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Jüdisches Volksblatt · 1900-10-26 · 43 (26.10.1900) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
43 (26.10.1900)
Date
1900-10-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag ,? ü < i i s r 11 es V o! ks h I a V t Kr. 43 26. Oe tob er 1900 H ii lsner schuldig ist oder nicht, das werden die Verhandlnttgen erweisen, als lügnerische nnd gemeine Verleumdungen müssen die Nusstreuungen der Antisemiten gelten, dass die Juden, selbst einen Mörder, wenn er zu ihnen gehört, von dcr Strafe befreien wollen. Die Juden haben um so weniger 6-rund, dies zu thun, als sie, lute die Kriminalstatistik aller Lander nachwcist, von allen Nationen diejenigen sind, welche den kleinsten Percentsatz von Verbrechern am menschlichen Leben liefern, abgesehen davon, dass H ü l s n e r durch seine Abstammung — sein Vater ist nicht Jude — eigentlich gar nicht zu ihnen gehört. Zn einer Zeit, als Mord nnd Todtschlag bei anderen Völkern noch zu den Alltäglichkeiten zählen, stand es mit Feuer unter den zehn höchsten Geboten der Inden: Du sollst nicht morden. Wenn die Juden sich also in dem Polnaer Process ereiferten, so geschah es nicht der Persönlichkeit des Angeklagten wegen, sondern weil antisemitische Hetzer ohne Herz und Gewissen das Verbrechen des Mordes zu einem Gesetzesgebot, zu einer Einrichtung des jüdischen Ritus stempeln wollten. Dagegen wehrten wir uns und mussten uns wehren. Ob aber H ü l s n e r schuldig ist oder nicht, das werden unparteiische Richter zu entscheiden haben. Wenn er schuldig ist, möge ihn die gerechte Strafe treffen, wie aber, wenn er nicht schuldig wäre? Wenn er nur das Opfer derjenigen Hetzer wäre, denen es sich nicht darum handelte, für ein verwerfliches Verbrechen eine gebärende Sühne zu erlangen, sondern selbst eines Unschuldigen Berurtheilung herbeizuführen, nur um gegen cin ganzes Volk, und zwar dasjenige, dessen ethische Principien den Grundpfeiler aller neueren Religionen bilden, die ungeheuere Beschuldigung des Ritualmordes als erwiesen citieren zu können? Hört die Beschuldigung des Ritualmordes auf, so interessiert uns die Affaire nur noch vom rein menschlichen Standpunkte, und wir werden natürlich ebenso wie jeder cnte und ehrliche Christ wünschen, dass die Richter erleuchtet werden mögen, damit ihr Spruch toirklich das Urtheil Gottes werden möge. Der Gerichtshof erscheint um 9 Uhr und nimmt bei geschlossenen Thüren die Auslosung der Geschworenen vor, welche ziemlich lange währt. Darauf wird dem Publicum der Zugang zum Verhandlungssaale freigegeben. Etwa vierzig Journalisten wohnen dem Processe als Berichterstatter bei. Die Jury ist aus folgenden Mitgliedern gebildet: Wenzel Stanek, Johann Havranek, Johann Hlavacek, Karl Kozelka, Robert Martens, Franz ^Lukas, Johann Miksicek, Adalbert R i h a, Franz T a u s e k, Wenzel K o h o u l, Wenzel Hlad ik, Josef Leseticky und Eduard Prochazka. Die beiden Letzteren sind Ersatzgeschworne. Der Präsident eröffnet die Verhandlung mit der Beeidigung der Stenographen. Es folgt das Gelöbnis der Jury. Der letzte Geschworne, Dirigent Robert Martens, erklärt jedoch, die Gelöbnisforme! nichtverstanden zu habe n. Der Präsident wiederholt nun die Formel in deutscher Sprache. Hierauf tritt der Angeklagte, der, dem Publicum den Rücken zukehrend, -neben einem Gefängniswärter sitzt, vor. Man sieht im Profil das stark abgemagerte Gesicht Hülsners, aus dem die ungewöhnlich lange, geradlinige und unten stumpfe Nase scharf hervortritt. Die Oberlippe des Vierundzwanzigjährigen deckt ein schwacher blonder Schnurrbart, die gelbbraunen Augen sind weit geöffnet und gehen ängstlich nervös im Kreise herum. Das linke Auge ist kleiner als das rechte, der Mund ist breit, das Kinn ganz wenig vortretend, Ellbogen und Kniegelenke treten ziemlich scharf aus den Kleidern hervor. Die Hände sind groß und verrathen körperliche Arbeit, die Arme sind lang, die Schultern abschüssig. Mit zwei langen Schritten tritt Hülsner vor den Präsidenten, der ihm die Generalien abnimmt; er antwortet mit lauter, fester Stimme. Er hat bis zum vierzehnten Jahre die Schule besucht, schreibt und liest deutsch. Der Angeklagte deponiert in czechischer Sprache, wobei seine Hände nervös an der Hosennaht spielen. Er ist vorbestraft, und zwar mit einem Tage Arrest wegen Falschmeldung, und war wegen Bedrohung seiner früheren Geliebten Benesch in Untersuchung. Hülsner wird sodann vom Präsidenten angewiesen, sich zu setzen und der Verlesung der Anklage mit Aufmerksamkeit zu folgen. Der Schriftführer erhebt sich und beginnt mit der Verlesung der Anklage im F a c t u m H r u z a. Es ist dies die unveränderte Anklage, wie sie in Kuttenberg erhoben wurde, und wie sie unseren Lesern zur Genüge bekannt ist. Der Verlesung dieser Anklage folgt jene des Kuttenberger Urtheiles, der Entscheidung des Eassationshofes (stehe unsere Einleitung. Vem. d. Red.) und der beiden neuen Anklagen. Wenige Minuten vor 12 Uhr ist der Schriftführer hiermit zu Ende und die Verhandlung wird bis 3 Uhr nachmittags unterbrochen. Zur Verhandlung haben sich Fürst Karl und Prinz Johann Schwarzenberg als Zuhörer angemeldet. Die Anklage, betreffend den Mord a n M a r i a Klima, besagt Folgendes: Verschwinden der Klima und Auffindung des Leichnams. In der Nähe von Polna, und zwar in nördlicher Richtung, liegt das Dorf Weznitz, genannt Ober-Weznitz. In Ober-Weznitz diente im Jahre 1898 bet dem Grundbesitzer Josef S t o h a n g e l die am 20. März 1875 geborene, also damals 23 Jahre alte Magd Marie Klima, eine Tochter des Häuslers Franz Klima und dessen Gattin Anna. Sonntag den 17. Juli 1898 entfernte sich Anna Stobangel um halb 8 Uhr früh aus dem Hause. Sie hatte ihr Festgewand angezogen und ein Gebetbuch in die Hand genommen, um sich, wie sie sagte, in die Kirche zu begeben An demselben Tage wurde in dem von Polna etwa eine Stunde entfernten Dorfe Zhor das Kirchenfest gefeiert. Maria Klima gieng nun, ohne jemanden hiervon verständigt haben, nach Zhor. Seit der Zeit blieb sie verschollen, und der Grund des Verschwindens des Mädchens konnte nicht erforscht werden. Es währte jedoch nicht lange, und der Schleier des Geheimnisses, der um das räthselhafle Verschwinden der Klima gehüllt war, wurde theilweise gelüftet. Am27.October 1898 fand der Heger Franz Ehalupa im Walde Mesnik einen Schädel, und zwar den Schädel einer Frauensperson. Etwa einen Meter davon entfernt fand Ehalupa ein Skelet, das mit Gestrüpp überdeckt war. Ehalupa ließ alles unberührt liegen und verständigte die Gendarmerie von dem Funde. Trotz mancher anscheinenden Verschiedenheit wurde doch schließlich mit Sicherheit constatiert, dass man den Leichnam der vermissten Marie Klima gefunden habe. Die Anklage zählt nun alle die Momente auf, welche in dem Gerippe die Marie Klima identificieren lassen, darunter auch einige Kleidungsstücke, die im Walde aufgesunden wurden. Es entsteht nun die Frage, auf welche Weise das junge Mädchen starb, ob sie eines natürlichen Todes starb oder durch Selbstmord endete, oder durch Hinzuthun einer zweiten Person. In dieser Beziehung muss man vor allem darauf verweisen, dass zufolge ärztlicher Beschau an dem ganzen Gerippe und den Resten der weichen Theile kein Zeichen irgendeiner Verletzung oder einer Gewaltthat wahrgenommen wurde. Die Gerichtsärzte sprachen sich dahin ans, dass sie wegen der vollkommenen Verwesung der weichen Theile die Todesursache nicht angeben können. Es wurde also weder die physiologische, noch die physische Todesursache sichergestellt, nnd da heißt es nun, zu erwägen, ob aus Grund anderer Umstände die Frage beantwortet werden kann, welchen Todes Marie Klima starb. Dass siethatsächlich ermordet wurde, darauf weisen nachstehende Umstände hin: Wie fast alle Zeugen, namentlich ihre Eltern, ihre Dienst, geber, der Gemeindevorsteher Jarosch und Marie Krcal bestätigen, war Marie Klima ein völlig gesundes Mädchen und auch am 17. Juli 1898, als sie vom Hause weggieng, war sie frisch, munter und gesund. Kann man vielleicht annehmen, dass dieses vor Gesundheit strotzende Mädcken plötzlichen Todes, etwa an Schlagfluß starb? Das ist gewiss sehr unwahrscheinlich. Wenn Marie Klima jähen Todes gestorben wäre, hätte man ihre Leiche auf dem Wege, dem sie gieng, angekleidet finden müssen. Ihr Gerippe aber wurde im dichtesten Gestrüppe, abseits vom Steige, gefunden, also an einem Orte, wohin sie entweder gelockt oder geschleppt worden war. Die Leiche war von allen Kleidern entblößt, auch die Schuhe fehlten; nur den oberen Theil des Rumpfes bedeckte ein Stück zerrissenen und verfaulten Hemdes. Die Kleider der Marie Klima wurden zum größeren Theile im December 1899 unweit vom Fundorte der Leiche unter einem Baume,- mit Moos zugedeckt, in sehr vermodertem Zustande ausgefunden und wiesen offenkundige Spuren von Gewalt auf. Es waren da unter Moos Stücke eines gelblichen Rockes und rothe Fetzen vom Kragen; die Jacke war zerriss e n. Noch beim Localaugenschein, der des lange währenden Winters wegen erst am 30. April 1900 vorgenommen werden konnte, wurden Fetzen von den Kleidern gesunden. Die Kuttenberger Sachverständigen Joscf V y h l i d k a und Franz H o l e c e k eonstatierten, dass die R ö ck e der Klima mit Gewalt zerrissen worden waren. Bei den Röcken fand man eine feste Schnur, die zu den Röcken nicht gehörte. Besonders auffallende Spuren von angethaner Gewalt zeigt die Jacke. Die fehlendeil Aernrel waren herausgeschnitten, der Kragen theils abgerissen, theils abgeschnitten. Von dem .Kragen fand man nur ein kleines Ueberbleibsel. Auch die beiden Hinteren Theile der Jacke, lvelche unregelmäßig herallsgeschnitten waren, fehlten. Die Schnitte wieseil an vielen Stellen Zähne auf. In der Jacke selbst lag ein Stückchen von den» grauen Nocke. Die rothen Fetzen erklärten die Sachverständigen als Stücke vom Kragen oder der Einfassung des Leibes. Bemerkt sei, dass das Skelet mit Reisig und Moos bedeckt war, und dass dieses Verbergen der Leiche sich wiederholte. Daraus kann man schließen, dass Maria Klima weder eines natürlichen Todes starb, noch durch Selbinord endete, sondern umgcbracht lvurde, und dass die Leiche durch wiederholtes Zudecken der Auffindung entrückt wurde. Der Zustand, in welchem man die Kleider fand, deutet darauf hin, dass höchstwahrscheinlich ein Kampf stattgesunden hat. Der Fundort oder ein in der Nähe gelegener Platz dürften nach Allem der Thatort sein. Weil nun die K l i m a nach dem 17. Juli 1898 llicht mehr gesehen wurde, kann mit Bestimmtheit gesagt werden, dass sie in der Nacht zum 18. Juli zugrunde gieng. Wer'ist aber der Mörder? Ein d i re c r e r B e w e l s für die Person des T h ä t e r s i st n i ch t vorhanden, de,l,l es gibt keinen Zeugen, der den Misselhäter in flagranti überrascht halte, auch wurde kein Gegenstand gefunden, der dem Mörder gehört oder den er verwendet hätte. Nach dein Verschwinden der Maria K l i m a wurden bei Gericht keine Erhebungen eingeleitet; die Sache schlief ein. Offenbar hielt man dafür, dass Mädchen sei in die Fremde gegangen. Erst nach Auffindung des Gerippes wurden die gerichtlichen Erhebungen eingeleitet und verschiedene Vermuthungen ausgesprochen, so gegen die Familie des vagierenden Krämers Stehltk, den der Gendarmerie-Postenführer Klenovec kurz vor dem 17. Juli 1898 in der Nähe jenes Waldes gesehen hatte. Ja sogar gegen den Schwager der Ernrordeten, Franz Bi i l f a j t, und die Eltern des Mädchens wurden Anschuldigungen ausgesprochen, doch schlossen die Erhebungen resultatlos. Auch in der Richtung wurde nachgeforscht, ob Marie Klima am 17. Juli 1898 nicht mit ihrem gewesenen Liebhaber Richard Ezumpl zusammengekommen war, und eruiert, dass dem nicht so war. Der Thäter blieb unausgeforscht, uud der Tod der K l i m a siel der Vergessenheit anheim. Da wurde die Oeffentlichkeit durch ein anderes Ereignis aufgerüttelt, durch den Mord an Agnes Hruza, und als der Verdacht auf Leopold Hülsner fiel, wendete sich gegen ihn auch der Verdacht in Ansehung der K l i m a. Als weiter atn 1. December 1899 die Kleider der Klima gefunden und die Umstünde auf die Identität der Mörder hiuwiesen, wurden Erhebungen gepflogen, deren Ergebnis war, dass man Leopold Hülsner mit Begründung der Mitschuld an der Ermordung der Maria Klima bezichtigen kann. Er leugnet entschieden die That, er bestreitet, die Klima gekannt und mit ihr verkehrt zu haben, insbesondere am 17. Juni 1898, behauptet, an diesem Tage in Jglau geweilt zu haben. Doch diese seine Angaben stehen mit den durch zahlreiche Zeugen erhärteten Umständen in Widerspruch. Schon nach dem Verschwinden der Klima wurde ihrer Mutter zugetrageu, Marie Klima sei entweder in Zhor auf dem Jahrmärkte oder iin Brzezinawalde bei einem Ausfluge gewesen. Es gelang, eine große Menge von Zeugen auszuforschen welche mit Bestimmtheit Nachweisen, dass Leopold Hülsner am 17. Juli 1898 bis in die Nacht hinein bei Marie Klima war, mit ihr getanzt und sich mit ihr unterhalten habe, kurz sich so benommen habe, als ob er ihr Liebhaber wäre. Dies wird durch folgenden Umstand erwiesen: Joseph Burda, Müller in einer unterhalb der herrschaftlichen Wälder gelegenen Mühle in Bor, traf am 17. Juli 1898 etwa nach '/,10 Uhr vormittags mit der Klima bei der oberen Brücke in Polna zusammen und glaubte, dass sie zu Richard Czump l nach Zavorna gehe, dem sie wie es hieß, nachgieng. Zufälligerweise war der Tischler Thaddäus B e c e r a in Polna Zeuge dieses Zusammentreffens des Burda mit der 5k l i m a. Etwa um die zwölfte Mittagsstunde, als eben die Leute aus der Kirche giengen, sah der Zeugeden ihm persönlich bekannten Leopold Hülsner mit einem Landmädchen. Dem Zeugen siel auf, dass Hülsner auf der Straße, die nach Zhor führt, das Mädchen an sich drückte. Als Beide an ihm vorübergiengen sagte er: Schaut nur den Juden an, wie ersichaneinsolches Mädchen anschmeißen will,"und in diesem Augenblicke erkannte er in dem Mädchen dieselbe Person, Einheit zu verschmelzen (obwohl wir in Betreff des letzten Punktes anderer Meinung sind, indem jene disparaten Elemente eben schlechterdings unvereinbar sind). Nicht minder berühmt ist seine „Harzreise", mit welcher blütenduftigen Dichtung er schonungslos allen Zopf und tobte Gelehrsamkeit verspottete. Dazu tritt dann noch als sehr wirksames Element das Religiöse, die rücksichtslose Opposition gegen das orthodoxe Christenthum, der Kampf für das Hellencnthum und dessen Pantheismus. Und sclbst auf dem furchtbaren Schmerzenslager, das schliesslich von seinem Körper kaum mehr als Kopf und Hände übrig ließ, als er sich iu den stärksten Wuthausbrüchen, wie man wohl sagen darf, gegen den Glauben an Jehova ergieng, blieb ihm in all seinem Elend doch noch ein stolzes, unerschütterliches Selbstbewusstsein, das ihn, wenigstens zeitweise, über alle körperlichen Qualen hinwegtänschte. Der Tod musste diesem unruhigen, von härtesten Widersprüchen gepeinigten, von glühendem Idealismus beseelten und doch wieder von starker Sinnlichkeit beherrschten Dichter, der, mehr als in eineni Sinne, heimatlos auf Erden hernmirrte und der trotz des bitteren Spottes, den er auf Deutschland aus vollen Schalen ergoss, es vielleicht mehr liebte, als mancher patriotischer Tugendheld, der mit den höchsten Gaben von der Muse ausgestattet war, und dem es doch nicht gelang, sich zu harmonischer Einheitlichkeit durchzuringen, als ein wahrer Erlöser erscheinen. Es ist keine Ueberhebung, wenn er beim Scheiden von seiner Geliebten sagt: Wir scheiden heut Auf immerdar. Kein Wiederseh'n Gibt es für unin Himmelshöh'n. Die Schönheit ist dem Staub verfallen, Du wirst zerstieben, wirst verhallen. Viel anderist es mit Poeten, Die kann der Tod nicht gänzlich tödten. Uns trifft nicht weltliche Vernichtung, Wir leben fort im Land der Dichtung, In Avalun, dem Feenreiche — Leb' wohl, auf ewig, schöne Leiche. Einen noch tieferen Einfluss als Heine hat Ludwig Börne auf die Literatur ausgeübt, schon deshalb, weil er mehr ein energischer uud gewandter Publicist und ästhetischer Kritiker war, während sich die scharfen Spitzen und Ausfälle des genialen Düsseldorfers öfter für blödere Augen unbemerkt zwischen duftenden Blumen der Poesie versteckten. Dazu kam ein ausgesprochenes social-politisches Interesse bei Börne, das, wenigstens in dieser Schärfe uud so bedingt durch Aeußerlichkeiteu, srineni berühmten Zeitgenossen entschieden abgieng. Bon den eigentlich jüdischen Traditionen befreite er sich schon als Knabe, er stürzte sich mit Lust in den vollen Strom des Menschenlebens und suchte durch unmittelbare Fühlung mit dem Volke, dem der aristokratische Heine so gerne aus dem Wege gieng, seinen Gesichtskreis zu erweitern und sein physiologisches Verständnis für die streitenden socialen Ideen und Factvren zu vertiefen. Unter der französischen Herrschaft hatte er die Judenemancipation miterlebt, aber durch die Reaction nach den Freiheitskriegen sein Amt (er bekleidete die Stellung eines Polizei- Actuars) wieder verloren. Ueberall glaubte er deshalb, wie unser Kritiker erklärt, als die wahre Ursache dieser e> schütternden Begebenheiten die tiefe Kluft zu erkennen, die zwischen der Masse des Volkes und der geistig Hochstehenden klaffte. So griff er zur Feder, so wurde ec Journalist und gründete die .Wage", um diese Kluft zu überbrücken. Ec wollte die Scheidewände zwischen Kunst, Wissenschaft und Leben niederreißen. Der Privatmensch sollte zugleich Bürger sein, und die rauhe Bürgertugend sollte durch die Theilnahme an dem Genuss von Kunst und Wissenschaft gemildert werden. Dem Socialmenschen Börne kam es gar nicht sonderlich darauf an, ob der Geistesstrom flacher wurde, wenn er sich nur desto weiter über das Land verbreitete. Die Politik stand ihm ursprünglich keineswegs so im Vordergrund, wie tu den späteren Jahren, wenigstens nicht, solange er die Hoffnung auf eine friedliche und freiheitliche Weiterentwicklung der innerdeutschen Institutionen noch nicht verloren hatte. Aber selbst, als die Enttäuschung gekommen war und der Wirbelwind politischer Leident ihn mit sich fortriß, konnte er noch in seinem Briefe an Cotta es zwar als einen Fehler, aber auch als eine Tugend der Deutschen bezeichnen, dass sie die lebende Geschichte wie eine Metaphysik behandelten. Er wollte ihnen diese Tugend ursprünglich durchaus nicht nehmen, sondern sie nur durch die Fähigkeit ergänzt sehen, auch wieder umgekehrt den metaphysischen Ideen einen lebendigen Körper anzubildeu und sie aus der Welt der Bücher in die Welt der Thatsachen zu verpflanzen. (HI, 14). Diese durchaus lobenswerte populäre Tendenz, Bildung und Humanität und dazu auch politisches Verständnis und Interessen in die breiten Volksschichten zu tragen, wobei gerade der egoistische Individualismus der Romantiker nicht selten bitter gegeiselt wurde, sollte freilich von einer anderen Stimmung abgelöst werden, die in ihm durch die Jnli-Revoluüvu vom Jahre 1830 aufkam. War er bislang ein überzeugter und warmer Vertreter eines allseitigen Ausgleiches der verschiedenen socialen Stimmungen, so wurde er nunmehr zu einem ebenso begeisterten Verkünder der großen Europa erschütternden Bewegrurg; die enge Fühlung mit der unmittelbaren Wirklichkeit verwandelte sich geradezu zir einer mystischen Weltflncht und zu einer seltsamen katholisch-demokratischen Socialromantik. Nrcht minder berühmt wurde dieser rastlose Agitator dadurch, dass er, vielfach unter Anknüpfung an Jean Paul, die Grundsätze einer modernen Aesthetik entwickelte. Indem er sich in fernstem Gegensatz zu Goethe, den Olympier, stellte, der von erhabener Höhe aus die bunte Flucht der Erscheinungen au seinem inneren Auge ohne leidenschaftliche Theilnahme vorüberziehen ließ, schrieb er über den Altmeister: Goethe hasset alles Werden, jede Bewegung, weil das Werdende und das Bewegte sich zu seinem Kunstwerk eignet, das er nach seiner Weise fassen und bequem genießen kann. Für den wahren Knnstphilvsophen aber gibt es nichts Werdendes noch Bewegtes; denn das Werdende in jedem Punkt der Zeit, das Bewegte in jedem Punkt des Raumes, den es durchläuft, ist in diesem Punkte der schnelle Blick, der ein so kurzes Dasein aufzufassen vermag, und es als Kunstwerk erkennt. Uud Lnblinskr fügt hinzu: Schwerlich ahnte Ludwig Börne, als er diese bedeutungsvollen Worte niederschrieb, dass er damit das ästhetische Ideal einer neue» Zeit einleitete und ein Grundprincip anfstellte, ans welches die deutsche Dichtung des 19. Jahrhunderts immer wieder zurückkam. (Schluss folgt.)

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