Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 43 (26.10.1900)
- Date
- 1900-10-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JUbßrfton: VI1I/1, Schttthrlgaste U* Ehr«chftm»de«r ft» Etagmtagtn Don 10 bi« 1»Uhr vormittag«; an Sonntag«, von 11 bi« 1« Uhr vormittag«. pofUMT*: Jüdische« «olttdlatt, «Sir», VIII,1. Vrschwrrdrn weg«, versvitteter oder gar nicht erfolgter Zuftellung erbitten wir un« dringend. — Mamiseridte werde» nicht zurttckseftelU. Postsparcassen-Lont» St?vS7. In da« Abonnement kann man täglich eintreten. Crscheint jeden Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen DvlKvvrrrin erwAHNen Prrssrommisftvn. Jirserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Duke«, Haas»» stet« ie Bögler, Rudolf Moste, ft. Oppelik, M. Pozsonhi, ft. Schale! tu Wien, fenier alle ftnuoncen-Expedittonen im Nurlande. Einzel-Nummer in Wie« I« Heller. Administration: YIII/1, SchlShelgftW U. Abouuemeut-Preis: gür Wie« », Oesteeretch-Uug«« lammt Francozustellung. Ganzjährig . . «r. 8.— Halbjährig. vierteljährig. 4.— ffl* d»« O«s«««te A»«k»»d sa««t FraNeoznstellNNG. »»azjilhrig.IN. Halbjährig ...... ««teljähri,. 4.K0 »JS Kr. 43 Wir«, 86. Oclodrr 1900. 11. Katzrganr. SSt eines, dass junges Blut in den alten Körper einströmen, dass ein frisches modernes Element ihm zugeführt werden müsse. Es gieng nicht mehr an, dass die Alten, die nur Capital und Vermögen repräsentierten, einzig und allein die Herrschaft in der Cultusgemeinde ausübten, obwohl sie keine Fühlung mit dem jüdischen Mittelstände und keine Ahnung von seinen Bedürfnissen hatten. Der »Jüdische Volksverein" verlangte von den Candidaten in den Cultusvorstand eine Stellungnahme zu feinem Programm. Sie haben sämmtlich ihr Einverständnis mit demselben vor ihren Wählern in einer großen Versammlung kundgethan und leisteten das Gelöbnis, für die Durchführung desselben einzutreten, wenn sie das Vertrauen der Judenschaft in den Vorstand berufen sollte. Dass die Herren ihr Versprechen nicht hielten, geht zur Genüge daraus hervor, dass heute, wo sie wieder vor ihre Wähler treten und um ihre Stimme bitten, die alten Zustände aus der Gemeindestube nicht gewichen sind. Der Cultusgemeinde neue Einnahmequellen zu eröffnen, hat man nie Sorge getragen: sie ist nach wie vor von den milden Gaben abhängig, mit denen sich mancher von seinen Pflichten gegen sein Volksthum loskauft. Das Armenmesen liegt ganz darnieder, und das Stiftungswesen entbehrt jeder Ordnung und Organisation. Die Pflege des jüdischen Geistes und des Zusammengehörigkeits-Gefühls mit dem jüdischen Volke wurde außeracht gesetzt, ebenso die Verbesserung des Religions-Unterrichtes unterlassen, der zu einer öden Farce herabgesunken ist und die Jugend dem Judenthum nur entfremdet, statt sie dieses lieben zu lehren. Die Schaffung von unentgeltlichen Gottesdiensten für die . ärmere Bevölkerung stellte sich als großes Bedürfnis heraus: Grund genug für den Cuttusvorstand, nach dieser Richtung gar nichts zu unternehmen. Und in den großen Fragen endlich, welche unsere bewegte Zeit an das Judenthum und seine Vertreter stellte, blieb die Cultusgemeinde die „große Stumme", während die Wortführer der anderen Confessionen zu jeder politischen oder ökonomischen Frage Stellung nahmen. Der Gemeindebund, der mit viel Lärm ins Leben trat, hat bisher kein Lebenszeichen gegeben. Kurz, Verfall und Zerfall an allen Enden. Doch nein, eine Neuerung fand in die Gemeindestube Eingang, d. h. sie erzwang ihn, die Wahlreform, die von der Judenschaft stürmisch begehrt wurde und die nicht mehr verweigert iverden konnte. Die neue Wahlordnung wurde geschaffen, die Interessen des Mittelstandes aber vergessen. Statt des allgemeinen Wahlrechtes wurde eine privilegierte Curie ins Leben gerufen, welche den wenigen Höchstbesteuerten allen Einfluss auf die Gemeinde- Angelegenheiten auslieferte. ES ist kennzeichnend für die Richtung, welche diese Wahlreform einschlug, dass einer der Rechtesten deS rechten Flügels, Dr. Stern, seine warnende Stimme gegen sie erheben zu müssen glaubte. Ist jene nun an sich schon unehrlich und ihre Handhabung unehrlich, der eingestandene Zweck war doch der, dem CultuSvorstande durch neue Elemente neues Leben einzuflößen. Aber was geschieht nun? Hat die Bevölkerung auf die Wahlen in der privilegierten Curie keinen Einfluss, so gedenkt -man nun auch, die Alten, Erbgesessenen mit den Mandaten der unteren Curie zu bekleiden. So wird eine Wahlreform, die ohnehin die Rechte der unteren Schichte kürzt, noch außerdem zu Ungunsten derselben missbraucht. Hier muss gründlich Remedur geschaffen werden. Was die bisherigen Machthaber der Cultusgemeinde, hie in der Einbildung leben, dass die jüdische Gemeinde-Vertretung nur dazu da sei, um ihnen Ehrenstellen zu bieten, nicht einsehen wollen, das muss ihnen endlich beigebracht werden. Wenn man schon aus Opportunitäts-Gründen damit einverstanden ist, dass den höheren Ständen unter den Juden ein gewisser EinfiufS gewahrt bleibe, wenn man schon mit der Schaffung der privilegierten Cune aus Gründen der Nützlichkeit sich abfindet, so muss män entschieden dafür eintreten, dass wenigstens eine Curie da sei, die für neu; Männer frei bleibt. Das muss gesagt und dafür kann gesorgt werden, wenn die jüdische Bevölkerung sich rührt und energisch in den Wahlkampf eintritt, um den Interessen der breiten Masse und ihren Vertretern zum Siege zu verhelfen. Der Proeess in Pifek. Abermals findet, diesmal in Pisek. weit weg vom angeblichen Thatorte, die Verhandlung gegen Leopold Hüls n e r statt, welcher beschuldigt wird, unter gleichen Umständen die Mädchen Hruza und Klima ermordet zu haben. Vorerst hieß es, H ü l S n e r habe nur die H r u z a gemordet, und dies benutzten gewissenlose und nicht uninteressierte Agitatoren dazu, um eine Hetze einzuleiten, indem sie nnter der unwissenden Bevölkerung den Glauben verbreiteten, der Mord sei von den Juden zu rituellen Zwecken vollführt worden. Die Anklage, welche neuerlich auch wegen Ermordung der Klima gegen Hülsner erhoben wird, entzieht aber den antitisemitischen Verleumdungen und Lügen auch den letzten Schein von Wahrscheinlichkeit, denn sie lässt den HülSner als ein geschlechtlicy anormales Individuum erscheinen, welches die ungeheuerliche That in einem krankhaften Zustande begangen hätte. Ob Zu den Cullustvahlen. M. Zwei Jahre sind seit den letzten Cultuswahlen verflossen. Sie trugen ein ganz anderes Gepräge, als.^ man es von altersher bei Wahlen in eine Körperschaft gewöhnt, deren Gebaren nicht dazu angethan war, das Interesse einer größeren Oeffentlichkeit zu erregen und in Athem zu hatten. Zum erstenmale war in den Wahlkampf ein Element eingetreten, das sich dagegen bäumte, dass der Cuttusvorstand nichts anderes sei, als eine zur Erledigung ausschließlich administrativer Geschäfte bestimmte Behörde, eine Vereinigung von Altvorderen, deren Ruhebedürfnis in grellem Missklang stand zu dem harten Lebenskämpfe, den ihre armen Brüder zu kämpfen hatten. Der »Jüdische Volksverein" war es, der im Bunde mit den vereinigten Tempelvereinen und anderen Corporationen vor der Oeffentlichkeit ein Programm vertrat, in welchem der dringende Wunsch ausgesprochen wurde, dass der Cuttusvorstand in dieser Zeit der Roth und des Druckes einen Hort und einen Schutz bedeuten, dass er der berufene Führer und Schützer der Judenschaft in geistiger und materieller Hinsicht werden müsse. Von diesem Gedanken geleitet, forderte der »Jüdische Volksverein" eine Reihe von Reformen, deren Mangel im Verwaltungssystem der Cultusgemeinde sich erheblich fühlbar gemacht hatte und deren Einführung in lauten Beschwerden der breiten Bevölkerung als unumgänglich nöthig erkannt worden war. Diese betrafen vornehmlich: 1. Die Erweiterung des Wahlrechtes und die Herabsetzung der niedrigsten Steuergrenze. 2. Die Abänderung der derzeit geltenden Wahlordnung in der Weise, dass ein jeder Bezirk seine eigene Vertretung in den Cuttusvorstand wählt und entsendet. 3. Schaffung eigener Bezirks-Cultusausschüsse zur selbständigen Durchführung der Bezirks - Cultusangelegenheilen. 4. Die Vermehrung der Zahl der Cultusoorstände von 24 auf 36 Mitglieder. 5. Pflege des jüdischen Geistes und des Zusammengehörigkeits-Gefühles mit dem jüdischen Volke, durch gründliche Lehre der jüdischen Geschichte, sowie Verbesserung des hebräischen Unterrichtes ohne Mehrbelastung der Schüler. 6. Reform des Armenwesens (Elberfelder System). Bestellung von Bezirks-Armenräthen und Errichtung einer unentgeltlichen Arbeils- und Stellenvermittlung. Wenn auch die Principien der vorzuuehmenden Wahlreform nicht festgelegt waren, so wusste man doch Der jüdische Nufluss auf dir deutsche Literatur des «ermzehirtrn Jahrhunderts?) Von Prof. Dr. Acheli-, Bremen. Gegenüber einem so vielseitigen Thema, wie dem vorliegenden, bedarf es wohl keiner besonderen Begründung. dass wir es nur mit der Skizzierung einiger wesentlicher Strömungen zu thuu haben, die für das geistige Leben jenes Zeitalters in Betracht kommen; aller Eingehen in da» Detail und gar alle Polemik verbietet sich von selbst. Es scheint unS am zweckmäßigsten, an einige mächtige Persönlichkeiten, die sich thnrmtwch über ihre Zeitgenossen erheben und eine ganze Richtung der Literatur entweder begründen oder doch wenigstens eigenartig vertreten, unsere Betrachtung anzulchnen, indem wir freilich für das nachfühlende sympathetische Verständnis auf die Lecture ihrer Werke selbst verweisen müssen. Mehr als eine Anregung kann unseres Erachtens eine derartige Schilderung überhaupt nicht geben — ist uns das gelungen, so halten wir in der Hauptsache nufere Aufgabe für gelöst. Diese drei Gestalten des deutschen DichterwaldcS sind: Heine, Börne und Auerbach. Heine ist trotz seines Uebertrittes zur christlichen Kirche mit seinem ganzen Denken und Empfinden ein echter Jude, ebenso tvie er unzweifelhaft trotz seines ingrimmigen Sarkasmus und der herben Berstandeskritik, die er gelegentlich an aller sentinientalen Ueberschwcnglichkeit ausführt, zur romantischen Schule gehört. Schon die tiefen, empfindlichen Widersprüche seines Wesens, auf der einen Seite die Vorliebe für Mystik, für Naturbeseelung, auf der anderen die Neigung zu Apercus, zu bitterem Spott, der unausgeglichene Kampf zwischen Siun- *) Mit Rücksicht auf das Werk von S. L u b l i n s k i: „Literatur und Gesellschaft im 19. Jahrhundert". Berlin, Siegst. C r o n b a ch, 1899. 4 Bände. lichkeit und hohem Idealismus verweist ihn in die Reihe jener geistigen Agitatoren, die bei allem Mangel positiver Ergebnisse doch unseren Horizont nach den verschiedensten Seiten hin unendlich erweitert haben. Dass er, als Jude, für das Mittelalter nicht schwärmen konnte, liegt, wie Lnblinski schnibt, auf der Hand. Die äußeren Hindernisse auf seiner Lebensbahn kamen gerade aus den Resten der mittelalterlichen Gesetzgebung, ans dem im schroffsten Sinne aristokratischen Kasten- und Ständegeiste, der nach den Freiheitskriegen in Deutschland wieder emporwncherte. Heine huldigte Zeit seines Lebens eigentlich nur dem Cult der großen Persönlichkeit, und sein heißer, übrigens echt romantischer Drang war darauf gerichtet, seine Individualität ausznleben und, als Lebenskünstler im großen Stile, alles aus sich herauszuholen, was in ihm lag. Ganz offen hat er mehr als einmal bekannt, dass er die politischen Parteibestrebnngen nur nach seinem persönlichen Interesse beurtheile; nur dadurch, meint er, könnte das Abstracte, Doctrinäre und Unwahre in der Politik vermieden werden. Jedenfalls brachte ihn seine Abstammung als Jude fortwährend mit den öffentlichen Zuständen in Conflict, und er war sich über die Unmöglichkeit, in Deutschland nach den Freiheitskriegen ein ästhetisches Stillleben zu führen, frühzeitig völlig klar. Sein persönliches Interesse zwang ihn, sich mit der Politik öffentlich auseinanderzusttzen, und verbot diesem Bollblutromantiker jede Schwärmerei für mittelalterliche Herrlichkeit. Nur der Liberalismus jener Tage konnte seinen thatsächlichen, aber freilich nicht seinen poetischen Interessen Genüge leisten. Der Rationalismus des achtzehnten Jahrhunderts widerstand ihm natürlich, dem doch immerhin der Duft der blauen Blume tief inS Herz gedruugeu war. Heine war zu stark, zu groß, zu genial, um sich eine Spaltung seines romantischen Ideals, etwa! in umgkkehrter Richtung, wie Freiherr von Schlegel, gefallen zu lassen, indem er das Poetische wegwarf und sich als ein witziger publicistischer Klopffechter iu die Reihen der Literaten' i einstellte. (II. 113.) In dieser verhängnisvollen Klemme ergriff Heine den naheliegenden Ausweg, er verherrlichte mit der ganzen Glut seiner zu Herzen dringenden Begeisterung die französische Revolution, die für ihn die mondbeglär.zte Zaubernacht der Romantiker wurde, und so wurde er der prophetische Vorläufer des mächtigen Sturmes im Bölkerfrühling des Jahres 1848. Was dieser mit glänzender Phantasie ansgestattete Dichter als Lyriker geleistet hat, der die stumme Natur wieder trotz aller Naturwissenschaften znm Reden zwingt und alle Geheimnisse seines Herzens ihr anvertraut, ist bekannt genug, um ausführlich besprochen zu werden. Den unendlichen Reichthum des Natnrlebens weiß er vor unseren Augen zu entrollen und auf den Flügeln des Gesanges trägt er uns von den heimlichen Stätten unserer vaterländischen Scenerie fern nach dem uralten Wunderland Indien, an die heiligen Fluten des Ganges, wo er Herz und Sinne mit schmeichelnden Tönen in einen süßen Traum einzulnüen versteht. Mit unnachahmlicher Virtuosität und grandioser Kühnheit hat er die Naturbeseelnug, dies Cardinalproblem der echten Dichtkunst, erfaßt und verwirklicht, obschott manche Uebertreibung für ein schärferes psychologisches Empfinden mit unterläuft. Bekanntlich haben die »Reisebilder" den. poetischen Ruf Heines begründet und ihm durch die seltene Vereinigung von Witz und Lyrik, von Mystik und Sarkasmus den Namen des deutschen Aristophanes eingetragen. Auch besaß er unzweifelhaft Verständnis für das deutsche Volkslied, dessen Tiefen er freilich nicht erschöpfte, weil er sich immer wieder zufolge seinereizbaren Temperaments über die Einfachheit des schlichten Gefühls zu einem rein subjectiven Ansdruck erhob, und zwar meist zu einem verstandesmäßigen Urtheil, das eben damit den naiven Neiz der einfachen Empfindung plötzlich zerstörte. Typisch ist der für die im Uebrigen ja wundervolle Phantasie!deS »Seegespenstes". Insofern dürfen wir unserem Gewährsmann Recht geben, wenn er schreibt, dass Heine das Volkslied dazu verwendet habe, modernste, cvmplicierteste Empfindungen des gebildeten Galonmenschen auszudrücken, Naivetät und Naffiuement zusammenzu zwingen und als einziger Romantiker zu jener organischen