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Jüdisches Volksblatt · 1900-11-30 · 48 (30.11.1900) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
48 (30.11.1900)
Date
1900-11-30
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 30. November 1900 Nr. 48 Seite 6 wird. Gleichzeitig bringt die Vereinsleitung zur Kenntnis, dass das Vereinslocal, in welchem alle Tages- und Wochenblätter, sowie hebräische Zeitungen aufliegen, täglich von 5 Uhr nachmittags bis '/,w Uhr abends und an Samstagen, sowie an jüdischen Feiertagen auch am Vormittag von 10 bis '/,1 Uhr den Mitgliedern, sowie von diesen eingeführten Gästen zum Besuche geöffnet ist. Wie«. (Israel. B e t h a u s v e r e in „B r i g it t e n a u".) Der Brigittenauer Bethausverein versendet den Bericht über das abgelaufene Vereinsjahr, in welchem das heißersehnte Ziel der Wunsche der Mitglieder dieses Vereines und der jüdischen Bewohnerschaft der Brigittenau überhaupt, die Erbauung eines Tempels in diesem Bezirke, erreicht wurde. Der Bericht gedenkt der Versuche, durch Veranstaltungen geselligen Charakters den Grund zu einem Tempelbaufonde zu legen, welche im Anfänge der Neunziger-Jahre gemacht wurden. Greifbare Gestalt gewann jedoch die Idee erst, als der formelle Beschluss des Vereinsvorstandes auf Erbauung eines Tempels gefasst und bald darauf die Grundstücke hierfür angekauft wurden. Reichlich flössen die Spenden zur Verwirklichung des Gedankens, welcher den empfänglichsten Punkt der Herzen dieser Bevölkerung getroffen hatte. Und da diese Spenden für das vorgestcckte Ziel nicht ausreichten, wandte man sich an die Glaubensgenossen der übrigen Bezirke W i e n s, welche in gewohnter Weise ihre hilfsbereiten Hände öffneten und durch namhafte Spenden das Werk förderten. Die Spenden allein hätten jedoch die zur Erbauung des Tempels erforderlichen Mittel nicht ergeben. Da bedurfte es einer kräftigeren Hilfe, die denn auch durch eine große Subvention seitens des Vorstandes der israelitischen C u l t u sgemeinde Wien dem Vereine zutheil wurde. Erst hierdurch war der Tempelbau finanziell gesichert. Alsbald nach dem Ankäufe der für diesen Bau bestimmten Grundstücke wurde ein Baucomitö eingesetzt, aus dessen Mitte ein engeres Executivcomitö hervorgieng. An der Spitze beider stand Herr Heinrich Weiner. Der rührigen und opferwilligen Thätigkeit beider Comit^s und chres Obmannes ist zu einem wesentlichen Theile das Gelingen des in Rede stehenden Werkes zu verdanken. Der Weg von der Fassung des Beschlusses, einen Tempel zu erbauen, bis zur Fertigstellung des letzteren konnte nur mit Ueberwindung zahlreicher Schwierigkeiten zurückgelegt werden. Wir erwähnen hier besonders die Sammlung der Spenden, die Erlangung der erwähnten Subvention in der bewilligten Höhe und den von einem Anrainer gegen den geplanten Bau erhobenen Einspruch. Es ist ‘' ein unvergängliches Verdienst des Obmannes Hermann Ellbogen, durch sein thatkräftiges Eingreifen diese Schwierigkeiten thells selbst besiegt, theils an deren Ueberwinduritz' in hervorragender Weise mttgewirkt zu haben. Der Vereinsleitung gehörten an die Herren: Hermann Eltbogen (Obmann), Dr. Ernst R o s e n r h a l (Obmann-Stellvertreter), Heinrich Weiner (Cassier), Dr. Max W e i ß e n st e i n (Schriftführer), David P o l l a t s ch e k (Schriftführer - Stellvertreter), weiters die Herren Dr. Hermann Deutsch, Josef Wünsch, Adolf Feuer, Jacob Goldner, Jacob Kohn, Adolf Schreiber, David Spitz. Man denke nur an die Verwaisten, an die Kinder der Unbemittelten, die Lehrlinge, die studierende Jugend, und man muss sich sagen: Diesen Tausenden des kommenden Geschlechtes muss Hilfe geleistet werden, sonst werden sie dereinst z» ebensovielen Anklägern für uns, sonst kommt die Zeit, wo es nur Juden dem Namen nach, nicht aber in Wirklichkeit geben wird. Wer hierfür Herz hat, der trete mit uns in einen Verein zusammen, dessen Aufgabe es sein soll, in Ergänzung des bestehenden sabbathlichen einen Gottesdienst für die Jugend an den hohen Feiertagen zu organisieren. Die Statuten für diesen Verein sind schon behördlich genehmigt. Der moralischen wie materiellen Förderung von Seite des löblichen Cultnsgemeinde-Vorstandes sind wir bestens versichert worden. Wir bitten demnach um Ihre Anwesenheit bei der constituierenden General-Versammlung und Ihre fernere werkthätige Theilnahme. Das vorbereitende Comito: Dr. Alexander Kohn k. k. Hof- und Gerichts-Advocat. A. S. Fischer Director. Maxim. A l l i n a Handelsschul-Director. Jacob Mautner Bürgerschul-Director. S. Kohn städt. Schuldirector. I s a k Schiller Erster Cantor im Stadt-Tempel. Joachim Goller st epper Leop. Goller st epper Privat. Ob.-Buchh., Fa. S. Eisenberger. Jonas Stranski Beamter der israel. Cultusgemeiude Wien. Briefkasten. A. ©., Prag. Leider nicht verwendbar. Weitere Einsendungen sind erwünscht. Samuel R., Prag, Karolinenthal. Könnten Sie unS den erwähnten Auszug über das jüdische Handwerkswesen noch einmal einsenden? D. Sk. 30, Wien. Bon Personalnachrichten können wir nur ganz kurz Notiz nehmen. M. Schapira, Prag. Welche Hilfsaction meinen Sie? F. Br. in Kr. Herzlichen Dank! «Wer UMslittckl i» Wien. Eingesendet. (Für diese Rubrik übernimmt die Redaction keine Verantwortung.) Aufruf! Jüdische Mitbürger! Von altersher war eS eine schöne und als Pflicht allgemein geübte jüdische Sitte, durch häufige Zusammenkünfte das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu stärken und lebendig zu erhalten, für Sammlung und Erhebung aller zu sorgen, in dem gemeinsamen geistigen Interesse die socialen Ungleichheiten vergessen zu machen und Einrichtungen, die nur den Wohlhabenden zugänglich, auch den Minderbegüterten zu öffnen. Aehnlichen Gedanken entstammte die seit mehreren Jahren in London eingerichtete sogenannte T o y n b e e - H a l l e, ein Bolkshaus im besten Sinne des Wortes; eine Stätte, an welcher die Reichen und Studierten mit den Armen und Unwissenden Fühlung suchen; ein Boden, auf dem alle Schichten der Gesellschaft sich zusammenfinden; wo die Kinder der Reichen für jene der Aruien Spiele arrangieren und sich mit ihnen in kindlicher Weise ergötzen. Hier in der großen österreichischen Metropole mit ihrer zahlreichen armen jüdischen Bevölkerung eine derartige, segensreich wirkende Anstalt ins Leben zu rnfcn, ist unsere Absicht. Vom 2. December angefangen ist die „Jüdische Toynbee-Halle" XX, Webeigaffe 13. Parterre (nahe der Brigitta-Brücke) von 7 bis halb 10 Uhr abends geöffnet und jedermann zugänglich. Die g e i st i g e Anregung, die wir bieten, soll in V o r l e s u n g e n, V o r t r ä g e n, D i s c u s s i o n e n — mit Ausschluss von Politik — Couc erten rc. bestehen. Das Programm für die erste Woche ist, wie folgt: Montag: Musik und Declamatiori. Dienstag: Discussion. Mittwoch: Jüdische Geschichte. Donnerstag: Vortrag. Freilag: Bibelerklärung. Samstag: Leseabend. Sonntag: Vortrag. Wir laden hiermit zur Eröffnungsfeier der „Ersten jüdische« Toynbee-Halle in Wien* auf Sonntag den 2. December, abends 6 Uhr, im Locale selbst ein und bitten alle, die sich für die Einrichtung der T o y n b e e - H a I l e n interessieren, bestimmt zu erscheinen. Wien, 12. November 1900. Der „Jüdische Volksverein" hat den Zweck, überall dort, wo die politischen und wirtschaftlichen Interessen der Juden geschädigt werden, helfend und schützend einzugreifen, den Geist der Zusammengehörigkeit unter den Juden zu fördern und zu heben und alle Theile zu einem festen Ganzen zu vereinigen. Wer nur einen Funken Gefühl für die politische Drangsalierung, wirtschaftlichen Boycotts und gesellschaftlicher Missachtung, unter denen wir Juden zu leiden haben, hat, muss einsehen, dass unser Verein nur dann Ersprießliches zu leisten vermag, wenn in unseren Reihen das gesammte jüdische Volk steht. Es ist daher nothwendig, dass ein jeder Jude dem jüdischen Volksvereine als Mitglied beitrete. Die Höhe des Mitgliedsbeitrages wird dem eigenen Ermessen jedes Einzelnen anheimgestellt. Anmeldungen werden im Vereinslocal H., Leopoldsgasse 49 entgegengenommen. sfc Verzeichnis der den Mitgliedern dcS Jüdischen VolkövereineS zngestaudenen Preisermäßigungen Vivarium, Thiergarten und Uraniatheater ä 50 Heller, 40 Heller und 30 Heller, an Sonn- und Feiertagen h 20 Heller. Janlsch-Theater im Prater blos an Wochentagen 25°>g alle Plätze. (Vereinsanweisungen.) Deutsches Volkstheater 20 Heller bei Stehparterre. Balkonfitze durch Vereinsanweisungen Tags zuvor ohne Vorverkaufsgebühr. Theater an der Wien: Karten ohne Vorverkaufsgebühr. Colosseum: 20°/o Ermässigung. IMgcltlidje Ärllklimlnittluiig Für das Coniitä: Professor Dr. Leon Kellner XVIII., Gersthoferstr. 89. des Handelsangeftellten-Bereines „Emnnah" in Brünn. (Den P. T. Chefs steht diese Rubrik unentgeltlich zur Verfügung. Neueste Uaranzeu-Kiste: Aufruf! Vom religiösen Standpunkte betrachtet, haben wir Ursache genug, für die Zukunft unserer Jugend besorgt zu sein. Der Religionsunterricht allein vermag nicht den Mrad des Glaubenseifers zu verleihen, den das Judenthnm erheischt, sondern die Gewähr für dasselbe liegt in der praktischen Bethätigung. Nur wenigen Eltern ist es gegönnt, ihre Kinder an dem Gottesdienste der hoben Feiertage theilnehmen zu laffen. Weitaus drp Wüßte Theil unserer Jugend wächst ohne die Kenntnis der, also auch ohne die Pietät für die altehrwürdigen gottesdienstlichen Institutionen gerade dieser hohen Festtage heran. (Sämmlliche Offerte find an den Verein zn richten.) Kellnerin, aus anständigem Hause, der deutschen und böhmischen Sprache mächtig, wird für ein besseres Gast- und Kaffeehaus in der Provinz gesucht. Offerte nebst Zeugnisabschriften und Photographie unter „I. F." Mädchen, zwischen 25—30 Jahre, wird als Wirtschafterin ansS Land bei Brünn gesucht. Mehrere jüdische Mädchen werden als Kindermädchen und Dienstboten gesucht. Für die Administration einer jüdischen Zeitung in der Provinz wird ein tüchtiger junger Mann mit schöner Handschrift gesucht. Mehrere jüdische Lehrburschen für verschiedene Handwerker gesucht. Com in i s, tüchtige Kraft, Tuch- und Wirkwaren, Boskowitz. Commis, Colonial und Eisen, Königinhof. Commis, Specerei, Mehl, Ung.-Hradisch. C o m p t o i r i st, deutsch, böhmisch, Wischau. Com m i s, Eisen, Pilsen. Commis, Specerei, Gr.-Bietsch. C o m m i s, Manufactnr, Brüx. Manipulant, Liqueuerbranche, Provinz, Mähren. Commis, Specerei, Göding. L e h r b u r s ch, Sattler und Tapezierer, Brünn. Praktikant, Specerei, Ung.-Brod. Com nt i s, Schneiderzugehörbranche, Brünn. Commis, Mode und Manufactnr, Göding. Stellen-Gesnche. Maschinenschlosser sucht Posten, eventuell als Betriebsschlosser in einer Spinnerei. Anträge unter „Arnold Grün". Commis der Manufactnr- und Modebranche sucht Posten. Anträge unter „Jacob Tandler". Buchhalter der Tuchbranche wünscht seinen Posten zu verändern. Anträge unter „Julius Feldmann". Commis der Specereibranche sucht Stelle, Anträge unter „Fr. Sommer". Commis der Schnitt- und Modewarenbranche, deutsch, böhmisch, sucht in größerer Stadt einen passenden Posten. Anträge unter „S. W." Commis der Modewarenbranche sucht Posten. Geneigte Anträge unter „S. Tsch." C o m p t o i r i st, der Eisenbranche, deutsch, böhmisch, sucht Posten. Anträge unter „Julius Schl." Commis der Lederbranche und Lederausschnitt, besonders tüchtig, der deutschen und ungarischen Sprache mächtig, sucht Posten. Anträge unter „Adolf Donnath." Commis der Wirkwarenbranche sucht Posten. Anträge unter „I. F." Der Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis in Wien sucht folgende Arbeitskräfte jüdischer Confession: 1 tüchtiger Werkführer für die Fabrication von Lichtpauspapieren-, Leinwand und von Zeichenpauspapieren, Kürschner, Spengler, Lehrlinge für die verschiedenen Gewerbe, ferner 1 ganz jungen Reisenden (Herrenkleider), böhmisch sprechend. Persönliche Vorstellung im Bureau des Vereines, II., Taborstraße 59, von '/,9— f/a12 Uhr, an Sonn- und Feiertagen bis 11 Uhr. Der Schlüssel. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) „Wissen Sie was, mein Freund \* sagte Löb Frank, „ich misch' mich schon gar nicht hinein, prüfen Sie ihn, was Sie wollen/ „Ihre Frau Gemahlin/ sagte Herr Blumenthal, „hat ganz recht. Zwar was mich betrifft, so fällt es mir keineswegs zur Last, auch wenn ich einige Stunden zubringe; denn erstens bin ich im allgemeinen ein Kinderfreund, besonders wenn die Kinder lebhaften Geistes sind; — Sie wissen ja, dass ich bei Schauenstein Erzieher gewesen, bevor ich Buchhalter wurde — und zweitens würde ich Ihnen gegenüber das gar nicht als Last empfinden, was mir unter anderen Umständen auch eine solche wäre. Aber da Sie über die jüdischen Gegenstände vollkommen dem Urtheile des hiesigen Rabbiners vertrauen können, der, wie ich gestern gesehen habe, ein sehr vernünftiger Mann ist, so wollen wir gleich sehen, wie es mit den deutschen Gegenständen steht. „Sag' mir, mein Kind," wendete er sich hierauf an Felix, „was hast Du gelernt?" „Sprachlehre und Rechtschreibung," erwiderte dieser. „Du weißt also, dass es in der Rechtschreibung Grundsätze gibt, und wieviele?" sagte Herr Blumenthal, um mit dieser Voraussetzung dem Knaben Muth zu machen. „Es sind drei Grundsätze," sagte Felix. „Erster Grundsatz..." „Sage mir gleich den dritten," fiel ihm Herr Blumenthal ins Wort, „denn in dem einen sind eigentlich alle drei enthalten." Felix wunderte sich über diese merkwürdige Manier, die ihm ganz verkehrt schien, denn sein Lehrer hatte ihn die Sachen immer in Ordnung, wie sie im Buche stehen, aufsagen lassen. Er zögerte eine Weile, während welcher er sich die zwei ersten Grundsätze in Gedanken aufsagte, und als Löb Frank, seinem Versprechen, sich nicht hineinzumischen, untreu, die Geduld verlor und fragte: „Was „präppelst" (flüsterst) Du da in Dir hinein, wie Bär Lederer, wenn er „Thillim" (Psalmen) sagt," war Felix gerade beim dritten Grundsätze angelangt; deshalb sagte er, anstatt die Frage des Vaters zu beantworten: „Dritter Grundsatz. Was man weder aus der guten Aussprache, noch aus der nächsten Abstammung erkennen kann, dabei richte man sich nach dem allgemeinen Schreibgebrauche." Herr Blumenthal nickte beifällig und als Jentel, welche wie auf glühenden Kohlen dagestanden, dies bemerkt hatte, sagte sie zu ihrem Manne: „Du thust das Kind mit Deinen Fragen nur abschrecken. Er weiß seine Sachen ganz sein und muss sich nur ein bissel besinnen, weil er das Prüfen nicht gewohnt ist." „Verstehst Du den Grundsatz auch," fragte nun Herr Blumenthal weiter, „den Du so hübsch aufgesagt hast?" „Warum soll ich ihn nicht verstehen?" fragte Felix entgegen. „Run sage mir," versetzte der Prüfende, „was verstehst 5yu unter der guten Aussprache." „So wie Sie sprechen," antwortete Felix rasch. Herr Blumenthal lächelte über diese kindliche Schmeichelei und sagte: „Der Junge wird in der Welt

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