Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 12. October 1900 Seite 5 tudienreise nach Italien für jüdische Bildhauer aus. weite Michael Beer-Preis in gleicher Höhe ist für Musiker estimmt, desgleichen der Preis der Giacomo Meyerbeer- Stiftung für Tonkünstler in Höhe von 4500 Mark zu einer eineinhalbjährigen Studienreise. Die Zuerkennung des letzteren Preises wird voraussichtlich erst im Jahre 1902 erfolgen, die der übrigen bereits im März 1901. Berlin, 2. October. („R abbi David" — verboten.) Die Aufführung des bekannten Dramas „Rabbi David", dessen Mittelpunkt eine „R i t u a l m o r d" - Bezichtigung bildet, in einem hiesigen Theater war von der Censurbehörde verboten worden, weil Ruhestörungen befürchtet wurden. Der Bezirksausschuss, bei dem Beschwerde geführt wurde, vernahm den zuständigen Polizeilieutenant über das in dem betreffenden Theater verkehrende Publicum und hob auf dessen Bekundung, dass „radaulustige" Leute dasselbe nicht besuchen, das Verbot auf. Vor dem Ober-Verwaltungsgericht suchte der neue Censor, Regierungsrath D u m r a t h, nachzuweisen, dass es bei der Ausführung des Stückes zu Ruhestörungen kommen werde, da dre Ermordung des Gymnasiasten Winter in Könitz überall große Erregung hervorgerufen habe. Als in der Gegend des in Rede stehenden Theaters vor einiger Zeit eine freisinnige Versammlung zur Besprechung der Dreyfus-Angelegenheit einberufen worden sei, hätten die Antisemiten sich zahlreich eingefunden und es sei zu solch stürmischen Auseinandersetzungen gekommen, dass der Vorsitzende die Versammlung vorzeitig habe schließen müssen. Das Ober-Verwaltungsgericht bestätigte jedoch die Vorentscheidung auf Freigabe des Stuckes. Berlin. (Zur S ch u l st a t i st i k in Preußen.) Die Veröffentlichungen der amtlichen preußischen Statistik gestatten uns jetzt bereits den Rückblick auf eine zehnjährige Periode des Schulwesens in Preußen, der auch für uns Juden in mannigfacher Hinsicht interessant ist. Die Zahl der Schulkinder betrug 1886 1891 1896 in der ganzen Bevölkerung 5242.378 5348.769 5685.186 bei den Juden 68.102 66.483 61.541 Es zeigt sich also bei beit Christen eine Steigerung um 8l/a Percent, dagegen bei den Juden eine directe Abnahme um 9a/g Percenr, trotzdem sich die jüdische Bevölkerung in dem gleichen Zeiträume von 366.575 auf 379.716 Seelen, also um 3% Percent vermehrt hat. Dabei muss noch in Betracht gezogen werden, dass die Zahl der jüdischen Kinder in den höheren Unterrichtsanstalten, sowohl in den Gymnasien, als in den Real- und höheren Mädchenschulen, ungefähr gleich geblieben ist und sich viel höher stellt, als bei den Nichtjuden, dass also eigentlich diese Statistik verhältnismäßig mehr jüdische Kinder aufweisen müsste, als nichtjüdische, denn von den erfteren haben 39 Perceut einen mindest neunjährigen Cursus und nur 61 Percent den sechsjährigen durchzumachen, bei den nichtjttdischen Kiuderu dagegen nur 3 Percent den längeren, aber 97 Perceut den kürzeren. Der Rückgang der jüdischen Schülerziffer ist besonders stark bei den jüdischen Schulen, deren Zahl sich von 318 im Jahre 1886 auf 244 im Jahre 1891 vermindert hat, während das Jahr 1896 die kleine Zunahme von 2 Schulen aufweist. Dementsprechend haben sich auch die Zahlen der in diesen Anstalten beschäftigten Lehrer vermindert, und zwar von 407 im Jahre 1886 auf 305 im Jahre 1891 und 308 im Jahre 1896. Paris. (Ein Brief Alfred Dreyfus.) Auf das Schreiben des Senators T r a r i e u x, Präsident der Liga der Menschenrechte, am 9. September aus Anlass des Jahrestages der Urtheilsfällung in Rennes an Alfred Dreyfus gerichtet, hat dieser mit folgendem Briefe geantwortet: „Cologny bei Genf, 13. September. . Mein Herr! Bei meiner Rückkehr von einem Spaziergange in der Umgebung von Genf habe ich ihren Brief vorqefnnden, der mich in der traurigen Jahreswende des Urtheils, bas in Rennes gegen jede Gerechtigkeit und unter Missachtung der Evidenz gefallt worden war, tief gerührt hat. Dieser von Hochherzigkeit und Edelsinn eingegebene Brief ist gleichzeitig eine rührende Huldigung für die Sache der Gerechtigkeit; ich danke Ihnen dafür aus vollem Herzen. Ich war .auch tief bewegt, zu sehen, wie sehr Sie meine Seele durchdrungen und alles begriffen haben, was in meinem Leben noch traurig und schmerzlich ist. Gewiss habe ich die Freiheit wiedererlangt, die Alleinigen nach so vielen Jahren furchtbarer Trennung wiedergefunden, zahlreiche, noch in Rennes unbekannte Freunde gesunden, die getreu den Prineipien Frankreichs von Recht und Gerechtigkeit mit so viel Muth die Vertheidigung eines Unschuldigen übernommen hatten. Ich habe aber während fünf Jahre eines furchtbaren Martyriums für die Ehre gelebt. Nun bestehen die moralischen Folgen der Ungerechtigkeit noch fort, die innere Qual ist noch immer gleich groß, die Gerechtigkeit ist noch immer nicht zu ihrem Rechte gelangt. Das Ziel, das ich verfolge, bleibt also unverändert, bis es erreicht ist, die gesetzliche Revision meines Proceffes. Die Liga, deren Präsident Sie sind, hat eine große und edle Ausgabe übernommen, die, allen Opfern der Ungerechtigkeit eine hilfreiche Hand zu bieten, und ich bin mit Leib und Seele mit Ihnen in diesem bewunderungswürdigen Werke menschlicher Solidarität und Brüderlichkeit. — Nochmals Dank und glauben Sie an meine tiefe Hingebung und meine volle Dankbarkeit. A. D r e y f u s." Dieser Brief ruft unter den Nationalisten und Antisemiten wahre Wuthansälle hervor, da Dreyfus darin seine feste Absicht ankündigt, unentwegt die gesetzliche Revision des Proceffes von Rennes zu verfolgen. Rochefort hat plötzlich wieder eine Menge neue Schimpfwörter gefunden, und die „Libre Parole“ rührt die Lärmtrommel, um alle Patrioten für den bevorstehenden neuen Angriff der Juden aus Köln und Frankfurt zu sammeln. Paris. Bei dem anlässlich der Ausstellung hier veranstalteten „Welt-Wettturnen" hat Herr Genserowski, Mitglied des Jüdischen Turnvereines „Bar Kochba" in Berlin, den ersten Preis erlangt. Paris, 26. September. (Eine christliche Ritualmord-Affaire.) Eine Ritualmord-Aff aire spielt auf der — Sinai-Halbinsel, und die des Gebrauches von Mohammedanerblut Beschuldigten sind die — Mönche des Klosters ans dem Berge Sinai! Die Zeitschrift „Le Catholique“ berichtet darüber wie folgt: Z u l e i k a, die 16jährige Tochter des frommen und reichen A ch m e d, der zahlreiche Kameele sein eigen nannte, war so schön, dass Reisende aus Alexandrien dem glücklichen Vater gerathen hadert, sie dem Chediw vvrzukühren, welcher sie gewiss unter die Zahl seiner Frauen aufneymen werde. Alle Vorbereitungen wurden getroffen, und am folgenden Tage sollte die Abreise nach Aegypten erfolgen, als Der ' Zuleika des Abends auf Nimmerwiedersehen verschwand. Achmed, der ebenso schlau wie gottesfürchtig war, schlug jedoch keinen Lärm. In dem Glauben, seine Tochter sei von Räubern entführt worden, um in den Harem eines reichen Paschas verkauft zu werden, schulterte er sein Gewehr und schlich am Fuße des Sinai, wo Zuleika zum letzteninal gesehen wurde, allnächtlich wie ein Luchs umher. Da passierte einige Tage später ein zweites unerklärliches Ereignis: Achmed wurde in der Nähe des christlichen Friedhofes des Sinai-Klosters mit mehreren Stichwunden im Rücken todt aufgefunden. Nun stand es bei den Beduinen fest, dass die Mörder niemand anders als — die Mönche des Sinai- Klosters seien, welche das Blut der Giaurs zu religiösen Zwecken verwendeten. Die Aufregung unter den Beduinen steigerte sich, und eines Tages drangen sie gewaltsam auf den Friedhof, erbrachen ein frisches Grab und förderten aus demselben den frisch erhaltenen Körper der schönen Zuleika zutage. Mehrere Beduinen schworen heilige Eide, dass der Körper deutliche Spuren einer vorgenommenen Blutabzapfung aufwies. Die Blutrache wurde proclamiert, und die unglücklichen Mönche mussten zwei Wochen lang die festen Mauern ihres Klosters Tag und Nacht mit den Waffen in der Hand gegen die wüthend anstürmenden Beduinen vertheidigen, bis endlich Truppen aus Aegypten erschienen und sie aus ihrer gefährlichen Lage befreiten. Uever den schließlichen Ausgang der Affaire berichtet „Le Catholique" nichts. Zu den Mähr.-Osirauer Gemeinderathswahlen. (Orig.-Corr. des „Jüd. Volksblatt".) Mähr.-Ostrau, 10. October I960. Für die jüdischen Wähler wurde die Wahlparole in einer Ende September abgehaltenen Versammlung des „Deutschen Vereines" gegeben. Der Schriftführer dieses Vereine-, eine der Hauptstützen des deutschliberalen Regimes in Mähr.-Ostrau, Herr Dr. Hilf, ist zugleich das hervorragendste Mitglied des Ausschusses der israelitischen Cultusgemeinve und Vertreter der Ostrauer Cultusgemeinde im israelitischen Gemeindebunde. Er kann also füglich als Führer der Juden angesehen werden. Dieser Herr Dr. Hilf stellte als Haupt princip aller Wahlaction auf: Die Erhaltung des deutschen Charakters der Stadt Mähr.-Ostrau, womit er das unbedingte Eintreten der Juden für daS Deutschthum, und direct sogar das Zudrücken eines, oder wenigstens eines halben Auges puncto Stellung der Eandidaten zum Antisemitismus meinte Herr Dr. Hilf sagte als Jude zu den Ostrauer jüdischen Wählern: „Das Hauptprincip ist die Erhaltung des deutschen Charakters." Wir wollen nicht mit einem liberalen Führer mosaischer Confession polemisieren, wir wollen nur Thatsachen constatieren Wenn wir von den jüdischen Wählern abseben, müssen wir die Behauptung der czechischen Blätter als wahr anerkennen, dass in Mähr. - Ostrau eine czechische Majorität von einer deutsche y Minorität unterdrückt wird. Die jüdischen Stimmen sind es einzig und allein, die den Ausschlag geben. Was in der letzten Nummer dieses Blattes constatiert war, was eine längst bekannte Thatsache ist, wir wiederholen es noch einmal: Die Wahlen in Olmütz und Prossnitz, wo die Inden dasselbe Ihaten, was Herr Doctor Hilf jetzt den Ostrauer Juden anräth, waren die Ursache des Aggressivwerdens des czechischen Antisemitismus, sie waren der Anstoß zu jener Bewegung, die in den Holleschaner und Wsetiner Jndenkrawallen gipfelte. Die Ostrauer Juden, die zum größten Theile Handels- und Gewerbetreibende sind, haben alle Ursache, ein Aufflammen des czechischen Antisemitismus, der den wirtschaftlichen Boycott sehr gut zu Hand haben versteht, zu fürchten. Und es ist sicher, dass die Czechen sich an den Juden für deutsche Wahlen mit ihren ganzen Kräften rächen werden. Was tauschen die Juden gegen diese czechische Feind schaft, die die meisten von ihnen in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht, ein? Das denschliberale Regime für drei Jahre. Heute schon ist der, die Assimilation ablehnende „Deutsche Volksverein" in Mähr.-Ostrau durchaus kein Factor mehr, der außerhalb der Berechnung stünde, auch die deutsche Vertretung Ostraus, die einzig und allein den Juden ihr Dasein verdankt, hat ihre deutschnational-antisemitischen Ge meinderäthe. Und diese radical-nationale Gesinnung, die kein „Deutschthum mosaischer Confession" kennt, ist die Gesinnung der deutschen Jugend. Das ist das Los der Generation, die nach der beglückenden Thätigkeit unserer heutigen „ Führer" auf den Plan tritt: Todtftindschast, unversöhnlicher Hass bei den Czechen, und bei den Deutschen das eine Bestreben, die Juden von dem Wahnsinne zu befreien, als Deutsche auei> kannt werden zu wollen. Die Ostrauer Juden, und auch der selbstlose Theil ihrer Führer können nicht so verblendet sein, den ungeheuren Vvrtheil einer nationalen Organisation, die sich weder den Czechen noch den Deutschen verschreibt, sondern beiden o b j e c t i v gegenübersteht, nicht einzusehen. Es ist nicht möglich, dass sie sich nicht dessen bewusst sind, dass eine, beiden Nationen gegenüber freie Organisation, statt bedingungslosen Aufgehens in der Partei, auf deren Seite das Unrecht ist, ihnen wirtschaftliche und moralische Vortheile bringen müsste. Aber ist es den» unseren mährische» Juden um wirtschaftliche Bortheile, um Linderung der gesellschaftlichen Einengung, um Linderung des Hasses zu thun? Durchaus nicht! Nur um den Fetzen des deutschliberalen Programmes, das den Rassenpunkt nicht kennt, nur darum, „als Deutsche anerkannt zu werden." Der selbstlose Theil! Und der andere, dem ist er nicht einnial darum zu thun, sondern nur um den glänzenden Geschäftsgang seiner Kanzleien, Bank- und sonstigen öffentlichen und Coulissengeschäfte. Und weil diese unter dem deutschliberalen Regime am besten gedeihen, muss die Hauptsache der jüdischen Wahlaetion die Erhaltung des Deutschthums sein, wenn auch fünf Deutsche den Inden Dank sagen, und hundert ihnen dafür blutigen Hohn ins Gesicht schleudern, und wenn auch zeh», fünfzig, selbst hundert Juden ihren Vvrtheil davon haben, und an tausend Ostrauer und zehntausenden mährischen Juden die Ostrauer Wahlen gerächt werden. Ja, die, Erhaltung des Deutschthums sei Euch Hauptprincip! Und wenn Ihr die Czechen wie damals in Olmütz und Prossnitz wieder bis zur Raserei getrieben haben werdet, wenn trotz allen Eintretens für die liberale Partei und trotz aller liberalen Abgeordneten, selbst wenn diese sich auf die Köpfe stellen wollten, ein zweites Polna und Holleschau durch Eure Unvernunft vorbereitet wird, dann könnet Ihr wieder papierene Proteste fabricieren, statt den Ursachen auf den Grund zu gehen. Der Vortheil derjenigen, die sie predigen, mag die Mitarbeit an der Erhaltung des deutschen Charakters sein, der Vortheil der Masse der jüdischen Wähler, der jüdischen Gesammtheit ist diese Mitarbeit nicht. Und deswegen ist es höchste Zeit für die mährischen Juden, sich andere Führer zu wählen, die, wollen sie einmal Führer sein, ihr Interesse dem Gesammtintereffe unterznordnen verstehen. An den Juden ist es, endlich einmal die alten Phrasen fallen zu lassen, und mit o s f e n e n A u g e n an die Gegenwart und Zukunft zu denken. X. Zur Volkszählung, (Orig.-Corr. des „Jüd. Volksblatt.") Lemberg im October I960. Die 1901 in Oesterreich stattfindende allgemeine Volkszählung ist bereits mittelst Erlass des Ministers deS Innern vom 20. August l. I. auf den Monat Jänner k. I. festgesetzt. Vom gewissen Interesse für Ihren geschätzten Leserkreis dürften die in den bezüglichen Anmeldekarten auf Rubrik 13 enthaltenen Bestimmungen betreffs näherer Angabe der Nation alität und der Umgangssprache der sich anmeldenden Personen sein. Jeder Person erwächst nämlich die Pflicht der Benamung derjenigen Nationalität, der sie angehört, beziehungsweise angehören will, sowie derjenigen Sprache, deren sie sich im gewöhnlichen Leben bedient. Nach den erwähnten Ministerial-Vorschriften soll sie eine der nachbenannten, derzeit vom Staate anerkannten Sprachen sein, deusch, czechisch, mährisch, slowakisch, polnisch, ruthenisch, slovenisch, serbisch, kroatisch, italienisch, rumänisch, und in der Bukowina auch noch ungarisch. Um im gegebenen Falle constatieren zu können, welcher Sprache sich die anmeldende Partei gewöhnlich bedient, hat der amtierende Commissär hierüber einfach das Haupt der Familie zu befragen, keineswegs aber steht demselben irgendwelches Recht zu, so lauten die Vorschriften klar und deutlich, weder durch Fragen die Partei irgendwie irre zu machen, noch jemanden auf andere Weise eine Antwort (Erklärung) auf seine Fragen zu entlocken (suggerieren). Das „Jüdische Volksblatt" hat bereits in mehreren Artikeln in klarer und beredter Weise auf die hohe Bedeutung der nahe bevorstehenden Volkszählung für die österreichische Judenschaft hingewieseu. Es handelt sich in den beregten Aufsätzen darum, eine Bewegung unter der jüdischen Bürgerschaft hervorzurufen, um Zeichnung der jüdischen „Nationalität" und der jüdischen „Umgangssprache" in den betreffenden Meldezetteln zu erzielen. Zu diesem Behufs wurde an die Adresse der galizischen Gemeindetags-Comotiffion (in Lemberg), sowie an die jüdischen politischen Vereine in Wien appelliert, bei der Regierung Schritte zu thun, dass dieselbe sämmtliche berufenen Volkszählungs-Organe anweise, die jüdischerseits in den Rubriken „Nationalität", beziehungsweise „Umgangssprache" einzusetzende Erklärung „jüdisch" gehörig zu berücksichtigen und in den amtlichen Zusammenstellungen aufzunehmen und auszuweisen. Sobald diese Maßnahmen seitens der Regierung —und sie kann sie keineswegs verweigern — unter der jüdischen Bevölkerung bekannt werden wird, liegt die Annahme nahe, dass sich die große jüdische Volksmasse zur jüdischen Nationalität und ein großer Theil derselben auch zur jüdischen Umgangssprache freiwillig erklären wird. Im Uebrigen kann man doch mit Fug und Recht der großen jüdischen Volksmaffe, die beispielsweise in Galizien jüdisch lebt und jüdisch denkt, nicht zumuthen, dass sie sich als zur polnischen, ruthenischen oder deutschen Nationalität gehörig declariert! Ebenso verhält es sich in Bezug auf die Sprache. Die Juden bedienen sich wohl im Handel und Verkehre der Landessprachen, in ihrem Umgänge jedoch, in ihrem Familienkreise, im Bethause, in jüdischen öffentlichen Versammlungen sprechen sie jedoch zumeist das „Jüdtsche" oder den Jargon, der zum weit größeren Theile aus hebräischen oder altdeutschen Ausdrücken gebildet ist. Ein Beweis hierfür ist auch, dass die Gerichte in Galizien bei Verhörung jüdischer Zeugen oft bemüssigt sind, einen Dolmetsch für Jargon heranzuziehen. Der praktische Erfolg der jüdischen Zählung liegt aber darin, dass die Regierung im gegebenen Falle die jüdische Nationalität wieder recipieren und den anderen Nationalitäten gleichstellen werde. Erst dann, wenn dies eintritt, werden die Juden bei Besetzung öffentlicher Stellen nicht wie bisher einfach präteriert werden können, indem man von ihnen den Taufschein fordert, vielmehr werden sie wenigstens entsprechend ihrer Zahl berücksichtigt werden müssen. Geschieht ihnen auch da Unrecht, so werden ihre Vertreter in den legislativen Körperschaften für sie als für eine anerkannte Nation und nicht als einzeln versprengte Individuen offen und aufrichtig eintreten, und für ihre gekürzten Rechte eine Lanze einlegen. J. P. Eingesendet. (Für diese Rubrik übernimmt die Redaction keine Verantwortung. Jüdischer Turnverein! Der Erste Wiener jüdtsche Turnverein hat seine Turnabende eröffnet. Dieselben finden im Turnloeale I., Heßgasse 7 jeden Montag und Donnerstag von 8—ya 10 Uhr abends statt. Getreu seinen Priucipien steht nunmehr der Verein allen jenen jüdischen Mitbürgern offen, die durch Physische Bethätigung ihre