Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1900-11-23 · 47 (23.11.1900) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
47 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2432763-2432811-2432858--0774-2434460
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 47 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 23. November 1900 Seite 3 werden.R D r. L i f c z i s entwickelt in prägnanten Worten das Cultusprogramm des Volksvereins nnd fordert die Wählerschaft auf, den Candidaten desselben die Stimme zu geben. :i- Wiihlervcrsariimlrmg im „Jüdischen Bolköverein". Am Dienstag fand sich die Wählerschaft des II. und XX. Bezirkes im großen Saale des „Jüdischen Volksvereines" behufs Anhörung der Candidaten ein. Der Präsident desselben, Herr Hermann E l t b o g e n, der am Schluffe der Versammlung unter allgemeinem Jubel seine Candidatur anmeldete, sagte in den einleitenden Worten: „W ir treiben keine Opposition um jeden Preis, keine Opposition unr der Opposition willen, unser Kam pf ist ein rein sachlicher. Wir wenden uns nicht gegen Personen, sondern gegen das System, das von diesen getragen wird. Ein neuer Geist, und darum neue Männer, das sei unsere Devise!" Herr Eltbogen bezeichnet die Decentralisation der Verwaltung als den Punkt, von dem aus die Reform des ganzen Systems voraenommen werden müsse, und schließt seine mit großem Beifalle aufgenommene Rede mit einem Appell an die Wähler, für die Candidaten der jüdischen Volkspartei zu stimmen. Dr. Schreiber weist darauf hin, dass die Candidaten der Höchstbesteuerten weder mit einem Programme, noch auch mit ihrer Person vor die Wähler zu treten für nöthig hielten. Die Wahlreform muss man eine reformatio in pejus, eine Reform nach der schlechten Seite hin nennen. DieCandidaturen des Dr. Heinrich Schreiber, sowie die des Herrn Tempelvorsteher D. Straßberg werden von der Versammlung mit stürmischem.Beifalle notificiert. Lehrer Aufm erber klagt über das Vorgehen des Vorstandes gegenüber den jüdischen Unterlehrern, Cultusvorsteher Dr. Spitzer verspricht, diesem Punkte sein Augenmerk zuzuwenden. Dr. Lifczis weist die Anwürfe des Professors Salz mann zurück: „Wir wollen nicht Männer des Wortes, sonderndes Charakters. Wir haben diese Wahlbewegung inauguriert, u m d e n G e i st, der manche Männer im Vor st an de beseelt, zu stärken und Mitstreiter für diese in den Vorstand zu entsenden. Ich bitte Sie, diese Bewegung anzusehen als eine wahre Vollsbewegung, eine jüdische Bewegung, die nicht geschaffen, um Streit zu schaffen, berufen ist, den wahrhaft jüdischen Geist zur Geltung zu bringen." Dr. Kahn entwickelt in längerer, oft von Beifall unterbrochener Rede das Programm der Jüdisch-Rationalen. Es sprachen noch die Herren Architekt Marmorek, Morgenstern und Vogl. * Wählerversammlung in Mariahilf. Dr. S o fer leitet die Versammlung. Das Referat hat der Führer der Jüdischen Volkspartei Herr Richard R a p p a p o r t: „Der schlimmste Feind, den wir Juden zu bekämpfen haben, ist nicht der Antisemitismus, der von außen droht, sondern die Gletchgiltigkeit der Juden gegenüber dem Judenthum, gegenüber ihrem Volke. Von allen Beschwerdegründen, die wir gegenüber dem Cultusvorstand haben, ist der Umstand, dass er es nicht verstanden hat, die große Masse zum Interesse, und zur Theilnahme an ihren Angelegenheiten zu erziehen, der schwerwiegendste. Redner betont die Schäden der Verwaltung und fährt dann fort: „Der ganze Geist, der im Vor stände herrscht, ist so unmodern, wie möglich. Dieser G e i st i st z u s« m m e n g e s e tz t aus den Ideen jener Juden, die ttoch ern wenig religiös sittd und jener, welche dieTheorie aufgestellt haben, dass sie Juden nur den: Glaub en nach seien, ohne aber an etwas zu glauben. Ein neuer Geist im Judenthum oder wie ein Dichter sagt, in neuer Zeit das alte Judenthum kann nur dadurch eintreten, dass die modernen Ideen, die aus dem Volksthum basieren, zur Herrschaft gelangen. Diesen wollen wir den Weg bahnen, die Partei der Jugend und die des Volkes. Der Kampf der Geister muss auch ins Judenthum getragen werden, damit der Marasmus aus dem Gemeindekörper schwinde. Ein Geist des jüdischen Volksthums muss erstehen und unser Schlachtruf sei: „Die Wiener Cultusgemeinde für Juden in unserem Sinne." Der folgende Redner, Dr. Theodor Herzl, ironisiert die Versammlung im Musikvereinssaal, wo der sich als Verwaltungsbehörde geriet ende Cultusvorstand eine Interpellation in einer Verwaltungssache unbeantwortet lcrß. Bei dem jetzigen Kampfe einen treuen volksbewussten Ton in den Cultusvorstand zu bringen, werde die zionistische Partei ihren Cartellbrüdern vom Jüdischen Volksverein Cartelltreue halten. Redner schließt unter großem Beisalle mit den Worten, dass diese Wahl von Nichtwählern hauptsächlich gemacht werden müsse, die das Judenlhum zu einer energischen Thätigkeit aufzurütteln haben. Dr. Schreiber stellt sich als Candidat vor und bespricht in ausführlicher Weise die Missstände in der Bethausverwaltung, die für den armen Juden an Feiertagen keinen Platz im Tempel hat, im Unterrichts- und Armenwesen. Seinen Ausführungen schließt sich der folgende Redner, Candidat Breche r, an, der insbesondere hervorhebt, dass der Vorstand einer jüdischen Gemeinde von 140.100 Seelen in der That von 13—14.000 gewählt werde. In diesen Cultusvorstand gehöre Sauerteig hinein. Hierauf erbat sich Herr Dr. Jacob K o h n das Wort zu einer persönlicherr Bemerkung. Mit Beginn der Campagne als Candidat ausgestellt, ergreife er die sich ihm durch diese Versammlung darbretende Gelegenheit, um von der Candidatur zurückzulreten. Der Grund dafür sei darin zu suchen, dass Herr Ellbogen, der Obmann des Jüdischen Volksvereines, erst in letzter Stunde zur Candidatur zu bewegen war. In dem Rechenschaftsbericht als verflossener Candidat könne er mit Stolz auf den Ausspruch eines der derzeitigen Machthaber weisen, dass alle Vorstandsmitglieder ihre Stellen niederl e g e n w ü r d e n, falls er, der r a d i e a l st e unter den Oppositionellen, gewählt w ü r d e. Für ern P r i ne i p, w i e R e d n e r e s g e t h a n, fallen, sei gewiss e b e n s o ehrenvoll w i e der Sieg. Kaiserücher Rath P o l l a k, Tempelvorsteher Mohr und Dr. K a h n entwickeln nun ebenfalls unter großem Beifalle das oppositionelle Programm unter besonderem Hinrveis auf die Ungerechtigkeit der sattsam bekannte Mahlreform, die eine Ehrencurie und eitle Rachmonescurie geschaffen habe, und stellen alle die Forderung nach Decentralisation der Verwaltung auf, rejp. na ch bezirksweiser Vertretung. Bei der Abstimmung wurde die vom Central-Wahleomilö vorgeschlagene Liste der Candidaten sowohl für den Cultusvorstand, erls auch für das Bezirks-Cultuscollegium VI, VII ern stimmig acceptiert. Wählerversammlung itt der Inneren Stadt. Unter Vorsitz des Führers der Volkspartei Richard Nappaport fand gestern im Saale Nonacher eine große Versammlung jüdischer Wähler statt, in welcher Dr. H e r z l, Dr. Lifczis und Dr. Kahn in energischer Weise gegen den eben ausgegebenen Wahlaufruf des Central-Wahlcomitäs, hinter welchem sich verschämt die „Union" und der „Politische Vvlksverein" bergen, protestierten. Dr. Herzl sagte: „Es heißt in diesem Aufrufe, es müsse verhindert werden, dass die Steuergulden für utopistische Zwecke verwendet werden. Ich nenne das eine Unterstellung, eine Entstellung, ja eine Verleumdung. Die v e r e i n i g t e n P a r t e i e n haben n i ch t d i e A b s i ch t, mit d e m S t e n e r g u l d e n so zu ur a >r i p u l i e r e n, dass es dem Interesse seiner Zahler widerspricht. Ich warne die Herren vor solchen Mitteln. Denn es müsste dann eine Kampfesmethode platzgreifen, die auf Empfindlichkeit keine R ü ck s i ch t n i m m t. Und dann könnte es Vorkommen, dass, nicht bloß metaphorisch gesprochen, Fenster eingeschlagen werden, um einen frischen Luftzug in die dumpfe Gcmeindestube zu bringen. Dr. Lifczis verwahrt sich dagegen, dass Utopien im Wahlkampfe in Betracht kommen und wirft den Gegnern völlige Unkenntnis der Strömungen in der Bevölkerung vor. „Die vereinigten jüdisch-nationalen Parteien traten mit positiven P o st ulat en in den Wahlkampf. Ist es eine U t o p i e, wenn nt a n die H e r a n z i e h u n g aller j ü dis chett Volkskreise zurBethätigung in jüdische n Angelegenheiten fordert? Ist es eine Utopie, w e n n nt a n jüdischen Mitbürgern, welche arm, aber in Ehren ergraut sind, der Brutalität der Jlrmendiener nicht attssetzen, sondern ein freiwilliges Armen pfleger-System errichten will? Ist es eine Utopie, w enn m an eine W ah lgeo metrie nach Bezirken verlangt? Ist es eine Utopie, wenn matt das Recht der rituellen Zubereitung des Fleisches antisemitischenFleisch- Hauern entzogen wissen will?" Cultusvorsteher kais. Rath Vogl protestiert gegen den Aufruf der „Union", ebenso erklärt Direetor S i m o n, von demselben vorher keine Kenntnis gehabt zu haben. Auch in den folgenden Reden kommt die allgemeine Empörung über dieses nicht ganz lautere Wahlmittel zu stürmischem Ausdrucke. Chronik des Judenthums. Inland. Prag. (Eine Sprachen Verordnung für die Prager israelitische Cultusgemeinde.) Die israelitische Cultusgemeinde in Prag hat der Statthalterei, respective dem Ministerium für Cultus und Unterricht ihr neues Statut zur Genehmigung vorgelegt. Die Cultusverwaltung hat demselben jedoch die Genehmigung versagt, weil in demselben als a u s- ,'chließliche Amtssprache die deutscheSprache statuiert war, und hat der Prager israelitischen Cultusgemeinde aufgetragen, das Statut in beiden Landessprachen a b z u fassen und sich in ihrem Amtsverkehre der böhmischen und der deutch e n S p r a ch e z u b e d i e n e n. Im Sinne dieser Entscheidung hat Statthalter Graf C o u d e n h o v e die Prager israelitische Cultusgemeinde beauftragt, alle Publicationen, namentlich jene, betreffend die von der Cultusgemeinde zu vergebenden Stipendien, in beiden Sprachen zu verlautbaren. Bodenbach Am 18. November fand eine Versammlung behuss Gründung eines Tempelbau-Vereines statt. Die Nothwendigkeit, ein geräumiges und stabiles Gotteshaus zu haben, wird mit jedem Tage dringender, da der von dem Vorsteher- Pächter in munificenler Weise durch 10 Jahre der Gemeinde zur Verfügung gestellte Betsaal nicht mehr reicht. Sie nehmen keine Raison an — unsere Glaubensgenossen, sie gehen zu Wählerversammlungen, wo sie wissen, dass nebst moralischen Ohrfeigen auch factische für sie abfallen können. Ein Trost ist dabei, dass die Zahl dieser Couragierten nicht sehr groß ist. Die Zahl der radicalen Candidaten für unseren Bezirk wächst—aus Mähren wird auch ein Herr importiert, als ob ihrer hierzulande nicht genug wären. — Bei dem letzten hier erfolgten Gattenmord sagte man, die Mörder seien ungeschickt gewesen, sie hätten den „Halsschnitt" machen sollen, dann hätten's die Juden gefressen. So macht man es. Pilsen. (Antisemitische D e m o n st r a t i o n.) Aus Pilsen wird berichtet: In einem hiesigen czechisch-natioualen Blatte erschien kürzlich eine fettgednlckte Notiz des Inhaltes, dass in der Wohnung eines hiesigen czechischen Advocaten um 8 Uhr eine Versammlung von Vertretern der jüdischen Cultusgemeinden von Pilsen und Umgebung, Hauptsächlich Rabbinern, staltsinden sollte. Diese Versammlung habe angeblich den Zweck, den socialdemokratischen Reichsrathscandidaten zu unterstützen, welcher einen Revers unterschrieben habe, dass er im Falle seiner Wahl die Vertheidigung der Juden gegen bie- Anklage des Ritualmordes übernehmen werde. Infolge dieser tendenziösen Nachricht sammelte sich noch 8 Uhr vor der Wohnung des Advocahn eine Menge von etwa tausend Personen, welche in Schmährufen gegen den Advocoten und gegen die Juden, sowie in die Rufe „Hülsuer!" ausbrachen. Die Menge zog hierauf über den Rmgplotz zu der Bezirkshauptmannschaft, wo sie von der inzwischen ansgerückten Gendarmerie und Polizei vertrieben wurde. Mart befürchtet aber, dass diese antisemitische Demonstration eine Wiederholung finden werde. Von der politischen Behörde wurden bereits Maßregeln ergriffen, um jede Ausschreitung im Keime zu unterdrücken. Mährisch-Weitzkirchen. (Ein C u l t us v o rst an d.) Wir erhalten die nachfolgenden Zuschriften: „Unter dem Titel „Ein netter Cnltnsvorstand" berichten Sie in Nr. 45 der Zeitung „Jüdisches Volksblatt" über einen empörenden Vorfall ans Mährisch-Schönberg. Ich fordere Sie tum auf Grund des § 19 Pressgesetz auf, nachstehende Berichtigung in die nächste Nmntner Ihrer Zeitung ausznnehmen: Zu der vom Orts-Wahlcomita bezüglich der stattstndenden Wahlen in die fünfte Curie einberufenen Vertrauensmänner-Versammlutig wurden auch einige jüdische Wähler eingeladen. In dieser Vertrauensmänner- Versanunlung, welcher Herr Dr. P o l l a k präsidierte, kam die Wahl des deutsch-nationalen Candidaten Burschofsky zur Besprechung. Ich habe in dieser Versammlung das Wort ergriffen und mich in der entschiedensten Weise gegen die Aufstellung dieses Candidaten erklärt, wobei ich insbesondere daraus hinwies, dass die jüdischen Wähler den Burschofsky, der ein radicaler Antisemit sei, nicht wählen würden, und habe hieran den Antrag geknüpft, es mögen die anwesenden Vertrauensmänner, falls sie gegen die Wahl des ausgestellten social-demokratischen Candidaten Ri eg er wären, einen Candidaten der deulsch-sortschrittlichen Partei aufstellen, welcher Antrag jedoch von der Majorität, die an der Candidatur des Burschofsky sesthiell, abgelehnt wurde. Bei der nun am 11. November stattgehabten Wahl haben jene jüdischen Wähler, welche ihr Wahlrecht ausübten, ausnahmslos ihre Stimme den Wahlmännern des socialdeneokratischen Candidaten R i e g e r gegeben. Es sind demnach die in Ihrem Artikel (Nr. 45) enthaltenen Mittheilungen und alle aus denselben gezogenen Schlussfolgermtgen unwahr. Jacob Stern, Cultusvorsteher." In der jüitgsten Nummer Ihres Blattes vom 9. November laufenden Jahres findet sich met der Ueberschrift „Ein netter Cultusvorstand" ein Artikel, der den Thatsachen nicht entspricht, und forderet Sie die nnterzeichueten jüdischen Wähler, die der Wählerverfaunnlung am 0. dieses beiwohnten, ans Grund des § 19 des Pressgesehes auf, folgeitde Berichtigeeng in der nächsten Nummer Ihres Blattes zu bringen: Es ist unwahr, dass unter den radical-uatioualen Ver- I trauensmänuern in Mährisch-Schönberg, die für die Wahl der Deutschnatioualeu Stimmung machten, sich zehn Juden befunden hätten, darunter der Präses der israelitischen Cultusgemeinde. Wahr ist vielmehr, dass der Obmann des National-Vereines | deutscher Bürger und Bauern, Dr. Pollak (Christ), eine Versammlung von Vertrauensmännern, darunter auch eine Anzahl hiesiger jüdischer Bürger, eingeladen hat, diese letzteren jedoch; der Einladung bereits in der Absicht Folge gegeben haben, um gerade durch den Mund des Cnltnsvorstehers gegen die Aufstellung des Deutschnationalen Burschofsky in entschiedener; Weise Protest zu erheben, was aeech geschah. (Weiters wird constatiert, dass Herr Cultusvorsteher Stern sich wegen seiner wahrhaft jüdischen Gesinnung all-; gemeiner Verehrung erfreut, was uns auch von anderer Seite ‘ bestätigt wird.) M ä h r i s ch - S ch ö n b e r g, 20. November 1900. R Sigmund Berger, Ed. V a n d l e r, M. Schild, Berthold Hirsch, Sigmund Blum, Jacob Heilig. R Wir nehmen diese Berichtigungen gerne zur Kenntnis und 5 bedauern lebhaft, infolge falscher Informationen, die uns von sonst glaubwürdiger Seite zukamen, Fehlschlüsse gezogen zu haben. Krakau. (Die Broschüren eines galizischen Pfarrers.) Der Pfarrer Ignaz W o j s in Trzebinia verbreitete in der Kirche und an anderen Orten eine von ihm verfasste Flugschrift, in welcher er nach dem eanonischen Rechte das ü Verhalten der christlichen Bevölkerung gegenüber den Angehörigen der israelitischen Religions-Gesellschaft vorschrieb, und deren Inhalt y i darauf abzielte, zwischen Ehristen und Juden im socialen Leben R, eine strenge Scheidung herbeizuführen und hiedurch, wie sich die < Flugschrift ausdrückt, den Einfluss derJudenschaft„weniger schädlich; % zu machen". Dienst nnd Anstellung bei Juden zu nehmen soll R nach dem Wunsche des Herrn Pfarrers demgemäß den Christen R verboten sein; christliche Ammen dürfen bei Juden nicht eintreten; jüdische Aerzte sollen von Christen nicht consultiert, von Juden j bereitete Medieamente nicht eingenommen werden. Das Zusammen- R wohnen der Christen mit Juden in einem Hause, die Theilnahme; j an jüdischen Trauungen und Mahlzeiten wird verpönt; Juden dürfen zu öffentlichen Aemtern nicht zugelassen werden, und der Ankauf von zur Gottesverehrung bestimmten Gegenständen bei j j Inden wird als unerlaubt hingestellt. Die Krakauer Staats- ■ ■ anwaltschaft beantragte das Verbot der Weiterverbreitung dieser : i Druckschrift, doch gab weder das Landesgericht noch i dasOber-LandesgerichtinK r akaudiesem Antr a g e Ri statt; diese Entscheidung wird damit begründet, dass die Flug- RR schrift nur Bestimmungen des eanonischen Rechtes, die einen s..ji Theil der Lehre der katholischen Kirche bilden, )R enthalte, und diese den Gläubigen zu vermitteln, könne dem Seel- ) ) sorger nicht verwehrt werden. Uebrigens sei in der Flugschrift RR ausdrücklich hervorgehoben, dass sie nicht den Zweck habe, j.R den Racenhaß gegen die Juden anzusachen. Gegen Ri diese Erkenntnisse brachte die G en er al-Pr o c ur a tur eine RR Nichtigkeit s-B eschwerde zur Wahrung des Ge- ,i R setzes ein, welcher vom Obersten Gerichtshöfe stattpR gegeben wurde. Ri Budapest. (Juden-Christen-Ehen.) Laut den neuesten statistijchen Ausweisen find in Budapest im Monate 4)4 September d. I. zwischen Christen und ungetauften Juden 1}! 38 Ehen geschlossen worden. In 15 Fällen war der Bräutigam pR Christ und die Braut Jüdin, in 23 Fällen war das Verhältnis j$j ein umgekehrtes. i | Budapest. (Christliche Kl e i d e r g e no s s e nschüft.) Nun haben die „Schwarzen" ihre Thätigkeit auch R| in die Hauptstadt verlegt, indem sie hier eine K-eidergenossen- Rii schüft errichtet haben und die Bevölkerung der Hauptstadt mir {:$ Circularen förmlich überfluten. Es sind unter den Directoren j und Aufsichtsräthen zahlreiche Beamte des Handels- und Acker- Ri* bauministeriums. jj Ausland.;1| Frankfurt a. M. (Die I nd e n in S i b ir i e n.) Im Rij hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur, der am f, 30. Oetober seine dieswinterlichen Vorlesungen wieder aufnahm, Ri sprach Herr Dr. H u t t - Berlin über „Die Juden in Sibirien" - nach eigenen Studien, die er mährend eines längeren Aufent- RR Haltes in diesem Lande machte. Der Referent hatte die Güte, Ri mir einige statistische Notizen zur Verfügung zu stellen, mit deren R; Hilfe ich den Inhalt des sehr interessanten und lehrreichen Vor-! jj träges wiedergebe. Unter der Gesammtbevölkerung, die aus R| 7 Millionen geschätzt wird, zählt die jüdische Bevölkerung 'jj 20.000 Seelen. 0,3 Percent. Die meisten Juden Sibirens stammen R von den aus Rußland dorthin Verbannten und ihren Familien-" jj ungehörigen; freiwillig ausgewanderte jüdische Familien gibt es Ri, in Sibirien wenig. Die Geschichte dieser Juden ist für die Ver- R’ hältnisse nnd Zustände Russlands und seiner Juden charaktc- R ristisch. Alexander I. erließ im Jahre 1800 eine Verordnung zur;R Begründung jüdischer Colonien in Neu-Rußland, die keinen R| großen Erfolg erzielen komtten. Von seinem Bruder und Nach- . I solgter, Nicolaus I., erfolgte im Jahre 1835 ein weiteres Deeret, R| das den nach Neu-Rußland ausgewanderten Inden mancherle: R; Privilegien zusicherte. Da aber daraufhin keine Auswanderung jj erfolge, gab der Staifev 1830 den Befehl, int Gebiete von „Omsk jj und Tomsk ein Gebiet, ungefähr so groß, wie das Fürstenthum Liechtenstein zur Gründung jüdischer Colonien anzuweisen. R Jede jüdische Colonistenfamilie sollte gutes Ackerland nebst dem zur Bebauung nölhigen Geräth nnd den erforderlichen Sämereien j j kostenlos bekommen. Sofort meldeten sich 750 jüdische Familien R mit 5000 Köpfen, denen später noch andere folgten, aber während R sie ungeduldig auf eiue Anweisung für die Abreise warteten, er-; | folgte plötzlich wieder ein Befehl des Kaisers, die Uebecsiedlung ■ Jj der Juden nach Sibirien einzustellen. Dieser Umschtvnng in der > Jj Gesinnung des Kaisers ist hauptsächlich dem Einfluss des Ministers des Innern, B l n d o w o zuzuschreiben. Deen Befehle j es zufolge wurden selbst diejenigen Juden, welche bereits auf der; (j Reise begriffen waren, an der ötiederlassung in Sibirien ge- - ll hindert nnd nach dem Gouvernement Cherson in Neu-Rußland i | geschickt. Freiwillig ausgewanderte jüdische Familien haben sich! also damals in Sebirien nicht niedergelassen, bis auf einige M wenige, die bei Erlass des erwähnten Decreies schon dort an- * gekommen waren. Die jüdische Bevölkerung in den einzelnen Gouvernements stellte sich folgendermaßen: In der fruchtbaren Provinz Transbakalien, wo die Juden am zahlreichsten sind, wohnten im Jahre 1890 über 000 Juden — 1 Percent der Gesamnttbevökerung. Im Gouvernement Tomsk weerdeu im Jahre 1884 über 4000 Juden — 94 Percent der Gesammtbevölkerung gezählt. Im Gouvernement Jenisseisk nahm die jüdische Bevölkerung von 1803—88 tun mehr als das Dreifache nämlich von 1400 aus 4000 — 1*03 Percent au Zahl zu. Diese Zunahme der jüdischen Bevölkerung in diesem Gebiete ist wohl der Verbannung zahlreicher am polnischen Aufstand von 1803 betyeiligt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.