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Jüdisches Volksblatt · 1900-11-16 · 46 (16.11.1900) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
46 (16.11.1900)
Date
1900-11-16
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 46 Wien, Freitag Jüdisches Y'cUsbiatt 16. November 1900 Seite 5 richtige, tiefüberzeugte Männer sein, denn sie schämen sich ihrer Abstammung nicht, denn sie verstecken sie nicht unter unklare, zweideutige, oder gar arische Titel, sondern lassen ihr Schild hell aufflammen in der Dunkelheit. Der Versammlungssaal der für 500 Personen ausgestattet ist, wird gewiss in kürzester Zeit der Versammlungsort aller wahrhaft jüdischen Vereine werden, da die Vereinsleitung, wie der verehrte Herr Präsident E l t b o g e n wie auch der Obmanu-Stellvertreter des Vereines Herr Richard Rappaport betonten, größte Gastfreundschaft üben wird. Das Einweihungsfest zerfiel in zwei Theile, wovon der eine im neuen Vereinslocale selbst stattfand, der zweite aber dem geselligen Theile gewidmet war und im großen Saale drs Hotel Central sich abspielte. Zum Feste war ein zahlreiches Publicum erschienen, welches den Saal bis auf das letzte Plätzchen füllte. Außer einer großen Anzahl von Mitgliedern und Freunden des Vereines nahmen an der Einweihung theil: die Vertreter der Vereine: Oesterr. israelitische Union, Politischer Volksverein, Marpe Lanefesch, Gemilas chesed, Brigitteuauer Tempelverein Israelitischer Fleischhauerverein, Marches Jeschin, Jüdischer Frauenverein Brigittenau, die Studentenverbindung Unitas, die Indisch Akademische Lesehalle rc. rc. Dann die Vertreter der jüdischen Presse Oesterr. Wochenschrift, Wahrheit, Jüdisches Vvlksblatt. Telegraphisch gratulierteu und entschuldigten ihr Nichterscheinen der zionistische Mädchenverein Moriah, die Herren Landesschulrath Dr. Gustav Ko hu, Dr. Rosennl a n n, kais. Rath R u z i ö k a rc. Der Vorsitzende Herr Eltbogen eröffnet das Fest mit einer tiefgefühlten Ansprache. Er sagte: Im Namen des Jüdischen Volksvereines begrüße ich Sie in diesem neuen Hanse. Nicht die Großen, die Neichen haben ihn gegründet, der zu einer Zeit entstand, in der unsere Nation den brutalsten Anfeindungen, unsere Religion den perfidesten Angriffen ausgesetzt war. Damals thaten sich einige wenige Männer zusammen, zur Abwehr dieser Angriffe durch Selbsthilfe. Eine kleine Gruppe zuerst, wurde der Verein immer größer, und heute dürfen wir uns rühmen Tausende von Mitgliedern zn zählen. Wenn auch diese Zahl nicht gar zu groß und gewichtig ist, so haben wir doch in wichtigen Augenblicken und bedeutenden Fragen einzugreifen und mit Erfolg einzugreifen gewusst. Unser Verein stützt sich nicht auf eine Classe, sondern er ruht auf der breiten votklichen Basis und jeder Jude, sofern er ein Herz für das Judenthum hat, arm und reich, ist uns herzlich willkommen. Wir wünschen, dass unser Bereinsloeal dem jüdischen Vereinsleben neues Leben einflöße, und es steht denn auch allen Vereinen zur Verfügung. Zu allen Zeiten und unter allen Umständen wellen wir mit unserer gamen Kraft kömpfen, eingedenk der Devise: „Alles fürs Volk." Wir wollen uns des großen Satzes erinnern „Israel Kol acheijim", alle Juden sind Brüder. Der hochverehrte Vorsitzende schloss seine wirklich herzbewegende Rede,. deren markanteste Stellen von donnerndem Applaus unterbrochen wurden, mit einigen Worten des Dankes für Se. Majestät den Kaiser. „Unvergesslich werden uns die Worte bleiben, die Se. Majestät zu einer Vertretung der Judensprach: ,Alle meine Landeskinder sind mir in Erinnerung, ich werde auch an Euch nicht vergessen/ In das dreifache Hoch auf den allgeliebten Monarchen stimmten die Anwesenden begeistert ein. Nachdem Herr E l t b o g e n geschlossen hatte, trug Herr Obercantor Schor einen von ihm selbst für diesen Abend componiertell Psalm vor. Andachtsvoll lauschten die Zuhörer dem wirklich weihevollen und rührenden Gesänge. Dann hielt Se. Ehrwürden .Herr Rabbiner. Dr. Tagleicht die Weihepredigt. Se. Ehrwürden betonte, dass er gerne dem Wunsche des Vorstandes des Volksvereines nachgekommen sei, die Eröffnung dcs neuen Locales einzuleiten, weil jeder warm fühlende Jude d:e Zwecke und Ziele, welche dieser Verein verfolgt, fördern sollte. „Der Jüdische Volksverein gilt allgemein als ein politischer Verein. Wenn er vas allein wäre, dann wäre ich diesem Feste ferngeblieben, weil ich der Meinung bin, dass ein Seelsorger der Politik fernbleiben muss. Es würde vieles anders sein, wenn sich alle Seelsorger an diesen Grundsatz hielten. Aber der Jüdische Volksverein ist kein ausschließlich politischer, die Männer, die ihn bilden, haben AeilNer und Würden weder zu erhoffen noch zu vergeben. Es sind auch kulturelle und sittliche Ziele, die sich dieser Verein gesteckt hat und für welche er wirkt. Der Jüdische Voltsverein wckl: Besserung der materiellen Hebung der sittlichen Lage der Juden. Kräftigung und Erhöhung des Judenthums! Welch schöne und ideale Züge sind dies! Aber, wird mancher sagen, das sind steile und schwierige Wege, unmöglich zu erreichen. Nun, man darf sich durch Klüfte und Hindernisse nicht abschrecken lassen. Wir müssen nur wohlgewappnet und auf dem richtigen Wege marschieren. Aber welches ist das Ziel und welches der richtige Weg? Vor allen» müssen wir dahm gelangen, dass wir uns selbst achten. Es darf nicht, wie es leider heute geschieht, der eine immer nur die Fehler des anderen sehen, statt das Gute zu suchen und es anzuerkennen. Erst müssen w i r das Judenthum achten, dann werden es auch andere lhun. Ein einziger W e g f ü h r t d a z u u n d d a s i st w i e d e r das I u d e nt h u m. Wer das Judenthum kennt, der wird sich dessen nicht schämen und mit Stolz belennen, dass er ihm angehört. Wenn man dem, der das Judenthum kennt, irr Zukunft znrnfen wollte: „Jude!", der wird antworten: Ja, ich bin ein Jude; ich gehöre jenem Volke an, welches im Lichte Gottes wandelte, während überall noch die tiefste Finsterms herrschte; ich gehöre jenem Volke, welches Gott in tue Barbarei hineingetragen hat und welches der Menschheit die Bibel schenkte. Und wer dies weiß, wird nicht leichten Herzens unsere Reihen verlassen. Wie könnte er auch das: die Heldengestalten unserer Geschtchte würden vor seinen Augen empvrsteigen, die Gestalten jener Helden, welche alles opferten, Gut und Blut, nur weil sie ihrem Glauben treu bleiben wollten. Wenn die Erkenntnis des Judenthums in weitere Schichten, es wäre vielleicht richtiger, zu sagen: in höhere Schichten eindringen würde, dann würde jeder wissen, dass wir ein heiliges Erbe übernommen, das wir hüten und schützen »aüssen. Wen»» »vir das aber »vissen, dann »verden »vir unsere Selbstachtung »viedergervonnei» und a»»ch die Achtung anderer errungen haben oder aber auf diese letztere leichten Herze»»s verzichten. Jeder »i»uss von Begeisterung für das J»»denthum erfüllt sein, dass er nie den» Judenthun» durch Worte oder Thaten zur Unehre gereiche. W»r können nur »n diesen» Sinne »oute»». Für einander verantwortlich sein können »vir aber r»icht. Der verehrte Herr Vorsitzende hat hier von einen» schöne»; Satze gesprocher», der da lautet: Alle Juden sind Brüder. Es/ befindet sich aber im Taln»»»d ein rveit »vichtigerer »rnd schwerwiegenderer Satz, welcher besagt: Alle Israeliten sind Bürgen für einander. Dieser Satz ist der Ausdruck einer Solidarität, die große Gefahren in sich bergen kann. Wenn er auch keine Forderung darstellt, sondern nur eineConstatierung ist, so ergibt sich doch aus ihm eine sittliche Forderung. Jeder Einzelne rn»»ss sich vor jedem Fehler hüten, damit inan denselben nicht dem Judenthum z»»r Last lege. Dagegen aber wird gar sehr gesündigt. Dies war schon vor langer Zeit so und wurde schon vor Jahrtausenden bemerkt. Ein Römer, der lange in Jerusalem weilte, erzählt, dass er einst bei einem reichen Juden zun» Mahle geladen war. Was ihm besonders auffiel, war, dass bei diesein Mahle n»»r Röiner und gar keine Glaubensgenossen des Gastgebers zugegen »varen. Die Pracht, die dort entfaltet wurde, konnte selbst in Rom nicht ihresglerchen haben. Die Speisen rv»»rden in silbernen Schalen aufgetragen und aus goldenen Pokalen »vurde getrunken. Und als nach Schluss des Schmauses die Gäste auseinandergiengen, bekamzeder Gast die Schüsseln, aus denen er gegessei», r»nd die Goldpokale, aus denen er getrunken, geschenkt. Diese Geschenke aber wurden ihnen von je einem Sclavenvaare nachgetragen und diese Sklaven gehörten auch zu den Geschenken. Aus dern Heimwege unterhielten sich die Gäste »niteinander und rrnser Röiner meinte: „Wie bemühte sich doch dieser reiche Jude, als Römer zu erscheinen! Es ist aber umsonst, er bleibt doch, was er ist, er bleibt doch ein Jude." Nun, ich will die An»vendung nicht ziehen, aber gesagt muss es werde»», dass der Ehrgeiz und die Eitelkeit seit jeher dem ganzen Judenthum schadeten, ja dasselbe geradezu gefährdeten. Es besteht ei»»e Solidarität der Geschlechter im jüdischen Volke, darum muss es jeder wissen, dass er den» Judenthun» angehört und dass dies keine Schande ist. Das ist a»»ch das ideale Ziel, welches der „Jüdische Volksverei n" verfolgt uttb z u diesem Ziele »vollen »vir d e n S e g e n G o t t e s erflehe»», dainiterdie Männer, die an der Spitzedes Vereines st e h e n, erleuchte, zu»»» W o h l e ihres Volkes, z»»r Ehre des Judenlhuins. Die wirklich großartige Rede Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiners Dr. Tag leicht hatte einen tiefe» Eindruck auf alle Anwesenden ge»nacht, was auch der stürruifche Beifall bestätigte. Herr Obercantor S chorr stimmte mit seinem Chore einen zweiten von ihm componierten Psalm a»», worauf der zrveite Obnrann des Vereines Herr Richard Rappaport z»r einer kurzen Festrede das Wort ergriff. „Wir sind hier zuscrrnmengekommen, um ein neues jüdisches Vereinsheiin eirrzuwechen. Einer unserer Gegner könnte behaupten: „Uns Juden »nüsse es ja ganz gut hierzulande gehe»», da »vir ja neue, schone Locale zu eröffnen in der Lage sind." Aber ein solcher Gegner »vürde fehlen, denn er »vürde den Kern mit der Schale verwechseln. Wer so d»e verschiedenen Themen angehört hat, die in unseren Bersanunhlngen in» alten Locale besprochen »vurdeu, der »vürde sofort ei»»sehen, dass »vir Juden denn doch nicht so gut dastehen, als es den Anschein haben könnte. , Es »väre ermüdend, die verschiedenen Fälle hier zu »viederholen, die »vir in unseren Versa»n»nlungsabe»»den besprochen haben und »velche die überaus trauriger» Zustände, unter denen das J»rdenthum in Oesterreich zu leiden hat, illustrieren. Das Facit ist, dass »vir sagen können, »vir haben »vohl ein Vaterland, aber keine Heimat, genau wie nicht jeder, der ein Heim hat, auch ein tra»»tes Familienheim besitzt? Bis nun hatten sich die Juden gewöhnt, Vereinen anzugehörew, in denen auch einige Paradechristen als Mitglieder figuriertem Diese Christen hatten es immer gernieden, von Juden oher Judenthuin zu sprechen,, weil sie nicht »vollten, dass dadurch die jüdischen Bereirrsgenossen an ihre inferiore Abstammung erinnert »verden. Nun. soweit diese Vereine jetzt nicht antisemitisch sind, sind sie jüdisch. In dieser: Vereinen hatten die Inden eine Zerstreuung, aber kein Heiin. Alle schönen Gesetze sättigen nicht. Wir »nüssen die nöthigeMacht haben, urn sie auch zur Geltung zu bringen. Solange »vir dies aber nicht tbuu, bleiben »vir in dein Zustande der Inferiorität, »velchen uns die Christen so gerne aufdrücken möchten. Wir »nüssen uns alle zusamrnenthun, da»nit »vir uns selbst Helfer», »»»dein »vir »»ns des schönen Ausrufes erinnern: Wenn ich »nir n i ch t s e l b st helfen soll, wer denn sonst? Und »v enn nicht jetzt, ,v a n n denn? Die große Lehre der »nodernen Politik ist die, dass jedem genau so viel Macht zukommt, als er sicherringt. Wir haben ja e»n greifbares Beispiel an den Arbeitern. Was haben denn die nicht in de» letzten Jahren durch kräftiges Znsaminenschließen gethan? N;»d »vas die Arbeiter kon»»tei», sollen die Inder», die doch die ansehnliche Zahl von zrvei Millioneil in der Monarchie bilde»», nicht ausrichten können? Wir muffen genau das Ziel feststellen »»nd die Wege zu erforschen suche»», »velche zu dernselben führen. U n s e r P r i »r e i p aber muss sein: Die I n d e n für die I u D e n. W e»»»» dieses P r i n e i p g e s i e g t h a b e n »v i v t>, dann e r st rv i r d »»n s das Vaterland auch »v irklich zu einer Heimat »verden. Aber rr»an rvird sage»»: Wir haben ja schon einmal in Oesterreich ein solch trautes. Heim gehabt, aber die Aus- »vanderungsflllt der russischen Juden hat den Airtisemitisrnus entfacht. Und jetzt haben »vires wieder erlebt, »vie die rumänischen Juden zu Ta»»ser»den ihr Gebrirtslaud verlassen »nussrer», »veil ihnen dort das Leben überhaupt unmöglich gemacht »vnrde. Wohl hat »»»an es vers»»cht, unseren uugU'rcklicheu Glaubensgenossen zuhilfe zu komme»». Aber bei der ungeheuren Calamität »var diese Hilfe nur »vie ein Tropfen Wasser in einem großen Meere. H e u t e hat jedes Volk a u ch feine auswärtige Politik, u»»d »vir Iud en mache»» da »°t»» feine Aus- »r a h rn e. Die Frage, »vie man den Juden im Osten helfen u»»d dadurch die Stellmrg der Jrlden in der ganzen Welt bessern kann, »nuss uns beschäftigen. Dies alles sind die Fragen, mit »velchen wir rechnen und deren Lösung »vir erstreben müssen. Bleibt noch das jüdischcllltnrelle Moment, das Herr Rabbiner Dr. T a g l i ch t in so glä»»ze»»der Weise bereits entwickelt hat. Ich muss es nur hier errvähnen, »veil es der Grundpfeiler urrseres Programmes ist. Nicht in den Matrikeln ist die Zugehörigkeit zum Jndenthmn zu suchen, sondern man muss auch die Geschichte seines Volkes, den Talmud u. s. »v. kennen. Man hat oft den Talmrrd verleng»»et, »veil man dachte,^er sei die Ursache des Antisernitismus. Das ist aber fatsch, die Sache liegt gerade umgekehrt, »veil »vir der» Talrnud verheimlichten, kam jema»»d auf den Gedar»ken, er »nüsse doch etlvas gar»z Besonderes enthalten, das zu verbergen »vir Grund haben. W i r »r»ü ssen also in er st er Linie für die Verbreitung der j ü dis ch e n C u l t u r sorgen, aus der sich bann d ie Selbstachtung ergibt. Wir müssen dann social»virtschastlich thätig sei»», dan»it »vir der großen Ar»n»»t, die unter einem großen Theile unserer Glaubensgenossen herrscht, steuern können. Schließlich müssen »vir jene jüdische Politik betreibe»», die es dahin bringt, dass ,vir in unserer Ha»»d eine wirkliche Macht vereinigen. Skeptiker »verden sage»», »vir J»»den seien zu gering an der Zahl, als dass »vir solches verfolgen könnten. Nicht auf die Ziffer kom»nt es an, so,»dern auf die Organisatior». Eine geringe A»»zahl Leute, die aber gut organisiert sind, besitzen eine tausendfache Ueberlege»»heit einer unorganisierten Masse gegenüber. WirJuden müssen uns also auch organisieren, damit »vir eine einzige, große, stramme Familie bilden. Das »vird lange dauern, aber wir stammen aus dem Orient, dern Mutterlands aller großen Organisationer», so auch der besten und bervährtesten, der katholischen Kirche. Ich schließe also mit den Worten: Juden organisieren wir »»ns, denn nur so »vird es dahin kommen, dass wir alle nicht unrein Vaterland, sondern auch eine Heimat haben »verden". Stürmischer Applaus begleitete die letzten Worte deS Redners, dessen Bortrag an vielen Stellen von langem Beifalle unterbrochen wurde. Als Herr Richard Rappaport geschloffen hatte, erhoben sich sämmtliche Anwesende von ihren Plätzen und Herr Obercantor Schorr, von seinem Chore begleitet, beschloss die Feier mit dem Absingen ,der Kaiserhymne. Eine CultllWähltt-UersllMlNS m Kriinn. Brün n, 12. November. Der Cultnsvorstand hat die Cultuswähler für den 10. d. M. in den Saal des mährischen Gewerbevereines zu einer „Wahlbesprechung" eingeladen. So heißt nämlich im officiellen Jargon unserer Gemeindeväter eine Wählerversammlung. Früher waren es Wahlconventikel intimer Natur, bei denen in idyllischer Ruhe und pairiotischer Ein tracht die Oberbonzen der^Cultusgemeinde aus ihrer Clique die Candidaten nominierten und ernannten. Der Wahlact war dann nur ein rein formeller Act. Diesmal wurde die Clique gehörig aufgescheucht aus ihrer Ruhe. Es ist der natnrnothwendige, vom Zeitgeiste dictierte Kampf zwischen Trägheit und Bewegung. Ec ist »licht eine specifische Brunner Erscheinung. Er ist in Wien, Olmntz, Prag und überall dort unvermeidlich, wo sich mit Verachtung aller volksthümlichen Forderungen und Strömungen ein srlbstsüchtiges Cliquenwesen breitmacht, wo eine kleine Gruppe Erbgesessener in monopolistisch-privilegierter Weise die Cultus-- stilbe als ihr unantastbares Lehen betrachten. Der Kampf gilt dem morschgewordenrn Cultussystem der jüdischen Cultusgemeirrden. In dieser Wählerversan»mlung zeigten sich unsere Cultusgewaltigen in ihrer ganzen Rückständigkeit, in ihrer Anmaßung und Herrschsucht, als sie gegen selbstverständliche, in der ganzen Cultnrroelt als Grundprincipien einer Geschäftsordnung anerkannte Forderungen und Anträge lärmten und tobten, als sie ihre, jedem politischen Ernste und modernen Geiste hohnsprechende Auffassung des Verhältnisses zwischen Wähler und Candidaten zum Besten gaben, als sie gegen jede Kritik und Opposition intoteraut und fast gewaltig auftraten. Dass die Versammlung in ihrer Mehrheit aus Fabrikanten und Großkaufleuten bestarrd, war der vom Vorstände gewählten Stunde der Einberufung — 6 Uhr abends —zuzuschreiben. Die Bermulhung, dass dadurch die Kleilckaufleute, Handwerker und Angestellten ferngehalten werden sollten, liegt sehr nahe. Der vorn Vorsitzenden Herrn kais. Rath Epler über die Thätigkeit des Vorstandes in den letzten zwei Jahren erstattete Rechenschaftsbericht wirft ein grelles Licht auf die Verhältnisse in der Brunner Cultusgemeinde. Wir trauen nicht jedem Vorstande einer kleinen Proviuzgemeinde die Naivität oder Kühnheit zu, auf einen solchen Bericht gestützt, die Wieder- »vahl und das Vertrauen der Wähler zu fordern. Doch laffen wir den Bericht selbst sprechen: „In Angelegenheit der Polnaer Affaire hat der Vorstand eine Protestkundgebung und Beschwerde an den Justizminister gerichtet. Der Vorstand ist dem Gemeindebnnde und der israelitischen Union als Mitglied beigetreten. In der Holleschauer Affaire war sein Mitglied Dr. Fi all a als Rechtsbeistaud thätig, u»»d drei Vorstandsmitglieder haben eine private Sammlung für die Opfer von Holleschau und Wsetin eingeleitet. Aus Gemeindemilteln wurden-1000 fl. gewidmet. Der Studenten-Gottesdieust wurde reformiert. Die beiden Religionslehrer wurden auf Betreiben des Vorstandes zu wirklichen Lehrern an Mittelschulen ernannt. Ein ue»»er Religionslehrer »vurde angesiellt und das Proseminar subventioniert, lieber die Wohlthätigkeilsactionen gibt der Bericht der Chewra Kadischa Aufschluss. Eine Friedhofshalle wlirde errichtet und verschiedene Stipendien und Stiftungen gelangten zur Realisierung." Das ist der ganze Bericht. Entweder der Vorstand hält diese seine Thätigkeit für ausreichend und geuitgend — dann ist er naiv und kennt nicht die Pflicht einer jüdischen Gemeindevertretung. Ooer er glaubt, dass sich die Wähler auch mit sv wenig znfriedengeben »nüssen — dann ist er im Jrrthnm und kennt nicht die nationalen, culturellen und wirtschaftlichen Forderungen unserer Zeit an eine jüdische Gemeinde. Eine Eröffnung der Debatte über diesen Bericht wollten die Herren nicht zulassen. Würdevoll und imponierend war da das Benehinen dieser „gereifreu, erfahrenen und diplomatischer»" Cultusväter nicht. Für ihre Rückstandigkert bezeichnend waren die Aenßerungen ihrer Wortführer über die Verpflichtung des Vorstandes zur Berichterstattung. Ein Herr Löw-Beer erblickte darin „eine seit Jahren gepflogene Liebenswürdigkeit des Herrn Vorsitzenden". Ergo sei eine Kritik nicht am Platze. Nach ihm ist ein Rechenschaftsbericht an die Wähler ein ganz besonderes Entgegenkommen, welches der Vorstand nach freiem Ermessen übt oder mcht. Das Vorstandsmitglied, Herr Subak, »nachte den Wählern grvßmüthig eine Concession: er erklärte, dass der Vorstand nur ans Courtvisie einen Bericht den Wählern schulde. Nun also, das ist doch schon etwas mehr. Wenigstens Courtvisie dürfen die Wähler dafür verlangen, dass sie den Vorstand wählen dürfen. Aber eine Kritik, Gott bewahre! Ein Ausfluss desselben lächerlichen Größenwahns, waren die von den Herren R o s e n t h a l und 5t ar p e l e s gehaltenen Candidatenreden würdige Gegenstücke zu dem Borstandsbericht. Wir können es uns nicht versagen, die Rede des Herrn R o s e n t h a l hier »viederzugeben: „Mein durch vier Jahre innegehabtes Mandat als Vorstandsinitglied geht zn Ende und ich erlaube mir, mich Ihnen neuerlich als Candidat vorzustellen. Ich danke Jhrren für das geschenkte Vertrauen und bitte neuerlich um dasselbe. Ich habe es mir während meiner Fnnctionsdauer angelegen sein lassen, die Interessen der Wühler und auch der Judenschaft nach meinen schwachen Kräften zu wahren. Ich habe die mir übertragene Mission nach bestein Wissen und Gewissen treu

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