Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 45 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 9. November 1900 Seite 3 Clubs darf er nichts kritisieren, und schließlich hat Dr. B y k begründete Ursache, vielfachen, sehr unbequemen Interpellationen aus dem Wege zu gehen. Diese Interpellationen sind folgende: 1. Weshalb hat Dr. Byk, als in Chodorow vor drei Jahren Juden geplündert und maffacriert wurden, die Regierung hierüber nicht interpelliert? 2. Weshalb hat Dr. Byk, der Abgeordnete einer jüdischen Majorität, als in Alt-Sandez und Jaslo Hunderte Juden vor zwei Jahren geplündert und zugrunde gerichtet wurden, einen Aufruf verfasst und veröffentlichet, in dem er zu Sammlungen für die Familien der Räuber und Plünderer aufforderte? 3. Weshalb hat Dr. Byk den Minister P ient ak, der dem Vater des gewaltsam getauften und bis heute entschwundenen jüdischen Mädchens Araten erwidert hat: »Bei der Klosterpforte hört die Macht des Staates <mf!- bei der Lemberger Landtagswahl gegen den Willen der gesammten jüdischen Bevölkerung lüfterstützt, so dass eHunter Bedeckung von De te^^v-s zur Wahlurne geführt werden musste 4. WKhat Dr. Byk bis heute gethan, um dem seit jüngster Zeit in Galizien systematisch betriebenen Raub und der gewaltsamen Taufe jüdischer Mädchen ein Ende zu bereiten?>^ 5. Was hat Dr. Byk während deu^neun Jahre, da er die Städte Brody und Zloczow im Parlamente vertrat, gethan, um das schreckliche Elend und die verzweiflungsvolle Nothlage der jüdischen Bevölkerung dieser Städte auch nur ein wenig zu mildern? Damit ist aber noch lange nicht das gesummte Jnterpellationsmateriale abgeschlossen, die Zahl der Vorfälle, bei denen Dr. Byk die Interessen der jüdischen Wähler seinem persönlichen Streberthum untergeordnet hat, sind weit zahlreicher. Dr. Byk weiß, warum er den Wahlbezirk noch immer meidet. Allerdings hat Dr. Byk einer Brodyer Deputation, die von ihm eine parlamentarische Intervention verlangt hat, erwidert: »Wenn ich kein Geld gebe, werdet Ihr mich so wie so nicht wählen, und gebe ich Geld, so müsst Ihr mich wählen!" Dr. Byk hat aber jetzt kein Geld, und selbst wenn er welches hätte, so könnte er noch große Enttäuschungen erleben. Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen die jüdischen Wähler^ ./Wir begrüßen es daher lebhaft, dass der Wiener Hof- und ^Grrichts-Advocat Dr. Saul Rafael Landau sich entschlosien hat, gegen Dr. Byk zu candidieren. Wie immer diese Candidatur ausfallen mag, sie ist eine That. Es wäre eine unerhörte Schande für die ganze galizische Judenschaft, wenn ein Dr. B Y k nach all dem, was er ihr angethan hat, unbestritten aus der Wahlurne hervorgehen würde. Es müssten uns unsere ausländischen Glaubensgenoffen noch mehr verachten und sie müssten von uns als den erbärmlichsten Sclavenseelen schon ganz ihre Hände zurückziehen. Und heute, Hwo wir eine wirtschaftliche Hilfsaction für das jüdische Maffenproletariat nur von den jüdischen Stiftungen Berlins und Paris' zu erwarten haben, darf uns diese verächtliche Meinung nicht ganz gleichgiltig sein. Im Gegentheil: die galizische Wählerschaft müsste sich aufraffen und energische, selbstlose Männer wählen, die in die weite Welt Hinausrufen und auch die weitesten Reisen nicht scheuen, um für ihre armen Glaubensgenossen eine Hilfsaction zu erwirken. Nach dieser Richtung ist der Wahlkampf in Brody- Zloczow sehr symptomatisch. Die volksverrätherische Assimilation, Darauf erhob er sich, verrichtete laut und inbrünstig das Tefilas-Haderech, das übliche Gebet für die Reise, ließ aber dabei seine Hand nicht vom Fensterrahmen los, als hänge davon die Sicherheit seines Lebens ab. Dann wurde er ruhiger unb lauschte auf die Stimme im Nebenwaggon. Es kam ihm vor, als hörte er seinen Namen nennen und als lachte und scherzte man und belustigte sich über seine unbegründete Furcht und Aengstlichkeit. Allmählich trocknete der frische Luftzug, der durch's Coupefeuster hereinströmte, die dicken Schweißtropfen, die auf seiner Stirne standen, und die er, weil seine beiden Hände den Rahmen umklammerten, nicht abwischen konnte. Ruhig und ohne Schwankung fuhr der Zug eine Zeit lang dahin. Gleichmäßig erklang das Geräusch des Wagens und das Geraffel der Räder. »Doch, was war das?* — Ein langer, schriller Pfiff der Maschine! — Gleich dem Geziche und Gejohle der Satansstimme durchgellte es die Ohren des einsamen Passagiers. Mit einem Schlage wurde alles, was in seiner Seele an trüben Ahnungen noch schlummerte, wach. Ein Zittern und Beben überfiel ihn. Sein Haar sträubte sich und sein Athem stockte. »Jetzt kommt das Schlemasel!" ertönte es in seinem Innern und er steckte in wahnsinniger Angst seinen Kopf zum Fenster hinaus. Da vorne erblickte er ein Haus, mit hohem, spitzem Dache — „Lemaan Haschem! Um Gotteswillen! — In das Gebäude fahren wir hinein" — stößt er mit wildem Schrei aus. »Doch nein! Wir sind vorüber — Gott sei dank, es stand nicht im Wege. Aber diese Wägen dort! Die Wägen, die stehen ja mitten im Geleise — unfehlbar müssen wir in dieselben hineinfahren! Schadai Rachmiu! Allbarmherziger! was dann? —" Er wollte es nicht ansehen, zog den Kopf schnell zurück und schloss die Augen. Ein Gefühl der Ohnmacht erfasste ihn. Seine Knie bebte und seine Hände hiengen kraftlos an dem Fensterrahmen. Nun musste es kommen! Jetzt! — Der Wage» gerieht in ein leises Schwanken und dann kam etwas wie ein Stoß. Er taumelte. Nach einer Secunde wiederholte sich diese Bewegung heftiger als zuvor. Etwas die total Fiasco gemacht hat, wagt noch zum letztenmal ihr sündenbelastetes Haupt zu erheben, ihr gegenüber ringen sich trotz aller Hindernisse die Träger des Volksgedankens, die ihren armen verfolgten jüdischen Brüdern eine beffere Zukunft bereiten wollen, empor. Kann es noch eine Frage gebe^ wo für einen Juden mit Herz und Gewissen der Platz ist? * Vom Tage. Barnum «nd Bailey. Mauerhohe Placate kündigen es den gaffenden Wienern oder den Wiener Gaffern an! Sie kommt: die größte, die reichhaltigste, die beste, die schönste, die großartigste u. s. w. Schauftellnng der Welt! Sie kommt mit eigenen Zügen, mit Giraffen und Dromedaren, mit Elephanten und Rinocerossen, mit Löwen und Tigern, von den Eseln gar nicht zu sprechen! Sie kommt mit sechshändigen Menschen, mit coloffalen Rechenkünstlern, mit beinlosen Menschen, die laufen können, mit handlosen Menschen, die arbeiten können, mit Menschenaffen und Affenmenschen! Und diese Fremdlinge, diese Barnums und Baileys richten alle ähnlichen heimatlichen Unternehmungen zugrunde. Ja — denn wie Herr Vergani schon des öfteren ausgeführt hat — schon in der Bibel steht's: Niemand ist ein Prophet im eigenen Vaterlande und speciell in Oesterreich kann man das beste, das schönste, das reichhaltigste an Dummheit bieten, die Bevölkerung wendet sich doch der fremden Concurrenz zu und den Ruf: Kauft nicht bei Juden! der besser heißen sollte: »Kauft nur bei Antisemiten'/ findet, wie männiglich bezeugen kann, selbst bei mancher Parteigröße kein Gehör. Sollte man da nicht an der guten Sache verzweifeln? Aber nein, wenn man den Leuten so viel des Sehenswürdigen, des Staunenerregenden zu bieten hat, wie ein österreichischer anti» semitischer Zeitungsherausgeber, lässt man sich nicht so leicht von einem Barnum abführen. Hat er wandhohe Placate mit Elephanten und sonstigem Gethier affichieren lassen, nun auch in der Reclame sind ihm die Wiener Unternehmer des Antisemitismus überlegen, wie ja das Beispiel des hochgeschätzten schönen Karl beweist. .. Und wirklich können jetzt die Wiener Gaffer und die gaffenden Wiener schreiende Placate begucken, die da lauten: „Deutsches Volksblatt: Ritualmord-Processe!" Früher sprach man von einem Ritualmord-Process, jetzt macht man's der Concurrenz nach, man betreibt alles in großem Stile: Ritualmord-Proceffe ... Und was man auch da alles zu sehen bekommt! ... Barnum hat Fußlose, die laufen können, aber Augenkranke, die auf ungeheure Entfernungen sehen können, dies hat er sicherlich nicht! ... Barnum hat Menschen von coloffaler Gedächtniskraft, aber solche, die sich nach zwei Jahren aller Einzelheiten erinnern könnten, die sie an einem Tage, der sich von allen anderen Tagen mit nichts unterschiedbemerkten — das hat er gewiss nicht! ... Bei Barnnm weiß jeder seiner »Anhänger", dass er sich in einer Schaustellung befindet, er hat es aber nicht fertig gebracht, dass jemand seinen Hocuspocus Ernst nimmt, wie die Wiener Antisemiten ... Barnnm und Bailey sollen gute Kaufleute sein, wir können also nur annehmen, dass sie von der Existenz der großartigen antisemitischen Schaustellungen in Oesterreich keine Ahnung hatten, sonst hätten sie es gewiss nicht riskiert, nach Wien zu kommen, wo sie mit einer solch überlegenen Concurrenz zu kämpfen haben werden... In der ganzen Welt Triumphe, in Oesterreich von vorneherein geschlagen ... Bitter, aber wahr. — Barnum und Bailey packt ein .. . * * * dunkles, wie ein Gemenge von Waggons schoss jetzt pfeilschnell am Wagen vorbei — da umklammerten seine Hände mit aller Kraft den Fensterrahmen und mit einem Sprunge und Aufschrei der Verzweiflung — war er draußen — —- Als er wieder zu sich kam und die Augen aufschlug, sah er sich von mehreren hilfsbereiten Mitgliedern seiner Gemeinde, die sich gleichzeitig im Zuge befanden, umgeben. Er wollte sich erheben, doch er vermochte es nicht. Das rechte Bein schmerzte ihn sehr. Es war gebrochen. Aber wo war denn jetzt der Eisenbahnzug? Dort auf der Station stand er — völlig unversehrt. „Ja, ist er denn nicht mit den Waggons zusammengestoßen?* wollte der Verletzte fragen — da versagte ihm die Stimme. Darauf wurde er in den Wagen gebracht und nach seinem He'matsorte zurückbefördert. Dort erfuhr er alles. Dass die Waggons, die er in der Ferne sah und die er so gefürchtet, gar nicht im Geleise standen, dass seine Angst eine völlig unbegründete gewesen, und dass er sich sein rechtes Bein nutzlos gebrochen. Monate vergiengen, ehe er wieder hergestellt war und das Haus verlaßen konnte. Und als er an einem Sabbath das erstemal in der Synagoge erschien und zur Thora gerufen wurde, da ließ er sich's nicht nehmen, gleichzeitig Gomel zu benschen, das übliche Dankgebet für die wundersame Errettung zu verrichten. »Raboiffai, meine Herren," bedeutete er im nachdrücklichsten Tone einer Deputation, die ihm nach dem Gottesdienste, namens der ganzen Gemeinde zu seiner vollständigen Genesung und Wiederherstellung beglückwünschen kam, »nicht alle Tage geschehen Niffim, nicht alle Tage erweist Gott ein solches Wunder, wie er es mir erwiesen, und darum soll es Euch eine Moral, ein warnendes Beispiel sein, wo möglich nicht mit der schlemaseldigen Eisenbahn zu fahren, und so gut es geht, diesem Mekatreg. diesem leibhaften Satan aus dem Wege zu gehen/ „Merkwürdig!4 meinte ein Mitglied der Deputation beim Abschiede, während deffen neckischer Blick auf dem Beglückwünschten ruhte, »zuerst hat sich die Gemeinde den Kopf zerbrochen, die Eisenbahn herzustellen und jetzt hat sich der Rvsch Hakool den Fuß zerbrochen, die Eisenbahn einzustellen!" Das ist wahr!4' Confisciert! Gin netter Cultnsvorstand. Ein empörender Vorfall wird aus Mährisch-Schönberg berichtet. Dort bewirbt sich der D e u t s ch n a t i o n a l e B u r s ch o f s k y um das Reichsrathsmandat der 5. Curie und ein Jude, Dr. Pollak, beruft für ihn eine Wählerversammlung ein. Nicht genug an dem, unter den radicalnationalen Vertrauensmännern, die für die Wahl des Deutschnationalen Stimmung machen, befinden sich z e h n I u d e n, darunter der Präses der israelitischen Cultusgemeinde. Auf welcher Seite die Selbstbeflecknng eine größere ist, ob bei den Deutschnationalen oder bei den Juden, wollen wir hier nicht untersuchen. Glücklicherweise werden jene Juden, die einen solchen Grad von Gesinnungslosigkeit bekunden, immer seltener, da man einsehen lernte, dass selbst die soeietas mit Parteien, deren Losung »Entrechtung der Juden" lautet, unter allen Umständen schmachvoll und zu vermeiden ist. Man zürnt nicht mehr, man wundert sich höchstens, dass es noch Gesinnungslumpen gibt, die in knechtischer Weise dem Feinde Handlangerdienste verrichten, und überlässt es diesem selbst, ihnen nachträglich die wohlverdienten Prügel zu verabreichen. Einen müssen wir jedoch aus der Bande herausgreifen, den Herrn Präses der israelitischen Cultusgemeinde, der — so sollte man doch meinen — dazu da ist, die Interessen seiner Juden zu vertreten, der aber die Fühlung mit diesen ganz verloren zu haben scheint. Er käme sonst nicht auf den Gedanken, seine Autorität für Leute auszuspielen, die dem Inden seine Ehre nnd damit sein Brot nehmen wollen. Wir wißen, woher der Wind weht. Die Nähe von Galizien hat in diesem Präsidenten einer jüdischen Gemeinde den Wunsch geweckt, »Hausjuden4 zu spielen. Ob bei Polen oder bei Deutschen, was liegt daran? Deren Interessen stehen auf dem Spiele, wer könnte also noch so viel Selbstverleugnung, so viel Edelmuth, so viel Erbärmlichkeit, so viel Niedertracht besitzen, für sie aufzustehen und sich für sie einznsetzen, als ein Präsident einer jüdischen Gemeinde? Wenn es noch eines Beweises bedarf, dass ein Sturm durch die jüdischen Gemeindestnben gehen und alles hinwegfegen muss, was faul und krank;er wäre hiermit erbracht. Die Juden von Mährisch-Schönberg habeir aber nach diesem Vorfälle die Pflicht, diesen Präsidenten ihren Cultusgemeinde von seinem Platze zu jagen. Dass er zum Hausknechte der Deutschnationalen taugt, das hat er bewiesen. Für einen Vertreter jüdischer Interessen hält er sich wohl selber nicht. Der Proeess in Pisek. Auch die dieswöchentlichen Verhandlungen waren der Einvernahme der Zeugen und der Verlesung von Gutachten gewidmet. Unter anderem wurde das Gutachten verlesen, welches die czechisch-mediciuische Facultät über den Mord der Agnes Hruza abgegeben hat. Dieses Gutachten stimmt im wesentlichen mit den Ausführungen überein, die Herr Dr. S. Kornfeld, emer. Primarius der mährischen Landesirrenanstalt, seinerzeit in unserem Blatre veröffentlichte. *) Wir erwähnen daraus, dass die Schilderung des Zustandes, in welchem sich die Gewänder der ermordkten Agnes Hruza befanden, auf ein so sonderbar phantastisches und krankhaft erotisches Wesen des Thäters schließen lässt, dass kein Unbefangener sich der Auffaffung erwehren kann, es sei dies ein Geisteskranker gewesen oder doch jemand, der durch seine Perversität an den Irrsinn streift. Die Facultät spricht auch diese Meinung in decidierter Weise aus. Bezüglich des „fehlenden" Blutes vermisst das Gutachten der Facultät in dem Befunde der Polnaer Aerzte die Angabe, welche Blutmenge in den großen Venen war, und hebt hervor, dass eine vollständige Ausblutung, das heißt eine solche, dass im Körper kein Blut wäre, nicht möglich sei. Sich zu der Quantität des gefundenen Blutes wendend, sagt die Facultät im entschiedenen Gegensätze zu den Behauptungen der Polnaer Gerichtsärzte: Die am 1. April Vorgefundene Durchtränknng mit „ganz frischem" Blute an einem 25 Centimeter langen und 15 Centimeter breiten Orte repräsentiert eine Fläche von 375 Qnadrat- Centimetern; eine solche Fläche kann, wenn der Boden durchlässig ist, 800, ja sogar 1000 Kubik- Centimeter Blut a u f n e h m e n, und dass der Boden durchlässig ist, lässt sich aus den Angaben des Dr. P r o k e f ch schließen. Ebenso wird die Behauptung des Polnaer Obducenten, dass sich in der Zeit einiger Minuten ein mächtiger Blutknchen, das heißt ein Blutgerinsel auf der Erdoberfläche bilden müsse, im allgemeinen als nicht richtig hingestellt. Sodann behauptet das Faeultätsgutachten, es ist kein Zweifel, dass alle am Körper der Agnes Hruza Vorgefundenen Verletzungen von einem einzigen Thäter gemacht wurden. Kurz, das Facultätsgutachten schließt, obwohl es nicht ausgesprochen wird, ganz und gar die Möglichkeit eines RftualmordeS aus. ~ *) Siehe „Jüd. Volksblalt", 22. September 1899.