Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 40 (5.10.1900)
- Date
- 1900-10-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 5. October 1900 Nr. 40 Amtmannes. Der Erzherzog nahm mit sichtlicher Befriedigung die Mittheilung entgegen, dass der Rabbiner in einigen Monaten eine Geschichte der dortigen Jsraelitengemeinde veröffentlichen werde. Zur Mittagstafel im „Hotel Post" ward auch der Cultusvorsteher Herr Michael M e n z beigezogen. Ausland. Berlin. (Die crmaitia' und Koni tz.) Die hiesige „Germania" brachte gelegentlich der Konitzer Hetze zwei Artikel über die Ermordung des Gymnasiasten Winter, in welchen die Berwaltungs- und Gerichtsbehörden in bekannter unflätiger antisemitischer Manier angegriffen wurden. Wegen dieser Artikel hatte sich der verantwortliche Redacteur des genannten Blattes vor der Strafkammer des Landesgcrichtes I zu verantworten. Der Gerichtshof kam nach längerer Berathung zu einem Schuldig spruche gegen den Angeklagten. Dieser habe die Behauptung, dass in Könitz von den Beamten und Behörden mala fide vorgegaugen sei, nicht gemissbilligt und dadurch sich zu eigen gemacht. Er habe damit äußerst schwere Vorwürfe erhoben, für die er selb st einen Beweis zu erbringen nicht bereitgewesen sei. Unter diesen Umständen habe sich die Erhebung der sonst angebotenen Beweise erübrigt. Die Beleidigungen seien äußerst schwere und deshalb habe der Gerichtshof auf e i n e u M o n a t Gefängnis erkannt und den Beleidigten die Publicationsbefugnis zugesprochen. Berlin. (Vom „gesunden" Antisemitismus.) Die „Deutsche Tageszeitung", das Organ des Bundes der Landwirte, bezeichnet es als fraglich, ob die Spaltung der deutschsocialen Reformpartei dem Antisemitismus mehr schaden als nützen werde. Da in ihr so grundverschiedene Elemente gewesen seien, dass sie gegenseitig ihre Agitations- und Actionskraft nothwendigerweise hätten hemmen müssen, sei es sehr wahrscheinlich, dass die Trennung eher kräftigend und fördernd wirken werde. Dass die Spaltung eine schwächende Wirkung auf den antisemitischen Gedanken haben werde, sei vollkommen ausgeschlossen. Grundsätzlicher Rassenhass und Religionshass ist dem deutschen und christlichen Wesen vollkommen zuwider oder wenigstens schwer mit ihm vereinbar. Der Antisemitismus, der im Rassenhasse gipfelt und aufgeht, der die jüdische Religion als solche schmäht, der den einzelnen Juden gehässig verfolgt, wird niemals in den breiten Schichten des Volkes Boden finden. Ihn haben auch die antisemitischen Parteien mit voller Entschiedenheit zurückgewiesen (?) Der gesunde Antisemitismus wendet sich nicht gegen die Einzelpersonen des Judenthums, sondern gegen den jüdischen Geist. Er will Rasse und Religion nicht verfolgen, wohl aber die deutsche Art und die christliche Religion rein erhalten. Er will eine gewisse reinliche Scheidung durchführen und Schranken aufrichten, die dem Ueberfluthen des jüdischen Sinnes wehren und deutsche Art wahren. Diesen Antisemitismus aus dem Volke zu entfernen, wird niemals gelingen. Im Gegentheil, das Judenthum sorgt dafür, dass er immer tiefer Wurzel schlägt, dass er immer weitere Kreise umfasst. Nach diesen Ausführungen stellt die „Deutsche Tageszeitung" folgendes Programm aus: gesetzliche Beschränkung der jüdischen Einwanderung, Ausschließung jüdischer Lehrer aus christlichen Schulen, Beseitigung der jüdischen Richter, besonders als Einzelrichter. Die Rechtsanwaltschaft soll den Juden nicht verschlossen werden, aber es sei recht und billig, dass die Zahl der zur Rechtsanwaltschaft zugelassenen Juden ihrem Percentsatze in der Bevölkerung entspreche. Dieser Antisemitismus sei nicht tobt, könne auch niemals getödtet werden. — Man wird zunächst die Stellungnahme der verschiedenen antisemitischen Richtungen abzuwarten haben. Dass der Liebermann'sche Flügel fich mehr noch als früher den Conservativen, beziehungsweise dem Bunde der Landwirte anschließen wird, kann schon heute als gewiss gelten. Unna. (Denkmäler demoliert.) Nachts wurden auf dem hiesigen israelitischen Kirchhofe 28 Denkmäler durch ruchlose Hand demoliert, so dass an ein Wiederaufstellen derselben nicht mehr zu denken ist. Der Thäter dieser verwerflichen Grabschändung ist in dem Handlanger Hugo H a n ck e aus Niedermassen entdeckt, der die That aus reiner Roheit und nichtswürdiger Zerstörungslust begieng. Eine harte Strafe erwartet den Buben, der die Zeichen der Pietät in so schnöder Weise vernichtete. London. (Kostspielige Bekehrung.) Der kürzlich erschienene Jahresbericht der Londoner Missionsgesellschaft weist eine Ausgabe von 3,444.000 Mark auf. Das damit erzielte Resultat war kläglich. In Kanton, wo die Mission seit 93 Jahren thätig ist, bestehen sechs Mission-anstalten mit fünf Missionären. Die Zahl der Bekehrten beträgt 253 Personen. Es werden demnach von sämmtlichen sechs Anstalten jährlich 2-/g Chinesen bekehrt. In Indien gibt die Gesellschaft alljährlich 57.000 Pfd. aus mit dem Resultate, dass jede Station alle 5y2 Jahre einen Heiden bekehrt. In Matabeleland haben sechs Missionäre 51 Kaffern gekapert und in Central-Afrika haben neun Missionäre 39 schwarze Seelen vor dem ewigen Fegefeuer gerettet. Die von den Missionären in China, Indien und Afrika angewendete Methode ist genau dieselbe, die sie zur Bekehrung der Juden von East-London anwenden. Das Recept lautet überall: „Durch den Leib zur Seele/ Große irdische Vortheile werden all denen geboten, welche das himmlische Manna der Missionäre nicht verschmähen. Die kläglichen Resultate haben schon längst alle Welt von der völligen Wertlosigkeit des gesammten Missionswesens für das Christeuthum überzeugt. Käme es den Geldgebern der Missionäre nur auf die Ausbreitung des Christenthums unter den Heiden an, sie würden schon längst der Missionsgesellschaft den Brotkorb höher hängen und sie durch Entziehung aller Geldunterstützung zur Einstellung ihres nutzlosen Treibens zwingen. Allein es liegt diesen reichen Herren an der Ausbreitung des Christenthums eben sehr wenig. Sie verfolgen mit der Mission rein politische Zwecke, bei deren Erreichung sie sich des Christenthums als Vorwand und der Missionäre als politische Agenten bedienen. Ihre Parole lautet nach einem von Lord Salisbury kürzlich in der Exeter Wall citierten Ausspruch eines Chinesen: Erst kommt der Missionär, dann der Consul, dann der General. Dieser Spruch, der die sonst unsinnige Thätigkeit der Missionäre in China allenfalls noch erklären würde, rechtfertigt aber nicht den betriebenen Seelenfang unter den Juden. London. (Die hohen Feiertage auf dem südafrikanischen Kriegsschauplätze. — Eine Sommerfrische für d i e Iude n aus d e m O st e n d.) Herr Oberrabbiner Dr. Adler hatte sich am vorigen Donnerstag mit dem telegraphischen Ersuchen an den General-Commandierenden in Südafrika, Lord Roberts, gewandt, die jüdischen Soldaten am Rosch Haschonoh und Jom Kippur vom Dienst zu befreien. Bereits Sabbath Abend traf die Antwort ein, dass dem Gesuche in jeder möglichen Weise willfahrt werden wird. — Herr Hermann Landau, dessen philanthropisches Wirken anlässlich seines Eintretens für die hierher gekommenen rumänischen Glaubensgenossen in gerechtem Lobe von Ihnen hervorgehoben tvurde, hat einen neuen Beweis seiner Opferfreudigkeir gegeben. Derselbe lässt auf seinem in relativer Nähe von London gelegenen Gute vierzig Häuser errichten, in denen ebenso viele Familien aus dem Ostend während des Sommers sechs Wochen hindurch kostenlos Wohnung und vollständigen Unterhalt finden sollen. Wer je einen Blick in die Quartiere des Elends von Whitechapel gethan und schaudernd wahrgenounnen hat, in welchen geradezu entsetzlichen Wohnstätten die Unglücklichen ohne Luft und Licht dort Hausen, der wird begreifen, welche Wohlthat es bedeutet, wenn diesen Aermsten der Armen die Segnungen eines Landaufenthaltes und kräftiger Ernährung gewährt werden. Einige Häuser sind bereits fertiggestellt und in diesem Sommer ihrer Bestimmung übergeben worden. Petersburg. (Abermals ein jndenfreundlicher Senatsbeschluss.) Der russische Senat hat eine neue, für die Juden überaus günstige Entscheidung gefällt. Darnach dürfen die Juden auf dem platten Lande unbewegliches Eigenthum besitzen, wenn dieses Eigenthum ihnen testamentarisch vermacht oder sonstwie geschenkt wird. Die Maigesetze — so begründete der Senat sein Urtheil — sollen beschränkend wirken, beschränkende Gesetze unterliegen aber keiner Interpretation, sondern müssen nach ihrem buchstäblichen Wortlaut genommen werden. Diesem Wortlaute nach aber dürfen die Juden auf dem platten Lande keine Güter kaufen, dagegen kann ihnen niemand verbieten, sich diese Güter schenken oder testamentarisch vermachen zu lassen. Memel. (Judenausweisungen.) Wie man erfährt, sind wieder Judenausweisungen im Gange. Nachdem erst unlängst ein jüdischer Ausländer, Vater von unmündischen Kindern, eine längere Haftstrafe hat verbüßen müssen, sind nun wieder einige Familien von dieser Maßregel betroffen worden, die nachdrücklich betrieben wird. Das Schicksal der Betroffenen ist gewiss traurig zu nennen, da diese Leute sich seit Jahren hier eingelebt und eingebürgert haben und nun gezwungen sind, eine neue Existenz, resp. Heimat zu gründen. Wir können uns darum der Ueberzeugnug nicht verschließen, dass auch hierin eine „Reform" geboten erscheinen dürfte. Riga. (Zur Juden frage.) Durch wiederholte Senatsentscheidungen, die vom „Woschod" wiedergegeben werden, ist festgestellt worden, dass einerseits Eltern, die erwerbsunfähig sind, bei ihren Kindern, und andererseits Kinder, auch vollständig abgetheilte und selbst verheiratete, unter denselben Voraussetzungen bei ihren Eltern Aufnahme finden können, ohne Rücksicht auf ihre sonstige persönliche Aufenthaltsberechtigung am betreffenden Orte, da es eine vom Gesetze ganz allgemein geforderte Pflicht ist, dass Eltern und Kinder im Nvthfalle für einanver sorgen. New-Aork. (I ü d i s ch e S ch a u s p i e l e r.) In New- Jork fand am Samstag, wie man unter dem 16. September von dort meldet, in einem großen Bureau ein seltsames Schauspiel statt. Fünfzehn jüdischeSchauspieler zeigten ihre Kunst vor vier Vertretern der Einwanderungs-Commission der Bereinigten Staaten. Diese sollten darüber entscheiden, ob die Schauspieler in das Land hineingelassen werden durften oder nicht. Die Juden waren in Russland angeworben, um in dem „Jüdischen Theater" in New-Iork zu spielen, und die Schutzvereinigung hebräischer Schauspieler widersetzte sich ihrer Zulassung, weil dies eine Verletzung des „Contract labour law“ wäre. Der Theaterdirector, der sie angenommen hatte, behauptete dagegen, dass sie Künstler wären und für sie also die besonderen Gesetzesbestimmungen über die Zulassung der Künstler in Betracht kämen. Nachdem die Commission viele Specialitäten in einer Sprache, die keines von den vier Mitgliedern verstand, und außerdem einige ihrer Lieder mitangehört hatte, entschied sie, es wären Künstler; der hebräische Impresario konnte triumphierend mit ihnen nach einem im Osten gelegenen Hotel abziehen. Galiläa. (Von den jüdischen Taglvhnern.) Die jüdischen Taglöhner in der Colonie Sichron Jacob, welche jetzt zu Hunderten arbeitslos werden, haben zur Förderung ihrer Angelegenheit aus ihrer eigenen Mitte einen „Waad", d. i. ein Central-Comite eingesetzt. Der „Waad" hat seinen Sitz in Waad-el-Chanin bei Jaffa und hat zur Aufgabe, die Interessen der Taglöhner zu vertreten, für sie bei Vereinen und Corporationen einzutreten und nichts unversucht zu lassen, was zur Erleichterung des Schicksals dieser armen „Arbeitswilligen" beitragen könnte. Da das Comitö keine Mittel besitzt, um für die über 300 Familien zählenden jüdischen Landarbeiter Land zu kaufen, so sucht es solches für sie zu pachten. Als geeignetes Pachtland ist das dem Sultan gehörige, am Jordan gelegene Land, das Hul, in der Umgebilng von Jericho, sowie das zwischen dem Jordan und dem Dshaludflusse sich hinstreckende Beisan. Der Boden ist da vorzüglich, und Fellachen wie Beduinen sind stets gerne bereit, gegen Entrichtung des schon zur Zeit Josephs bekannt gewesenen Fünftheils das Land in Bearbeitung zu nehmen. Da die neuerdings wieder fleißig in Angriff genommene Eisenbahn Chaifa-Damaskus auf persönlichen Wunsch des Sultans durch Beisan gehen soll, so wäre eine Ansiedlnng auf diesem Gebiete sehr wünschenswert. Leider wird dieses Land als sogenanntes Driflik nur auf wenige Jahre verpachtet. Das Comite für die jüdischen Taglöhner hat sich nun an die „I. C. A." gewendet, welche ihnen die nothigen Mittel versprach, falls es gelingen sollte, in Beisan Land auf zehn Jahre in Pacht zu bekommen. Die Verwaltung der Driflik-Ländereien, welche ihren Sitz in Damaskus hat, steht unter Leitung eines Glaubensgenoffen, des Herrn Jakub Adath Effendi, und so ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Pachtung des Driflik, auf welche die armen Taglöhner ihre letzte Hoffnung setzen, gelingen wird. T. Eingesendet. (Für diese Rubrik übernimmt die Redaction keine Verantwortung. Karl Kraus, der Verleumder. An dieverehrlicheRedactiondes „I ü d i s ch e n Volksblatt", Wien. Sehr geehrter Herr Redacteur! Ich erhielt vor wenigen Tagen einen Artikel der Zeitschrift „Die Fackel" zugesandt, der sich unter dem Titel: „Die kurze Geschichte einer .Jüdischen Volkspartei" auch mit mir beschäftigt. Welchen Anlass die „Fackel" hat, sich mit mir. der ich mich seit Beginn des heurigen Jahres schon von jeder journalistischen und politischen Thätigkeit v o l l st ä n d i g zurückgezogen habe, und der ich seit nahezu einem halben Jahre schon im Auslande lebe, so „rücklings" zu beschäftigen, weiß ich nicht. Ich habe als Privatmann selbstverständlich auch keinen Grund, auf das ekelhafte Geschmiere der „Fackel" einzugehen. Ich halte es nur in Ansehung meines ehemaligen Verhältnisses zum „Jüdischen Volksblatt" als meine Pflicht, zu erklären: D i e B ehauptung, dass ich einmal getauft gewesen sei oder es noch wäre, ist eine böswillige Verleumdung. wovon sich jedermann durch Nachfrage auf den zuständigen Matrikelämtern überzeugen kann. Indem Ihnen, geehrter Herr Redacteur, für die Aufnahme dieser Zeilen bestens danke, zeichne ich Hochachtungsvoll Bern, 21. September 1900. I. H o l l i t s ch e r. (Herr Kraus, werden Sie nun bald widerrufen? Oder ist hier Schweigen Ehrensache? Die Redactio n.) Glaubensgenossen! Am 25. August l. I. brach in dem Stäbchen Uhnow (Galizien) eine verheerende Feuersbrunst aus, welche im Laufe von zwei Stunden beinahe die ganze Stadt eingeäschert hat. Rettung war unmöglich, die vom Feuer Ueberraschten konnten kaum ihr nacktes Leben retten. Das grenzenlose Elend lässt sich nocf) nicht überblicken. 500 jüdische Familien sind obdachlos! Die traurige ökonomische Lage der hiesigen Juden erlaubte nur wenigen ihr Hab und Gut zu versichern, so dass der nicht versicherte Schaden die Summe von 600.000 Kronen bedeutend übersteigt. Die verarmte Stadt ist nicht imstande auch nur im geringsten dem grässlichen Elende zu steuern. Brüder'. Unterstützt nach Kräften unsere Hilfsaction. Spendet alle, reich wie arm; jede Gabe, groß wie klein, findet ihre Verwendung. Von Eurer Opferwilligkeit und Freigiebigkeit hängt es ab, ob eine große Zahl armer Glaubensgenossen an den Bettelstab greifen oder in Hunger und Kälte verkommen soll. Gebet rasch und willig, denn nur so sind wir in der Lage, die durch Elementarereignisse verursachten Wunden Eurer verzweifelten Brüder zu heilen. Jüdisches H i l f s c o m i t c in Uhnow: Dr. M. Munk, Obmann, Dr. B. Kibi'tz, Obm.-Stellvertreter, Samuel R o k a ch, Depositair, S. Orange, Controlor. Josef K i b i tz, Schriftführer. Erhaltene Beiträge werden öffentlich bestätigt. Geldsendungen sind erbeten unter Adresse Samuel R o k a ch, Lemberg, Kopernika 26. Ein Wort an die jüdischen Frauen! Wir leben in einer Zeit, die man als die Zeit der jüdischen Revolution bezeichnen könnte. Durch alle Schichten der jüdischen Gesellschaft geht eine Bewegung, die von Tag zu Tag größere Dimensionen annimmt. Der Boven, auf dem wir Jahrtausende hindurch gestanden sind, schwankt; eine Frage ist aufgetaucht, die immer weitere Kreise beschäftigt, über bereu Lösung für und wider gestritten wird. Die Frage : Sind die Juden ein Volk oder eine Religionsgemeinschaft? Haben die Juden das Recht, trotzdem sie räumlich weit, weit vom Vaterlande entfernt sind, trotzdem bei vielen die Sehnsucht nach dem Heimatboden beinahe am Erlöschen ist, sich als Nation zu bekennen. Bei dieser Frage, die für das ganze jüdische Volk von höchster Bedeutung ist, sind nicht nur die Männer, sondern in noch viel höherem Maße — die Frauen interessiert; denn sie sind es ja, die schon seit Urzeiten als Schwestern, Gattinnen und Mütter den bedeutendsten Einfluss auf das jüdische Volk ausgeübt haben, ihnen allein ist es dem Talmud nach zu danken, dass das jüdische Volk trotz wiederholter Knecht)chafc, trotz.jdes Druckes harter Gesetze der aussaugenden und entwürdigenden Staatsknnst vieler Regenten, sein Eigenleben bis auf den heutigen Tag beibehalten hat. Das Vaterland, fast auch seine Sprache, hat es verloren. Aber sein Blut, seinen Charakter, sein Selbstgefühl hat es, dank den Frauen bis aus den heutigen Tag bewahrt. Zu allen Zeiten haben die jüdischen Frauen das Hauptcontingent der Märtyrerinnen geliefert. Ihnen folgte nicht der Ruhm des Märtyriums, ihnen jauchzte keine bewundernde Menge nach. Keine Zeile spricht von der edlen Gesinnung, mit der diese muthigon Frauen ihr und der Ihren Leben hingegeben haben, um ihrem Volke noch im Tode treu zu bleiben. Und wenn auch heute ein großer Bruchtheil unserer Frauen fahnenflüchtig geworden, und wenn auch manche, die sich ihrer Confession nrch noch zu den Unseren zählen, vor der unangenehmen Thatsache, dass wir gehasst werden, gewaltsam Augen und Ohren verschließen und das Elend, dem Tausende zum Opfer gefallen sind und noch fallen werden, mit dem Satze abthun, es werde wieder besser werden, so können wir doch getrost behaupten, dass der größere Bruchtheil unserer Frauen, ja unseres