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Jüdisches Volksblatt · 1900-10-26 · 43 (26.10.1900) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
43 (26.10.1900)
Date
1900-10-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 43 Wien, Freitag Jüdisches Volks blatt 2P>. October 1900 Seite 3 die er früher mit dem Müller Burda gesehen hatte. Zeuge behauptet, sich nicht zu irren. H ü l s n e r wurde roth und erwiderte: „Kann ich denn nicht ein solches Mädchen nach Zhor zum Jahrmärkte führen?" und gieng dann mit dem Mädchen weiter. Aus den Aussagen mehrerer Zeugen geht hervor, dass Hülsner am 17. Juli 1898 gegen Mittag thatsächlich mit der K l i m a aus Polna nach Zhor gieng und dort in ihrer Gesellschaft weilte. Darauf deutet auch die Aussage des Josef Jarosch, Ausgedinger in Zhor hin, der auf dem Jahrmärkte zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags ans dem Laden Alexander Neinhalts einen Mann kommen sah, der rasch auf das Wirtshaus Jezeks zugieng. Er fragte, wer das sei, und Rein halt erwiderte, es sei ein gewisser Hülsner aus Polna, aber kein gebürtiger Polnaer. Die Taglöhnerin Katharina S u p e k aus Zhor bestätigt, sie habe am selben Tage gegen Abend mit Rosalia Neinhalt, Gattin des Alexander N e i n h a l t, gesprochen, die sie gefragt habe, ob sie Jahrmarktsgäste gehabt habe. Die R e i n h a l t fügte bei, sie habe beim Mittagstisch einen ganz fremden Mann gehabt, einen Handwerksburschen, der in Polna zu thun gehabt habe. Die S u p e k bestritt anfänglich diese Umstände, später aber erinnerte sie sich. Der Landwirt Anton Jelinek aus Zhore bestätigt übrigens diese Umstände auch. Bemerkt sei, dass sich die über den Aufenthalt Hülsners in Zhore geführten Zeugen in einer Beziehung j,w i d e r s p reche n, was nänllich diez Beschreibung der Kleidung Hülsners anbelangt. Doch stimmen die Zeugen darin überein, dass sie Den ihnen persönlich bekannten Hülsner mit einem Mädchen gesehen hadert. Wohl rviderspricht auch die Angabe der Marie Bacek irr gewisser Hinsicht den anderen Zerrgenaussagen, doch darf nicht übersehen werden, dass diese Jneorrectheiten auf die seither verflossene lange Zeit zurückzuführen sind, Jneorrectheiten, die indes in der Hauptsache die glaubwürdigen Aussagen nicht zu erschüttern verrnögen. Die Eheleute R ein h alt leugnen w o h l, H üls n er an b ent Tage a l s G a st gehabt z u h a b e n, o b s ch o n A l e x a n d e r Rein halt die Möglichkeit zu gibt, dass Hülsner i m Laden g e w e s e n sein kann. Hülsner wurde au dem genannten Tage mit der Klima auch bei dem Ausfluge in den Waid Brezrna gesehen. Die Arbeiter-Beseda in Polna veranstaltete nämlich an jenem Tage einen Ausflug in den Wald Brezina, und da wurde H ü l s n e r gegen Abend in Gesellschaft der Klirna g es e h e n. Dies bestätigen Caroline B r y ch t a aus Polna, deren Cousine Aloisie Brychta, die Dienstmagd Franciska Sobotka, Anton Lang und Carl H a z u k a. Hülsner bestreiret entschieden, mit der K l i m a in Zhore und im Brezinawalde gervesen zu sein, und behauptet, er habe an dem Tage und bis zum folgenden Montag in Jglau geweilt; den Beweis darüber hat er nicht erbracht. Nachdem verschiedene Zeugen angeführt werden, die immerhin zugeben dass Hülsner in Jglau war, und nur betreffs des Zeitpunktes widersprechende Angaben machen, fährt die Anklage fort: Nur ein U m st a n d beutet daraus h i n, d a s s H ü l s n e r a m 17. I u l i i n I g l a u w a r. M a x i m i l i a n M e tz l best ä t i g t nämlich a u f G r u n d e i n e s A u s z u g e s a u s dem A r m e n b u ch e, dass Hülsner von ihm am 17. Juli eine Unterstützung erhielt, weist jedoch nicht, ob vor- oder nachmittags. Hülsner kann somit nicht erweisen, dass er am 17. Juli den ganzen Tag in Jglau geweilt habe. Interessant ist, dass er am 16. Juli, als er die Herberge in Jglau verließ, sagte, er gehe nach Polna, und dass er am 18. Juli in Windisch-Jenikau bemerkte, er komme von seiner Mutter in Polna, was doch ganz klar auf seinen Aufenthalt am 17. Juli in Polna Hinweis:. Diesen Umstand fertigt Hülsner einfach damit ab, dass er sagt, derjenige, der so etwas behaupte, lüge. Hülsner hat also den 17. Juli 1898 mit der ihm bekannten Marie Klima bis spät abends zugebracht, sie in der Richtung nach Ober-Weznitz begleitet und nicht nachgewiesen, wo er die Nacht verbrachte. Er suchte nur krampfhaft den Beweis zu erbringen, dass er zu der Zeit wo anders weilte. Die Leiche der Klima wurde zu v ers ch i e d en en Z eiten wiederholt verborgen. Man fand aus ihr 'am 28. Oktober 1898 frisches Gestrüppzeug, unter ihr trockenes Reisig wie auch trockenes Moos, ein Beweis, dass jemand zu der Leiche zn kommen pflegte, um sie zu bedecken. Und wer wurde öfters in der Nähe deS Ortes, wo die Leiche lag, ja einmal nur wenige Schritte davon entfernt, gesehen? Leopold H ü l s n e r. Einige Zeugen bestätigen dies. Aber noch andere Beweise seiner Schuld gibt es. Wie bekannt, wurde Agnes Hruza am 29. März 1899 im Brezinawalde ermordet. Wegen dieses Mordes beflndet sich Leopold Hülsner im Anklagestand. Dieser Mord, wie der an der Klirna verübte, sind unter so eigenrhümlichen Verhältnissen geschehen, dass es in jedem nicht nur den Gedanken, sondern die feste Ueberz e u g u n g wachrufen muß, dass dieselbe Person beide IR o r d e verübt hat. U n g e w ö h n l i ch e, ch a r a k 1 e r i st i s ch e M e r k,n a l e k o rn in e n also bei beide n M o r d t ha t en in Betracht und führen zudem unwiderstehlichen Schluffe, dass die Thäler dieselben sind. Zur Zeit, als der Mord an Agnes Hruza verübt rvurde, wusste man allerdings von der Leiche der Klima noch nichts. E s i st a l s o nur eine nothwendige C o n s e q u e n z, dass der wegen der Ermordung der A g n e s H r u z a b e s ch u l d i g t e L e o p o l d H ü l s n e r a u ch des in derselben Weise an Marie Klima verübten Mordes bezichtigt wird, eine Beschuldigung die übrigens auch von anderen Umstünden unterstützt wird. Beide Morde wurden nächst Polna verübt, erscheint es deshalb nicht natürlich, dass man die Mörder in der Nähe von Polna suchen muss? Allerdings kann man auf Grund des Beweismaterials den Leopold Hülsner dessen nicht direct überweisen, dass er es" war, welcher der Marie Klima den Todesstoß versetzt oder wenigstens die Hand bei der Ermordung erhoben habe; aber so viel kann man mit Rücksicht aus die gegen Hülsner sprechenden Umstände behaupten, dass ohne sein Hinzu thun der Mord nicht hätte vollführt werden können, denn er war ja mit dem Mädchen bekannt. Es könnte vielleicht der Schluss, Leopold Hülsner habe dahin gewirkt, dass Marie Klima ermordet werde, verwegen erscheinen, rvenu man jedoch sein hartnäckiges Leugnen des Umstandes erwägt, dass er Beziehungen zu dem Mädchen hatte, und wenn man seinen geradezu verzweislungsvollen Versuch berücksichtigt, sein künstlich cvnstruiertes Alibi nachzuweisen, so muss man diesen Schluss als aus den Umständen gegeben bezeichnen. Und fragen wir nach der Ursache des Mordes, fragen wir nach dem Beweggründe, welcher zur Ausübung desselben führte, so muss man zugestehen, dass die .Untersuchung nicht mit. vollster Bestimmtheit den Beweggrund aufzuklärt habe und dass man lediglich aus den Umständen das Motiv vermuthen könne. Hier führt die Anklage aus,- dass sowohl der Mord an der Klima, wie auch der an der Hruza auf sexuelle Motive zurückzusühren wäre. Möge dem sein, wie wolle, das Verbrechen des Mordes ist vollbracht worden, und das ist zu ahnden, ohne Rücksicht auf das Motiv. Werden nun alle vorangeführten Umstände in ihrem Zusammenhänge betrachtet, erscheint der Verdacht, dass Leopold Hülsner bei der Ermordung der Klima mitthätig war, zur Genüge begründet und die Anklage gegen ihn im Sinne der 88 134, 135 und 16 St. G. gerecht fertigt. Außerdem wird gegen H ü l s n e r die Anklage auf Verläumdung erhoben, weil er Josua Erb m a n n und Salamon W a s s e r m a n n lügnerischerweise beschuldigte, bei dem Mord an der Hruza betheiligt gewesen zu sein. -4- * * Nachmittags drei Uhr wird die Verhandlung wieder ausgenommen. Es beginnt das Verhör des Angeklagten, welcher mit entschiedener Stimme erklärt, dass er an beiden Morden „ganz und gar unschuldig ist. Ganz unschuldig." Der P r ä s i d e n k schreitet zur Erörterung der Frage, was Hülsner am 29. März 1899, dem vermulhlichen Tage der Ermordung der Anna H r u z a, gethan habe. Hülsner antwortete mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit, seine Worte überstürzten sich. Der Bleistift der beeideten Stenographen vermag kaum dem hastig strömenden Redeflüsse zu folgen. Immer rascher wird sein Sprechen, und je nachdrücklicher sich der Präsident bemüht, den Widerspruch zwischen den Aussagen der Zeugen und den Dispositionen Hülsners aufzuklären, desto mehr steigert sich die Aufregung des Angeklagten, der mit den Händen agiert und dann wieder mit den Fingern an seinen Hosen zerrt. Mit besonderer Energie tritt er der verlesenen Aussage des Zeugen Pesch ak entgegen, der bekanntlich zur muthmaßlichen Zeit des Mordes am 29. März um 5 Uhr nachmittags Hülsner aus eine Entfernung von 800 Schritten auf dem Thatorte gesehen haben will. Ihren Höhepunkt erreicht die Aussage Hülsners, als er verhört wird, warum er nach der Verurtheilung durch die Kuttenberger Geschworenen die zwei Juden Wassermann und Erb mann als seine Helfer bei der Blutthat im Walde Brz ezina bezeichnet habe." Die Stimme Hülsners kippt oft um, als ob er in Weinen ausbrechen wolle. „Ich war damals ganz von Sinnen," sagt er, die Worte hervorstoßend; „man stürmte auf mich ein: Du wirst lebenslänglichen Kerker erhalten oder aufgehenkt werden. Die Todesangst verwirrte meine Sinne, meine Zellengenossen ließen aber nicht ab, mich zu schrecken und in mich zu drängen und so bezeichnete ich nach den Aussagen der einvernommenen Zeugen Wassermann und Erbmann als die Juden, die mir geholfen haben." Das alles sagt er unter stetig wachsender Aufregung. „Ich musste mir etwas ersinnen, und so erzählte ich in meiner Dummheit, ich sei im Walde Brzezina gewesen." Der Präsident zeigte ihm den Stock mit dem gebogenen Griffe, den er in seinem damaligen Geständnis als das Instrument bezeichnet hatte, mit welchem die Hruza ermordet worden war. „Ja," sagte er, den Stock ergreifend, „ich habe damals diesen Stock bezeichnet, ich hätte es ebenso von jedem anderen Stocke gesagt." * Es sei erwähnt, dass unter den ausgelosten Geschworenen sich auch zwei Juden befunden hatten, die zufällig unmittelbar nach einander ausgelost und sofort vom Staatsanwalte abgelehnt | wurden. * * -r- Prag, 25. October. Die „N a r o d n i L i st y" veröffentlichen in auffallendre Schrift folgendes Telegramm aus Pi sek: In eing eweihten Kreisen erhält sich das verbürgte Gerücht, dass im Verlaufe des Hülsner-Processes plötzlich eine üb er r as ch en d e Wendung eintreten werde, und zwar nach der Einvernahme der Zeugen in der Angelegenheit Klima. In Betreff dieser Sache wird das strengste Geheimnis bewahrt, und ist es bisher nicht möglich, dasselbe auch nur im entferntesten anzudeuten. Man spricht von einer plötzlichen Beendigung des Processes ohne DurchführungderSchlus^v er Handlung. -TJ— ' . " Vom Tage. Jüdische Aerzte, Achtung! Am 30. October finden die Wahlen für die hiesige Aerztekammer statt! Dass es von höchstem Interesse für jeden Arzt ist, dass diese Standesvertretnng vbjectiv ihres Amtes walte, braucht wohl gar nicht erst hervorgehobeu zn werden. Nichtsdestoweniger macht sich unter den jüdischen Aerzten eine Indolenz bemerkbar, die ihnen theuer zu stehen kommen kann, da die Antisemiten, wie immer, eine eifrige Thätigkeit entfalten. Gerade bei den Wahlen für die Aerztekammer können die jüdischen Aerzte ein entschiedenes Wort mitreden, so dass es ihnen bei einiger Anstrengung gelingen könnte, eigene Candidaten dnrchzubringen. Aber von den Fehlern, die uns Juden allgemein anhafte», sind auch die jüdischen Aerzte nicht frei. Sie gehen ihrer täglichen Beschäftigung nach und überlassen im übrigen die Sorge für ihr gemeinsames Wohl einigen Strebern, welche zufrieden sind, wenn sie für sich eine angesehene Stellung ergattern können. So geht es auch bei den jetzigen Wahlen für die Aerztekammer zu. Die Antisemiten befürchteten, dass die Aufstellung einer rein judenfeindlichen Candidatenliste die jüdischen College» aufrüttel» und sie zur Aufstellung' eigener Candidaten — die sehr viel Aussicht auf Erfolg hätten — veranlassen könnte. Sie entschlossen sich daher, mit den paar jüdischen Aerzten, welche die Indolenz ihrer College» ausnützten, um sich als deren Führer aufzndrängen, ein Cvmpromiss abzuschließen, welches auf ein und derselben Liste in rührender Einmüthigkeit Katz' und Maus, ärgste Judenfresser und Vertreter der Juden vereinigt. Wir lassen es schon dahingestellt sein, ob leßtere' auch die richtigen Männer sind, die jüdischen Aerzte zu repräsentieren und deren Interessen zu verirrten. Aber wie wir v o u g u t unterrichteter Seite erfahren, i st dieses ganze C o m p r o m i s s nur ein S-ch w i n d e l, g e e i g n e t, die jüdischen Aerzte in ihre Gleichgiltigkeit weiter ein zu wiegen, denn es circuliert von Hand zu Hand eine rein j u d en f e i»d l i ch e C a n d i d a t e n l i st e, für welche s ä m m t l i ch e antisemitischen A e r z t e st i m m e n werden. Wir wollen kein Wort darüber verlieren, wie angesichts dieses Vertragsbruches die Haltung der jüdischen Aerzte sein muss. Es sind nur noch einige Tage bis zur Entscheidung, raffen sich die jüdischen Aerzte nicht auf, so werden sie es erleben, dass mit ihren Stimmen eine antisemitische Standesvertretung gewählt wird. Dann dürfen sie sich aber nicht auf die Ueberraschten ansspielen, denn gewarnt sind sie! * $ * Jüdische Candidaturen Wir Inden sind ein vernünftiges Volk. Wir dürfen dies ruhig sagen, da es das einzige ist, was auch unsere heftigsten Gegner nicht zn bestreiten wagen. Unsere große historische Vergangenheit, wie auch die unsäglichen Verfolgungen und Leiden, welche Jahrhunderte hindurch unsere Vorfahren erdulden mussten, haben nicht wenig zur Schärfung unseres Verstandes, unserer Vernunft bcigetragen. Sie müssen aber auch unser Gefühl für das Praktische, für das Reale ausgebildet haben; thatsächlich gelten wir denn auch bei unseren Feinden als überaus lebensklug. Und dennoch, wie leichtfertig sind wir in praktischen Dingen, wie wenig misstrauisch haben uns die vielen bösen Erfahrungen gemacht, die wir sehr oft so theuer bezahlen mussten? Ja, wir Inden haben einen sehr großen Fehler, wir sind von einer Leichtgläubigkeit, welche ans Kindliche streift. Es ist dies ein schöner Zug unserer Seele, welcher alles Gefasel der Gegner von Mangel an Idealismus zuschanden macht, doch als Leute, die auf unser Bolkswohl und auf die Wahrung unserer nationalen Individualität bedacht sein müssen, hätten wir lieber diesen Zug vermisst. Gelegentlich der Wahlen erleben wir wieder solche Ausbrüche der Leichtgläubigkeit, welche gerade jetzt fatal in ihren Wirkungen sein können. Es genügt, das drei nicht ganz miinteressierte Größen eine Candidatur empfehlen, welche für das abgedroschene „Gleiches Recht für alle, ohne Unterschied rc." eintritt, damit ihr die meisten Juden zujubeln und ihre Stimme versprechen. Hauptsächlich haben unsere Glaubensgenossen ein Faible für christliche Jndenfreunde. Es schmeichelt ihnen, dass ein Christ ihre guten Eigenschaften lobt und um ihre Stimme buhlt. Da thut es in solchen Fällen noth, daran zu erinnern, dass solche Christen in den Vertretuugskörpern, in welche sie gcivählt wurde», noch nie energisch und unmittelbar auf Angriffe geantwortet haben, welche die Inden als solche betrafen, noch nie eine Beleidigung oder Verleumdung des Judenthums mit jenem Eifer und mit jener Empörung zurückgcwiesen haben, die man von Männern erwarten müsste, welche eine der Gesammtheit zugefügte Schmach als sie selbst treffend empfinden. Wir sind einsichtsvoll genug, um zuzugeben, dass man dies auch von keinem Christen verlangen kann. Derselbe mag noch so vorurtheilslos, noch so gerecht sein, er ist ja doch kein Jude; nur ein solcher aber kann einen Angriff auf das jüdische Volk in seinem tiefsten Innern empfinden, und dadurch zn einem unmittelbaren Proteste getrieben werden. Abgesehen davon, gilt es bei der jetzigen Wahl die eigene Macht einem künftigen absolutistischen Regime zu zeigen. Daher müssen wir Juden uns endlich entschließen, aus den Fehlern der Vergangenheit eine Lehre zn ziehen, und überall, wo es angeht, Candidaten aus unserer Mitte auszustellen, echte und rechte Inden, die sich ihrer Abstammung nicht, schämen, und ihre nationale Ehre zn vertheidigen wissen. Solche Candidaten werden selbst unseren Gegnern Achtung einflößen.. * * lUbcvaü tagt's! Von allen Juden der Welt waren es die belgischen, die sich am wenigsten rührten. Sie sind vollständig der einheimischen. Bevölkerung assimiliert. Sie wissen nichts vom Antisemitismus- und lesen die „Libre Parole", wie mancher Wiener Jude das „Deutsche Volksblatt" liest, zumeist weil man gerne hört, wie man beschimpft wird, theilweise auch, weil man sich in dem eintönigen Einerlei des Alltaglebens auch ein klein wenig aufregen will. Nun, die belgischen Inden sollten ans ihrer strafwürdigen Indolenz anfgerüttelt werden. Seit einiger Zeit ist die Bruxeller Polizei fast täglich damit beschäftigt, Placate von den Wänden der Straßen herabzureißen, welche den kurzen bündigen Satz enthalten: »Nieder mit den Juden!" Und plötzlich sieht sich auch die liberale Gazette veranlasst, zu constatieren, dass der Antisemitismus zahlreiche Recrnten in Bruxelles wirbt, dass die Bewegung intensiver wird, und dass man auf dem Sprunge steht, eine wirkliche Propaganda zn organisieren. So paradox es nun klingen mag, so hat doch die Erkenntnis die eine gute Folge gehabt, dass sich eine Anzahl Juden zusammengethan haben, um den Kampf aufzunehmen, und zugleich die Interessen der jüdischen Bevölkerung aufs Entschiedenste zn vertheidigen. Es tagt überall und allerwärts! Wo jüdische Herzen schlagen, erwacht der jüdische Nationalgedanke in seiner ganzen Kraft und Fülle! In Belgien, selbst im stillen Belgien,, wo weder Inden noch Antisemiten zu leben schienen, erschallen Stimmen, welche selbst im »Univers Jsraelite" ihren Wiederhall finden: »Hier in Belgien werden wir Juden uns im Kampfe gegen unsere Feinde nicht auf die Defensive beschränken! »Soll das nicht ein untrügliches Zeichen der Zeit sein? Und sollen die österreichischen Juden nicht daraus lernen, dass ein weiteres Verharren in der bisherigen Indolenz geradezu verbrecherisch wäre? Chronik des Judenlhums. Inland. Wien. (Jüdischer V o l k s v e r e i n.) In nächster' Zeit findet die feierliche Einweihung des neuen Heims des »Jüdischen Volksvereines" statt. Tag und Programm werden durch besondere Einladungen bekanntgegeben werden. Wien. (Bortrag.) Die »Oest. Jsr. Union" veranstaltet am Sonntag den 3. k. M. im Saale des Restaurant Kh un er einen Vortragsabend, bei welchem der Schriftsteller I. M. Stern über »Haeckels Welträthsel und das Jndenthum" sprechen wird. Wien. (K a r! K r a u s — v erurth eilt.) Bei der gestern stattgehabten Verhandlung über die Berichtigungs- Klage, die unser Drucker Herr S. B c r g m a n u gegen den Herausgeber der „Fackel", Karl Kr ans, angestrengt hatte, wurde dieser zu 20 Gulden Geldstrafe, eventuell vier Tagen , Arrest, sowie zur Aufnahme der Berichtigung in die nächsten Nninmer der »Fackel" veruriheilt. Wien. (Ohne Unterschied derConfession.) Die Spenden »Ohne Unterschied der Confession" seitens der reichen Inden wollen nicht schwinden, trotzdem daSHäufletn Nicht-

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