Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Erscheint jeden Freiing «rdarlion: VIII/1, Schlotzrlgaffe 1L 4 Sprechstunde«r ttn Wochentagen von 10 Btft 1» Uhr vormittags; an Sonntagen von ll bis iS Uhr vormittags. pofiadren»; jüdisches «olrsvlatt, Wien, VIIIJ1. Vrfchwerdrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — »ranuseritite werden nicht zurütkgesteSt. Postfparcasten-Conto 8*7037. In dar Wonnen,ent kann man täglich eintreten. > 7 7 - 4 unter Mitwirkung drr vom jüdischen Volks- Verein erwählten Presscommisttou. Attferate übernehmen die Firmen: A. Danneberg, Dl. Duker, Haasenflfln & Bögler, Rudolf Mosse, A. Ovpelik. M. Pozsonyi, «. Schale! in Wien, ferner alle Anuoncen-Exveditionen im AuSlande. , Einzel-Nummer tu Wien 16 Heller. ..■ -■ yiömtmrtraüun: VIII/ Abonnemk Für Wien v. Oesterretch-Nngarn sammt Francozustellung. Ganzjährig . . Kr. 8.— Halbjährig. 4.— Vierteljährig. 58.— -- 1, SchlShelgasie 11. :ntöpreiS: Für daS gefnmmte Ausland sammt Francozustellung. Gunzjährig.Kr. 9.— Halbjährig.. 4.50 Vierteljährig.„ 58.585 MMnmufimmjm Mr. 41 litn, 12, Oktober IS 0V. II. Jahrgang. Die Reichsralhswahlen. 1. Die durch die Auflösung des Reichsrathes und Ausschreibung der Neuwahlen geschaffene Situation beginnt sich zu klären. Nahezu die meisten Parteien mobilisieren auf völkischer Grundlage, neue Parteien schießen wie Pilze aus dem Boden. Abbröcklungen in allen Parteilagern aller Kronländer sind bemerkbar. Man hört schon von Wahlcomites, Versammlungen, Programmreden und Candidaturen. Man hört Namen nennen, alte und neue, Personen, welche das Mandat ehren und Personen, welche durch das Mandat geehrt werden wollen. Die Wahlbewegung bildet eine ständige Rubrik in der Presse. Und nun verzeihe man uns die Frage — es gibt ja viele, welche sich ob dieser naiven Frage erhitzen — wie fteht's mit den Juden in der ersten Wahlepoche des XX. Jahrhunderts? Verweilen wir bei denjenigen Territorien, in denen die Juden eine compacte Masse bilden, wie Böhmen, Mähren, Galizien und bei der Stätte unserer Arbeit, der Stadt Wien. — Heute wollen wir von Galizien sprechen. Sollen die Verhältnisse in ihrer wahren und richtigen Beleuchtung zur Darstellung gelangen, muss auf charakteristische Vorkommnisse der letzten Jahre reflectiert werden. Es tagte vor nicht allzu langer Zeit der Katholiken- Congress in Krakau. In Gegenwart der Spitzen der Verwaltungs-, Justiz- und autonomen Behörden, wie Statthalter, Oberlandesgerichts-Präsidenten und Landmarschalls, der vornehmsten Repräsentanten des Landesadels, der Intelligenz und des polnischen Bürgerthums, in Gegenwart der Potockis, Badenis, Sapiehas, Dzieduszyckis, Bilinskis, Pietaks, Madeyskis, Jaworskis und Abrahamowicz' rief der Rector der Krakauer Universität Graf Tarnowski in seiner Eröffnungsrede aus: „Jedes Landeskind, welches Grund und Boden an einen Juden, diesen Fremdling und Schädling unseres Landes, verkauft, ist ein Verräther an seinem Volke!" — Eine wahre Begeisterung ries dieser mit Emphase gemachte Ausspruch in der Versammlung hervor. Tosender Beifall lohnte diese Sprache. Jetzt tagt in Lemberg das Landes-Wahlcomitö. Man sieht sie wieder traulich beieinander, diese D z i ed u s z y c k i s, Sapiehas, I a w o r s k i s, A b r a hämo w i c z' und T a r n o w s k i s. und wen sieht man in der Gesellschaft? — Man traut kaum seinen Augen — Herrn Dr. Byk, Präsidenten der israelitischen Kultus- Nietzsche über die Juden. Von Dr. Leo Sofer. (Schluss.) Wir kommen nun zu der dritten Periode Nietzsches, in der sich das pro und contra aufhebt und der Denker sich über die Frage erhebt. Er bekämpft in dieser das Judenthum, als den Schöpfer des Christenthums und indirect als den Schaffer der jetzigen officiellen Moral. Die aristokratische, egoistische Moral der Griechen. Römer und Barbaren, die ein ungetrübtes Glück im Angesicht von Sclaven und Elenden kannten, sei durch die altruistische Moral der Juden gestürzt worden. Die Juden seien die Wortführer der Enterbten des Schicksals gewesen. Arische Moral gegen semitische Moral. Und fürwahr, wenn man seine Blicke von Moses, Jesus, und dem Araber, Mohamed gleiten lässt, zu Lassalle und Marx, so muss man die Semiten als die ewigen Führer der Armen gegen die Neichen, im guten Sinne, oder nach Nietzsche, im schlimmen Sinne gelten lassen. Götze ndämmerung. Die Verbesserer der Menschheit. 4. Andererseits wird klar, in welchem Volke sich der Hass, der Tschandala Hass gegen diese „Humanität" verewigt hat, wo er Religion, wo er Genie geworden ist . .. Unter diesem Gesichtspunkte sind die Evangelien eine Urkunde erstell Ranges, noch mehr das Buch Henoch. Das Christenthum. aus jüdischer Wurzel und nur verständlich als Gewächs dieses Bodens, stellt die Gegenbewegung gegen die Moral der Züchtung, der Raffe, des Privilegiums dar; es ist die antiarische Religion par oxaellouob; das Christenthum die Umwertung aller arischen Werte, der Sieg der*) Tschandalawerte, das Evangelium den *) Tschandala, die nichtarischen besiegten Ureinwohner Indiens. gemeinde in Lemberg, Herrn v. H o r o w i tz, israelitischen Cultusvorsteher, Herrn Dr. Simon Sch eff. israelitischen Cultusvorsteher. Dr. L ö w e n st e i n, einen Rabbinerssohn, kurz, all diejenigen, welche sich „Zierden" der Judenschaft nennen lassen. Was gilt ihnen der ihrem Volke angethane Schimpf, was gilt ihnen, wenn nach diesem Katholikentage die Juden in Westgalizien hingeschlachtet und hingemordet, die Mädchen entehrt, Judenvermögen geraubt werden! Sitzt Dr. By k im Landes-Wahlcomite, wird er als Abgeordneter in den Polenclub gewählt, wird v.H oro w itz wegen seiner „Verdienste" geadelt, so ist das jüdische Volk gerettet. Jüdischen Vätern und jüdischen Müttern werden am hellichten Tage jüdische Kinder geraubt und in die Klöster entführt! Und sie, die Herren Cultusvorsteher, sitzen mit diesen, „jüdischen Kinderravb" gutheißenden Herren an einem Tische, als ob nichts geschehen wäre. Und diese Horowitz, Byk und Sch eff sollen die Mandatare, Wahrer und Mehrer jüdischer Ehre sein, sie sollen Gefühl für ihr bedrücktes Volk bekunden? Ein wahrhaft jüdischer Vertreter muss im Augenblicke, wo ein Unrecht an seinem Volke begangen wird, ohne jede Rücksicht gegen rechts und links, von heiligem Zorn ergriffen, mannhaft Und muthig und daher gewichtig gegen das Unrecht auftreten. Muthig und mannhaft kann man sein, wenn man nur auf eines Rücksicht zu nehmen hat: auf das Wohl seines'Volkes. Feig muss man sein, wenn man anderen Interessen zu dienen verpflichtet ist, Interessen des Polenelubs, Interessen der Coterien, denen man seine politische Existenz dankt. Und wir haben Beweise dieser Feigheit. Ein galizischer hoher Beamter sprach einst den nicht neuen Satz aus : „Unter meinem Regime werden Juden principiell nicht befördert." Es ist auch kein jüdischer Auscultant, kein Rechtspractikant befördert worden. Hörte die Oeffentlichkeit von den Byks, Trachtenbergs, Löwensteins, F r u ch t m a n n s re.? Wer hat die Interpellation eingebracht? Ein Arier, Dr. Kronawetter. Welche Schmach, welche Schande für die jüdischen Vertreter, für von Juden gewählte Vertreter! Polen nennen die galizischen Juden „Schädlinge" und es gibt Juden, die mit diesen Polen an einem Tische sitzen und sich von ihnen allergnädigst mit Mandaten betheilen lassen. — Man wird ja nicht angespuckt, es regnet ja. — Bei crassen Ungerechtigkeiten schweigt man. Während jeder arische Gewerbsmann nur eine Halbtagsruhe beobachtet, der Jude muss 2'/z Tage Gewerberuhe einhalten. Armen, den Niedrigen gepredigt, der Gesammtafsstand aller Niedergetretenen, Elenden, Missrathenen, Schlechtweggekommenen gegen die Rasse, die unsterbliche Tschandala Rache als Religion der Liebe. Zur Genealogie der Moral 7. Alles, was auf Erden gegen die Vornehmen, die Gewaltigen, die Mächtigen gethan worden ist, ist nicht der Rede wert, im Vergleich mit dem, was die Juden gegen sie gethan haben. Die Juden, jenes priesterliche Volk, das sich an seine Feinde und Ueberwältiger zuletzt nur durch eine radicale Umwertung von deren Werten, also durch einen Act der geistigsten Rache, Genugthuung zu schaffen wusste. So allein ist es eben einem priesterlichen Volke gemäß; die Juden sind es gewesen, die gegen die aristokratische Wertgleichung mit einer Furcht einflößenden Folgerichtigkeit die Umkehrung gewagt und mit Zähnen des gründlichsten Hasses (des Hasses der Ohnmacht) seftgehalten haben; nämlich, die Elenden sind allein die Guten, die Leidenden, Entbehrenden, Kranken, die Armen, Ohnmächtigen, Niedrigen, sind die einzig Frommen, die einzig Gottseligen, für sie allein gibt es Seligkeit. Dagegen ihr. ihr Vornehmen und Gewaltigen, ihr seid in alle Ewigkeit die Bösen, Grausamen, Düsteren, die Unersättlichen, die Gottlosen, ihr werdet auch ewig die Unseligen, Verfluchten und Verdammten sein. Man weiß, wer die Erbschaft dieser jüdischen Umwertung gemacht hat. Ich erinnere in Betreff der ungeheuren, über alles Maß verhängnisvollen Initiative, welche die Juden mit dieser grundsätzlichen aller Kriegserklärungen gemacht haben, an den Satz, dass mit den Juden der Sclavenaufftand in der Moral beginnt, jener Aufstand, welcher eine 2000jährige Geschichte hinter sich hat, und der uns heute nur deshalb aus den Augen gekommen ist, weil er ein siegesreicher gewesen ist. 8. Das aber ist das Ereignis. Aus dem Stamme jenes Baumes der Rache und des Hasses, des jüdischen Er geht wirtschaftlich zugrunde, es macht nichts. Will aber der Jude nur ein kleines Entgegenkommen, schroff ruft Pientak aus: „Ihr Juden wohnt in einem christlichen Staate". Zum Danke dafür rennt Horowitz, S ch e f f und Byk von Haus zu Haus und presst die armen jüdischen Proletarier, sie sollen ja nur Herrn Pientak wählen. Es gieng in den letzten Wochen die die bisher nicht dementierte Nachricht durch die Presse, welche von einem sehr bemerkenswerten Handel Kunde gibt. Eines Tages kommen zwei sogenannte illustre Polen jüdischer Consession zusammen. „Nichts zum handeln" fragt der eine. „O ja!" erwiedert der andere, „ich haben ein Mandat eines Präsidenten einer israelitischen Cultusgemeinde. Und was hast Du?" „Ich habe ein Reichsrathsmandat." „Gut, uns beiden kann geholfen werden. Ich gebe Dir das Präsidium der Cultusgemeinde, Du gibst mir dafür Dein Reichsrathsmandat." Noch zaudert der eine, er möchte nämlich beides haben — der gute, dicke Herr. Präsidium der Cultusgemeinde und Reichsrathsmandat sind doch besser. „Was? Du überlegst noch? Gib nur Dein Mandat her, ich lasse es Dir übrigens auf Zeit. Du kriegst ja bald ein anderes, der Abgeordnete von 36 ist schon ganz fertig, er gibt Dir das Mandat sehr billig." Der Handel wurde geschlossen nicht auf dem Pferdemarkt von Neutra, sondern in Lemberg zwischen dem Präsidenten der israelitischen Cultusgemeinde Dr. B y k und dem Großcapitalisten von Horowitz bezüglich des Reichsrathsmandates von Brody. — Und nun geh's Ihr armen Juden her und wählet den Byk und den M o r a w e tz. Murret aber nicht, wenn Eure Interessen um ein Linsengericht verkauft und verrathen werden. — Eine Volkspersönlichkeit, die ihr Leben durch solch' kranke Organe erhalten und bekunden will, muss zugrunde gehen und verdient zugrunde zu gehen. — Kinder und Narren sagen oft große Wahrheiten. Als der Abgeordnete S t r a u ch e r eines Tages sein Volk gegen Angriffe vertheidigte, rief ihm der Abgeordnete Bielohlawek zu: „Sie, der Sie für Ihr Volk eintreten, achten wir, aber die anderen nicht." — Dieser Ausspruch — wenn auch in der Narrenkappe gemacht — hat viel für sich. Die galizischen Juden wählen „jüdische" Vertreter, die nur für Polen eintreten und hierdurch den Hass der Ruthenen auf die armen und bedrückten Juden laden. Die von den Juden gewählten polnischen Vertreter treten aber erst recht nicht für die Juden, die sie selbst „Schädlinge" nennen, ein. Ja, wer soll für die Juden eintreten? Nur die „jüdischen" Abgeordneten, die sich als Kinder des jüdischen Volkes mit Hasses des tiefsten und sublimsten, ideal schaffenden, wertumschaffenden Hasses, desgleichen nie auf Erden gewesen, wuchs etwas ebenso Unvergleiches heraus, eine neue Liebe, die tiefste und sublimste aller Arten von Liebe. 16. Wer einstweilen gesiegt hat, Rom oder Juden? Aber es ist ja gar kein Zweifel; man erwäge doch, vor wem man sich heute in Rom als vor dem Inbegriff aller höchsten Werte beugt — undnicht nur in Rom, sondern fast auf der halben Erde, überall wo nur der Mensch zum Christ geworden ist oder werden will, — vor drei Juden, wie man weiß, und einer Jüdin (vor Jesus von Nazareth, dem Fischer Petrus, dem Teppichwirker Paulus, und der Mutter des Jesus, Maria). Dies ist sehr merkwürdig. Allerdings gab es in der Renaissance ein glanz, volles und unheimliches Wiederaufwachen des elastischen Ideales, der vornehmen Wertungsweise aller Dinge. Rom selber bewegte sich wie ein aufgeweckter Scheintodter unter dem Drucke des neuen darüber gebauten Roms, des judäischen Roms, das den Afpect einer öcumenischen Synagoge bot und Kirche hieß. Aber sofort triumphierte wieder Judea, dank jener gründlichen pöbelhaften Ressentimentsbewegung, welche man Reformation nennt, hinzugerechnet, was aus ihr folgen musste, die Wiederherstellung der Kirche. In einem sogar entscheidenderen und tieferen Sinn, als damals, kam Judea noch einmal mit der französischen Revolution zum Siege über das classische Ideal, die letzte politische Vornehmheit, die uns Europa gab. die des 17. und 18. französischen Jahrhunderts. Nichts ist weniger am Platze als Nietzsche in seiner Jmmorallehre zu widerlegen; man muss ihn zu verstehen suchen. Nietzsche der Jndividuumsverfechter, hätte individualisieren sollen, ob nicht die semitische Moral, damals, als sie in der französischen Revolution ihren zweiten Sieg errang, ebenso einen Forschritt bedeutete, als sie jetzt nach seiner Ansicht einen Rückstand bedeutet.