Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 43 (26.10.1900)
- Date
- 1900-10-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag •Jüdisches Voiksblatt 26. October 1900 >r. 43 Juden, das zuweilen — und da in meist nicht ganz uneigennütziger Absicht — sich zu solchen entschloss, ganz ausgestorben ist. Dadurch nun, dass der Arier nur jene Arme bedenkt, die ihre Dürftigkeit durch Beibringung des Taufscheines erweisen, während der Jude für Arme „Ohne Unterschied der Confession" spendet, sind die Interessen unserer Armen ohnehin in den Hintergrund gerückt. Dieser Uebclstand wird aber dadurch zu einem schreienden, dass in den letzteren Fällen die Lerlbeilung oft Organen anvertrant ist, von denen eine vbjcctive Unparteilichkeit jüdischen Armen gegenüber wohl zu verlangen, kaum aber zu erwarten ist. Die Familie G u t m a n n erlegte ans Anlass des Ablebens des Dr. M. v. Gut m a n n für Arme „Ohne Unterschied der Confession" 5000 Kr. zuhanden des Polizeipräsidenten, welcher Theilveträge dieser Summe den einzelnen Bezirken zuwies. Man Härte nun glauben können, dass hiervon, wenn schon nicht überwiegend jüdische Arme, wie es sicherlich in der Absicht der Spender gelegen, so doch wenigstens so viele betheilt würden, als es ihrer Vcrhältniszahl zu den übrigen Armen der einzelnen Bezirke entspricht. Weit gefehlt. DaS Geld ist verthcilt. Wer uns aber einen armen Juden zur Stelle schafft, der auch nur einen Heller von dieser Summe sah, der erhält einen Penny. Zur Lehre und zur Beachtung! Wien. (B e r l o b n n g.) Fräulein Martha Eltbogen, Tochter des Gemeinderathes M. Eltbvgen, hat sich mit dem praktischen Arzte im II. Bezirke Dr. Isidor Braun verlobt. Mährisch-Ostrau. (Jubiläum.) Am 16. d. M. fand um 10 Uhr vormittags im hiesigen israelitischen Tempel zu Ehren des Cultusvorstehers Herrn Marcus Straßmann, ein feierlicher Gottesdienst statt. Nachdem die Choralgesäuge verklungen waren, richtete der Präses-Stellvertreter der Cnltnsgemcinde Herr Doctor Alois Hilf an den Jubilar eine kurze Ansprache, worin er dessen Verdienste um die Cultusgemcinde, die ain heutigen Tage ebenfalls ihr 25j ä h r i g e s Jubiläum feiere, hervorhob lind überreichte ihm zum Schlüsse eine künstlerisch ausgeführte Adresse. Sodann hielt Her Rabbiner Dr. Spira die Festpredigt. Er gedachte darin eingangs des Zusammengehörigkeitsgefühls, das immer unter den Juden Wunder wirkte, warf einen Rückblick auf die 25jährige Periode segensreicher und mühevoller Gcmeindethätigkeit, und schloss seine temperamentvoll gehaltene Rede mit dem Wunsche, dass es Herrn Marens Straßmann noch lange vergönnt sein möge, rüstig wie bisher an der Spitze der zweitgrößten israelitischen Gemeinde Mährens zu stehen. Herr Straßmann dankte mit schlichten Worten und geachte derer, die ihm halfen, an dem Baue des Gemeindewesens thätig zu sein. Der Prziwoser Tempelverein erhob ihn zu seinem Ehrennntgliede. M. Krakau (Z u r K o h l e n t h e u e r u n g.) Der hierortige Verein „Kipu ZedukuR, der zur Aufgabe hat, während der strengen Winterszeit an hiesige jüdische arme Familien Kohlen zu vertheilen, hat vergangenen Winter einen schweren Kampf zu bestehen gehabt. Die Ursache dieses Kampfes war die Unterlassung des Vorstandes dieses Vereines, zur Zeit, als die Kohle billig war, das nöthige Kohlenquantum mit dem billigen Preise mittelst rechtzeitigen Schlusses für den Verein zu sichern. Leider ist auch Heuer bis dato diesbezüglich seitens des Vereinsvorstandes nichts veranlasst worden; dieser scheint die frostigen Tage abwarten zu wolle», um dann die Verlegenheit zufolge der erneuerten Unterlassungssünde beklagen zu müssen. Der Präses dieses Vereines ist der bekannte Wohlthäter Herr Michael F r ä n k e l, welcher mit der Kohlencommission des hierortigen Magistrates sich verständigen sollte, dass diese dem Vereine „Kipn Zeduku*' 4—5000 Centner Kohle zu dem bekannten billigen Preise von 75 Heller reservieren möchte, welchem Wunsche besagte Commission wahrscheinlich ohneweiters entsprechen würde. Wir hoffen, dass die diesbezüglichen Schritte so schnell als möglich unternommen werden. Kra?arr. (P e r s o n al n a chr ich t.) Dr. Lazar Goldw a ss e r, Gründer uno derzeir Präses des Vereines: „Przedswit" hat sich mit Fräulein Hermine Weinheber aus Alwcruia verlobt. Lemberg. (C a n d i d a t u r.) Wie dem „Hamagid" au« Brody berichtet wird, besteht dor: die Absicht, bei den ^vorstehenden Reichsrathswahlen den Hof- und Gcrichtsadvocaten Dr. S. R. L a n d a n aus Wien als Candidaten der Jüdisch-Nationalen anfzustellen. Lemberg. (Z u r W a h l b e w e g n n g i n G a l i z i e n.) Ter „Knrjer Lwvwski* bringt im Blatte vom 15. October l. I. folgende Bemerkung: Die galizst'che Bevölkerung wurde betreffs der von der »Gazette Narodvwe", Leibblatt des Statthalters P i n i n s k i, an die galizischen Kahals-Verbände gerichtete Aufforderung, bei den bevorstehenden Wahlen vereint mit dem Centralcvmito zu wirken, sonst antisemitische Exceffe bevorstehend — in große Aufregung versetzt. Es scheint, dass der übliche Terrorismus seitens des Centralcomites bei den, galizischen Wahlen wiederum znm Vorscheine kommt und nur! zu wollen. Gegen diesen Bescheid hat der Vertreter des Vaters, Herr Dr. R. L a n d a u, den Recurs an das Landesgericht in Krakau ergriffen, da einerseits der Wille zum Verbleiben im Kloster nicht als Wahl eines „Berufes" im Sinne des § 148 A. B. G. B. bezeichnet werden könne, andererseits der Beweis erbracht wird, dass Rochme Weiß seit längerer Zeit nicht mehr im Kloster weilt, sich somit diesem „Berufe" nicht widmet. Budapest. (Ein jüdisches Unicnm.) „Jüdische Cvrvina" könnte jenes ans dem XIV. Jahrhundert stammende jüdische. Werk genannt werden, welches sich in dem Besitze eines Budapester Antiquitätenhändlers befindet. Das Weil, ans der Hand eines Künstlers des XlV. Jahrhunderts hervorgegangen, enthält ans mehreren hundert Pergamentselten fast alte profanen Wissenschaften in rein hebräischer Sprache. Die Schrift ist geradezu künstlerisch und was dem Werke einen' besonders hohen Wert verleiht, sind die zahlreichen in Gold, blau und roth gedruckten Jiütialien und Miniaturen gleich denen, die in den so wertvollen Corvinas Vorkommen. Wir hatten Gelegenheit, das Wunderwerk — vielleicht das einzige in seiner Art — zu sehen und bemerken, dass eine Capacität ans jüdischem Gebiete in diesem Uiiicum solche Dissertationen fand, die in keinem der jetzt bekannten jüdischen Werke enthalten ist. Das Werk wird ans zehntausend Gulden bewertet. Ausland. Kottitz. (Ein gerechtes U rt heil?) Die Konitzer Geschwornen haben den des wissentlichen Meineids beklagten Kaufmann Jacob I a c o b y aus Tuchel für schuldig befunden. Der Staatsanwalt hatte 1*.4 Jahre Zuchthaus, zwei Jahre Ehrverlust und sofortige Verhaftung beantragt. Der Gerichtshof erkannte auf ein Jahr Zilchthaus, im übrigen wurde den Anträgen des öffentlichen Anklägers entsprochen. Der Anlass zu dieser Anklage liegt über ein halbes Jahr zurück. Im April hatten vier junge Leute in Tuchel dem Angeklagten „Hcp hep" nachgerufen. Er erstattete Anzeige, die jungen Leute wurden bestraft. Sie erhoben Widerspruch, erklärten, von dem Auge klagten durch Ausdrücke, wie „Lümmel", „Lorbaß", beschimpft worden zu sein; daraufhin Härten sie den oben bezeichneteu Ruf ausgestoßeu. Der Angeklagte bestritt unter seinem Eide, jene Ausdrücke gebraucht zu haben. Er blieb auch vor den Geschwornen bei dieser Aussage. Der Bürgermeister von Tuchel, Wagner, sagt auf Befragen über den Angeklagten aus, er sei ein ruhiger, bescheidener Bürger. Verschiedene Kanfleute sagen übereinstimmend aus, sie hielten den Angeklagten seinem ganzen Naturell nach nicht für fähig, auch nur einen fahrlässigen Meineid zu leisten. Es werden Beispiele angeführt, dass der Angeklagte aus Scheu vor einem Eide auf die Gewinnanssichten in Civilprocessen verzichtet habe. Ein Gemeindevorsteher in einem Orte, in welchem der Angeklagte lange Zeit gewohnt, gibt ihm ein sehr gutes Leumundszeugnis. Auf die Dennnciation eines Bauunternehmers L e w a n d v w s k i erfolgte die öffentliche Anklage. Als Grund für seine Anzeige gibt er an, er habe die Bestrafung seines Sohnes wegen Meineides befürchtet, da der Vorstand der Synagogen-Gemcinde zu Tuchel dem Angeklagten eine Ehrenerklärung abgegeben habe. Der Vorstand selbst weiß davon nichts. Auch für fluchtverdächtig will der Dcnnnciant den Angeklagten gehalten haben. Glaubwürdige Personen hätten den Deuuncianteu aufgefordert, die Anzeige zu erstatten, namentlich der Gerichtsfecretär R i p p a l s k i. Den verschiedenen jüdischen wie christlichen Entlastungszeugen stehen verschiedene Belastungszeugen gegenüber. Eine Zeugin hat den Vorgang hinter dem verschlossenen Fenster von ihrer Wohnung aus beobachtet; sie will nicht gehört haben, was die jungen Leute gesagt, aber von Jacvby das Wort „Lorbaß" vernommen haben. Die übrigen Zeugen sind in ihren Aussagen schwanknid und voneinander vielfach abweichend. Der Vertheidiger hebt hervor, dass von einem Nachegesühl seines Clienten gar nicht die Rede sein könne, als er die Strafanzeige beim Tucheler Schöffengerichte beantragt, da er doch selber zugegeben, dass er gar nicht wisse, welcher von den jungen Leuten den Ruf eigentlich erhoben habe. Der Vertheidiger erklärt die Ausführungen des Staatsauivalts für hinfällig. Im Gegensätze zum Staatsanwalt hebt der Vertheidiger hervor, dass n i ch t e i n C h r i st, nicht ein Jude, sondern ein Mensch als Angeklagter vor den Geschwornen stehe, der von ihnen ein gerechtes U r t h e i l erwarte. Er stellte die Leumundszeuguiffe den unsicheren und unbestimmten Aussagen der Belastungszeugen gegenübcr. Die Konitzer Geschwornen aber haben das oben milgetheilte Verbiet auf Schuldig gesprochen. Darnach musste alles Uebrige erfolgen von rechts wegen. Kvuitz. (Neues zur A s s a i r e.) Es ist unglaublich, welche nichtswürdigen Lügen die Antisemitenblätter über hiesige eonservativ-clericale Candidaten für den Reichsrath nufgefteat | fic werden, obwohl von den 30 Städten sich bloß drei dem Eentralcvmike angeschloffen haben. Die galizischen Juden müssen sich cmsraffen und viribus unilis arbeiten, um jüdische Caudidalru durchznsetzen. Daist der einzige Ausweg ans der traurigen Lage. T. fl. ÄLieliczka. (M ädchenranb i n G a l i z i e n.) Ueber die Klage der minderjährigen Rvchme Weiß, Flucht ins Jelicianerittn.en-Klvster zu Krakau Bezirksgerichte um Entziehung der väterlichen Gewalt emschritt, ist nunmehr der Bescheid des k. k. Bezirksgerichtes erfloffen. Rochme Weiß wurde mit ihrer Klage auf Aberkennung der väterlichen Gewalt des Marcus Weiß abschlägig beschieden, weil die Behauptung des Mädchens, ihr Vater habe sie misshandelt u»b die väterliche Gewalt missbraucht, durch die von der Klägerin geführten Zeugen nicht bestätigt wurde. DaS Gericht bat aber auch dem Ansuchen des Marcus Weiß um Zurückstellung feiner Tochter keine Folge gegeben, mit der Begründung, dass nach § 148 B. G. B. Kinder das Recht haben, sich einen Beruf zu wählen und Rochme Weiß ausdrücklich erklärt habe, im Klvster bleiben ut der vorigen Woche be- Selbstmordversnch gemacht, auszuhängen versuchte. Der sei es zuzuschreiben, dass Die Nachricht ist v o l lzu dementieren, fällt nun richtet, Moritz L e w y habe erneu indem er sich an seinem Hosenträger Wachsarnkeit des Gefangenaufsebers der Selbstmordversuch nüssgtückle. st ä n d i g erfunden. Aber sie natürlich keinem der rvackereu Vertreter der öffentlichen Meinung ein. — Vor circa 14 Tagen brachte das Berliner Antisennten- 1 "L "s"" i blatt die Mitrheilnng, in Kamin hätten die Kinder des jüdischen vre nach ihrer Händlers Landecker bei dessen Ueberführung in die Jrrenbeim hiesigen anstalt (Landeckers Geisteskrankheit ist als die wahrscheinliche Folge einer antisemitischen Ausschreitung anzusehen) Aeußerungen fallen lassen, die auf eine Mitwissenschast an der Konitzer Mordthat schließen lassen könnten. Aus Grund erngezogener Erkundigungen ist nunmehr festgestellt, dass der seinerzeit misshandelte und jetzt geisteskranke Händler Landeckcr aus Kamin weder jemals verheiratet g o w e s v n ist, noch Kinder besitzt. Die Glaubwürdigkeit antisemitischer Nachrichten wird damit wieder auf ganz eigenartige Weise beleuchtet. — Und nun noch zwei Urtheile, die w»r aber ohne jeden Commentar wiedergebcn. Das Schöffengericht in S ch k o ch a u hatte am 6. Juli den jüdischen Knaufmann S e l o, der einen ihm höhnende Worte nachrusenden Knaben geschlagen haben sollte, zu 500 Mark Geldstrafe verurtheilt. Die Konitzer Strafkammer ermäßigte heute die Strafe auf 100 Mark. Den Synagogendiener Schnell, der mit Steinen beworfen wurde, der sich dann mit einer Latte grwehrt und den Steinwerfer auf den Arm geschlagen hatte, hatte dasselbe Schöffengericht zu 14 Tage Gefängnis verurtheilt. Die hiesige Strafkammer hob heute das Urlheil auf und verhängte über Schnell eine Geldstrafe in Höhe von 50 Mark. — Wie es heißt, hats der Erste Staatsanwalt S t e t t e g a st gegen das sreisprechende Urtheil in Sachen Speisiger die Revision angemeldet. — Vor der Strafkammer des hiesigen Landgerichts standen am 15 d. M. elf Personen aus Czersk, angeklagt, am 22. April d. I. in Czersk an Zusammenrottungen theilgenommen, Gewaltthätigkeiten und ruhestörendeu Lärm verübt zu haben. Bezeichnend dafür, wie derartige Krawalle entstehen, war die Aussage des Werkführers Neuß aus Czersk, der dem Beginn der Zusammenrottungen als Augenzeuge beigewohnt. Aus dem Schanklocal von Jendritzky waren am genannten Tage, einem Sonntag zwei betrunkene Männer hinausgeworfen worden; der eine siel hierbei und schlug sich das Gesicht blutig. Wüthend sprang er auf und zertrümmerte eine Scheibe des ungastlichen Schanklocals. Sofort sammelte sich eine Menschenmenge an, aus deren Mitte der Ruf erscholl: „Schmeißt doch lieber beim Inden die Fenster ein." Nur zugut wurde dieser Rath befolgt. Die sich immer mehr vergrößernde Menschenmenge zog zur Synagoge, von dort zum jüdischen Cantor und zu den Häusern anderer jüdischen Einwohner. Ueberall wurden Fenster eingeworfen, aufhetzende Lieder dabei gesungen und Ruse ausgestoßen, an: späten Abend fielen auch einige Schüsse. Die Angeklagten kamen nur als Theilnehmer an der Zusammenrottung in Frage, sowie als Verüber rnhestörenden Lärmes. Zwei Angeklagte erhielten je vier Monate Gefängnis, einer von diesen außerdem noch zwei Wochen, zwei Angeklagte je drei Monate, vier Angeklagte je einen Monat, ein Angeklagter drei Tage und einer eine Geldstrafe von 20 Mark. Ein angeklagtes Mädchen von 16 Jahren wurde freigesprochen. Nürnberg. (Ein H e tz le h r er.) Das hiesige socialdemokratische Blatt bringt eine Schilderung aus d e r B olksschule an der S i e l st r a ß e, wonach dort der Herr Vicar Wirth den neunjährigen Kindern erzählt habe, in der Nähe von Berlin habe ein Jude einen Christen abgeschlachtet, weil er von demselben das Blut hätte haben wollen; Herr Wirth habe noch hinzugefügt, einem Juden dürfe man nicht so viel zuwenden, wobei er mit den Fingern geschnalzt habe, weil sie die Leute be. Wie das Blatt meldet, soll diese Erzählung, welche ein Schulmädchen seiner Mutter gemacht habe, später durch ein anderes Kind bestätigt worden sein. Bis jetzt liegt nur die Beschuldignug vor; es wird also noch abzuwarten sein, was der beschuldigte Vicar darauf zu erwidern hat. Und wir würden rvünschen, dass die Erklärungen des Geistlichen geeignet wären, die Sache aus der Welt zu schaffen. Sollten die Angabe» der Kinder aber der Wirklichkeit entsprechen, so kann eine schlimmere Versündigung eines Geistlichen kaum gedacht werden, welcher im Widerspruche mit seiner Religion und in noch größerem Widerspruche mit seinem Amte, das ihn zur Milde und Versöhnung verpflichtet, sich dazu hergibt, die ebenso unbewiesenen wie niederträchtigen Verleumdungen gegen die jüdischen Mitbürger in die Schule zu tragen und die Gemüther der Kinder mit den scheußlichsten antisemitischen Hetzereien zu vergiften. Die Schulbehörde wird gewiss das ihrcge zur Feststellung des Sachverhaltes thun. Petersburg. („Gesellschaft zur Verbreitung der B i l d u u g u n t e r d e n I u d e n i u Rußland" dem Jahresberichte dieser seit 36 Jahren bestehenden Gesellschaft entnehme ich, dass die Mitgliederzahl der Gesellschaft zwar im Laufe des Berichtjahres um 107 (auf 2915) gestiegen ist, aber im Verhältnis zur Bevölkernngsziffer der Juden rn Rußland ist dieselbe doch leider noch immer verschwindend klein, denn die russisch-jüdische Bevölkerung beläuft sich auf etwa fünf Millionen. Das Petersburger Comitö hat im Jahre 1899 aus seinen eigenen Mitteln 74 Schulen in der Provinz unterstützt und im Ganzen hierfür 6940 Rubel verausgabt. Der Durchschuittsbelrag jeder Subsidie belief sich somit auf 93 Rubel; er ist etwas höher als im Vorjahr, wo er nur 80 Rubel ausmachte. Ferner erhielten 41 Schulen Lehrbücher und kleine Schulbibliotheken zugeschickt, für deren Anschaffung 1401 Rubel verausgabt wurden. Durch die Spenden mehrerer Mitglieder wurde das hiesige Comitö in den Stand gesetzt, im letzten Jahr besonders viel für die Elementarsch u l b i l d u n g in der Provinz zu thun, so dass im Ganzen 85 4 Rudel 3 Kopeken dafür ausgervandl werdeit konnten. Weit mehr konnte die O d e s s a e r Abtheilung für denselben Zweck ausgeben und zwar 11.102 Rubel 11 Kopeken, während die Rigaer Abtheilung der Gesellschaft nur 690 Rubel 82 Kopeken zur Verfügung hatte. Alles in Allem wurde für die E l em e n t a r s ch u l b il d nn g im Reiche die Summe von 27.116 Rubel 77 Kopeken verausgabt. Welche Riesenansprüche die Gesellschaft auf diesem Gebiete aber erfüllen könnte, wenn sie die nöthigen Mittel hätte, beweist die traurige Thatsache, dass ungefähr 400.000 jüdische Kinder in Rußland ohne jeden U n t c r v i ch t bleiben! An Unterstützungen wurden 33.295 Rubel 42 Kopeken den Studenten auf den verschiedenen Universitäten und technischen Hochschulen und 11.724 Rttbel 10 Kopeken den Schülern in den M i t t e l s ch u l e u gewährt. Die Schüler der Handwerks-Schulen tmö niederen Schulen erhielten gegen 7000 Rubel. Alle diese Summen rührten hauptsächlich von Collecten her, die speciell für diesen Zweck in den größeren Städten veranstaltet louvben. Der Unterhalt der beiden Petersburger Schulen der Gesellschaft, die am 31. Deeember 1899 202 Knaben und 185 Mädchen zählte, kostete 24.449 Rubel 26 Kopeken. --Die Gesellschaft ließ aus Anlass des 100jährigen Geburtstages von Puschkin in ihrem Verlage eine Sammlung ausgewähUer Gedichte Puschtins in einer hebräischen liebet* setzung von Dr. F r i s ch m a n n erscheinen. Außerdem erhielten zwei Schriftsteller Subsidien und wurden die Familien zweier verstorbener jüdischer Schriftsteller unterstützt. Herrn Nab inoiv i t s ch, der an einem Werk über die neueste Geschichte der Juden arbeitet, wurde eine Unterstützung von 450 Rubel jährlich für zwei Jahre bewilligt. — Das Vermögen der Gesellschaft betrug am l. Jänner dieses JahreS 07.757 Rubel 46 Kopeken und war ausschlietzlich in zinstragenden Papieren angelegt. — Endlich sei noch erwähnt, dass nach einigen Wochen ein „AuSkunftsbuch in den Büdungsfragen der Inden" erscheinen wird, dass die Gesellschaft herausgibt und fchon seit Jahren vorbereitet hat. Bukarest. (D a s j u d e n f r e u u d l i che (!) R e g i m e P. C a r p.) Wir lesen im „Adeverul" : „Im „Amtsblatt" erschien das Decret, mittelst tvelchcm Herr Origheu C a r p zum Hilsssceretär des Rathes des Districtes Tntora ernannt wird. Herr Origheu Carp ist jener Student, welcher an der Spitze der Demonstranten stand, die am 16. Mai vorigen Jahres gegen die jüdische Bevölkerung von Jassy excedierten. Glaubt vielleicht Herr O l a n e s c u, der Minister des Innern, dass die Regierung solchen Individuen erkenntlich sein und sie mit königlichen Deereten ansstatten muss?"