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Jüdisches Volksblatt · 1900-11-09 · 45 (9.11.1900) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
45 (9.11.1900)
Date
1900-11-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45 Wien, Freitag Jfulisches Volksblatt 9. November 1900 Seite 5 zu setzen. Ob dann Wohl ein Gerichtshof dies auch nur für bildliche Redensarten cmsehen würde, die nicht ernst zu nehmen seien? Brandenburg. (Ein witziger Wähler.) Bei den Nachwahlen zum NeichSrathe wurde ein Wahlzettel abgegeben, auf dem statt der Candidatenliste die Worte geschrieben standen: »JcsaiaS, Cap. 41, VerS 24.' Die Bibelstelle aber lautet: „Siehe, Ihr seid nichts, und Euer Thun ist auch nichts. Und Euch zu wählen ist ein Greuel.' Jassy. (D a S Jubiläum des Dr. Lippe.) Am 4. November feierte, wie bereits gemeldet, der rühmlichst bekannte Vorkämpfer der jndisch-natienalen Idee in Rumänien, Herr Dr. K. L i p p e, seinen 70. Geburtstag. Im Laufe der Tages liefen zahlreiche BeglttckwünschungSschreiben und -Telegramme ein. Um 4 Uhr nachmittags fand im jüdischen Leseclnb eine Versammlung statt, an der sämmtliche Mitglieder, mehr als 150 an der Zahl, sowie ein zahlreiches Publicum theilnahmeu. Der Vorsitzende des Clubs, Herr H i r s ch e n s o h n, skizzierte in einem Vortrage die Biographie des Jubilars, worauf der Rabbiner Dr. Niemerower die hohen Ideen feierte, die Dr. Lippe nach jeder Richtung hin, politisch, kulturell und philanthropisch vertritt. Ein kleines Mädchen declamierte darauf ein Gelegenheitsgedicht, worauf daS Fest mit einer Rede deS Herrn Dux geschlossen wurde. Abends fand zu Ehren des JnbilarS eine Festsitzung des Vereines »B'nei Brith' statt. Herr Dr. Burst in hob bei dieser Gelegenheit die Verdienste hervor, die sich Dr. Lippe erworben als Arzt und als Sohn seines Volkes, für welches er große Opfer gebracht und eine unerschütterliche Treue kundgethan hat. Es sprachen noch verschiedene andere Persönlichkeiten, worauf ein Bankett zu 125 Gedecken den Festtag schloss. Auch eine Gedenkmedaille wurde geprägt. Oxford. (M a x Müller und die Jude n.) Friedrich Max Müller, als Sohn des Dichters Wilhelm Müller am 6. December 1823 in Deffau geboren, ist, fast 77jährig, Hierselbst gestorben. In Leipzig und Berlin als Orientalist vorgebildet, gieng er im Jahre 1846, nach einem vorübergehenden Pariser Aufenthalte, nach England, das seine zweite Heimat ist. Dort hat er, mit der kurzen Unterbrechung seiner Professur an der uengegründeten Straßburger Universität (1872), den Rest seines langen Lebens verbracht. Er galt als einer der größten Gelehrten des XlX. Jahrhunderts. Diesem unseren deutschen Landsmanne sind wir Juden besonders zu großem Danke verpflichtet für sein mannhaftes Eintreten gegen den Antisemitismus. Am 7. August 1692 schrieb er an einem israelitischen Herrn: »Ich habe schon zu tviederholtenmalen mein Missfallen gegen das Treiben der Antisemiten ausgesprochen. Ich bin in allen Dingen gegen leichtes Generalisieren. Wenn man die allgemeinen Urtheile über Engländer, Franzosen, Deutsche rc. hört, so möchte man immer fragen: Wieviel Engländer haben Sie denn gesehen und gekannt? Vielleicht zwanzig, und dennoch urtheilt man über zwanzig Millionen! Ich habe viele Juden gekannt, bin ja in Dessau geboren. Viele meiner besten Freunde waren Inden. Nun gibt es ja auch schwarze Schafe unter den Juden, aber nach ihnen das ganze Volk zu beurtheilen und zu verurtheilen, das geht doch gegen olle Regeln der inductiven Logik! Ich habe seit lange jedem Deutschen in England gepredigt, dass er als einzelner für den guten Namen des deutschen Volkes in England verantwortlich ist. Dasselbe möchte ich jedem Juden predigen können. Jeder einzelne Jude ist für den guten Namen der Juden verautwortlich. Wenn jeder einzelne Jude das fühlt, oder wenn die Gemeinde ihn das fühlen ließe, so würde es keinen Antisemitismus geben. Das in Bausch nnd Bogen Aburtheilen ist der Ruin aller Wissenschaft; was für Unheil es in der Gesellschaft und im Staate anrichten kann, sehen wir in den Excessen der Antisemiten. Ich bin Anti-Antisemit und werde er bleiben." Suwalki. (Der R a b b i u n d der Mönch.) Johann von Kronstadtder in ganz Russland wie ein Heiliger verehrte Mönch, hat vor Kurzen in Sapotzki, Kreis Suwalki, geweilt, um daselbst ein von ihm eingerichtetes Kloster nebst Waisenhaus zu inspicieren. Vater Johann ist zwar ein bescheidener Mönch ohne Reichthümer, Rang oder Titel, allein das Vertrauen des gesammten russischen Volkels, vom Zaren bis zum geringsten Bauern, erinöglicht es »hm, alljährlich für rvohlthätige Zwecke Handerttausende auszugeben, »vobei der seltene Mann, der in jede»»» Menschen das Ebenbild Gottes ehrt, sich auch der jüdischen Annen großmüthig annirnrnt. Bei seiner Ank»»nft in Sapotzki »vurde er von einer jüdischen Deputation begrüßt, an deren Spitze eirr von den russischen Judenthun» hochgeehrter Rabbiner, der froinrne u»»d hochgelehrte Rabbi R a b b »,»o »v i tz — Sapotzki stand. Der gefeierte Rabbi begrüßte nun den ebenso gefeierten Mönch mit folge»»der Ansprache: In» Mirasch lesen »vir: Ein griechischer Weise fragte einst Nabbon Gainliel: „Wir Griechen feiern unsere Festtage und ihr Juden feiert e»»re Festtage. Giebt eü aber auch e»nei» Festtag, den »vir alle geineinschastlich feiern?" „O ja, einen solchen Festtag gibt es wohl", erividerte Rabbon Gainliel. „Es ist dies der Tag, an den» ein lang ersehnter Regen niedergeht." Was Rabbon Gamliel vom Regentage, können »vir Juden von dein Tag der Ankunft Elv. Ehrrvürdei» sagen. Es gibt viele sron»»ne und »vohlthätige Menschen auf Erde,», aber die n,eisten von ihnen beschränkten ihre Wohlthntigkeit arisschließlich auf ihre Glaubensgenossen, Ihre Wohlthaten aber ergießen sich »vie ein warmer Regen über alle Menschen ohne Unterschied der Religion und Abstanllnung. Daher rvird auch Ihnen die Liebe nnd die Verehrung aller Menschen ohne Unterschied der Religion und Abstammung entgeaengebracht. In seiner Erwiderung bedankte sich Johann von Kronstadt für den freundlichen Ernpfang mrd fügte hinzu: Gott hat durch Deinen Mund zu »nir gesprochen, edler Rabbi! Mir sind in der That alle Menschen gleich lieb, mögen sie an der Drei¬ oder an der Eineinigleit glaube»», »vir alle stammen von Adam ab. Alle haben »vir denselben Vater und dasselbe Blut fließt in »»nsern Ader»»! Habe Dank, Rabbi, für Deine Worte, an d»e ich immer denken »verde. Auch auf die übrigen an»vesenden Christen hat die Rede des Rabbi Samnel Jacob Rabbinowitz einen tiefen Eindruck geinacht. Der Ortsgeistliche, soivie der Friedensrichter baten ibn, seien Ansprache zu Papier zu bringen, da sie dieselbe in allen russischen Blättern veröffentliche»» »nöchten. Pari-. (E in e j üd is ch e Nel iq u i e.) Gin kostbarer jüdischer Schatz befindet sich, von nieinandein beachtet, auf der Pariser Weltausstellung. Auf den» Trocadera in de»n von den Jesttlten errichteten Pavillon der katholischen Missione»», befindet sich ans der Gallone des ersten Stockes, mitten unter Reliquien, christlicher Religionszeichen u»»d anderen, keineswegs dazu paffenden Gegenständen, sorgfältig hinter einem Bitr»n geschützt, eine ^horarolle. Sin daneben liegendes, in französischer Sprache geschriebenes, aber in China gedrucktes Buch bekundet, dass diese heilige Rolle für die jüdische Synagogrngemeinde von Kai-föng-sn der chinesischen Provinz H o n a n geschrieben »vorden »st. Vom jüdischen Standpunkt aus betrachtet, gehört diese Tüorarolle wohl zu den seltensten Schätzen dieser an Seltenheiten so reichen Ausstellung, und selbst im Kopfe des Laien taucht beim Anblick derselben «tue ganze Reihe von Fragen auf. Zu dem hohen Alter dieser Thorarolle tritt noch die Thatsache hinzu, dass sie von einem chinepschen Juden geschrieben »vorden ist. Hat n»m der Schreiber dieser Thorarolle die Mafforethen, welche im 7. Jahrhundert den letzraen Text der Bibel festgesetzt haben, gekannt? Und wenn nicht, welche Abweichungen »nag »vohl der Text der Thorarolle von Kcn-söng-fu von dem unsrigen aufiveisen? Solche »rnd ähnliche Fragen ließen sich zi«r»tlich genau beantlvorten, wem» der Schatz von Kar-song-su von einem Sachverständigen eingehend besichtigt »verden könnte. Wie die Thorarolle von Kai föng-fn in die Gefangenschaft der Jesuiten gerathen sein »nag, ist uns unbekannt, »vir »vissen nur, dass für dieselbe ein hohes Lösegeld — 80.000 Frcs. — gefordert wird. Ob sich wohl ein jüdischer Mäcen finden wird, der d»e SuiNine bezahlt. New-Uork. (E i n w a n d e r u n g.) Nach dem Berichte der WohlthätigkeitSgesellschaft von Netv-Nork (Associated Jetvish Gharitics) betrug die Zahl der jüdischen Einwanderer, welche im abgelausenen Jahre in New-Pork landete, 53.687. Sie kamen fast ausschließlich a»»s Russland, Galizien und Rumänien. Infolge dessen steigerte sich die Anzahl der Hilfes»lchenden auf »nehr als dreißigtausend, nnd die Ausgaben der Gesellschaft betrugen 135.668 Dollars. Prosesioren-Gutachten zum Proteste Hilsner. Zu den Mahr.-Ostrauer Gemein derathswahlen. (Orig.-Co rr esp. des »Jüdischen B o lks b l a t t'.) II. Was vorauszusehen war, ist geschehen. Die Ostrauer Juden sind, wollen und — werden Deutsche bleiben. Umsonst die Flegeleien der deutsch- und czechisch-nationalen Blätter, vergeblich das wohlmeinende, gütlich gesprochene Wort*) seitens der jüdischen Presse. Das Deutschthum hat den.Ostrauer Juden zu viel Geld gekostet, als dass sie es so sch»»ell wegzieheu ließen. Leider bietet sich ihnen irur selten Gelegenheit als Delltsche öffentlich aufzntreten, denn die öffentlichen Feste der hiesigen Teutonen sind d»»rchgehends national, also jndenrein. Aber wozu sind denn die Wahlen da?! Da hatten »vir Gelegenheit die »Auch- und Bauchjuden' — wie sie Nord au treffend nennt — zu sehen, wie sie arme, jüdische, sonst der Missachtung preisgegebene Kartoffelhändler, Agenten, Obstweibcr und Handwerker in Fiakern zur Urne schleppten. Die Ostrauer J»»den haben nur alle drei Jahre Gelegenheit, sich als Delltsche zu brüsten, aber sie nützen dieses »Perioden-Deutschthum' kräftig aus. Der Krebsschaden der hiesigen jüdischen Gesellschaft ist, dass sie sich noch immer von einer beliebigen Advocaturskanzlei regieren lässt und zu den Herren, die den Titel „Doctor" führen, wie hypnotisiert aufschant und ihnen blindlings folgt. Dieses Gebahren erinnert »nich an eine Episode, die ich irgendwo gelesen habe. Als der Künstler Michel Angela 22 Monate lang an der Decke der sixtinischen Capelle gemalt hatte, so war er so gewöhnt aufwärts zu blicken, dass er gar nicht mehr gerade oder rechts und links sehen konnte, sondern, »venn er selbst etwas lesen wollte, die Schrift über die Angen halten musste. Aehnlich thaten es die Ostraner Juden. Sie blickten zu ihren „Führern' schwärmerisch-begeistert empor/ die die Ehre hatten, mit arischen Landsleuten an ein »md demselben Kaffeehaus tische zu sitze»:, und die Frucht dieser Haltung ist diese Woche in die Urne gefallen. Der Mittelstand, die jüdische Geschäftslvelt ist indolent gegen politisch-antisemitische Treibereien geworderr, und vergaß dabei ganz, »vie schlecht es erneu» Volke ergeht, das die verfluchte Gewohnheit angenommen hat, immer nach ober:, zu schwachen Greisen aufzuschanen »md jüngere Kräfte zu verpönen. Ein solches Volk verliert die Fähigkeit des freien Um- und Ausblickes, es verlernt die von allen Sei!er» — hie deutsch- — hie czechlsch-antisemitisch — herankommenden Gefahren wahrznnehmen und energisch Widerftarrd zu leisten. Ein kläglicher Zustand. J»n dritten Wahlkörper ist vorsichtigerweise nur ein »Deutscher mosaischer Confession" ausgestellt, und selbst dieser w»»rde von den Deutschen gestrichen. Bon unseren politischen Gegnern »vird oft der Schlager ins Feld geführt, dass sieben *) Siehe Nr. 42 des „Jüdischer: Bolsblatt" (Anmerkung der Nedact»on.) j Juden im Gemeinderalhe fitzen. Abgesehen davon, dass diese Zahl im Verhältnis zu den jüdischen Wählern eine viel zu j geringe ist, vergessen unsere Assimilanten ganz, dass diese! sieben nicht als Inder:, sondern als Deutsche in den Gemeinderath gervählt rvurder». Man macht eben aus der Noth eine j Tugend. Die Deutschen haben ihren Sieg nur Coniprvrnissen ' zu verdanken. Inden, Fortschrittliche und Schönerianer gegen! Czechischnationale. Und trotzdem »vird Osirau in absehbarer! Zeit czechisch »verden. Und dann »vehe denen, die mit chanvij nislischem Eigendünkel sich an die Frackschöße der Deutschen klamrnerten. Wir wiederholen also unsere Ansicht: Dem Deutschen kein Fre»: n d, dem C z e ch e»» kein Gegner, uns selbst aber eine Stütze, eine H v f f n n n g. Leben heißt kämpfen. Und die Kraft zum Leben gibt das Recht znm Kämpfen. Dieses Gesetz beherrscht die Völker »md gibt ihren Erdcngeschicken die Richtung, die keine kniffige Tiftelei, keine speichelleckerische Politik »md keine Verschlagenheit feiler Renegaten ablenken kann. Der sentimentale Spießer mag bei»»» Untergang eines Volkes ein paar Thränen vergießen und sich hernach die Angen abwischen. Der ve»ständige, ein» sichtige, kluge Politiker erkennt, dass es so kommen musste; dass es verschwand, »veil es nicht die Kraft znm Kampf hatte, für die Rechte seines so oft nnd von jedem Gassenbuben geschmähten Volkscharakters eillznstehen. Er reiht es zu den überwundenen Daseinsformen, über welche die Weltentwicklung hintveggegangen ist. — Das geben wir den nengetvählten Gemeinderäthen, den »Deutschen mosaischer Confession' für ihre dreijährige Dienstzeit als Zehrung mit auf den Meg. r—-x. Der Schlüssel. Erzählung von Eduard Kirlke. (Fortsetzung.) „Nein", sagte Felix, „ich möchte nur wissen, warum Sie eine Brill' tragen?" „Das ist ja alles eins, mein Kind", belehrte ihn Herr Blumenthal, „eine Brille oder ein Augenglas." „Ah so", sagte Felix, „weil man durch die Gläser mit den Augen durchsieht; dann ist dieses Fenster auch ein Augenglas." „In gewissem Sinne wirklich", sagte Herr Blumenthal weiter, „nur ist dies ein anderes Glas und macht eine andere Wirkung. Ich kann durch ein gewöhnliches Fensterglas in der Ferne nichts wahrnehmen, weil ich kurzsichtig bin, durch dieses Augenglas aber sehe ich ganz gut. Verstehst Du es nun?" „Nein", sagte Felix, „was ist das: kurzsichtig, und worin unterscheidet sich dieses Glas von dem Glas am Fenster, und dann noch etwas: warum ist dieses da von Gold, wie eine Uhrenkette, macht das auch eine andere Wirkung?" „Das dient nur zum Schmuck", sagte Herr Blumenthal, „das »vird von Gold gemacht, weil es so schöner aussieht. Was aber kurzsichtig ist, und »velche Wirkung das Glas hat, das wirst. Du erst begreifen, bis Du einrnal studieren wirst." „Das kann »nan studieren?" fragte Felix, und eine freudige Röthe überzog plötzlich sein Gesicht. Für Jentel Frank konnte das Gespräch gar keine günstigere Wendung nehmen. Rasch ergriff sie den Faden: „Glauben Sie, Herr Blumenthal, dass Felix dazu taugen wird?" „Taugen »vird er gewiss!" antwortete Blumenthal, „denn dunun ist er nicht; es komrnt darauf an, wie »veit er vorbereitet ist, und was aus ihm werden soll." „Nach Schabbes zu Gesund", sagte Löb Frank, „»vird der Herr Blumenthal die Güte haben, ihn zu prüfen, u»n zu sehen, wie »veit er ist, und »vas »nan mit ihn: speculiern soll." „Da kann ich gleich meine pädagogischen Kenntnisse zeigen", sagte Blumenthal, „denn ich war ja auch längere Zeit Lehrer." Die Verschiebung der Prüfung war für Jentel gerade nicht unangenehm; erstlich hatte sie jetzt nicht länger Zeit, weil sie den Schabbes vorbeiten musste, denn es war Freitag, und zweitens hoffte sie noch ein oder das andere Wort über den Gegenstand mit Herrn Blumenthal allein sprechen zu können. Sie verließ hierauf die Stube, und Felix lief ihr nach, um die Mutter zu fragen, ob er dein: studieren werde, worauf die Mutter sagte: „Das hängt davon ab, wie Du über»norgen, Sonntag, bei der Prüfung bestehen wirst." Die Ankunft des Herrn Blumenthal hatte auch außer Löb Frank's Hause in der Gasse schon vielfach von sich reden gemacht. Ganz natürlich. War Herr Blumenthal doch tu einer Equipage angekommen, wie sie die Leute des Städtchens nur in den fürstlichen Wagenremisen zu sehen gewohnt waren; auch die Pferde konnten es nach der Versicherung von Mordche Fuhr- »na»:n — und dieser war ein Kenner in solchen Dingen, den: »nan ein richtiges Urtheil wohl zuträuen durfte — mit den Pferden in den herrschaftlichen Stallungen aufnehlnen. Alles andere aber überbot der gallonierte Kutscher an: Bock der Carroffe; de»»n so »väs hatten sie sich im Schlafe nicht träume:: lassen, dass auch ein Jude so fahren kann wie ein Fürst, mit eine»:: Kutscher in „Urfform" (Uniform). Mechol Pradenik, der nicht nur auf seine Person, sondern auch auf die Nation, der er angehörte, stolz war, meinte, wir Juden hätten es doch schon sehr weit gebracht, dass so »vas passieren kann; denn wo hat man früher gehört, dass ein Jud' einen Kutscher in

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