Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 40 (5.10.1900)
- Date
- 1900-10-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 5. October 1900 Seite 5 Volles, ohne Unterschied seiner gesellschaftlichen Stellung, sich als eine unterdrückte, beherrschte und benachtheiligte Minderheit fühlt und um diesen Zustand, soweit dies eben in der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung möglich ist, zu beseitigen sucht. Es ist ein alter Fehler unseres Volkes, dass wir bei anderen betteln und unseren eigenen Boden brach liegen lassen. Wir kennen die Literatur und Geschichte aller Völker, nur nicht die des Judenthums. Wir bewundern die Heroen des Geistes und die der That bei allen Nationen, nicht aber bei der -eigenen. Und warum dieses Vergessen? Weil wir in einer Zeit leben, in der man für die bedeutendsten Errungenschaften jüdischer Cultur nur mehr ein überlegenes Lächeln hat, in eiuer Zeit, in der man sich schämt, Jude zu sein. Der stolze Ruf „Iwri onauchi“ — „Ich bin ein Jude" — ist längst verklungen. Und darum, jüdische Frauen, ergeht an Euch der Ruf, helfet als Schwestern, Gattinnen und Mütter die verlorengegangene Selbstachtung, das entschwundene nationale Selbstbewusstsein wiedergewinnen, tretet in die Reihen jener Mädchen, die sich fast ein Jahrzehnt mit der Verwirklichung dieser Idee befassen, lernet oder bethätigt bei ihnen jüdisches Können, Denken und Fühlen. Der literarische Geselligkeits-Verein jüdischer Mädchen „Moria" hat sich seit jeher bestrebt, jüdische Geschichte und Literatur zu verbreiten und seinen Mitgliedern echt jüdische Gesinnung beizubriugen. Während der Sommermonate war es diesem Vereine auch vergönnt, seine Kräfte in den Dienst der allgemeinen Sache .zu stellen. Von der „Israelitischen Allianz" benachrichtigt, dass jüdische Emigrantinnen in Wien angelangt seien, hielt es die „Moria" tür ihre heiligste Pflicht, diesen unglücklichen Schwestern, die aller Existenzmittel beraubt, ohne Heim und Herd, ohne ein Fleckchen, aus das sie ihre müden Glieder zur Ruhe legen könnten, hier angekommen waren, ihre Hilfe angedeihen zu lassen. Viele Allgen haben das Elend dieser Aermsten gesehen, manche kalt und gleichgiltig, andere mit einem momentanen .Aufflackern von Mitgefühl, wieder andere mit aufsteigenden Thränen. Wenige haben geholfen, und unter diesen wenigen waren -in erster Reihe die Damen der „Moria". Der Verein hat also .auch hier seine Leistungsfähigkeit bewiesen. Der literarische Geselligkeits-Verein jüdischer Mädchen „Moria" wird jedesfalls nach wie vor, als sem edelstes Bestreben indisches Können, Denken und Fühlen vermitteln. R. K. er Indischer Uolksnerein in Wien. % hat den Zweck, und Wirtschafti Der „Jüdische Volksverein überall dort, wo die politischen lichen Interessen der Juden geschädigt werden, helfend und schützend einzugreifen, den Geist der Zusammengehörigkeit unter den Juden zu fördern und zu heben und alle Theile zu einem festen Ganzen zu vereinigen. Wer nur einen Funken Gefühl für die politische Drangsalierung, wirtschaftlichen Boycotts und gesellschaftlicher Missachtung, unter denen wir Juden zu leiden haben, hat, muss einsehen, dass unser Verein nur dann Ersprießliches zu leisten vermag, wenn in unseren Reihen das gesammte jüdische Volk steht. Es ist daher nothwendig, dass ein jeder Jude dem jüdischen Volksvereine als Mitglied beitrete. Die Höhe des Mitgliedsbeitrages wird dem eigenen Ermessen jedes Einzelnen anheimgestellt. Anmeldungen werden im Vereinslocal II., Leopoldsgasse 49 entgegengenommen. Wien. (Allgemeiner Jüdischer Arbeiterverein.) In einer kürzlich stattgehabten Besprechung von jüdischen Arbeitern wurde der Beschluß gefasst, einen allgemeinen jüdischen Arbeiterverein zu gründen. Der Verein wird seine Thätigkeit auf ganz Oesterreich erstrecken. Die Mitglieder vereinigen sich nach den Bestimmungen der Statuten zu Ortsgruppen. Der Sitz dieses Vereines ist in Wien. Die Statuten wurden bereits überreicht, und ist es nothwendig, dass alle jüdischen Arbeiter e h e st e n s ihren Beitritt anmelden. Schriftliche Beitrittsanmeldungen sind zu richten an: Bernhard G r ü n h u t, Wien, VII., Neubaugasse 11. Uttttheilungen aus dem Publicum. (Eine kleine Aufmerksamkeit) ist es doch, wenn man — so wie unser strebsamer Glaubensgenosse Herr A. S t e i n f e l d, Schuhwarenhändler, V., Schönbrunnerstraße 36 (Krystallpalast) — die für den bevorstehenden Versöhnungstag (Join Kipur) üblichen Pantoffel vorzüglicher Qualität seinen verehrten Kunden schon von heute an ganz unentgeltlich zu deren Verfügung stellt. (Wir verweisen die Aufmerksamkeit) unserer Leser auf das in unserer Nummer enthaltene Inserat der Kaffee- und Thee-Versandt-FirmaKarlPerles, Wien, 10.Bez., Grund st eingasseOl, welche die feinsten Kaffeesorten zu den billigsten Preisen offeriert. (T2?3 Conditorei.) Am 28. September l. I. eröffnete Herr Samuel Kaiser, II. Untere Augartenstraße Nr. 13 (Ecke Förstergasse), eine Conditorei, woselbst alle Sorten Feinbäckereien, selbstverständlich nur mit Naturbutter zubereitet, verkauft werden. Genannte Firma empfiehlt sich den geehrten Glaubensgenossen zu Hochzeiten, Sudes und sonstigen Festlichkeiten. (DaS Stauböl) ist eine unschätzbare Erfindung für alle Räume, welche der fürsorglichen Hand einer Hausfrau entbehren und infolge ihrer Bestimmung eine alltäglich gründliche Reinigung nicht genießen können. Wir können aus eigener Erfahrung sprechen, wenn wir dem Stauböl eine besondere Wirkung zuerkennen; eine Probe mit Zentner's Stauböl wird unsere Empfehlung sofort rechtfertigen. Die Adresse für den Bezug des Stauböls ersehen unsere Leser im Anzeigentheile. (Die Droguerie zum „Wolf") empfiehlt ihre Erzeugnisse in unserem Blatte. Das Renommde, das die Firma genießt, sollte unsere Glaubensgenossen zur Benützung dieser billigen Einkaussquelle veranlassen. zu vereinigen und das Gefühl ihrer Würde in ihnen zu wecken. Der „Centralverein" stellte sich als höchstes Ziel die Förderung der Assimilation und die Pflege des Deutschthums. Seine erfolgreichste Thätigkeit aber besteht darin, das er das jüdische Bewusstsein seiner Mitglieder hebt und sie vom Renegatenthum zurückhält. Bald wird die Entwicklung ihren natürlichen Lauf nehmen. Das Judenthnm in Deutschland — wie überall — wird sich in zwei Lager theilen. Die einen werden die letzte Co n segne uz der Assimilationslehre ziehen und den Namen Jude gänzlich auf geben, und die anderen werden sich um die Fahne des N a t i o n a l j u d e n t h u m s scharen. Friedlich wird diese reinliche Scheidung vor sich gehen, und ohne Hass werden sich beide Theile voneinander trennen. Sie werden — wie die Extreme überhaupt —Verständnis für einander haben. Jeder wird das thun, was e r t h u n m u s s. Ich zweifle keinen Augenblick daran, dass die besten Kräfte dieses großen energischen Vereines sich dann Juden schlechtweg nennen, d. h. das jüdische Urelement, das allein unbewusst die Triebfeder ihres Handelns ist, in ihrem Inneren erkennen werden. Verzeichnis der den Mitgliedern des Jüdischen Volks Vereines zugeftandenen Preisermäßigungen : 1. Vivarium, Thiergarten und Uraniatheater a 50 Heller, 40 Heller und 30 Heller, an Sonn- und Feiertagen ü 20 Heller. 2. Jantsch-Theater im Prater blos an Wochentagen 25"L alle Plätze. (Vereinsanweisungen.) 3. Deutsches Volkstheater 20 Heller bei Stehparterre. Balkonsitze durch Vereinsanweisungen Tags zuvor ohne Vorverkaussgebühr. 4. Dianabad gegen Vereinsanweisung zu ermäßigten Preisen. 5. Katharinenbad, XVI. Dampfbadgasse, 20"/.,. 0. Marienbad, VII. Schottenseldgasse 04, 25 7. Russisches Schwitzbad, VI. Linieng. 5, 20 8. Brünnlbad, IX. Borschkegasse 4, 20°/u. & Demus- Md DersMMlMSsbkrilhte. Wien. (Beth aus- V erein „Marpe Lanefesch".) Am 10. October 7 Uhr abends findet im Clublocal „Cafö Adria", II., Große Pfarrgasse Nr. 1, eine außerordentliche General-Versammlung statt. Aus der Tagesordnung befindet sich die Aenderung, beziehungsweise Erweiterung der Statute. Wien. (B a r m i zw a - F e i e r.) In unserem kleinen, aber herrlichen Bethause „Montefiore", II., Taborstraße Nr. 38, begieng am letzten Samstag der 13jährige Knabe Arthur, Sohn des Herrn Vorstandsmitgliedes Jacob Sputz, das Fest seiner Barmizwa. Nach der Cerenionie im Tenipel, wo der Consirmand zur Thora gerufen wurde und die Hastthora musterhaft gelesen, versammelten sich viele Freunde und Bekannte im Hause des Festgebers zur Gratulation und liefen auch von auswärts zahlreiche Glückivünsche ein. Der Consirmand hielt eine tiefempfundene Rede, die sich allgemeinen Beifalls erfreute. Anlässlich dieser Feierlichkeit wurde sowohl von dem Vater, als auch von sämmtlichen kF"""liemnitaliedern, die zur Thora gerufen wurden, der Wohlthätigkeit ein hübscher Beitrag zugeführt. Lose Blatter aus Deutschland. Von Fabius Schach in Karlsruhe i."B. III. Der „Centralverein" wird vielleicht einst im Culturlebcn der deutschen Jndenheit eine große Rolle spielen. Vor läufig aber ist der Process der Klärung bei ihm noch nicht abgeschlossen, und daher kann er auch in seinen Handlungen nicht consequent sein. Er schwankt zwischen zwei Weltanschauungen, vendelt zwischen den zwei Polen I u d e n t h u m und Deutschthum. Bald erscheint er uns als national-jüdisches Assimilantenthum, bald als assimilatorisches Nationaljudenthum. Psychologisch fasse ich die Politik des Vereines als eine Assimilation aus Trotz, nicht aus Neigung auf: „Ihr Antisemiten sprecht mir das Deutschthnm ab, gerade bin ich deutsch. Ich kann alles wie Ihr und will alles wie Ihr, aus Princip, aus Trotz! Mag es verfehlt sein, dumm, komisch, aber — Ihr thut es, ich auch!" Ist aber schon die Nachahmungssucht ohnehin das Kriterium einer schwachen Individualität, eines schlaffen Charakters, so wirkt eine Nachahmung aus Trotz geradezu tragikomisch. Es kommt im Leben oft vor, dass ein Mädchen, um den treulosen Geliebten zu ärgern, den ersten besten Mann heiratet. Ob die Aermste den anderen damit kränkt, ist noch sehr fraglich, sich selber aber ruiniert sie. Eine Politik, die solchen Quellen entspringt, muss Widersprüche in sich bergen. Wenn der „Centralverein" die Selbstvertheidigung zur Parole machte, so ist das kein neuer, aber ein sehr gesunder Gedanke. Wenn er sich aber „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" nennt, so ist das mindestens komisch. Sind alle Mitglieder des Vereines oder auch nur des Vorstandes in Wahrheit jüdischen Glaubens? Wer dürfte das behaupten? Sind sie aber deutsche Staatsbürger jüdischen Unglaubens, so stempeln sie sich, wenn sie sich dennoch als Juden in geschlossenen Reihen vertheidigen, selber zu Nationaljude n. Entweder also geben sie eine jüdische Gemeinschaft außerhalb der Religion zu, oder der Verein hat keine Existenzberechtigung. Aus diesem Dilemma ist nicht herauszukommen. Es ist auch nicht das Kennzeichen eines vollen Bürgers, mit seinem Bürgerthum zu prunken und das Selbstverständliche großspurig zu verkünden. Es würde keinem Katholiken in Deutschland einfallen, sich „Deutscher katholischen Glaubens" zu nennen. Er bezeichnet sich ohne Scheu als deutschen Katholiken. Natürlich prägt sich diese Jnconseqnenz des Denkens auch im Handeln aus. Der Verein bekämpft sehr energisch das Renegatenthum. Ja, warum denn? Wenn der Jade in Deutschland nur ein Deutscher jüdischen Glaubens ist, dann ist er, wenn er an das jüdische Gesetz eben nicht mehr glaubt, ein Deutscher schlechtweg. Warum soll er also nicht die letzte Schranke zerstören und die wirksamsten Mittel der Assimilation, Taufe und Mischehe, wühlen? Es ist eine unangenehme Lüge, gewiss, aber man ist ja im conventionellen Leben zu mancher Lüge gezwungen, und wenn man dadurch die Zukunft seiner Kinder und der späteren Generation retten kann, so ist das immerhin ein großes Ziel. Gebe ich die Möglichkeit und die Nothwendigkeit einer Amalgamierung zu, dann habe ich nicht das Recht, einen freidenkenden Juden vom Taufbecken zurückzuhalten. Also überall Irrfahrten, ein Suchen, Tappen und Experimentieren. Es ist das Stadium der Gührung. Diese Männer empfinden echt jüdisch, trauen sich aber nicht, das einzugestehen. Sie werden von Gefühlen gejagt, die sie nicht zähmen können, und im Grunde ihres Herzens sind sie — mögen sie sich auch vor dem Worte bekreuzigen — N a t i o n a l j u d e n. Soweit das Wirken dieses Vereines vonnutzen war, war es ein jüdisches und kein deutsches. Ja, es ist eine Ironie des Schicksals, dass alle Bewegungen, die unklar in ihren Zielen und Richtungen sind, schließlich das fördern, was sie bekämpfen wollten. Der Antisemitismus gab vor, das Jndenthum zu bekämpfen, und — er trug im hohen Grade dazu bei, die Juden Zur selben Zeit trat eine neue Erscheinung auf die Tagesordnung: die jüdischen Geschichtsvereine. Auch sie hat der Antisemitismus erzeugt, und sie bilden eigentlich nur eine vornehmere, höhere Art der Abwehr. Es ist daher interessant, aus die Entstehungsgeschichte dieser Vereine einzugehen. Der erste Geschichtsverein ist meines Wissens der Berliner, und wer ihn ins Leben gerufen hat, das war der Zionismus, wie überhaupt jedes gesunde Werk in Israel einem bewussten oder unbewussten Nationaljudenthum seine Existenz verdankt. Die Gründer des Vereines waren Bambus, Loewe, Mozkin, Schach und einige russische Studenten. Schon bei der constituierenden Versammlung traten die unerquicklichem Differenzen zwischen starrer Orthodoxie und schablonenhaften Reformthum auf, und sie hätten die neue Pflanze im Keime erstickt und den Verein unmöglich gemacht, wenn das Nationalgefühl nicht den Kitt bildete, um diese heterogenen Elemente zusammenzuschweißen. In Köln war es ebenfalls ein Zionist, Doctor Bodenheimer, der die Gründung des Vereines veranlasste. Die „führenden Geister" ließen sich erst später herbei, die Vereine mit ihrer Leitung zu beehren, und es waren mehr realpolitische Motive, die sie dazu bewogen. Die einen hatten das Bedürfnis, ihren verblassten wissenschaftlichen Ruhm neu zu vergolden. Die anderen sahen ihre Synagogen immer leerer werden, sie stiegen daher von der Kanzel herab, kamen in die Sitzungen des Literatur-Vereines, um sich hier bewundern zu lassen. Wieder andere wollten sich dem neuen Berufe der literarischen commis voyageurs widmen und —> ein Wort Börnes variierend — etwas verdienen, ohne es zu verdienen. Die besten Arbeiter und Stützen der Vereine traten wenig in den Vordergrund. Die Idee, die dieser neuen Bewegung zugrunde lag, war eine sehr glückliche. Es sollte eine Stätte geschaffen werden, wo, abgesehen von allen religiösen und Parteirichtungen, alle Juden sich als Juden fühlen, wo sie Belehrung und Anregung über jüdisches Wissen und jüdisches Leben, über Vergangenheit und Gegenwart, finden und ihre jüdisch; Weltanschauung ausbilden und vertiefen. Dazu war natürlich eine jüdische Volkswiffenschaft nothwendig, d. h. eine volksthümlich gehaltene Wissenschaft des Judenthums, eine Aufklärung, die die Hebung des jüdischen Volksbewusstsein zum Endziele hat, eine Wissenschaft aus dem jüdischen Leben und für das jüdische Leben. Die Durchführung dieses Programmes gehört zu den schwierigsten, aber auch wichtigsten Aufgaben. Es müsste die Mitte zwischen hölzerner, steifer Gelahrtheit und seichtem Dilettantenthum gesucht werden, man müsste sich fern von der kalten, starren Formel und auch fern von der tönenden Phrase halten. Diese Arbeit, die die beste geistige Sanierung Israels bedeutet, wäre nicht unmöglich, wenn man die richtigen Männer und die richtig:n Mittel gewählt hätte. Die Männer müssten nicht Träger wohlklingender Namen, sondern arbeitsfreudige, begeisterte Jünger der Wissenschaft, die jüdische und allgemeine Kentnisse in sich vereinigen, sein. Man müsste nicht zu glänzen, sondern zu wirken suchen, man müsste vor lauter G e i st r e i ch s e i n das Geistig sein nicht vergessen. Die Borträge müssten so sein, dass man nicht des lieben Beifalls wegen den Schwächrn der Menge schmeichelt und zu ihr herabsteigt, sondern sie zu sich erhebt, sie in höhere Regionen systematisch einführt und sie zum geistigen Genüsse erzieht. Die Vorträge dürften keine wissenschaftlichen Potpourris und literarischen Desserts für halbgebildete Männer und viertelgebildete Frauen sein, sondern schlichte, gediegene Gedanken und möglichst zusammenhängende Aufsätze über abgerundete historische Perioden, über literarische Epochen und geistige Erscheinungen. So hatten wir uns die Sache in unseren Träumen ausgemalt. Die Wirklichkeit blieb fern von diesem Ideale. Wissenschaftliche Charlatane spielten in diesen Vereinen die erste Geige, und wer nur einen klangvollen Namen hatte, wer die edle Kunst der Reclame verstand, wurde zum Paraderedner erkoren, obgleich er sich nie mit der jüdischen Wissenschaft befasst hatte. Oft wurden geradezu widerliche Komödien mit Rednern und Nednerinnen aufgeführt. Es bildete sich gar bald eine Art Versicherungs-Gesellschaft auf gegenseitige Belobigung heraus, und mancher Redner bereiste mit zwei oder drei Vorträgen fünf Jahre hindurch ganz Deutschland. Auch die nothweudigen Hilfsmitteljdieses Regenerationswerkes, Discussions- Abende, öffentliche Lesehallen und Bibliotheken, Curse für Geschichte und hebräische Sprache, Herausgabe von Schriften, ließen — soweit sie überhaupt realisiert wurden — viel zu wünschen übrig. Man vermisste in all diesen Institutionen den jüdischen Bolksgeist, der allein die Sachen beleben könnte.