Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 46 (16.11.1900)
- Date
- 1900-11-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 16. November 1900 Seite 3 Eine Wahlerversaminlung der Cultusgemeinde. M. Das gab gestern eine ganz merkwürdige Wähler- Versammlung, deren Verlauf so ganz anders war, als ihn so mancher unserer Gemeindeväter erwartet hatte. Die officielle Versammlung des Cultns-Vorstandes, in welcher sonst die Wähler widerspruchslos und ohne Debatte seinen Bericht entgegennahmen und die langweiligen, kraft- und marklosen Reden der officiellen Candidaten über sich ergehen ließen, übte eine geradezu vernichtende Kritik über dessen Thätigkeit. Nicht einer in der Versammlung hatte den Mnth, aufzustehen und den Vorschlag zn machen, dass dem Cnltus-Vorstande das Vertrauen votiert werde. Was die aus der Wählerschaft anftreteuden Männer sagten, das waren schwere Anklagen, welche die Herren nicht anders widerlegen konnten, als mit dem Hinweise auf! die schwere Zeit, in der wir leben, und auf die Nothwendigkeit des Friedens, icl est, der weiteren Indolenz und Gleichgiltigkeit. der Judenschaft. Hörten sich ihre Klagen über diese beiden! angesichts der stürmischen Erregtheit, welche in der Versammlung! zum Ausdrucke kam, nicht wie Hohn und Ironie an? Die^ jüdische Wählerschaft hat durch ihr gestriges Auftreten gezeigt, dass sie das alte System satt habe, dass sie neue Männer verlange, welche die neuen Forderungen unserer Zeit vertreten und erfüllen. Mit der Erkenntnis des Nebels, Herr Dr. Stern, ist noch lauge nichts gethan, mit der Errichtung eines Amtes zur Beseitigung desselben, schon gar nichts. Den Zusammenhang mit der Zeit muss ein moderner Cultus-Vorstand suchen und ihren socialpolitischen Aufgaben gerecht werden. Das kann aber nicht geschehen, so lange es Männer gibt, wie Sie, die ihre Reden mit den Worten beginnen: „Ich gehöre so lange der! Cultusgemeinde und anderen Wohlthätigkeits-Jnstituten an". Da haben Sie es ja, für Sie ist der Cultns-Vorstand nichts als ein Armeuamt, die Vertretung der Judeuschaft besteht für Sie in der Verteilung von Almosen. Es ist uns nicht ein Dorn im Auge, wie Sie unsere Worte deuteten, dass Arme beschenkt werden, aber wir protestieren dagegen, dass der Cultusvorstaud seine Aufgabe damit für erschöpft halte. Unsere minderbemittelten Brüder fordern keine milden Gaben, sie pochen auf ihr Recht auf Arbeit: Und diesem trägt ein Cultnsvvrstand, wie der jetzige, keine Rechnung. Arbeitsgelegenheiten müssen Sie schaffen, Gelegenheiten zu ehrlichem Verdienste, in dieser Zeit, in der wir, wie Sie richtig bemerkten, aus allen socialen Positionen, aus allen wirtschaftlichen Betrieben verdrängt werden, in der der kleine Erwerbswann proletarisiert und der Proletarier zum Hungertode verurtheilt wird. Darum müssen neue Männer einziehen in die Gemeindestube, welche Juden sind, nicht bloß am grünen Tische, sondern auch draußen im Leben, welche ihre Worte am grünen Tische draußen im Leben in That umsetzen. Da hören die Herren Klagen über die Roth des jüdischen Gewerbetreibenden, des jüdischen Handwerkers und schütteln besorgt die Häupter. Wenn sie aber Häuser bauen, dann betrauen sie damit christliche Architekten, die dann natürlich christlichen Handwerkern, christlichen Gewerbetreibenden die weiteren Arbeiten übergeben. Da stellt man an die jüdischen Fleischhauer nie zu erfüllende Anforderungen und droht ihnen, mit christlichen Fleischhauern zu verhandeln und an sie die Coneessivnen zu verschachern, wenn jene es ablehnen, zur Vernichtung ihrer Existenz die Hand zu bieten. Das Alles muss nun ein Ende nehmen. Die jüdische Wählerschaft, die es gestern bewiesen, dass man ihr nicht ungestraft den Vorwurf der Indolenz gegenüber ihren vitalsten Interessen machen darf, wird sich aufraffen und nur jene Volks-Candidaten wählen, die in dem Momente, wo sie der höchsten Ehre, welche die Judenschaft zu vergeben hat, theckhaftig werden, den Eid oblegen, für die Interessen der breiten Masse zu kämpfen und bei ihrem Kampfe nicht nach oben, sodnern nur nach unten zu bücken, die sich mit dem Volke eins wissen, in welchem die Zukunft des Judenthums liegt! Nachfolgend der Bericht: Der Präsident der Cultusgemeinde, Kais. Nath Klinger eröffnet die Versammlung und wird gemäß dem Vorschläge des Gemeinderathes Brunner, zum Vorsitzenden gewählt. Die Cnltnsvörsteher Dr. Berger und Hoffman« stellen sich ihren Wählern, die sie seit Jahren vertreten, vor. Herr Dr. Maxim. Steiner berichtet über die Reorganisationsversuche, die in der Unterrichts¬ und Armensection angestellt wurden, Herr Dr. Alfred Stern constatiert, daß wir in einer schweren Zeit leben. Architekt M armorek wendet sich in längerer temperamentvoller Rede gegen die neue Wahlresorm: „Wo sind denn jene Höherbesteuerten in dieser Versammlung, der sie doch anwohnen müssen, wenn sie ein Interesse am Judenthume haben? Es ist traurig genug, daß man ihnen erst etwas geben muß, damit sie dieses bekunden. Man hat mit dieser Refom in das Judenthum jenen Geist hineingetragen, der schon so viel Schaden angerichtet hat, den Classengeist". Gemeinderath Lucian Brunner findet den Bericht des Vorstandes äußerst mangelhaft, da er nicht den Betrag ausweise, der für Verwaltungskosten aufgewendet werde. „Ich habe weiters den Wunsch geäußert, daß die Taufen veröffentlicht werden, damit ich nicht, wenn ich jemanden als Glaubensgenossen begrüße, von ihn: die Antwort erhalte: „Ich bin seit gestern ein Arier". — Wenn wir Frieden halten sollen, warum hat man diese Wahlreform und mit ihr Juden erster und zweiter Classe geschaffen? Und weil die Letzteren sich, gegen diese Vergewaltigung auslehnen, so sagt man: Nur Frieden! Steckt die Ohrfeigen ruhig ein! Die Wahlreform ist eine schwere Schädigung' d e s g a n z e n R u f e s ch e s I u d e n t h n nt s. Daraus konnten rvir mit Stolz Hinweisen, daß bei uns Jude»» die Gleichheit seit 4000 Jahren geübt werde. Ueberall ivird nun demokratisiert, die Cultusgemeinde züchtet Aristokraten. Darum wird die Beranüvortlichkeit für ben Streit, der nun entbrennt, auf diejenigen fallen, die ihn hervorgerufen haben". Dr. Jacob Kohn stellt sich als Candidat vor und entwickelt sein Programm: „Der Cnltusvorstand hat der Judenheit gegenüber den Befähigungsnachweis zu erbringen, dass er nicht bloß administrative Agenden erledigen könne, sondern dass er aus Männern von Ideen bestehe, welche die Thatkraft besitzen, diese Ideen in That umzusetzen. Die Cultusgemeinde kann sich aber nicht aüfrafsen, weil sich der Vorstand eine selbstgeschmiedete Fessel angelegt hat. Wenn das Gesetz ihm untersagt, mehr zu sein als ein Bethausverein, dann muss er kämpfen gegen dieses Gesetz und es wird seine Ausgabe sein, der Form ' einen anderen Inhalt zu geben, beziehungsweise die Form dein! Inhalte anzupassen. Die Cultusgemeinde hat eben nicht bloß Cultusaufgaben. Sie zu lösen sind jene Männer berufen, welche im Judenthum nicht eine R e l i g i o n s g e n o s s e nschaft, sondern einen Volkskörper seh en." Herr Klein berichtet über das Vorgehen des Cultus-! Vorstandes den jüdischen Fleischhauern gegenüber und über seine Drohung, christlichen Fleischhauern für tausend oder zweitausend Gulden die Concession 'zur Errichtung einer Koscher-Fleischbank zu > e r t h e i l e n. i D r. H. Schreiber st e l l t sich als Candidat , v o r und bespricht hierauf die Wahlreform: „Nicht etwa darin, j dass eine privilegierte Classe geschaffen wurde, erblicke ich den Schaden dieser Wahlreform, nicht in der Ausnahmsstellung nach oben, sondern in der Ausnahmsstellung nach unten. Es wurden T o l era nz - I u d e n geschaffen, indem man ihnen das faeultative Wahlrecht gab, und das widerspricht den demokratischen Principien des Judenthums. Der Herr Präsident hat in Fon,, , eines Witzwortes den Ausspruch gethan: „Fürchten Sie sich nichr! vor den Vertretern der Höchstbesteuerten, es sind entweder Juden oder sie sollen Juden werden." Sind sie Juden, dann haben sie keinen Anspruch auf einen weiteren Vorzug, sind sie aber keine Juden, dann muss man nach dem Grundprincip unserer Religion handeln, welches das Proselytenmachen verbietet. .. Wenn ich hier aufgetreten bin, so stütze ich mich auf das Programm des Volksvereines, einer kräftigen Organisation, welche das I u d e n t h u m liebt. Seinern Programme muss sich jeder Jude anschließen, welcher die Interessen seiner Glaubensgenossen vertreten will. Wenn Sie geneigt sind, Persönlichkeiten zu berufen, welche ein gerechtes Programm zur Grundlage ihrer Carrdidatur machen, welche den Beruf und die Kraft in sich fühlen, für das Iud enthum zu wirten, dann wählen Sie die Candidaten des „Jüdischen V o l k s v e r e i n e s". Sodom und Gomorrha! mussten zugrunde gehen, weil sich kein Gerechter in ihnen fand; der Cultusvorstand bedarf der Auffrischung, weil zu viel Gerechte in ihm sind." Nachdem noch kaiserl. Nath P o l l a k seine Candidatur angemeldet hatte, wurde die Versammlung geschlossen. Chronik des Judenlhnms. Inland. Wien. (Akademie.) Der „Jüdische Volksverein" veranstaltete nach der officiellen Einweihung seines neuen Heims im Festsaale des Hotel Central eine große Akademie. Den Reigen der Vorträge eröffnete der Violinvirtuose Herr Fiedler, welcher für sein meisterhaftes Spiel großen Beifall fand. Dann sang die Opernsängerin Frl. Fancsi F o r b a mit wohllautender Stimme die große Arie der „Senta" aus dem „Fliegenden Holländer", sowie Mascagnis „Entsagung" und riss das Publicum zu stürmischen Beifallskundgebungen hin. Gleichen Anklang fand die reizende Naive eines hiesigen Theaters für den vollendeten Vortrag eines Gedichtes „Zur Weihe des Hauses", das in eine Huldigung für die Tendenzen des Bolksvereines ausklang und zu begeisterten Ovationen für diesen Anlass gab. Frl. Mika T h e r e n vom Raimund-Theater entzückte das Publicum durch Gesang und Tanz, Herr G r o stur a n n vom Raimund-Theater weckte durch seine komischen Vorträge große Heiterkeit. Das Kränzchen, das hierauf folgte, verlief höchst animiert und gemüthlich. Mit der Schaffung seines prächtigen Heims hat der „Jüdische Volksverein" einen Concentrationspunkt geschaffen, der dem kleinen Bürger Gelegenheit geben sott, nach des Tages Sorgen und Mühen im Kreise gleichgesinnter und wohlmeinender Stammesgenossen einige anregende Stunden zu verbringen. In seiner Weihefeier hat der Verein klar und einleuchtend seine Ziele zum Ausdrucke gelangen lassen: Er will in unserer ernsten Zeit in würdiger, aber energischer Weise für die Interessen des Jndenthums auf politischem, aber auch kulturellem Gebiete kämpfen und eintreten, er will aber auch die gesellschaftliche Basis bereiten, auf welcher wir uns gemüthvoll ausleben können, ohne die Selbstverekelung und Selbstbefleckung der einen, ohne den Hass oder Neid der anderen. Darum sei Dank allen, welche das schöne Werk geschaffen. Um das Zustandekommen des schönen abends haben sich die Herren Max P a p p e n h e i m, Doctor Drublowicz und Chefredactenr Munk wesentliche Verdienste erworben. E r n e st i n e Wilhelm. Wien. (Cultusgemeinde.) An der Casse der israelitischen Cultusgemeinde sind in jüngster Zeit folgende Spenden eingelaufen: Von den Herren Gustav und Theodor R e d l i ch als Legat ihres Vaters, des Herrn Moriz Redlich, für Arme Kr. 1000, als freiwillige Spende derselben für Arme Kr. 1000. Von Herrn Rudolf A u s p i tz für dre Brigittenauer Schulküche Kr. 200. Von der Familie S. E i s e n b e r g e r als Legat des errn S. E i s e n b e r g e r für Arme Kr. 600. Von Herrn Julius o h n anlässlich des Sterbetages seiner Frau Friederike Kohn für Arme Kr. 300. Von den Geschwistern der sel. Frau Eugenie L ö w, geb. W i n t e r n i tz, als Wohlthätigkeitsstiftuug zur Erinnerung an den Sterbetag ihrer Schwester Kr. 500. Von einem ungenannt sein wollenden Ehepaare anlässlich der Vermählung ihres Sohnes für verschiedene Wohlthätigkeitszwecke Kr. 420. Von Frau Ernestine Brecher anlässlich der Vermählung ihres Sohnes für das Siechenhaus Kr. 10. Von Herrn Dr. Jacob L ö w i n g e r die bei ihm in einer Ehrenbeleidigungs-Angelegenheit für Anne erlegten Kr. 40. Wien. (E i n w e i h u n g.) Im Bethause „Marpe Lanefesch", II., Glockengüsse 4, fand am 10. d. M. die feierliche Einweihung des von Herrn Leopold Selmeezy aus Anlass des 70jährigen Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers gespendeten „Sefer Thora" statt. Seine Ehrwürden Herr Rabbiner N. Fried mann hielt eine der Feier entsprechende, formvollendete Festrede. Unter den zahlreich Erschienenen bemerkte man unter anderen den kaiserlichen Rath Herrn Dr. Liebe n, Hofrath K a r e i s, Vertreter mehrerer" Bethausvereine re. Der Präsident der Cultusgemeinde Herr kaiserlicher Rath Klinger, sowie Herr Dr. Gustav Kohn ließen ihr Fernbleiben wegen Unwohlsein entschuldigen. Abends waren eine große Anzahl Mitglieder von „Marpe Lanefesch" zu einem gemüthlichen Festessen versammelt. Wie». (Ehrung.) In her apr 11. November 1900 stattgehabteu Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde hielt der Präsident dem verewigten Rabbiner Herrn Jakob Fleißig einen tiefempfustdeneu Nachruf, tvelchen die Versammlung stehend anhörte. Die Trauerkundgebung wurde dem Sitzungsprotokvlle einverleibt. Anlässlich des Hinscheidens des Herrn Rabbiners Fleißig sind seitens des Budapester Rabbiner-Seminars und anderer Körperschaften Condolenzschreiben an den Vorstand der Cultusgemeinde gelangt. Wien. (C e n t r a l - C o m i t e f ü r die C u l t u swahlen 1900.) Samstag den 17. November 1900, abends halb 8 Uhr präcise, findet im Saale des „Hotel C e n t r a l", II. Bez., Taborstrafte 6, 1 Stock, eine Wählerversammlung statt. Tagesordnung : Anhörung von Candidaten. Der Zutritt ist nur gegen Vorweisung der Wahllegitimation gestattet. Leitmeritz. (Die „Liberalen" vom Schulderer n.) Ans L e i t m e r i tz schreibt man uns: In der Centrale des Phrasenliberalismus Leitmeritz prangen seit einigen Tagen große Placate, welche zum Besuche der zuglltrsten des Schulvereines demnächst stattfindeudeu Theatervorstellungen einladen; trotzdem die Ortsgruppe n o ch e i n e st a t t l i ch e Zahl jüdischer Mitglieder zählt, hat das Comite sorgfältig vermieden, in die große Zahl theilnehmender junger Mädchen auch nur eine einzige Jüdin aufzunehmen, ja noch mehr, einem vielgenannten jungen deutschböhmischen Dichter, den man vorher aufgefordert hatte, für die Vorstellung einen Prolog zu schreiben und der dieser Aufforderung bereitwilligst nachgekommen war, hat man bedeutet, dass man von der Aufführung seines Prologes Abstand nehmen müsse — mit Rücksicht auf das antisemitische Organ der Stadt. Es ist die alte Geschichte — feiges Zurückweichen vor dem brutalen Gegner und Preisgabe der dünnen liberalen Tünche, sobald man aus der Theorie in die Praxis hinanstreten soll; liberale Praxis gegenüber den Juden höchstens auf der Einnahmeseite des Cassabuches. Wenn wir nicht irren, ist der Phrasenheld Funke, , der Abgeordnete der Stadt, auch Obmann des Schulvereines. > Dafür dürfen ihn die Juden von Leipa, Auscha, Lobositz und Leitmeritz auch im December Wiederwahlen. Nur unter den Linden sollen sie ihn nicht grüßen, den patriarchalischen Phrasendrescher. Stanislan. (Volksküche.) Seit vielen Jahren besteht bei uns ein Verein, „israelitische Vollsküche", wo Arme — ohne Unterschied der Confessio«, um 6 Heller warme Speise und ff, Laib Brod bekommen, außerdem erhalten die armen Schulkinder der Baron Hirsch'schen Schule und Kinder der Hebräischen Schule „Marbicei Thora", Mittagessen um 3 Heller. Leider functionirt diese Küche nur in den Wintermonaten, höchstens 2—3 Monate. Große Verdienste bei diese Volksküche erwarb sich der, leider vor einigen Monaten verstorbene H. L. Bernstein, Schwiegersohn des gs. Abraham Halpern, der ein Legat zu Gunsten der Volksküche hinterließ und noch zu Lebzeiten ein Haus für dieses humanitäre Institut ausbante. Nun wurde das Local oer Volksküche einem christlichen Schloffermeister vermiethet und beschlossen, die Küche in ein viel engeres Local im 1. Stock dieses Gebäudes zu verlegen. Wir fragen nun: wo ist die Pietät für den Legatar, der doch das Haus für die israelitische Volksküche hinterließ? Wir bitten den Vorstand, er möge dahin wirken, daß die vielen Armen nicht nur durch 2—3 Monate, sondern das ganze Jahr hindurch von der Wohlthat dieser Volksküche genießen können. —R. Stcrmslarr. (Zu der bevorstehendenReichsr a t h s w a h l.) Da wir im Wählerkreife Stanislau-Tysmienica einen Juden nicht durchsetzen können, so wäre es Pflicht, dass fämmtliche Juden für den bisherigen Abgeordneten, den Demokraten P. S t m i e r t i n a, agitieren und stimmen. Leider finden sich unter unseren Glaubensgenossen solche, die früher für Stmiertina agitierten und nun für den vomLemberger Central-Comite aufgestellten eonservativ-autisemitischen Candidaten Zbigniew Cienski alle Hebel in Bewegung setzen. Es ist einfach ekelhaft, zuzuschauen, was für Mittel diese Schreihälse anwenden, um das Volk zu terrorisieren. Ein nach Würden und Ehren vergeblich strebender, bei den Gesinnungsgenossen nicht beliebter F. G. kriecht der antisemitischen Hydra zu Füßen und arbeitet für den Antisemiten C s i e n s k i. Auf diese Art verleugnet man fein Volk, thut aber damit der politischen Behörde einen Gefallen. kt. Budapest. (Ein gelungener Aufsitzer.) Zwei elegant gekleidete Herren hatten bereits ein Coupd erster Claffe occuviert, als der Abgeordnete der Volkspartei Franz Buzath auf oem Perron erschien. Der Conduoteur drängt zur Abfahrt. „Hierher, bitte," ruft er, aus das von den beiden Herren besetzte Conpö weisend. „Schon wieder z w i s ch e n I u d e n?" antwortete indigniert der Herr Abgeordnete. Die beiden Herren hatten sich bci diesen Worten angeblickt und nur eine leise Bemerkung gemacht. „Ein anderes Coupö habe ich nicht," antwortete trocken der Conducteur. Herr Franz B n z a t h sah sich demzufolge genölhigt, in dem Coupo Platz zu nehmen, ohne jedoch die Mitreisenden eines Grußes zu würdigen. Die beiden Herren beginnen eine recht lebhafte Unterhaltung. „Weißt Du, wer unser Mitreisender ist?" — „Habe wirtlich feine Ahnung." — „Ein spanischer Stierkämpfer, er hat ein Engagement für Oes-Budavar angenommen'" — „Wirtlich? Na, das Aussehen spricht für die Richtigkeit." — Buzath fand es nicht der Mühe wert, die Herren über seine Person auszuklären. Nach einer Weile begann der eine abermals: „Vor diesem Spanier können wir ungeniert sprechen, er versteht ja so kein Wort. Sag' 'mal, habt Ihr schon das Christenmädchen?" — „Zum Paffahfest, meinst Du? Ja/ diesmal haben wir einen Prachtkerl, vollblütig, 16 Jahre alt und bei alledem auch sehr billig erhalten." — «Wir haben Malheur, ich fürchte, es geht uns so wie im Vorjahre." — „Wieso?" — „Denke Dir, sie lieferten uns ein blutarmes Mädchen, wochenlang ließen wir es mit Eisen füttern, jedoch vergebens. Im übrigen haben wir noch ein Mädchen in Aussicht, jedoch wird auf dieses sehr anfaepasst." — „Schrecklich! Diese Kachotiken. — „Diese vielen Unkosten für den Apparat wären dann rein hinausgeworsen." — „Wir haben unseren Apparat aus der Schweiz bekommen." — „Wir direct aus England." Franz Buzath fühlte sich während dieses Zwiegespräches recht unbehaglich; wiederholt nahm er seine Mitreisenden scharf aufs Korn, konnte sich endlich nicht zurückhalten und sprach zu den unbequemen Reisegenvssen: „Solch' dumme Witze kann man nur von Juden hören." — „Oho, mein Herr! Ich heiße N. N. und bin der Bruder des Beszprrmer Domherrn N." „Und mein Vater ist reformierter Bischof," sprach der zweite. Zur Bekräftigung ihrer Angaben überreichten sie dem verblüfften Abgeordneten ihre Bisilkarlen. Er wird es sich nächstens wohl überlegen, im Coupö zu antisemiteln. Budapest. (Ein aufgelöster Bolksclub.) Mittistelpräsioent Koloman S z e l l hat in den letzten Tagen den Csongrader Oberstuhlrichter verständigt, dass er den dortigen Unabhängigkeits- und Achtundvierziger Bolkselnb aufgelöst hat, weil derselbe in letzter Zeit eine den Statuten zuwiderlanfende Thätigkeit entfaltet und die Mitglieder zn C l a s s e n- und C o n f e s s i o n s h a f s ansgehetzt hat.