Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Freitag .Jüdisches Volksblat.t 12. October 1900 Nr. 41 Stolz bekennen, sind die „achtenswerten" Vertreter. Sie werden die Achtung auch bei ihren Gegnern verdienen und erringen und die Fahne ihres Volkes vor aller Welt Hoch- Halten. — Die polnischen Vertreter jüdischer Confession verdienen die Achtung, die ihnen Larno wski, Dzieduszycki rc. entgegenbringen. Hoffentlich werden unsere Volksgenossen in Galizien mit dem Rufe: „Den Juden jüdische Vertreter" in den Wahlkampf treten und der jüdischen Idee bei Zeiten zum Siege verhelfen. Kein jüdischer Imperialismus, sondern Rettung jüdischer Ehre und jüdischen Geistes vor Versumpfung und Degenerierung ist das Enziel. Auf Böhmen, Mähren und Wien wird nächstens zurückgekommen werden. Auch die G o m p e r z', Z a l u d s und Schorfs müssen beleuchtet werden. An die Prager Judenschast! Prag, am 7. October 1900. Ich habe in meinem letzten Briefe dargethan, wie nothwendig die Aufstellung eines eigenen Candidaten für die Prager Judenschaft wäre. Um die Chancen eines solchen genau beurtheilen zu können, ist eS uuerlässlich, die Ergebnisse der S7er Reichsrathrwahl sich vor Augen zu halten. ES erhielten im ersten Wahlgange (in runden Ziffern) Breznovsk)' 15.000, Dedic 14.000, der clericale Antesemit Limon 4000, der sebständige Candidat Saller 800, Totale 44.800 Stimmen. Bei der engeren Wahl erhielt der czechisch-antisemitische Candidat Bkeznovshs 18.000, der sociale Demokrat Dedic 13.000. Totale 31.000 Stimmen. Das Minus der Stimmenabgabe bei der engeren Wahl ist der Abstinenz der jüdischen Wähler zuzuschreiben, welche sich durch Drohungen von der Wahl des Dedic abhalten ließen, andererseits es doch nicht über sich brachten, zum zweitenmale BkeznovSk^ zu wählen. Den Zuwachs, den BreznovSkf von der ersten zur zweiten Wahl an Stimmen erhielt, erklärt sich daraus, dass die clericalen Antisemiten, welchen er sich verschrieb, ihm ihre Stimmen gaben. AuS diesem Bilde können wir auf das Kommende mit einer an Gewissheit grenzenden Wahrscheinlichkeit schließen und machen den folgenden Calcul: Der Wahlkreis Prag mit Karolinenthal und Smichow, hat 250.000 Einwohner, worunter Juden circa 29.000, Die Zahl der Wahlberechtigten dürfte in runder Summe 38.000 zählen, daher 15 Percent der Gesammtbevölkerung. Diesen Schlüffel auf die jüdische Bevölkerung anwend end, erhalten wir jene Zahl, welche in meiner ersten Correspondenz genannt wurde, nämlich 4—5000 jüdischer Wähler. Nun marschieren die Parteien in derselben Weise auf, wie es in der ersten meiner Correspondenzcn vorauSgesehen wurde, nur mit dem Unterschiede, dass die Socialdemvkraten einen gewaltigen Eoncurrenten an der nationalen Arbeiterschaft unter Führung des Redacteurs Klofaö erhalten werden, der eine bedeutende Bresche in ihre Organisation schlagen wird. Wenn zu diesen sechs Candidaten, (u. zw. der czechische Antisemit, der Socialdemokrat, der clericale Antisemit, die nationale Arbeiterschaft, die ebenfalls antisemitisch ist, die ob nicht die egoistische Moral durch die Schule der altruistischen gehen musste, um nicht ihre schönsten Blüten zu treiben. Die Frage stand ferner nicht, Rom oder Jude«, Sieg Judeas, Rom wurde dem Untergange geweiht, es war decadent; seine dominierende Stellung wäre von den Barbaren für immer gestürzt worden; dadurch aber, dass die jüdische Moral über die römische siegte, siegte Rom über die Barbaren, der pontitsx maximus auf dem Stuhle Petri ist das Symbol des zweiten Imperium Roinanum. — Wenn Nietzsche von seinem aristokratisch-radicalen Standpunkt die jüdische Moral bekämpft, so ist ihm aber nichts fremder natürlich, als der moderne Antisemitismus. Darüber schreibt er. Ueber asketische Ideale. III, 14. Ich erinnere Leser, die Ohren haben, noch einma^ an jenen Berliner Apostel Eugen Dühring, der im heutigen Deutschland den unanständigsten und widerlichsten Gebrauch vom moralischen Bum-Bum macht, Dühring, das erste Großmaul, das es jetzt giebt, selbst noch unter seinesgleichen, den Antisemiten. Das sind alles Menschen des Ressentiments, diese physiologisch Verunglückten und Wurmstichigen, ein ganzes zitterndes Erdreich unterirdischer Rache, unerschöpflich und unersättlich in Ausbrüchen gegen die Glücklichen und ebenso in Maskeraden der Rache in Vorwänden zur Rache. Ich mag sie auch nicht, diese neuesten Specutanten in Idealismus, die Antisemiten, welche heute ihre Augen christlich-arisch biedermännisch verdrehen und durch eine jede Geduld erschöpfenden Missbrauch des wohlfeilsten Agitationsmittel, der moralischen Attitüde, alle Hornviehelemente des Volkes auszuregen suchen. Sapienti satis. Für das alte Testament findet er folgende Worte im Gegensatz zu dem neuen. 22. DaS alte Testament, ja das ist etwas ganz anderes. Alle Achtung vor dem alten Testament. In dem finde ich große Menschen, eine heroische Landschaft, und etwas von dem allerseltensten auf der Erde, die unvergleichliche Naivität des starken Herzen, mehr noch, ich fand ein Volk. realistische und noch etwa die radicale Baxa-Partei), der jüdische Zählcandidat hinzutritt, so dürfte sich das Stimmenverhältnis folgendermaßen gestalten, vorausgesetzt, dass die Wählerzahl nicht zugenommen hat, was auch gewiss in bedeutendem Maße nicht geschehen ist. Es werden auf sich vereinigen : BkeznovSk/ 12.000, die Socialdemokraten 7000, die nationalen Arbeiter 4000, die Radicalen 2000, die clericalen Antisemiten 4000, die Realisten 1000, und endlich circa 4000 die Juden, natürlich sind das runde Ziffern, die die Stärke der Parteien präcisiereu sollen. Das wird der Erfolg des ersten Wahlganges fein. Die engere Wahl gestaltet sich wahrscheinlich folgendermaßen: zu BreznovSk^ schlagen sich die clericalen Antisemiten und bilden dann eine Phallanx von 16.000 Stimmen, ihnen werden sich alle anderen mittelst Compromisse geeinigten Parteien entgegenstellen, und hier wäre der Erfolg, den eine jüdische Zählcandidatur ganz bestimmt zur Folge hätte. Sie würde ganz einfach jener Partei zum Siege verhelfen, die den jüdischen Interessen größere Coneeffionen machen wird. Die obige Constellation müsste auch dann eintreten, wenn die Juden einen Candidaten, wer es immer auch sei, aufstellen würden. Ganz anders könnte sich jedoch die Sache gestalten wenn er gelingen würde, einen Candidaten ausfindig zu machen, der ein annehmbares, wirtschaftliches Programm aufstellen und entwickeln könnte, dann wäre die Situation die folgende: Diesem Candidaten fallen dann nicht mehr 4000, sondern gewiss 7000 Stimmen zu, welche sich folgendermaßen zusammensetzen würden: 4500 jüdischer, circa 1000 realistischer, ebensoviel deutscher, die sich sonst aus UeberdrufS der Wahl enthalten, und mehr als 1000 jener, welche mit der Candidatur BreznovSk/ nicht einverstanden sind; denn eS gibt heute Elemente, selbst in der czechischen Partei, denen die Hetzereien nicht mehr passen und die selbst einen Ausweg aus diesem Wirrsale suchen, ohne ihn zu finden, und wenn ein Candidat, es verstände, einen Mittelweg einzuschlagen, der allen ordnungsliebenden Parteien zusagt, so ist eS nicht auSgeschloffen, dass er sogar in die engere Wahl mit BkeznovSk^ kommt. Wir geben also allen Prager Inden zu erwägen, welcher Erfolg uns winkt, wenn wir gemeinsam und einig Vorgehen, und wenn wir einig zu sein verstehen: dann werden wir auch für die Zukunft respectiert werden.- Wie ich erfahre, ist die Cesko-zidovska jednota bittlich bei der Leitung der jungczechischen-Partei um die Aufstellung eines annehmbaren Candidaten statt BreznovSk^ geworden, mit welchem Erfolge, ist bekannt; welche Achtung sich aber diese Herren verschaffen, ist eine andere Sache. L. Vom Tage. An die jüdische» BanquierS! Sie sind schon wieder daran, ein gutes Geschäft mit Rumänien abzuschließen. Sie haben daS Cigarettenpapier- Monopol gepachtet. Sie haben die Ausbeutung der größten Salzbergwerke übernommen, und sind auf dem Punkte, auch das Solche begeisterte Worte aus dem Munde eines Nichtjuden sind das beste Zeugnis für den unvergänglichen Wert unseres größten Schatzes, der Bibel. Der Feststrauß. Eine Sukkoth-Vision von I. Katzenelsohn. (Aus dem Hebräischen.) Durch die düstere, weite Allee des großen, schönen, aber verwahrlost daliegenden Parkes wandelte ich langsamen Schrittes, todtmüde und erschöpft. Ich schleuderte ziellos dahin, nur fühlend, dass ich mich nach Ruhe sehnte. Aber eine dunkle, geheimnisvolle Macht trieb mich immer weiter. Ringsum war alles von einem dichten, grauen Nebel eingehüllt, nur am Rande des Horizontes schimmerte ein heller Pnrpurstreifen, an dem seltsam geformte Wolken ihre wunderlichen Umrisse zeichneten. Ich wusste nicht, ob es die Abend- oder die Morgenröthe war, die am Himmel stand. Wird die Sonne noch tiefer finken und noch dichtere Finsternis über unsere einsamen Pfade breiten, oder wird bald der helle Tag mit seinem goldenen Lichte erscheinen? Ich hob, vergebens fragend, den Blick zum Himmel, und keine Antwort fand ich. Die Stunden floffen dahin — und noch immer wankte es zwischen Tag und Nacht, als hätte daS TageSgestirn plötzlich auf seiner Bahn inncgehalten und sollte fernerhin nur ewige Dämmerung die Erde bedecken. Und mich trieb jene geheimnisvolle Macht immer weiter. Mein Pfad war zu beiden Seiten von Weiden eingerahmt, welche sich unter der Last ihrer niederhängenden, von unzähligen Thautropfen glänzenden Aeste zu krümmen schienen. In den hohlen, von Würmern zerfreffenen Stämmen hausten Eulen und anderes Nachtgevögel, und erfüllten die Luft mit schauerlichem Aechzen. Unfern von diesem wilden Gestrüppe waren dichte, zwerghaste Sträucher emporgeschossen, die so nahe beieinader zusammengepfercht waren, dass ihre Wurzeln in der Erde sich den Raum und den Saft streitig machen mussten. AuS der Nähe drang daS Murmeln eines BacheS an mein Ohr, und er gesammte petroleumhaltige Gebiet Rumäniens in Pacht z« nehmen. Für alle diese Geschäfte schießen Sie der rumänischen Regierung die Millionen vor, welcher sie so dringend bedarf, um sich aus der Patsche zu helfen, in der sie sitzt. Sie werden wohl wissen, dass Sie damit den größten Theil desichtbaren Reichthums des Staates in ihren Händen concentrieren, und somit den rumänischen Antisemiten eine wirksame Waffe in die Hand drücken. Sie werden auch darüber unterrichtet sein, das» Sie durch Ihre neuesten Abschlüsse, die Lösung der Judenfrage wieder für unabsehbare Zeiten verschieben, und dass Sie den durch die finanzielle Noth mürbe gewordenen Rumänen den Muth wiedergeben, Ihre dreimalhunderttausend — sagen wir — Brüder weiter zu knechten und zu verfolgen. Bei alledem wissen w i r, dass Sie weiter Anspruch erheben, Wohlthäter der rumänischen Juden zu sein. Ueberlegen Sie nun, ob Sie dazu berechtigt sind! Die paar Gulden oder Mark, mit denen Sie die auSgewanderten Juden unterstützt haben, waren für Sie kein Opfer. Aus Ihrem Ueberfluffc haben Sie einen kleinen Theil gespendet, damit Sie ja dar gellende Geschrei der nach Brot und Freiheit lechzenden Glaubensgenossen nicht zu sehr incommodiere und an Ihre Abstammung erinnere. Und jetzt wollen Sie wirklich den rumänischen Antisemiten Recht geben, die da behaupten, die jüdischen Baquier» wollen sich von Rumänien mit Zinseszinsen die gegebenen Spenden herauSschlagen? Ein antisemitischer Abgeordneter Rumäniens frug Herrn Carp: »Ist eS wahr, dass Sie den Juden geben wollen?" . . . Der Mann meinte nämlich die Bürgerrechte. Herr Carp soll geantwortet haben: »Ich bin jüdischer alr die Juden, ich gebe nicht, bis man mir nicht gibt . . ." Der Premier spielte wohl auf die Naivität und den Idealismus der jüdischen BanquierS, welche biSnun ibr Geld den Rumänen hergaben, noch ehe diese ihnen die versprochenen Compensationen bezüglich der Lage der Juden gewährten! Oder kann Herr Carp daran nicht gedacht haben, weil er mit den Antisemiten der Meinung ist, ein Percent mehr ist den Finanzmännern lieber, als die Abänderung des Artikels 7 der rumänischen Berfaffung? Wir, die wir die breite Masse deS Judenthums und dessen innigste Gefühle kennen, wißen, welch idealistischer Zug sie auSzeichnet, und wollen noch immer glauben, dass die großen BanquierS doch noch nicht so sehr assimiliert sind, dass sie für schnöden Gewinn auf die Befreiuung ihrer Glaubensgenossen verzichten. Und wir hoffen, dass, wenn demnächst Herr Carp nach Wien und Berlin kommt, und abermals bezüglich der großen Anleihe bei jüdischen Thüren anklopft, man ihm antwortet: »Sie tauschen sich, Exeellenz, diesmal sind die Juden wirklich so schlecht, wie Sie sich dieselben auSmalten. Wir geben nicht, bis Sie uns nicht geben." Wir wollen dies hoffen, obzwar die letzten Ereignisse uns kaum dazu berechtigen. * * * Der Mörder v«n K»»itz? Im Verlaufe des vor einigen Tagen gegen S p e i s i g t r, einen Zeugen in der Konitzer Aivrdaffarre, durchgeführten MemeidproceffeS wurde der Fleifchermeister Adolf Lewy unter dem Verdachte des Meineides verhaftet. Die „Deutsche Ztg." versieht diese Mittheilung mit dem Titel „Der Mörder Lewy verhaftet" und leitet sie mit folgenden Worten ein: Eine sensationelle Kunde kommt auS Könitz, die alle Freunde deS Rechtes und Gesetzes nur mit aufrichtiger Freude erfüllen kann: der Mörder deS unglückliche» Gymnasiasten Winter befindet sich endlich in sicherem Gewahrsam. ES hat in neuester Zeit kaum eine Rechtssache gegeben, welcher der Parteien Hass und Gunst so Übel mitgespielt hätte und bei deren Verhandlung die Glaubwürdigkeit der Zeugerrwar anzuhören wie ein gedämpftes Schluchzen und wie da» Rieseln von Thränen. Jiffolge einer merkwürdigen Jdeenverbindung musste ich an die Masse meines Volkes denken, dessen Kinder, gleich diesen trübseligen Weiden, ohne Frucht und ohne Duft i« dem traurigen Kampfe um ein armseliges Dasein dahindämmern. Nur dulden und leiden ist sein Los, und eS duldet und leidet und kämpft, ohne die Früchte de» Sieges zu ernten, zufrieden, die Gedanken, für die es lebt und die eS bekennt, durch den Jammer und die Noth des Lebens aufrecht zu erhalten. Ein stechendes Schmerzgefühl machte meine Brust znsammenzucken, ich hielt in meinem Gange inne, von trüben Gedanken beherrscht. Jetzt drangen wundersame Töne an mein Ohr, die sich zu einer lieblichen Melodie fügten. O, wundert Euch nicht, Dass schwarz ist mein Gesicht; Der Sonne glühender Strahl Hat mich gebräunt allzumal, Meiner Mutter eig'ne Kinder Quälten mich nicht minder. Sie zwangen mich mit Macht Zn hüten ihren Garten; Meineeig'nen Weinbergs Pracht Könnt ich d'rum nicht warten. (Schir Haschirim, I, 6.) Die Töne diese» Liede» liebkosten mein Ohr und schienen mir wohlvertraut. Wo mochte ich danur gehört haben? Ich gieng den Klängen nach und drang immer tiefer in da» wilde Gesträuch. Und je tiefer ich hineinkam, desto seltsamer wurde mir zumuthe. Mich üderlies ein heiliger Schauer, als befände ich ulich in einem geheimnisvollen Tempel. Da lichtete sich auf einmal das Dickicht und ich blieb verwundert vor dem Anblick tehen, der sich jetzt meinenr Auge darbot. Eine schlanke weibliche Gestalt stand aufrecht am Rande eine» spiegelglatten Bache». Die Gestalt hielt ein Gärtnernieffer n der Hand. Leise ihr melancholische» Liedchen vor sich hinträllernd, schnitt sie die Weidenreiser eines nach dem anderen ab und pflanzte sie mit sorgfältiger Hand in den Boden, indem