Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wirn, Freitag Jüdisches Volksblatt 13. Oktober 1900 Nr. 41 io. 200.- 200, 30, Chronik des Judenthnms. Inland. Wien. (Aus der öffentlichen Plenarsitzun deS Cultusvorstandes vom 7. October 1900 nute dem Vorsitze des Präsidenten Herrn kaiser lichen Rathes Klinger. — Beginn der Sitzun 10 Uhr vormittags.) Der Präsident eröffnet die Sitzung An Spenden sind eingelaufen von: Frau Julie Stern für den israelitischen Frauen- Wohlthätigkeitsverein.Kr. Herrn Moriz Edler v. Kuffner für Arme des XVI. und XVII. Bezirkes. „ Ehewra-Kadischa des XVI. und XVII. Bezirkes für Arme dieser Bezirke. „ Frau Josefine Paul-Schiff als Erlös einer Betsihkarte für das israelitische Taubstummeninstitut. . „ Herrn S. Karplus für den Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen ... „ Herrn Adolf Pollitzer zur Ausspeisung jüdischer Gefangener an den hohen jüdischen Feiertagen ... „ Herrn Moriz Eisler anlässlich der Verheiratung feiner Tochter: für die Chewra-Kadischa. „ „ „ Talmud» Thora. „ „ „ Armenanstalt. „ „ arme Waisenmädchen. „ „ Ausspeisung armer Schulkinder.... „ ,. den Verein zur Beförderung der Handwerke unter d. inländ. Israeliten . . „ „ das Taubstummeninstitut. „ Herrn Präsidenten kaiserlichen Rath Klinger für das Armen amt. 100.— Herrn I. Vicepräfidenten Dr. Alfred Stern für Wohlchätigkeitszwecke. Herrn kaiserlichen Rath Dr. Theodor Lieben als Enthebung von den Roschhaschono-Wünschen für Arme. Herrn Dr. Paul Hammerschlag als Erlös einer Betsitzkarte für Arme. Herrn Hermann Ritter v. Goldschmidt als Erlös von zwei Betsitzkarten für Arme. Herrn Philipp Frankl für verschiedene Wohlthätigkeitsanstalten. Sammelbüchse im Stadttempel für die palästinensischen Juden. Sammelbüchse im Leopoldstädter Tempel für die palästinensischen Juden. Den Spendern wird der Dank votiert. Im Einlaufe gelangen zur Verlesung: Eine Zuschrift des k. und k. 2. Corps-Commandos, mit welcher in Erledigung des Einschreitens des Cultusvorstandes über Ermächtigung des k. und k. Reichs-Kriegsministeriums bewilligt wird, dass die für den 3. October l. I. zur militärischen Ausbildung einberufenen Ersatzreservisten mosalscher Confession wegen des auf diesen Tag fallenden Versöhnungsfestes ausnahmsweise am 4. October l. I. einrücken können; eine Zuschrift des k. k. niederösterreichischen Landes-Schul rathes, mit welcher über Ersuchen des Cultusvorstandes verfügt wird, dass die am I. Leopoldstädter Staatsgymnasium für Dienstag den 2. October l. I., nachmittags, anberaumte Wiederholungs- Maturitätsprüfung mit Rücksicht auf das Versöhnungsfest auf den 4. October l. I. verlegt wird. Zu der durch das geänderte Gemeindestatut neugeschaffenen Sachlage in der Gemeindeverwaltung übergehend, lässt der Prästdent zunächst aus einein Berichte des I. Secretärs Herrn kaiserlichen Rathes Dr. Lieben constatieren, dass die Neuerungen principieller Natur folgende sind: 1. Die Vermehrung der Anzahl der Cultusvorstands- Mitglieder von 24 auf 36, sohin um 12 Mitglieder. (§ 5 Statut: 24 Mitglieder sind von der Gesammtheit der Wahlberechtigten und 12 von den Höherbesteuerten, das ist von jenen Wahlberechtigten zu wählen, welche eine Cultussteuer von 200 Kr. oder mehr entrichten.) 2. Die Schaffung von Bezirkscommissionen. (§ 36 Statut: Aus den Vertrauensmännern werden Bezirkscommissionen gebildet. Dieselben haben auf Grund einer vom Cultusvorstande zu erlassenden Geschäftsordnung Angelegenheiten ihres Wahlbezirkes zu berathen und diesfalls Anträge an den Cultusvorstand zu 5.- 10.— 100.— 20. 80, 50. 50, 50.— 50 100.— 10.- 20.- 30.- 200.— 114.79 8.89 mein Stolz und meine Freude. Sein feines, liebliches Aroma erfüllt nicht nur den Raum meines Gartens, sondern dringt hinaus weit über seine Mauern. Daran erquicken sich meine Nachbarn oft und wissen zuweilen nicht, wie sie mir dankbar sein sollen. „Aber woher nimmst Du denn alle diese verschiedenartigen Myrten, die ja aus aller Herren Ländern zu stammen scheinen?" »DieMyrthen verändern leichter als alle anderen Pflanzen ihre Gestalt und Form unter dem Einflüsse des Bodens, des Klimas und der Cultur. Und doch ist der Unterschied dieser Arten nur äußerlich. Nur die europäische Myrthe unterscheidet sich etwas stärker von der asiatischen, die Form der ersteren ist schlanker, eleganter, die letztere dagegen wirkt kräftiger auf das Gemüth. Aber erst wenn beide vereint werden, kommt der allerfeinfte Duft heraus*. .Mir scheint jedoch, dass der Myrthen zu wenig in Deinem Garten sind. Sie verlieren sich unter der Menge von Pflanzen, die Deinen Garten füllen. Warum ziehst Du nicht eine größere Anzahl von ihnen?" »Ich werde meine Mühe nicht schonen, aber das ist eine zarte Pflanze, die nicht immer und nicht überall gedeihen will. Sie bedarf des Lichtes und der Wärme, sonst muss sie verkümmern. Ach, wie viele herrliche, junge Reiser, jaus die ich einst große Hoffnungen setzte, sind mir im Wind und Wetter zugrunde gegangen!" Sie verstummte und ihr Haupt sank nieder mit dem Ausdruck tiefsten Seelenkummers. So verweilte sie einige Minuten unbeweglich in tiefes Brüten versunken. Doch plötzlich heiterten sich ihre edlen Züge auf. Sie schnitt von einem der nächsten Sträucher eine Myrthe ab, bekränzte damit ihr schönes Haupt und fragte: .Nicht wahr, es steht mir gut?" .Entzückend*, rief ich begeistert aus; sie war in der That berückend schön unter dem Schmucke des Kranzes, dass es mir war, als müsste ich vor ihr niederknieen. Aber .sie bemerkte meine Bewegung und hielt mich zurück. (Schluss folgt.) stellen. Auch haben sie über ihre Wahrnehmungen mindestens dreimal im Jahre an den Cultusvorstand Bericht zu erstatten.) Den Bezirkscommissionen können Angelegenheiten der im Wahlbezirke gelegenen Gemeinde-Bethäuser, sowie das Armen-, Schul- und Leichenwesen des betreffenden Wahlbezirkes auf Grund und nach Maßgabe der Beschlüsse des Cultusvorstandes zugewiesen werden. 3. Die Einführung der faeultativen 10 Kronen-Steuer und das Wahlrecht der Contribuenten dieser Kategorie. (§ 103 Statut: Angehörige der Cultusgemeinde, welche zur Zahlung einer Cultnssteuer nach den im Cultussteuer-Regulativ enthaltenen Ansätzen nicht herangezogen werden, sind berechtigt, zu den Gemeindebedürfnissen eine jährliche Cultussteuer von 10 Kr. zu leisten.) 4. Die Vertrauensmänner für die Bemessung der Cultussteuer, welch» nach dem alten Statute vom Vorstande berufen sind, werden nunmehr zur Hälfte gewählt und zur Hälfte berufen, und zwar erstere nach Bezirken. Der Präsident gibt der Hoffnung Ausdruck, dass diese Aenderungen der Gemeinde zum Segen gereichen und geeignet sein werden, das Interesse an unserem Gemeindewesen in nicht eine Judenfamilie, erhöhtem Maße zu fördern, und spricht weiters die Erwartung aus, dass jene Herren, welche mit den Aenderungen nicht ganz einverstanden waren, in loyaler Weise nach wie vor an deu Gemeinde-Angelegenheiten Mitwirken werden. (Zustimmung.) In Betreff der vor Ablauf dieses Jahres statutengemäß vorzunehmenden Neu- und Ersatzwahlen in den Cultusvorstano gibt der Vorsitzende bekannt, dass von den bei den Neuwahlen oes Jahres 1896 in den Cultusvorstand gewählten, im Jahre 1898 nicht ausgelosten Vorstandsmitgliedern in diesem Jahre acht Herren aus den nachbenannten 14 Herren auszulosen sein werden: Dr. Alfred Berger, Salo Cohn, Max Fleischer, Emanuel Hoffmann, kaiserlicher Rath Heinrich Klinger, Landes-Schulrath Dr. Gustav Kohn, kaiserlicher Rath Wilhelm Pollak, Salomon Rosner, Regierungsrath Dr. Heinrich Sieger, Dr. Adolf Stein, Dr. Maximilian Steiner, Dr. Alfred Stern, Gottlieb Taussig, kaiserlicher Rath Vogel. Hierzu bemerkt der Präsident ergänzend, dass die Mandate der vor zwei Jahren auf vier Jahre gewählten Herren Ober- Finanzrath Dr. Rappaport und Direktor Simon noch zwei Jahre dauern; dieselben werden nach Ablauf des Bienniums mit den 'echs Herren von jenen 14, die heute nicht ausgelost - werden olltery zum Austritte gelangen. Die diesjährigen, und zwar laut Wahlordnung mindestens vier Wochen vor Ablauf der Wahlperiode vorzunehmenden Wahlen, 'ährt der Präsident fort, werden also umfassen: Acht Neuwahlen °ür die heute auszulosenden Herren mit einer sechsjährigen Mandatsdauer; eine Ersatzwahl an Stelle des Herrn Julius Reitlinger mit einer vierjährigen Mandatsdauer; ferner die Wahl der Vertrauensmänner aus den Bezirken; endlich zwölf Neuwahlen durch die Gruppe der Höherbesteuerten mit dem Austritte je eines Drittels nach je zwei Jahren. Es sind also in diesem Jahre 21 Cultusvorsteher zu wählen. Was nun die Vorbereitung zu den Wahlen selbst und die Bestimmung des Zeitpunktes derselben anbelangt, so gibt der Präsident unter Hinweis auf § 9 der Wahlordnung, wonach mit der Leitung der gesammten Wahlhandlung der Präsident der Cultusgemeinde betraut ist, Folgendes bekannt: Die Wählerlisten werden vom 14. October l. I. an in der Gemeindekanzlei zur Einsichtnahme der Wahlberechtigten aufliegen. Hiervon wird die Verlautbarung in der kaiserlichen „Wiener Zeitung" rechtzeitig erfolgen. Die Wahltermine werden, vorbehaltlich etwaiger durch Umstände bedingter Abänderungen, folgendermaßen festgesetzt: Die Wahlen durch die Gesammtheit der Wähler werden für Sonntag den 25." November, eins eventuelle engere Wahl wird Ar Sonntag den .2. December l. I. anberaumt. Die Wahlen durch die Gruppe der Höherbesteuerten werden Dienstag den December, eine eventuelle engere Wahl wird Donnerstag den December l. I. stattfinden. Diese Mittheilungen werden von der Versammlung zur Kenntnis genommen. In die Tagesordnung eingehend, betraut der Präsident die Herren Ober-Ingenieur v. Mises und Ober-Finanzrath Dr. Rapva- :iort mit dem Amte der Auslosung. Es werden von denselben olgende acht Herren von den angeführten 14 Herren in nach- 'tehender Reihenfolge ausgelost: kaiserlicher Rath Friedrich Vogel, Emanuel Hoffinann, Landes-Schulrath Dr. Gustav Kohn, kaiserlicher Rath Wilhelm Pollak, Dr. Alfred Berger, l. Vicepräsident Dr. Alfred Stern, Präsident kaiserlicher Rath Klinger und Dr. Maximilian Steiner. Herr Architekt F l e i f ch e r stellt mit Bezug auf eine in Nr. 36 der Zeitung „Die Wahrheit" enthaltene Notiz, in der der von der Ehewra-Kadischa in Fünfhaus veranstaltete Gottesdienst abfälligen Aeußerungen unterzogen wird, den Antrag, diese Angelegenheit der I. Section zur Untersuchung und Berichterstattung zuzuweisen. Herr Landes-Schulrath Vicepräsident Dr. Kohn referiert über Angelegenheiten der II. Seetion, und zwar: Die Aktivierung des II. Jahrganges des von der israelitischen Cultusgemeinde errichteten und mit einer Jahressubvention von 4000 Kr. dotierten Religionslehrer-Curses an der Wiener israelitisch-theologischen Lehranstalt und die Publikation der diesbezüglichen Verlautbarungen werden genehmigend zur Kenntnis genommen. Der Gemeindebibliothek wird zur Anschaffung von Büchern eine außerordentliche Dotation von 500 Kr. votiert. Aus der Osias H. S ch orr'schen Stiftung für Rabbinats- und Lehramtscandidaten an der Wiener israelitisch-theologischen Lehranstalt sollen in Anbetracht des Umstandes, dass einerseits seit dem Ableben des Testators und Stifters, des seligen Herrn Osias H. Scharr, ein Zinsenerträgnis von circa 10.400 Kr. sich angesammelt hat, andererseits die formelle Constituierung der Stiftung noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird, mit stistungsbehördlicher Genehmigung noch vor Activierung der Stiftung Stiftplätze per je 600 Kr. zunächst an Rabbinatscandidaten zur Verleihung gelangen. Diese Anträge werden nach eingehender Debatte, an welcher sich die Herren Vicepräsident Dr. Stern, Dr. Adolf Stein, Re^ierungsrath Dr. Stege r und andere betheiligen, genehmigt. Die Beschlussfassung über die Verleihung von Stiftplätzen per je 400 Kr. an Religions-Lehramtscandidaten wird Vorbehalten. Prag. (Eine jüdische Volks-Vorschussc a s s a.) Seit vier Monaten besteht hier ein jüdische eS Geldinstitut unter dem Namen „Volks-Borschusseassa", welches sich zum Ziele gesetzt hat, nur jüdische Existenzen zu fördern unb dem Voycott jüdischer Gewerbetreibender ein Paroli zu bieten. DaS Institut gedeiht und ninunt ungeahnte Dimensionen an. ES entspricht auch den Aufgaben, welche es sich gestellt hat. Nun sollte man annehmen, dass alle um das Judeuthum besorgten Männer sich diesem Institute, wenn nicht anschließen, so doch nicht entgegenstellen werden. Nun, es mag die ganze jüdische Will erfahren, dass es doch eine sogenannte jüdische Gemeinschaft g bt, die eS thut. Die „Geska Sidovskä Jednota“ in Prag hat es mit ihrer Würde vereinbar gefunden, zu erklären: „Die Bolks-Borschusscaffa in Prag ist ein zionistisches Experiment, und wir warnen unsere Anhänger, sich an diesem Institute zu betheilige».* Diese Erklärung führten sie zu ihrer Schande in ihrem Organe der Oeffentlichkeit zu. Einer prächtigeren Illustration deS uns von den Antisemiten fälschlich zugeschriebencn Zusammengehörigkeits-Gefühles bedarf es wohl nicht. Nebenbei bemerkt, hat heute das Institut an 400 Mitglieder, ein Barvermögen von 24.000 Kr. und einen Credit von 150.000 Kr., und hat bisher 90.000 Kr. nur an Juden, und zwar an Juden aller Parteischattierungen, verborgt und wird es, ungeachtet aller Angriffe, auch weiterhin thun. L. Jglan. (Nene Blutbeschuldigung.) Der Jglauer „Grenzbote" erzählt folgende Geschichte: Kaufte da eine Frau, Christin, in der Steingasse von einem czechischen Landmädchen einen Topf mit Himbeeren zum Einsieden, und ersuchte dasselbe, ihr die Beeren nachhause zu tragen. Als dar Mädchen beim Hausthor anlangte, weigerte es sich entschieden, in das Haus zu treten, denn: „Es wohnen Juden hier und die könnten mich abschlachten!" Zufällig wohnt in diesem Hause Es bleibt aber immerhin bezeichnend, wie tief der Glaube an das Blutmärchen in die czechische Bevölkerung der Umgebung Jglans eingedrungen ist. Pisek (Zum Pr oeess H ülsn er.) Die neuerliche Verhandlung gegen H ü l s n e r ist für den 25. October anberaumt. Melnik. (Or.-C.) Wenn diejenige Gemeinde die beste ist, von der man am wenigsten spricht, so verdiente die hiesige jenes Prädicat nicht. Bevor wir über das Leben und Treiben in derselben berichten, sei ein geschichtlicher Rückblick gestattet. Melnik wurde erst nach dem Jahre 1848 allmählich eine Gemeinde. 1862 sah die Weihe des Tempels, 1864 die Gründung der jüdischen Schule, 1878 die Anlage eines Friedhofes, alles das ohne fremde Beihilfe, es war eben Opferwilligkeit vorhanden. Jetzt ist diese so ziemlich geschwunden, man ist Jude aus Gewohnheit, vernachlässigt Sabbath- und Festtage nnd fällt der Rosch haschonoh auf einen Wochenmarktag, muss ersterer letzterem weichen. Für Unterstützung eines jüdische Interessen vertretenden Blattes haben die Herren — mit einer einzigen Ausnahme — kein Geld. Die Assimilanten geibannen auch hier die Oberhand und brachten vor zwei Jahren die blühende jüdische Schule zu Falle. Der größte Schaden erwuchs hierdurch den armen Dorfjuden. Deren Kinder erhielten onst hier Verköstigung und Unterricht unentgeltlich, auch Lehrmittel, machten sich die zweite Landessprache eigen und erhielten Religionsunterricht. Jetzt wachsen sie sogar ohne diesen auf, weil sie der Entfernung wegen sich hier nicht betheiligen können. ,Den Herren Assimilanten hat ihre herostratische That jedoch die vermeintlichen Früchte nicht gebracht. Auch sie verspürten, wie an anderen Orten, die Zeitströmung an ihren zerschlagenen Fensterscheiben; auch ihnen gegenüber heißt es: »Kauft nicht bei Juden!" und auch sie werden wie Luft behandelt. Ueberhaupt gestalten sich in hiesiger Gegend, wo keinerlei Industrie blüht, für die Juden die Erwerbsverhältnisse immer schwieriger, weil die Inden nur Kleinkanfleute sind und das svüj k svemu immer mehr zur Geltung kommt. Doch sei auch gerne Gutes erwähnt. Nach Auflösung der Schule wurde der durch 32 Jahre fungierende Lehrer, der auch als Cantor gewirkt hatte und noch wirkt, als Religionslehrer mit seinen seitherigen Bezügen angestellt und ihnl auch eine kleine Pension gesichert. 3t. Lemberg (Vandalismus.) Der alte jüdische Friedhof in Lemberg, in welchem zahlreiche Geistesheroen, wie z. B. der Verfasser des „Tore Sohow“, bestattet sind, ist durch Einrückung eines Thecles der Mauer um ein Stück verkürzt worden, um Platz zur Herstellung eines — Parkes zu gewinnen. Die betreffende Vereinbarung wurde seitens des Spitalsrathes ohne Bedenken getroffen, und Herr Rabbiner S ch m e l k e s erfuhr erst davon, nachdem das Unglaubliche geschehen war. Es klingt in der That nyglaublich, dass ein solches Attentat auf die Unantastbarkeit des Friedhofes in einer jüdischen Gemeinde, die 40.000 Seelen zählt, möglich war. Lemberg. (Or.-C.) Jüngst überreichte eine Deputation der hiesigen katholisch-nationalen Vereinigung dem Statthalter Graf P i n i n s k i eine Petition in Angelegenheit der Sonntags- Heiligung. Der Statthalter empfieng sie sehr höflich und erkundigte sich beinahe um jedes ,in der Petitwn enthaltene Postulat. Wir wissen und kennen bis nun nicht das Wollen dieser clerical-antisemitischen Secte betreffs der Sonntags- Heiligung, wir können aber mit Bestimmtheit rechnen, dass diese geplante Statthalterei-Verordnung bezweckt den galizischen Juden em klein wenig zu schaden. Lemberg. (Or.-C.) Die clericale „Monats-Intention* für October d. I. kündigt das Erscheinen einer neuen clericalen Zeitschrift an, welche den Titel »Katholische Stimmen* führen wird. Diese Zeitschrift wird allmonatlich in einem Umfange von 48 Seiten als Beilage zur clericalen „Monats-Intention" herausgegeben werden und eine Abhandlung über social-ökonomisch-pvlitische Fragen bringen. Darüber regt sich das demokratische Blatt »Kurjer Lwowski" auf, und stellt mit der Frage, ob es ausschließlich den Jesuiten in Oesterreich erlaubt ist, sich mit dem Colportieren politischer Schriften zu beschäftigen, gleichzeitig die Bemerkung auf, dass vermnthlich die „Katholische Stimmen* mehr dem agitatorischen Wahlzwecke gewidmet sein wird. Das wird eben das November- und December-Heft zeigen. Sollte die Bermuthung sich bewahrheiten, so wird es unzweifelhast ein Zeichen der beginnenden Kampfsangriffe des CleruS auf die Volkspartei sein, mit dem man rechnen muss, und auch demgemäß man sich vorbereiten soll, die Attaque zurückzustoßen — so der »Kurjer LwowSki*. Was uns Juden anbelangt? Wir sehen dieser Monatsschrift mit Gleichgiltigkeit entgegen, uns ist es einerlei, ob Maul- oder Herz-Antisemit. M. J. Berlin. (Stipendium fiir jüdischeMusiker u n d B i l d h a u e r.) Die königliche Akademie der Künste in Berlin schreibt für das nächste Jahr wieder den ersten Michael Beer-Preis in Höhe von 2250 Mark zu einer einjährigen