und der Rabbiner, der Lehrer und mehrere andere, die ebenfalls herbeigekommen waren, blickten demselben nach, so lange sie ihn im Auge behielten; der Rabbiner sprach den Segen: „Jeworechecho" — und nachdem alles vorüber war, führte Gumpel das weinende Rösele nachhause. Grosser Saal 400 Personen fassend, im Centrum der Leopoldstadt gelegen, sehr elegant ausgestattet, ist noch für einen Tag der Woche zu vergeben. Anfragen: II., Leopoldsgasse Nr. 49. ™ Hotel und •*>•’»*■**-**■ rPäumige°säie: Restaurant Guth Wien, II., Stefaniestrasse Nr. 6 u. 8 für Diners, Hochzeiten u. festliche Veranstaltungen. Bestrenominierte Küche, grosse Speise-Säle und elegante Passagierzimmer. Elektrisch beleuchtet. Grosse Auswahl bester Gattungen Oesterreich., Ungar, und Ausländer Weine, Schwechater und Pilsner Biere. Trotz höchster Eleganz decente Preise. Reservierte Locale für Vereins n. geschlossene Gesellschaften. ISRAELITISCHE CULTUSGEMEINDE, WIEN. öeffentl. 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