Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 48 (30.11.1900)
- Date
- 1900-11-30
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 30 November 1000 Seite 7 Kopf, aber es ist in geistiger Beziehung ganz verwahrlost. Es liegt in ihm ein reicher Schatz vergraben, aber man muss denselben zu heben verstehen. In dem Knaben steckt ein großer Mann, aber — wenn man ein Schloss aufsperren soll, so braucht man dazu einen passenden Schlüssel/ »Wenzels Chochmeh (Weisheit/ lachte die lange Jittel, »da dazu brauch' einer erst extra von Wien herauszukommen; das wissen wir hier auch. Mit was soll man das Schloss denn sonst aufsperren, wie mit einem Schlüssel." Es gehörte viel Muth dazu, das zu sagen, was sich die lange Jittel soeben unterfangen hatte. Den geehrten Gast im Hause von Löb Frank so zu beleidigen, das ist keine Kleinigkeit und wenn sie es dennoch wagte, so that sie es nur in der sicheren Ueberzeugung, dass sie sich hier etwas mehr herausnehmen darf, als jeder andere — hatte sie doch Felix vom Fieber curiert. Jentel Frank, welche über Jittels Aeußecung sehr in Verlegenheit versetzt wurde, sagte rasch: „Das versteht Ihr nicht; der Herr Blumenthal hat das ganz anders gemeint/ »Was hat er gemeint?" fragte Felix. »Mein Kind/ sagte Herr Blumenthal, „Deine Aeltern wissen schon, was ich gemeint habe und einmal wirst Du es auch wissen. Es gibt verschiedene Sachen, die für uns versperrt sind und zu jedem Schloss gehört ein anderer Schlüssel!" So endigte dieses merkwürdige Examen, bei welchem Felix Proben seines Talentes, abgelegt und wonach über seine Zukunft entschieden wurde. Gumpel, der bei der ganzen Sache mit weitaufgerissenen Augen dagestanden hatte, weil er gar nichts verstand von dem, was hier verhandelt wurde, war über die Maßen froh, als die Prüfung ein Ende hatte, denn nun konnte er mir Felix wieder in dessen Stube zurückkehren. Als die beiden Knaben sich entfernt hatten und wieder allein waren, sagte Felix zu Gumpel: »Wenn ich nur wissen könnt', was er mit dem Schlüssel gemeint hat?" Gumpel, der den Schlüssel ebenso nahm, wie die lange Jittel, konnte ihm hierüber freilich keine Aufklärung geben; aber Felix wusste nicht, dass er selbst bereits seit längerer Zeit bemüht sei, den Schlüssel zu einem tief versiegelten Geheimnis zu finden. gut fortkommen, denn er hat einen raschen Geist und weiß sich zu helfen/ Jentel war über die Maßen froh und Löb Frank konnte ebenfalls sich nicht enthalten zu sagen: „Von dem Kinde wird einmal Gott und die Welt ein „Raches" (Freude) haben." Felix aber hatte inzwischen eine ganze Kette von Gedanken durchflogen; deshalb wartete er die nächste Frage gar nicht erst ab, sondern sagte aus freien Stücken: „Bei dem Grundsätze fehlt etwas; es sollte dabei stehen, dass man die gute Aussprache nicht bei Anschel Parch oder bei Wolwele Zerratzer suchen darf. Denn wenn ein heißer Tag ist, sagt Anschel: heut' is sehr haß, und wenn er vom Dorf' kommt und einen Hasen mitbringt, fragt ihn Wolwele, wo er den Hosen gekauft hat und wenn dieser dann ein Paar neue Hosen trägt, fragt ihn wieder Anschel, was die Hoisen kosten und wo er sie hat machen lassen. Dann gehen sie alle bade, d. h. beide, sich boden, d. h. baden; aber früher legen sie den Hosen auf den Boiden, d. h. den Hasen auf den Boden. Wenn sie nun regelmäßig für ei ein a, für a ein o und für o ein oi sprechen, soll man sich dann nach ihrer guten Aussprache richten?" »Wirklich/ sagte Herr Blumenthal, »in dem Knaben steckt ein ganzer Sprachforscher. Er hat hier ein Gesetz aufgedeckt, das mir bis jetzt entgangen ist: es ist in der That eine ganz entsetzliche Lautverschiebung." »Ich weiß aber schon/ setzte Felix fort, ohne Herrn Blumemhal Zeit zu lassen, den Gedanken weiter auszuführen, „warum das bei dem Grundsätze nicht zu stehen braucht. Wenn man das einmal weiß, dass Anschel Parch und Wolwele Zerratzter immer so sprechen, so muss man nur überall für vi ein o, für o ein a und für a ein ei setzen, und dann muss es richtig sein/ „Du meinst also, man kann schreiben, wenn diese beiden Herren, die Du hier nennst, dictieren?" fragte Herr Blumenthal. »Es ist aber nicht wahr/ antwortete Felix, »denn wenn er sagt, er geht hinaus vor's Thor, müsste man schreiben: vor's Thar, und wenn er sagt, das Schloss am Kasten ist zerbrochen, so müsste man schreiben: das Schlafs am Keisten ist zerbrachen — und das wär' schlecht." »Ich wundere mich jetzt noch mehr als früher/ sagte Herr Blumenthal zu Löb und Jentel Frank, »denn er hat nicht nur das Gesetz entdeckt, sondern auch die Ausnahmen vom Gesetze begleich angedeutet. Er hat eine seltene Sagacität/ Unterdes trat die lange Jittel ein, welche der Frau Jentel etwas zu sagen hatte. »Thut's ihn gar verhören?" sagte sie und blieb stehen, ohne Jentel abzurufen; denn da sie den Felix vom Fieber curiert hatte, so nahm sie für sich auch das Recht in Anspruch, zu sehen, ob er etwas kann; und da Jentel gerade keine Schande an ihm erlebte, so hatte sie nichts dagegen, sondern stellte der langen Jittel einen Stuhl zurecht, auf den diese sich niederließ. „Und kannst Du auch analysieren?" fragte Herr Blumenthal den Knaben. „Was ist das?" fragte Felix dagegen. »Weißt Du das nicht?" wunderte sich Herr Blumenthal. „Rein!" war die kurze Antwort des Knaben, den! das gar nicht genierte. Die lange Jittel aber sagte: »Mir! scheint, ich werd' kein »Kowed" (Ehre) mit ihm auf-! heben/ worauf Jentel ihr einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. »Hat Dich denn Dein Lehrer nie analysieren lassen?" „Ich weiß nicht," sagte Felix. „Ja, aber wie hat er Dich in der Sprachlehre denn unterrichtet?" fragte Herr Blumenthal neugierig. „Er hat mir die Sprachlehre gegeben/ sagte Felix, »und ich Hab' sie auswendig gelernt." »Und in dieser mechanischen Weise hat er Dir sie beigebracht?" fragte Herr Blumenthal höchst erstaunt über solche Unterrichtsmethode. »Ich weiß nicht/ erwiderte Felix, der die an ihn gerichtete Frage nicht verstand. „Hat Dir Dein Lehrer denn nichts erklärt?" war die weitere Frage, da die vorhergehende in so zweifelhafter Art beantwortet wurde. Felix aber sagte: »Rein!" „Und wie hat er es bei dem Rechnen angestellt?" fragte nun Herr Blumenthal, welcher schon fürchtete, dass der Lehrer dem Knaben auch das Rechenbuch zum Memorieren übergeben habe. Er sollte sich aber sogleich überzeugen, dass seine Furcht in diesem Punkte ganz unbegründet war denn mit seltener Nawctäl fragte Felix - § n°d»nt °.,ü in Lu-Mdruns v. ü. d.60 nnk-viir.. nimi ni»mt mim rornmMi momv mmi rh ° ° ° Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler. Lectionenvermittlung BB 1 1 ■*' . empfiehlt sich als Correpetitor für Untergymnasiasten. JalirelangePraxis, sehr gewissenhaft. —^Zuschriften unter ,8. P/, Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler, IX., Währingerstrasse 24. l/nn^liQf gewandter Stenograph, mit schöner Handflxdliniol; schrift, wünscht in einer Advocaturskanzlei unterzukommen. Adresse: B. 8., IX., Glasergasse Nr. 22, Thür 16. Israelitischer Bethaus-Verein Brigittenau. T rauungstaxen. I. Classe. II. , . III. „ IV. .. . Kronen 200.— 130.— „ 80.- 40.— Anmeldungen bei dem Vereins-Obmanne Herrn Herman Eltbogen, XX., Rafaelgasse 12. CARL LEITER American Dentist, schmerzloses Zahnziehen mit Lustgas, Loeal-Anüsthotik mittelst Cocain und Ghlorythil. Gold-Email. 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Das weiß man ja ohnehin/ »Mir scheint/ sagte die tauge Jittel, die ihren Mund nicht länger im Zaume halten konnte, »er kann nix und sein Lehrer kann aud) nix/ worauf ihr Jentel wieder einen vorwurfsvollen Blick zuwarf mit der Bemerkung: „Sein Lehrer sagt, er hat einen Kopf rote'; Aristotel/ j „Ja," begann jetzt Herr Blumenthal, „das lässt sich nicht leugnen, das Kind hat einen merkwürdigen 1 Eisenmöbelu. Kinderwagenfabrik eopold yßa 11ep, HPiey V/„ Diehlgasse Nr. 19 (nächst dem Hundsthurmerplatz). Illustrierte Preiscourante gratis und franco. Zacharias Hönig, Herreno. Damen-Friseur Wien, II/„ Stefanlestrasse Nr. 15. Echte Haarzöpfe von fl. 1.60 aufw., ohne Drastol von fl. t— aufwärts. — Specialist In Herren- und Oamenperücken. Scheitel von fl. 3.—, Pertleken von fl. 6.— aufwärts, Frisettes aus Wellenhaaren von fl. 2.60 an. Provinz-Aufträge werden genau nach eingesandtem Muster prompt per Nachnahme oder Einsendung des Betragos effectuiert. Alle Haaru. 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