Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1900-11-30 · 48 (30.11.1900) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
48 (30.11.1900)
Date
1900-11-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2432763-2432811-2432859--0783-2434470
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 48 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 30. November 1900 Seite 3 Wähler einem oppositionellen Candidaten zum Siege verhelfen, da dieser auf die Stimmen der R u t h e n e n rechnen kann. Diese hatten sich bisher pasiiv verhalten, solange ein Candidat des Polenclubs in Betracht kam. Tritt aber ein unabhängiger jüdischer Candidat auf, so kann er bei dem Drucke, den die Ruthenen seitens der Polen zu erdulden haben, auf die Unterstützung der ersteren mit Bestimmtheit rechnen. Bon diesem Gesichtspunkte geleitet, hat auch der oppositionelle und jüdische Candidat, Dr. Saul Rafael Landau eine energische Agitation eingeleitet. Während Dr. Byk ruhig zu Hause sitzt, und, aus Angst vor den Wählern, sich darauf verlässt, dass ihm die Bezirkshauptleute das jüdische Stimmvieh zur Urne treiben werden, hat Dr. Landau am letzten Samstag zwei Wählerversammlnngen in Zloczow, Sonntag eine Wählerversammlung in Brody und schließlich Mittwoch wieder eine Wählerversammlung in Zloczow abgehalten. Samstag, den 17. d. M. sprach Dr. Landau in der Zloczower Synagoge, wo er vor den gedrängt versammelten jüdischen Zuhörern die politische Entrechtung und wirtschaftliche Nothlage der galizischen Jndenschaft, sowie deren Leidensgeschichte in den letzten drei Jahren schilderte. Insbesondere geißelte Dr. L a n d a u die schändliche Bedientenrolle, welche die »jüdischen" Abgeordneten aus Galizien und insbesondere der bisherige Abgeordnete für Brody-Zloczow im Polenclnb spielten. Die Rede fand einstimmigen Beifall, der sich in energischen Entrüstungsrufen gegen die »Hausjuden" kundgab. Da Dr. B i l l e t, der Bürgermeister von Zloczow und Leibadjutant des Dr. Byk, den Gemeinderathssaal für eine Wählerversammlung nicht hergeben wollte, fand abends eine solche unter zahlreicher Betheiligung jüdischer und christlicher Wähler in einem Privatlocale statt. Hier wurde über Antrag des ruthenischen Wählers Czarnodulski Dr. Landau einstimmig als Candidat aufgestellt. Ueber alles Erwarten ist jedoch die Wählerversammlung gelungen, die Tags darauf im Gemeinderathssaale von Brody, unter Vorsitz des Gemeinderathes R o t t e n b e r g stattfand. Bor einer von mehr als 1000 Personen, aus allen Schichten der Bevölkerung besuchten Versammlung entwickelte Doctor Landau in einer zweistündigen Rede sein Programm. Dasselbe culmiuierte nach einer heftigen Kritik ^des Polenclub und seiner selbstsüchtigen Kastenpolitik in der Erklärung, dass Candidat als Jüdischnationaler im Parlamente in erster Reihe für die politischen Rechte und ökonomischen Interessen der galizischen Judenschast eintreten wolle. Nach einer Interpellation des Großindustriellen K a p e l n s z, ob Candidat in den Polenclub eintreten werde und dies verneinend beantwortet wurde, stellte Gemeinderath Rottenberg den Antrag, Dr. L a n d a u als Candidaten für die Städtecmie Brody-Zloczow aufzustellen. Dieser Antrag wurde von allen Versammelten einhellig angenommen. Keine einzige Hand erhob sich, als der Vorsitzende die Frage stellte, wer dagegen sei. Die Versammlung verlief außerordentlich imposant und ruhig, sie wurde von keinem Misston gestört, und alle Versammelten waren darin einig, dass man in Brody eine solche Versammlung noch nicht gesehen habe. Etwas stürmischer verlief die Wählerversammlung in Zloczow, die den 21. d. M. im Theatersaale, den der Bürgergermcister denn doch auf Drängen seines Stellvertreters und mehrerer Gemeinderäthe dem Dr. Landau überliess, abgehalten wurde. Den Vorsitz führte ein sehr angesehener Advocat, Dr. M i t t e l m a n n. Nach der Programmrede des Doctor er deutlich die Stimmen der Alabarchin und ihres Sohnes erkannte, an sein Ohr. Er wollte nmkehren, aber es war zu spät. Der vor dem Eingänge aufgcpflanzte Sclave hatte ihn bemerkt und sofort die Thürflügel weit geöffnet. Er mußte eintreten. Bei seinem Erscheinen verstummte der Zwist, der die Streitenden sehr erregt haben mußte. Denn sowohl Tibers als seiner Mutter Wangen waren hochgeröthet. Der erstere hatte sich rasch gefaßt und grüßte den Eintretenden in gewohnter frostiger Weise, während die Alabarchin heute ganz gegen ihre Gewohnheit freudig' auf ihren Neffen zuschritt, ihn in die Arme schloß, ihm zurufend: „Sei mir tausendmal willkommen, wackerer Tryphon! Gewiß, Dich hat Gott hierher gesandt, um einer tief gekränkten Mutier Trost und einem empörerischen Sohne Belehrung nnd Befferung zu bringen. Du bist — fuhr sie in flehendem Tone fort — fromm, von sanfter Gemüthsart, belesen in der Schrift, sprich ihm zu Herzen, beffere ihn! O, wenn Du wüßtest, wie er mir das Herz zerfleischt hat! O Gott, welche Reden mußte ich hören, und das von ihm!" Weiter konnte sie nicht sprechen. Sie sank in den Polster, verbarg ihr Gesicht mit den Händen und weinte bitterlich. Tryphon war tief ergriffen von diesem so unerwarteten Gkfühlsausbruche. Was mochte, dachte er, hier vorgefallen sein, das den stolzen und hoffährtigen Sinn dieser Frau so plötzlich gebrochen und tieftre Gefühle in ihrem Busen geweckt, deren er sie nimmer fähig gehalten hätte? — Er bat und beschwor sie, ihrem Schmerze durch Worte Luft zu machen. Tiber blickte kalt zu Boden, das Weh feiner Mutter rührt ihm nicht. Die Alabarchin machte wiederholt Versuche zu sprechen, doch umsonst, die Stimme versagte ihr. Endlich stieß sie mühevoll die Worte hervor: »O Gott, musste ich es erleben, dass mein Sohn wegen der Schmähreden eines polterhaften hergelaufenen heidnischen Sophisten. . ." „WaS?" unterbrach sie Tiber entrüstet, „der gelehrte Apion ein Polterhafter, hergelaufener Sophist? Apion, den ganz Alexandrien bewundert, den es den „siegreichen", den „zweiten Homer" nennt, ein Polterhafter hergelaufener Sophist?" „Das ist er in der That!" bekräftigte Tryphon, der jetzt die Ursache des zwischen Mutter und Sohn entstandenen Wortwechsels zu ahnen begann. „Beweise es", schrie ihm Tiber wüthend zu. „Be- Landau ergriff das Wort der Gemeinde-Ingenieur K n r y s, um gegenüber den Klagen des Candidaten, betreffs der Nothlage der Juden, in etwas angeheitertem Zustande zu erklären, es gehe der« Juden ausgezeichnet und sie dominieren in allen Aemtern. Mit Rücksicht auf den Zustand des Herrn K u r y - wurde diese Rede zwar nicht ernst genommeu. aber der Candidat erntete stürmischen Beifall, als er diesen Redner fragte, ob er schon jemals einen jüdischen Bezirkshauptmann oder Staatsanwalt gesehen habe. In der Versammlung zeichnete sich besonders der Statthalterei-Concipist Dr. K w i a t k o w s k i aus, der die Versammlung durch Pfeifen zu stören versuchte. Er riei aber die Entrüstung der jüdischen und zahlreichen ruthenischen Wähler hervor, so dass er sich schleunigst zurückziehen musste. Hierauf begaben sich alle jüdischen Wähler in den Verein »Zion-, wo eine Fortsetzung der Versammlung veranstaltet wurde. Die Stimmung im Wahlbezirke ist sehr Anti-Bykisch. Angesichts dessen beginnt Dr. Byk eifrig — Geld zu sammeln. Er glaubte auch den Prediger Dr. Caro als Wahlagitator nach Zloczow zu schicken, doch es wurde ihm bedeutet, dass der Lemberger Prediger in Zloczow leicht ausgepfiffen werden könnte. So bleibt also dem Herrn B Y k vorläufig nichts anderes übrig, als bei seinem Schreibtisch sitzen zu bleiben und Notizen für antisemitische und sonstige befreundete Blätter gegen die schrecklichen Jüdisch-Nationalen und Zionisten zu redigieren. Ob ihm das helfen wird, ist sehr fraglich, denn man kennt die goldenen Fäden, die sich von der Byk'schen Kanzlei in die Redactionen des „Slowo PolSkie" uud „Dziennik Polski" ziehen. Und in Brody-Zloczow wird es denn doch endlich einmal Tov!ryd die Bestechung der Wähler wird immer schwieriger. > Chronlk des Judentums. Inland. Wien. (»I üdischer Volksverei n".) Der »Jüdische Volksvereingeht nun daran, im Rahmen seines prächtigen Heims eine Reihe von Institutionen zu schaffen, welche seine culturelle Mission zum Ausdrucke bringen sollen. So wird in kürzester Zeit ein Lesezimmer errichtet, in welchem nebst allen jüdischen Zeitungen des In- und Auslandes auch die gelesensten Tages- und Wochenblätter aufliegen werden. Weiters wird in nächster Zeit ein hebräischer Sprachen r s ins Leben treten, welcher Bürger- und Mittelschülern Gelegenheit geben soll, unentgeltlichen Unterricht in der Sprache unserer Väter unter Leitung eines ausgezeichneten Lehrers zu nehmen. In diesem Curse werden auch Voräge über jüdische Geschichte und Literatur abgehalten. Anmeldungen nimmt das Sekretariat entgegen. Das Programm für die größeren Vorträge des 'Wintersemesters soll demnächst veröffentlicht werden. y Wie». (Brigittenauer Bethaus v erein.) Donnerstag den 30. November 1900, um halb 7 Uhr abends, findet im »Weilandhofe", XX., Klosterneuburgerstraße 33, eine Generalversammlung der Mitglieder des Bethausvereines Brigittenau mit folgender Tagesordnung statt: 1. Bericht des Obmannes; 2. Wahl von zwölf Vorstandsmitgliedern; 3. Beschlussfassung über Personalangelegenheiten; 4. Eventuelles. Im Falle der Beschlussunfähigkeit dieser Generalversammlung weise, dass es nicht ohnmächtiger Neid ist, der Dich mit so wegwerfender Verachtung von dem größten Manne unserer Zeit sprechen heißt!" „Wärest Du nicht verblendet," erwiderte Tryphon, „Du würdest weder Beweise verlangen, noch Deine arme Mutter so schwer gekränkt haben, darum will ich auch Deine verletzenden Ausfälle mit Ruhe ertragen und Dir die verlangten Beweise geben: Der Name des weltberühmten Philosophen Seneca ist zweifellos auch zu Deinen Ohren gedrungen, und sein Urtheil dürfte wohl auch Dir maßgebend sein . .." „Und Seneca sollte sich verächtlich über Apion ausgesprochen haben?" „Nicht anders," gab Tryhon zurück. — „Ein Freund unseres Oheims Philo hat diesem kürzlich eine Abschrift der jüngsten Epistel des römischen Philosophen zugesandt, worin Apions Wesen, Gelehrsamkeit und Thätigkeit charakterisiert wird. Ich habe nur die markantesten Stellen daraus abgeschrieben, und will sie Dir, da sie Dich vermuthlich interessieren werden, n.ittheilen." Tryphon griff hierauf in die Falten seines Oberkleides, holte ein Wachstäfelchen hervor und las: „Der Grammatiker Apion füllte ganz Griechenland mit seinen Marktschreiereien und wurde dafür von allen Städten für den zweiten Homer erklärt." TiberiuS knirrschte mit den Zähnen. Die Alabarchin horchte auf und warf einen dankbaren Blick auf ihren Neffen. Dieser fuhr fort zu lesen: »»Und welchen Wust müssiger Spielereien und unnützer Dinge förderten die Vorträge dieses Mannes zutage! In einem derselben wird untersucht, wo Homers Heimat gewesen, in einem anderen, wie des Aeneas wahre Mutter geheißen, in einem dritten, ob Anakreon mehr ein Wohllüstling oder ein Trinker, in einem vierten, ob die Dichterin Sappho eine öffentliche Dirne gewesen .. . kurz. Dinge, die man verlernen sollte, wenn mau sie wüsste, nicht aber lernen, wenn man sie nicht weiß. — Ich für meine Person habe keine Muße, Vorträge anzuhören über die Frage, ob Ulysses zwischen Italien und Sieilien umhergetrieben worden^ oder außerhalb des uns bekannten WrlttheileS; denn in einem so beschränkten Raume konnten seine Irrfahrten nicht von so langer Dauer sein. — Die Stürme der Seele werfen uns täglich umher und unsere Schlechtigkeit stürzt uns in alle Unfälle des Ulysses. Da fehlt es nicht an findet an demselben Tage und in demselben Locale um halb 8 Uhr eine außerordentliche Generalversammlung statt. Der Obinann: Hermann E l t b o g e n, der erste Schriftführer: Dr. Max W e i ß e n st e i n. Bktinn. (C tt l t u s v o r st a n d s - Wahle n.) Bei den am 25. d. M. stattgefttttdenen Wahlen in den Cultusvorstand wurden die ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder wieder- und Herr Straffer nengewählt. Die Herren W. S o nd e r l i n g, Prof. Brecher, Dr. S. W o l f nnd I. F e i w e l blieben in der Minorität. Brünn. (Israelitischer Freitisch-Verein.) Der Rechenschaftsbericht über die Thätigkeit des Israelitischen Freitisch- Vereines in Brünn während der mit 15. Juli 1900 endigenden Periode liegt vor uns und gibt uns mehr als einen Anlass, die Mitglieder und Gönner dieses Vereines zu den erzielten Resultaten zu beglückwünschen. Die Anzahl der Mitglieder beträgt gegenwärtig 1232 gegen 1157 im Vorjahre. Der Gebahrungsüberschuss wurde mit Einbeziehung einiger Gründungsbeiträge dem Stammvermögen zugewlesen, wodurch dasselbe auf 36.800 Kr. angewachsen ist. Der Verein hat im Schuljahre 1899/1900 128 jungen Leuten täglich eine schmackhafte, gesunde und reichliche Mittagskost und an den hohen Feiertagen auch am Abend eine Mahlzeit gewährt. Von den Kostgängern des Vereines besuchten 37 das Gymnasium, 25 die Realschule, 14 die Bürgerschule, 9 die höhere Gewerbeschule, 6 die Privat-Handelsschule, 5 die höhere Handelsschule, 5 oie Werkmeisterschule, 13 die technische Hochschule; die übrigen waren Lehrlinge. Diesen Studierenden ist es seitens des Vereinsvorstandes zur Pflicht gemacht, am Schluffe eines jeden Semesters das erhaltene Zeugnis zur Einsicktnahme vorzulegen. Eine besondere Anerkennung gebürt den Mitgliedern des Comitss zur Förderung der Interessen des Israelitischen Freitisch-Vereines, die sich um die Anwerbung neuer Mitglieder bemüht haben, und nicht minder den Herren Speise-Jnspectoren für ihre opferwillige Mitwirkung. Möge das Bewusstsein ihres gedeihlichen Einflusses auf die Jugend sie zum Ausharren in ihrem nicht immer leichten Amte veranlassen. Prag. (Verein jüdischer Handels an gestellt er.) Die am 13. November abgehaltenc dritte Monatsversammluug dieses jungen Fachvereines Hot ^^-erfreuliches Bild der Entwicklung. Dem Tätigkeitsberichte war zu entnehmen, dass trotz des kurzen Bestandes alle Zweige der Vereinsthätigkeit bereits in Angriff genommen wurden. Der Verein hat bereits eine kleine Bibliothek und ein-.Lesezimmer und ist bemüht, die Zahl der Bücher und Zeitungen beständig zu vermehren. Der erste Unterhaltungsabend verlief in animierter Stimmung und brachte ein schönes Reinerträgnis; der Cassastand ist ein günstiger. Die Discussionsabende wurden mit einem Vortrage des Collegen Schapira über „Ethische Momente im Vereinsleben" eröffnet und folgen-, demnächst weitere Discussionsabende, für welche einige vorzügliche Bortragskräfte gewonnen wurden. Es ist nun Sache der Prager jüdischen Angestellten, durch zahlreichen Beitritt den Verein leistungsfähig zu erhalten. M. S. Melnik (Aus derGemeindestube.) Die hiisige Gemeinde zählt etwas über 80 Mitglieder, von denen aber nur die Hälfte sich hier am Gottesdienste betheiligen können, die übrigen, zerstreut im Bezirke Wohnenden sich nur an den hdhen Festtagen zu dürftigen Minjanim zusammenfinden. Die Gemeinde besoldet einen Rabbiner, der zugleich die Religionslehrer- und Vorbeter-Functionen versiebt, ferner einen zweiten Beamten, der zweiter Borbeter, Schächter, Kore und Gemeindediener ist. Die Ausgaben pro 1901 belaufen sich auf 3863 Kronen, der Höchstbesteuerte bezahlt 88 Kr., Mt: niederste Classe 4 Kr. Eigenen Sitz besitzt niemand im Tempel, daher zur directen Steuer noch ein Betrag für Sitzmiete hinzukommt. Die Gemeinde leistet regelmäßig Beiträge zum Lehrer-Pen sionSschönen Gestalten, welche unsere Augen beschäftigen, nicht an Feinden; von hier drohen wilde Ungeheuer, welche in Menschenblut schwelgen, von dort tückische Zauberstimmen, es droht Schiffbruch und ein bunter Wechsel von Missgeschick. — Das lehrt mich, wie ich das» Vaterland, wie ich meine Gattin, wie ich meine Eltern lieben, wie ich zu diesen Tugenden auch nach dem Schiffbruche noch steuern kann. Wozu die Untersuchung, ost Penelope wirklich sittenrein war oder ob sie die Welt betrogen? Ob sie vermuthete, dass es Ulysses war. welchen sie vor sich sah, noch ehe sie es wusste? Lehre mich, was Sittenreinheit sei, welch' ein Gut sie sei, und ob sie sich auf den Körper oder auf die Seele beziehe ...-" Hier hielt Tryphon ein wenig imre, um zu sehen, welchen Eindruck dieses Urtheil Senecas auf seinen Vetter machte. Dieser blickte jedoch starr vor sicy hin und schwieg. Tryphon las weiter: „»Ueberdies macht dieses Haschen nach gelehrtem Kram die Menschen widerwärtig, geschwätzig, vorlaut, selbstgefällig — nnd weil sie Ueberflüssiges lernen, lernen sie das Nothwenvige nicht... Und so wirb denn mit großem Aufwand an Zeir, mit vielem Verdruss für andere Ohren das Lob erkauft: »Welch' ein gelehrter Mann!" Oh, dass wir uns doch mit dem bescheideneren Titel: »Welch' ein rechtschaffener Mann!- begnügen möchten .. . Was kann uns auch solch' ein Grammatiker lehren, das uns den Weg zur Tugend bahnte? Etwa das Silbenzählen, das sorgfältige Untersuchen der Wörter, das Auswendiglernen von Fabeln, die Regeln und das Abmeffen der Verse? Was von allem diesem benimmt die Furcht, verbannt den Eigennutz, zügelt die Begierden? Uebrigen gibt es nur eine wahre Wissenschaft, die, welche f r e i m a ch t; es ist dies die Weisheit, jene erhabene, stärkende, großartige Wissenschaft; alle übrigen sind kleinlich und kindisch. Oder glaubst du, das etwas Gutes an Dingen sei, deren Lehrer, wie du siehst, die schamlosesten und lasterhaftesten Menschen sind?...-- Die Alabarchin hatte sich inzwischen wieder aufgerichtet, schritt auf ihren Sohn zu, legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte begütigend: »Du siehst nun, was Du von diesem Grammatiker und seinen Schmähungen zu halten hast. Oh, Tiber, auf welchen Weg bist Du gerathen!. . ." (Schluss folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.