Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 47 (23.11.1900)
- Date
- 1900-11-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Freifng >i:di?chws Volksb!»f 1 23. November 1300 Nr. 47 zu werden, nvibrcnb bi? aitbfrcu di? Eigenart D;toiteit mtb pflegen H'üuo:t, itm nicht als gleich ntig. aber i, i i "! iiiH .ii '!< 1 1 ' ' als gleich - w e r t i i] mit anderen Nationen zu gelten. Die Thätigkeit der ersten Grupve besteht darin, ans dem öffentlichen Leben, insbesondere ans denk Zusammenleben mit den anderen Völkern, alle Momente der Eigenart zu entferneik, unter Deutschen, Polen, Czechen :c. keine Eigenart, weder socialer, noch politischer, cultnreller oder sonst welcher Art zu besitzen, und wo dies unmöglich ist, wie in der Religion, die Eigenart möglichst zu schwächen. Diese Gruppe wird daher für die Arbeit, die sie leisten lvill als Angehörige des Gastvolkes, von dem sie Anfnalmre verlangt, den gröberen Thcil der Kräfte übrig haben. Sie wird für Momente jüdischer Eigenart, jüdischer Znsamniengeliörigkeit, Pflege des jüdischen Geistes re. nur ganz nebenbei arbeiten, mehr unter einem äußeren Zwange und liikter dem Einflüsse tausendjähriger Tradition stehend, nicht aber der inneren Ueberzengung gemäß, einem lebendigen Bedürfnisse entsprechend. Nun hängen aber Erhaltung der Eigenart und materielle Wohlfahrt von einander ab. Oder, um einen Gemeinplatz zu wiederholen. Die Interessen deS jüdischen Volkes sind zugleich idealer und materieller Natur. Das jüdische Volkselement besitzt die Eigenschaft, von jeden anderen als Fremdkörper empfunden zu werden: demgemäß wird jedes Volk gegen das Bestreben des jüdischen Votkselementes, in ihm aufzugeheu, durch Feindseligkeit reagieren. Wenn sich nun das jüdische Volk seiner Eigenart begibt, so begibt es sich damit seines Znsammenbanges, und statt eines Volksganzen steht nach abgeschlagenen Assimilationsbestrebungen den Angriffen der freniden Völker eine Anzahl zusammenhangloser Individuen gegenüber, die wohl als Ganzes stark wären, so aber nahezu widerstandslos fiitb Der Volksgemeinschaft, der eigenen Nationalität, haben wir uns begeben. Sie wird von den der Außenwelt gegen über maßgebenden Factoren geleugnet. Thatsächlich sind die Assimilanten, durch die Anfeindungen der die Assimilation zu -rückweisenden Völker zur Selbsthilfe gezwungen, schon dahin gelangt, sich ans nationaler Basis, auf Basis der gemein samen Äbstammilng zu organisieren, denn was sind Alliance Union rc. anderes, als nationale Organisationen? Aber der Affimilarioustrieb lässt sie zu einem diplomatischen Kniff greifen, sowie etwa die Mächte mit China officiell nicht im Kriege waren. Es wird nur die Religion als gemeinsames Moment angenommen, nur die religiöse Gemeinsamkeit al Basis der Vereinigung behauptet, eine nationale aber ver schwiegen oder geleugnet. Diese diplomatische Heuchelei ist natürlich nicht -darnach angethan, dem Judenthum wertvolle ernste Elemente zu erhalten. Diejenigen, die in der Begebung der Eigenart, der nationalen Selbständigkeit das Heil der Judenheit erblicken haben beute des Heft in der Hand, und wir sahen sie jüngst in der ersten Gemeinde des Reiches ihre Herrschaft nach be rühmtem und bewährtem Vorbild festigen. Der Besitz der Cnltusgemeinden verbürgt allein dominierenden Einfluss in der österreichischen Jndenschaft deren Führung. Wir können daher sicher sein, dass die derzeitigen Vorstandsmitglieder nicht gesonnen sein werden, neue Männer, entschiedene Anhänger der Nationaliden mit den sich hieraus ergebenden Consequenzen unter sich aufzunehmen. Sie werden sich wehren, solange es geht, das Neue blind weiterbekämpfen. Sehr mit Unrecht. Wir können die heutigen Machthaber in ihrer Abneigung gegen das neue System zum Theile verstehen, wir finden Entschuldignngsgründe für ihr Thun. In ihre Jugend fiel die Blütezeit des Liberalismus, da die Assimilationsbestrebuttgen von Erfolg gekrönt schienen, und der Heuchelei, der inneren Skizze von R. A. Brandes, er- Wie ein Blitz verbreitete sich in der Stadt die . schütternde Nachricht. Doctor L ö iv e n t h a l sei gestorben. Dr. Löwenihal war unstreitig die beliebteste Persönlichkeit sowohl der jüdischen, als auch der christlichen Einwohner der Stadt. Seine Popularität und Beliebtheit verdankte er nicht bloß seiner Tüchtigkeit als Arzt, nicht bloß dem gewinnenden Lächeln, das stets seine Lippen umspielte, wodurch er jeden sofort für sich einnahm, er erwarb sie sich hauptsächlich durch sein wahrhaft humanitäres Verhalten den armen Patienten gegenüber, sowie durch seine Wohlthätigkeit, die er überhaupt allen Bedürftigen gegenüber ausübte. Recht charakteristisch ist es, dass er die Philantropie zu seinem Fache rechnete, indem er auch die Nothleidenden „Kranke" nannte. Und „Kranke" nannte er auch die Unwissenden und Zeloten unter seinen Glaubensgenossen der Gemeinde. Und er betrachtete es als in sein Fach schlagend, auch diese Kranken zu behandeln und Licht und Aufklärung unter ihnen zu verbreiten. Und er that es mit ganzer Seele. Sehr zustatten kam ihm hierbei auch der Ort, in dem er sich als Arzt niedergelassen hatte. Die Stadl T. in Polen, deren jüdische Bewohner zur Zeit seines Hinziehens völlig ullter dem Banne des Chassidismus standen, bot ihm in dieser Hinsicht einen geeigneten Boden für seine Thätigkeit. Die Chassidim, die anfangs gegen seine reformatorischen Bestrebungen sich gesträubt hatten, wusste er bald durch seine Humanitären Werke für sich zu gewinnen. Seine Behandlung armer Patienten und seine Sorge für alles, was diesen abgieng, war in der Stadt allgemein bekannt und verschaffte ihm die Sympathie aller Einwohner. Er wurde von allen geehrt und geschätzt. Man überhäufte ihn mit allen Ehrenämtern und trotz seiner Uneigennützigkeit, ja geradezu Selbstlosigkeit, besaß er ein ansehnliches Einkommen. Und doch Halle er sich in seinem Inneren unglücklich Lügenhaftigkeit des „Dentschthums mosaischer Confessio n" im Drange der frischen Arbeitsfreudigkeit sich fast niemand bewusst war. Und mag es auch bitter sein, sein eigenes Lebenswerk mitzerstören zn helfen. Von Führern können wir aber füglich verlangen, dass sie einerseits in ihren Anschannngen entlvicklnugsfähig, und nicht in irgendeinem Stadium der Eitwicklnng unbeweglich stecken bleiben, und andererseits, dass sie das Interesse der zu vertretendeu Gesammtheit persönlichen Empfiildklilgen überordueu. Wenn die Stürme von 48 und die liberale Aera der Siebzigcr-Jahre in der älteren Generation die Assimilationsgedanken wachgcrnfen und genährt haben, so zeitigt der moderne Aniitsemitismns und die entwickeltere Denkweise in uns, der jungen Generation die jüdische Nationalidee. Die Entwicklnngsfähigen der älteren Generation, werden den Forderungen einer neuen Zeit gerecht, und haben die Jugend, deren Führer sie sind, hinter sich. Die Machthaber verschließen sich jedoch solchen Bewegungen. Sie thnn unrecht. Die Jugend klopft an die Thüre, sie sollten sie einlassen. Und wenn es noch so unberechtigt zögernd geschähe, wenn der geöffnete Spalt ein ganz enger wäre, man würde ihnen Dank wissen und Ehre erweisen. Aber das schroffe Zuhalten der Thüre trägt Erbitterung unter die Eikklassbegehrendeil, und macht ans dem Klopfen ein Slürmen. Wozu das? . . . Die Alten mögen doch nicht immer ans ihre Erfahrung pochen. Sie ist ja gewiss ein Argument, aber doch nicht alles. Waren cs vielleicht die Alten, die 48 den Völkern die Befreiung brachten? Die heutigen Machthaber mögen nicht nach der todten Vergangenheit, nach inhaltslosen Phrasen liberaler Politiker, die in unsere Zeit wie abgestorbene Baumstümpfe hereinragen, oder nach talmndischen Spitzfindigkeiten streberischer Rabbiner ihre Politik bestimmen. Sie mögen die Zustände innerhalb des jüdischen Volkes mit freiem Auge, und nicht durch die Brille der Assimilaiionsbestrebungen betrachten. Wenn sie die Idee der Jungen, die jüdische Nationalidee objectiv prüfen werden, werden sie sehen, dass sie nicht ein künstliches Product — dem Kopse eines Narren oder eines Strebers entsprungen ist, sondern das lebendige Product lebendiger Kräfte. Es gilt so vieles von Grund ans neu anfzubauen, dass ein Ueberhasten die schäolichsten Folgen haben könnte. Da sind die derzeitigen Machthaber berufen, das cvnservative Element innerhalb des jüoischen Volkes zn bilden, das den Jungen, den Neuen seine Erfahrung und Umsicht leiht — und ein allzu rasches Tempo, das die jüdische Sache schädigen könnte, verhindert. Die Alten mögen bedenken, dass die zungen, die Neuen, eine Begeisterung, echt und wahr, für die Sache des I u d e n t h u m s mitbringen, wie sie jene vielleicht nie gekannt haben. Wenn den Machthabern das Heil des Tndenthums am Herzen gelegen ist, dürfen sie den Nationaljuden den ihnen gebürenden Platz in der Verwaltung der Cultusgemeinde nicht länger mehr vorenthalten. Der „Jüdische Vokksverein" und seine Verbündeten entwickeln eine fieberhafte Wahlthätigkeit. Alltäglich werden zu gleicher Zeit und an verschiedenen Orten Wählern rrsammlungen abgehalten, in denen dem jüdischen Mittelstände Gelegenheit gegeben ist, zu sagen, worin die bisherige Cultusvertretung gefehlt und was von der künftigen erwartet wird. Immer neue Uebelstände kamen da zur öffentlichen Kenntnis, immer neue Klagen fanden ihren Weg zur großen Wählerschaft. Da war es ein Lehrer, der Beschwerde führte wegen der B'nachtheilung gefühlt. Sein Sohn, sein einziges Kind, den er in der Residenz erziehen ließ und der gleichfalls den Beruf seines Vaters gewühlt und dortselbst als Arzt sich etabliert hatte, war ihm im Laufe der Zeit völlig entfremdet worden. Nur selten ließ der Sohn von sich etwas hören und wenn e? geschah, so war es stets in nüchternem, frostigen Tone abgefasst. Selbst bei der Feier seines siebzigjährigen Geburtstages, an welchem Tage ihm von der Stadt das Ehrenbürger-Diplom überreicht wurde, fehlte der Sohn. Er entschuldigte seine Abwesenheit mit Mangel an Zeit... Der alte Doctor wusste jedoch diesen Schmerz zu verbergen. Zeitweise schien es zwar, als ob das Lächeln von seinen Lippen geschwunden wäre, aber dies war bloß vorübergehend. Doch in seinem Inneren nagte der Gram. Aengstlich bemühte er sich, diesen nur ja niemanden merken zu lassen. Durch keine Silbe verrieth er während seines ganzen Lebens, was in seinem Herzen vorgegangen war. Nur als er bereits auf dem Sterbebette lag und zahlreiche Persönlichkeiten der Gemeinde sich in seinem Zimmer eingefunden halten, da entrang sich seiner Brust ein tiefer Seufzer. Mit schluchzender Stimme lispelte er: „Mein Sohn!" Und unter Thränen äußerte er den Wunsch, sein Sohn möge wenigstens bei seinem Leichenbegängnisse anwesend sein . . . * Die Gemeinde beschloss die Bestattung auf eigene Kosten mit allen Angebote stehenden Ehrenbezeugungen zu eranstalten. An seinen Sohn gieng ein Schreiben ab. in welchem in ergreifender Weise der letzte Wunsch seines Vaters mitgetheilt wurde. Die vielen letzten Ehren, die dem alten Doctor von Seite der Gemeinde beim Leichenbegängnisse erwiesen wurden, übten auf den anwesenden Sohn einen mächtigen Eindruck. Zum erstenmale fühlte er sich nun als Sohn eines Vaters. Er befasste sich mit allen EinzslheiUn, die zu den Ceremonien gehören. Und als der Sarg unter Chorgesang vom Sterbehause getragen wurde, da rollten Thränen über seine Wangen. Der Leichenzug bewegte sich unter außerordentlich zahlreicher Betheiligung durch die Stadt, Alle Honora- ' seines Standes, und der in seiner Erbitterung die Lehrer" feindlichkeit unserer Gemeindeväter mit der der Christlich * * Socialen misst, dort ist es ein Fleischhauer, der gegen de" Cnltnsvorstand die schwere Beschuldigung erhebt, die Concessio" znm Verkaufe von Koscherfleisch an einen der gröbsten anti' semitischen Schreier, an den Führer der christlich-socialen Fleischhauer, verschachert zn haben: Kurz, es gibt kannl einen Stand, dessen Interesse nicht zn vertreten der Cnltnsvvrstand unterlassen hätte. Und zu den Klagen der Einzelnen gesellen sich die Klagen der großen Gesammtheit. War unser Cnltnsrath ans seinem Platze, sobald es galt, zn einer großen Frage im Jlkdenthnm Stellung zn nehmen? Musste er zur Veranstaltung der Polnaer Protestversammlung, ans die er sich jetzt so viel zugute hält und die zn verhindern unsere privilegierte Curie das möglichste that, nicht erst gedrängt werden? Stand er der entsetzlichen Jndennoth, die sich im Sommer abspielte, nicht wehr- und rathlos gegenüber, während die Bndapester Brüdergemeinde sich ewige und unvergängliche Verdienste schuf? Und ans alle Klagen die eine Antwort: „Die Judenschaft ist indolent und wir haben die beste Absicht. Uebrigens ist es schon genug, wenn wir uns dazu hergebeu, Cnltnsvorsteher zn sein." Nein, das ist nicht genug. Die Wählerschaft muss zeigen, dass sie mehr verlangen kann. Einen Erfolg aber knim die Jüdische Bolkspartei schon jetzt für sich in Anspruch nehmen: Sie hat die Wählerschaft wachgerüttelt und ihr Interesse am jüdischen Leben geweckt, sie hat aber auch dem Vorstände gezeigt, dass eine tiefe Unzufriedenheit mit seiner Wirksamkeit vorhanden ist. Dieser Fingerweis wird ihm eine Mahnung sein — wenn er, was hoffentlich verhütet werden wird, in seiner alten Zusammensetzung in die Gemeindestiibe einziehen sollte — auf die Interessen des jüdischen Volkes bedacht zn sein, nnd seinen Wirkungskreis nach der oft bedeuteten Richtung zn erweitern. Wir lassen die Berichte über die einzelnen Versammlungen folgen : Wählcrversamnrlung in HernalS rnid Ottakring. Dr. Schreiber entwickelte in einer Versammlung, der fast die gesammte Wählerschaft beider Bezirke anwohnte, sein Programm : „Nicht nur der Opposition willen streben wir Sitz und Stimme im Eultnsvorstcmd an, nur wollen nichts anderes, als einen Antheil an den jüdisch-öffentlichen Arbeiten, wir wollen sehen, wie mit unseren Steuergeldern gewirlschaftet wird und wir wollen mit diesen Institutionen schaffen, welche der gedrückten Masse unseres Volkes aufhelfen. Nicht wir haben d e n S t r e i t b e g o n n e n, s o n d e r n m a it hat u n s den Fehdehandschuh h i n g e w o r f e n, w i r haben ihn a u f g e g r i s f e n und nun wollen w r r unsere Kräfte erprobe n." D r. Jakob K o h n fragt, warum man nicht, um der Geldnoth zu entgehen, den Reichsten einfach die Stenern erhöht habe, statt bei ihnen um milde Gaben zn betteln, und weist den Vorwurf der Ruhestörung, den uns die bisherigen Cultusvorsteyer machen, zurück: „Bei jedein Angriff sind diese Herren ganz entsetzt. Ja, warum werfen Sie denn nicht dieses Mandat hin, dass sie immer und ewig eine Bürde nennen? Muss man denn sterben in der Gemeindestnbe? Man kann ja leben, ohne Cultusvorsteher zn sein." Kaiserl. Rath Pollak sucht einzelne Mängel in der Verwaltung zu entschuldigen und fährt fort: „Der Ausbau des Judenthums liegt gerade in jenem Theile der Bevölkerung, der die wenigsten Steuern zahlt. Und gerade diesem muss der nölhige Einfluss eingeräumt werden. Unsere Forderung nach bezirksweiser Vertretung konnten wir nicht durchsetzen, und wir müssen froh sein, wenigstens den Anstoss zu den Bezirkscommissionen geschaffen zn haben". Herr Trn ka richtet an die Candidaten einige Interpellationen, die von diesen in zufriedenstellender Weise beantwortet werden. Dr. Kahn stellt sich als Candidat vor und verspricht, alle Angelegenheiten, die er zn vertreten haben werde, nur von einem Gesichtspunkte ans zu erledigen, vom streng jüdischen. „Es ist nicht jüdisch, dass man ein Wahlstatut schafft, in welchem aus Menschen zweiter Classe auch Inden zweiter Classe gemacht tioren sowohl der jüdischen, als auch der christlichen Gemeinde waren anwesend. Der imposante Anblick der 'Leichenfeier seines Vaters erweckte in dem Sohne ein Gefühl der Erhebung. Die Trauer verschmolz bei ihm mit einem gewissen Stolze, sein Selbstbewusstsein wurde gehoben und festen Schrittes gieng er hinter dem Sarge an Seite des Rabbiners und Canlors. Am offenen Grabe sprachen außer dem Rabbiner auch der Bürgermeister und der Vorsteher der jüdischen Cultusgemeinde. In ergreifenden Worten schilderten sie die Verdienste des Verblichenen und nahmen in rührender Weise von ihm Abschied. Der Sohn stand gebeugt, aber sein Herz schlug höher, da er seinen Vater so preisen hörte. Plötzlich trat an ihn ein Fnnctionär der Cnltusgemeinde, eine Tafel mit hebräischen Lettern in der Hand haltend, heran. „Bitte, den ersten Kaddisch nach ihrem Vater zn sagen!" flüsterte er ihm zu. Der junge Arzt nahm die Tafel zur Hand, seine Augen schweiften verständnislos mnher, Schainröthe bedeckte sein Antlitz, verwirrt, nnd stier schaute er die Versammelten an und seinen Lippen entschlüpfte fast unwillkürlich der Ausruf: „Diese Sünde kann ich meinem Vater niemals verzeihen!" Alle Augen richteten sich überrascht auf den jungen Arzt. Der Gemeinde-Functionär beeilte sich ihm das Gebet zu soufflieren, aber die Aufregung des jungen Mannes war eine solch mächtige, dass er nicht einmal imstande war, das Gebet auch nur nachzusagen. Der Rabbiner suchte diesen peinlichen Zwischenfall zu beseitigen, indem er selbst das Kaddisch-Gebet verrichtete. Aber dies regte den Sohn noch mehr auf. Und während seinen Augen Thränen entströmen, drang es aus seinem Herzen: »Fremde zollen jetzt meinem Vater alle Ehren, ich, der Sohn, kann nicht einmal meine letzte Pflicht gegen ihn erfüllen!" . . . Alles schwieg. Still, in Gedanken versunken, verließen alle Anwesenden den Gottesacker.