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Jüdisches Volksblatt · 1900-09-28 · 39 (28.9.1900) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt M. September 1900 Seite 5 jene Herren verdient machen, die so häufig über den Niedergang der Frömmigkeit klagen. Aber mit kleinen Dingen gibt man sich in London nicht ab; besonders heuer ist man mit wichtigeren Sorgen belastet. Am Versöhnungstage finden nämlich die Wahlen zum Unterhause statt. Es sind, beiläufig gesagt, siebzehn jüdische Candidaten aufgestellt, deren Wahl oder Nichtwahl für die Juden in England ohne jegliche Bedeutung ist. Und nun bemühen sich das Committee of Deputies of the British Jews, ferner der Chief Rabbi und andere einflussreiche jüdische Gesellschaften, dass von den Behörden der Wahltermin verlegt wird, damit die Handvoll Juden, die ein Jnterefie an der Wahl hat, ihr Recht ausüben kann, ohne den hohen Feiertag zu verletzen. So wichtig ein derartiges Vorgehen für die politischen Verhältnisse des Continents wäre, so belanglos ist es für das parlamentarische Leben in England. Aber da die Bemühung nichts kostet, und kein Blut, sondern nur Tinte zur Erlangung der Vergünstigung verwendet wird, kann man die Energie der hiesigen Juden immerhin loben. Man darf auch mit Sicherheit annehmen, dass der Wunsch der jüdischen Wähler erfüllt wird; denn in England vermeidet man officiell alles, was einem Gewissenszwange gleichkäme. Typisch für diese Auffassung ist die Auseinandersetzung, die der Vorsitzende eines hiesigen Gerichtshofes in der vorigen Woche mit einem Geschworenen hatte. Dieser, namens Cohen, weigerte sich, der Besichtigung einer Leiche beizuwohnen, obwohl der Sachverständige, ein Rabbi, seltsamerweise erklärte, dass nichts dagegen einzuwenden wäre, da nicht jeder Mann, der den Namen Cohen führt, ein »Cohen" im Sinne der Bibel sein müsse. Trotzdem wurde der Geschworene vom Amte dispensiert. — Der Präsident eines anderen Gerichtes ordnete an, dass an« Versöhnungstage mit Rücksicht auf die jüdischen Rechtsanwälte die Verhandlungen ausfallen. Einen ebenso erfreulichen Eindruck machte eine Rede, die der Lord-Mayor von Liverpool, Mr. Louis S. Cohen, bei der Eröffnung einer Loge in Wales hielt. Er wies darauf hin, dass er der erste Jude sei, dem die Präsidentschaft der Loge übertragen worden wäre, und stellte eine Vergleichung zwischen der jüdischen und der welschen „Rasse" an. „Sie beide haben ihre Sitten erhalten und ihre Sprache gerettet, beide haben ihren nationalen Charakter bewahrt. Jede von beiden wurde eine doppelsprachige Rasse. Sie haben beide erkannt, dass für den Erfolg im Handel das Erlernen und der Gebrauch der englischen Sprache nothwendig ist, aber in ihren innersten Empfindungen» in ihren religiösen Uebungen lieben und fühlen sie nur ihr eigenes Welsch und Hebräisch." Nicht nur diese Rede, sondern schon die Thatsache, dass ein Jude Lord-Mayor einer Millionenstadt ist, wäre in einem Lande des Continents unmöglich. In England ist es nichts Außergewöhnliches. Vor einigen Jahren war ich in London Zeuge des Enthusiasmus mit dem man Sir Faudel-Philipp begrüßte, und für dieses Jahr soll auch wieder ein Jude für das höchste Amt in der Metropole des britischen Reiches ansersehen sein. ' Max I u n g m a n n. schon unter diesen wirkliche, wahre Juden, bei denen es nur eine Inkonsequenz oder angeblicher Anti-Utopismus ist, dass sie sich nicht zu den Zionisten schlagen, die heute thatsächlich Repräsentanten echtesten Judenthums in Deutschland sind. Leider sind ihrer noch allzuwenige, und dann haben sie sicher einen großen Fehler: Furcht vor jeder Gegenwartsarbeit. Denn diese müsste in der Hauptsache social sein. Aber selbst sehr gescheite, sonst wirklich nicht oberflächliche Menschen in Deutschland sehen bei dem Worte „social" roth und denken an Bomben und Revolution. Zumindest ist ihnen Soeialpolitik und Socialdemokratie (— Gottseibeiuns) identisch. Doch schon regt sich mancherorts ein neuer Geist, vielfach zu danken den angeblich kulturell niedriger stehenden eingewanderten Russen und Polen. Bon hier aber wird das Nationaljudenthum in Deutschland ausgehen. Das wird der Kern sein. Und es werden sich ihnen, sie mögen es auch heute nicht zugeben, anschließen die Centralvereinsler und Trutzjuden. Denn das gesteckte Ziel werden sie ja doch nicht erreichen. Ohne das zu gestehen, werden sie es richtiger finden, dass es besser sei, gemeinsam zu wirken, als sich zu befehden. Und sie werden Gegenwartsarbejt, Realpolitik treiben. Schließlich sind sie auch schon heute Nationaljuden. Denn das Religiöse verbindet sie gewiss nicht, aber die Abstammung alias Nation. Die Bethätiguug der nationalen Gesinnung wird sich schon finden. Für alle, die aber in Deutschland nach solcher Richtung streben, wird es sich darum handeln, stets das Gemeinsame zu betonen, das Trennende zumindest leidenschaftslos zu discutieren. Je consequenter einer denkt, desto politischer muss er zu diesem Endzwecke Vorgehen. Ist erst einmal eine größere einige Gruppe da, so wird sie schnell weiter verstärkt werden durch die noch nicht betrachteten G l e i ch g i lt i g en, die ohne eigene Gedanken dorthin sich wenden, wo sie eine Masse erblicken. Und solche hat es in großer Menge auch in Reichsdeutschland. Die jüdische Nation. Nationaljudenthum in Deutschland. (Orig.-Corr. des „Jüd. Volksblatt".) Von Heinrich Hugo, Breslau. In Deutschland weiß man von einem Nationaljudenthum noch recht wenig. Und doch sind schon viele Anzeichen dafür vorhanden, dass eines Tages hier eine große jüdisch-nationale Partei erstehen wird, oder wie man es hierzulande wohl nennen wird: ein jüdisches Centrum. Heute sieht man zwar nur eine große Zersplitterung; aber es mehren sich die Zeichen, dass die großen oder kleinen Gegensätze schwinden und Umschlagen werden zu einer großen Synthese, zu einer Einheit, in der es höchstens einzelne Schraffierungen und Schattierungen geben wird. Es ist vielleicht interessant, die heutigen jüdischen Gruppen Deutschlands einmal nach Gesichtspunkten zu fixieren, nach denen es bisher wohl nicht geschehen. Da sind zunächst: Fatalisten, im allgemeinen die alten Orthodoxen. Sie reden von der Mission Israels, des Prügeljungen; sie halten fest an einem Verbot des eigenen Handelns, in Fällen nicht der eigenen Person, aber des gegesammten Volkes; eines ist ihnen Prüfung, anderes Belohnung; sie wagen nicht zu murren! Gott wird schon helfen ----- Allah il Allah. — Ihre Kinder gehören durchwegs anderen Gruppen an, viele sind die crassesten Materialisten, und leider stellen sie damit das größte Contingent der A e r g e r l i ch e n, die nicht als Juden geboren sein wollen, und die uur Inden bleiben aus Pietät oder aus Abhängigkeit. Nichts wünschen sie sehnlicher als völlige Assimilation und erhoffen sie meist von der alleinseligmachenden Socialdemokratie. Nicht gar zu weit ab von ihnen stehen die Trutzjuden, und doch schon ein ganz anderer Schlag. Zn ihnen gehört der größte Theil der akademischen Jugend. Ihr Satz ist: »Wir sind als Juden geboren, wir werden als solche verfolgt, da wäre es eine Feigheit, sich abzuwenden; wir trotzen vielmehr." Und sie schlagen sich fürs Judenthum und lassen sich zuweilen dafür todtschießen. Dass sie aber sonderlich ob ihres Judentyums entzückt sind, kann man nicht behaupten, lieber wäre ihnen schon das Bolldeutschthum; und die K. C. Verbindungen (auf dem Boden des Programmes der Breslauer Viadrina stehend) wollen auch nur so lange kämpfen, bis die Burscheuschaften und Corps Inden wieder aufnehme«, d. h. also bis das Judenthum kein Grund mehr zur Scheidung oder Aechtung ist. Ein Kind des K. C.-erthums ist der »Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens." Die Mitglieder desselben kennen aber schon eine gewisse, zum Theil sogar wirkliche Wertschätzung des ethischen Judenthums, wenn sie auch erklären, nur zum Kampfe sich zn, sammeuzuschließen, nicht zum Ausbau. Zuweilen finden sich Auch in Frankreich beginnt es zu tagen. Die Bestrebungen der Assimilanten verschiedener Couleur haben ja bereits ihre Früchte getragen, und infolge deffen leuchtet es allen vernünftigen Juden ein, dass sie sich der Traditionen ihres Volkes erinnernd, dem jüdisch-nationalen Gedanken, als dem allein rettenden hingeben müssen. Dies erhellt auch aus der Thatsache, dass die Discussion über die Frage, ob die Juden eine Nation bilden, immer an Umfang gewinnt, und dass ihr Resultat ein für alle national gesinnten Juden erfreuliches zu werden verspricht. Zu dieser Frage veröffentlicht nun der „Univers Jsraelite" einen Artikel unter dem an die Spitze dieser Zeilen'gesetzten Titel. Der Artikel stammt aus der Feder des Herrn Rabbiners Dante A. Latter und behandelt in kurzer, aber so zutreffender Weise das erwähnte Thema, dass wir uns nicht versagen können, ihn im Folgenden vollständig wiederzugeben. Derselbe lautet: „Indem Herr Louis Levy mit viel Geist und hoher Bildung die sehr antisemitischen und wenig wissenschaftlichen Fehler des Herrn Anthroposociologen Bacher de Lapouge erwähnt, will er nicht, dass man heute von einer „jüdischen Nation" spricht, weil — wie er meint — der Begriff Nation auch eigenes Territorium und einen eigenen Staat implieiert. Ich fürchte sehr, dass dieser Protest des Herrn Levy von der französischen Assimilation und dem französischen Chauvinismus beeinflusst war. Ich bin aber der Meinung, dass die Antisemiten sich diesem Proteste gegenüber taub stellen werden. Nachdem die jüdischen AssimilatoreN bewiesen haben, dass wir nicht mehr Juden sind, sondern Franzosen in Frankreich, Italiener in Italien, haben die Antisemiten dennoch ihr Spiel fortgesetzt. Die Geschichte des modernen Frankreich, Deutschland, Oesterreich bestätigt dies. Folglich kann der Protest des Herrn Levy nicht gegen die Antisemiten gerichtet sein. Als ein specielles Argument für diese hat er gar keine Kraft. Warum dann protestieren? Vielleicht etwa, um der Wahrheit die Ehre zu geben? Oder aus wissenschaftlichen Scrupeln? Oder gar, um eine falsche sociologische Theorie zu berichtigen? Ich will das annehmen, aber ich glaube nichtsdestoweniger, dass die Theorie des Herrn Levy selbst nicht sehr wissenschaftlich ist und dass man sie ohne Kritik nicht acceptieren kann. Der sociologische Fall der Juden ist ein Ausnahmsfall, er ist einzig: er ist eine Einzelerscheinung, eine Ausnahme. Vielleicht berechtigt er uns und gibt uns die Mittel dazu, ein neues sociologisches Gesetz, Prineip, eine neue sociologische Theorie zu formulieren. Kann man daraus, dass heute — außer unserem Volke — keine Nation ohne eigenen Boden vorhanden ist, schließen, dass keine Nation ohne Boden vorhanden sein kann? Das wäre nicht logisch. Warum kann man nicht das Bestehen einer Nation ohne Land für möglich halten? Welche theoretische oder praktische Schwierigkeiten widersetzen sich dem? Auf welchen ideellen oder geschichtlichen, philosophischen ooer sociologische» Principien stützt man sich, um den Namen Nation einer» Volke vorzuenthalten, welches durch die Jahrhunderte durch sehr enge und unzerreissbare Bande zusammengehalten würbe, diesen Namen Menschen zu verrveigern, die sich Brüder nennen und dieselbe Geschichte, dieelben Aspirationen, dieselben Ideale, dieselben Hoffnungen, dieselben Gefühle haben? Widersetzt sich dem die Wissenschaft? Welche Wissenschaft? Woher schöpft sie ihre Autorität und großartigem Erfolge durch die bisher geführte Untersuchung das welche sind ihre Titel? Ist es eine philosemitische Wissenschaft! Vertrauen des Volkes auf die Unparteilichkeit der Justiz unterim Gegensätze zu der des Sociologen Bacher? s graben und erschüttert ist. „DasAnsehen derselben ist dahin. Der HerrAnatole Le roy-Beaulie.u, welcher nicht Antisemit Schlussrefrain aller Debatten lautete stets: Es kommt nichts ist, stimmt in diesem Falle mit unseren Freunden, den Feinden, l heraus, denn es soll und darf nichts herauskommen." Dieser sagte Renan, „ist die Erinnerung der großen Thaten, die sie zusammen vollbracht und der Wille, neue zu vollbringen." Der Herzog von Broglie in einer Rede über die „französische Einheit", die er 1894 im Vereine für französische Geschichte hielt, untersuchte den Factor der nationalen Einheit, und er fand ihn weder in der Identität der Abstammung, noch in der Einheit des Bodens. Während am Ende des XI. Jahrhunderts der unbekannte Homer, welcher den Tod Rolands besang, „das süße französische Land" feierte, wusste thatsächlich vielleicht niemand, welchem Länderstrich dieser Name zukam. Die französische Nation hat als Basis, als Haupt und wenn nicht gar als ausschließliche Ursache die moralische Einigkeit ihres Volkes. Nach L i st wird eine Nation bestimmt durch ihre Sprache und Literatur, durch ihre ethnographische Abstammung, durch die allen ihren Mitgliedern gemeinsame Geschichte, durch ihren nationalen fast unwandelbaren Charakter, durch ihre Gesetze und Institutionen, durch ihr Recht auf eigene Existenz, auf Unabhängigkeit und auf Entwicklung, durch ihrem Lande, welches auf all diesen Dingen einen Einfluss ausübt, und schliesslich durch die tausende von geistigen und materiellen Banden, welche alle ihre Söhne zusammenschließen. Es handelt sich also um eine sehr complieierte Idee, um sehr zahlreiche Ursachen und Faetoren. Und Lift fügt hinzu: „Es ist nicht wahr, dass man die Nationalität einer Rasse wechseln kann, indem man ihre Sprache und ihren Wohnort wechselt. Tausende Factoren und hauptsächlich das innige Gefühl des Herzens, formen den nationalen Charakter des Jndividiums und bestimmen ihn für Jahrhunderte. Die jüdische Nation, seit mehreren Jahrhunderten unter allen Völkern Europas zerstreut, hat sich ihre Ergenthümlichkeiten bewahrt, obwohl sie ihre Sprache verloren nnd versucht hat, sich mit der deutschen, italienischen, französischen re Gesellschaft zu assimilieren. Die Nation ist eine Eigenschaft, die man aus dem Menschen nicht ausrotlen kann, eine dem Menschen eingeborene Eigenschaft, die man auf materieller Art und in wenigen Worten nicht bestimmen kann, die aber viel fundamentaler als jede andere und tief historisch ist." Nach der neuesten Wissenschaft, hat jedes Volk eine vorherrschende, fixe, constante Form von Sensibilität und Intelligenz, welche dem Nationalcharakter die Farbe verleiht. Diese Farbe, welche die Ursache und der Factor aller Manifestationen eines Volkes ist, ist etwas immanentes, continuierliches in der Entwicklung : Die vorherrschenden Gefühle eines Volkes bilden das „nationale Gewissen". Man bestreitet nicht den Einfluss des physischen Milieus oder des Bodens auf die Bildung und Erhaltung der Nationalität, man behauptet nur, dass sie keine ausschließliche ist. Das Temperament, die erbliche Constitution, die ethnischen Züge, die Erziehung, die Geschichte, die Ideale, das Gefühl, der Wille, die Nothwendigkeit bilden Factoren, die man nicht übersehen darf. Nach G. Le Bon, sind die moralischen und intellectuellen Charaktere, welche den Nationaltypus bilden, ebenso beständig, wie die anatomischen Charaktere, welche zur Bestimmung der Art dienen. Was in Wirklichkeit die Basis, das nützliche, active, essentielle Element des Nationalitätenprincipes bildet, ist der Wille des Volkes, sein Gewissen. Innerhalb des jüdischen Volkes ist dieses Gewissen und dieser Wille immer gegenwärtig, actuell, lebendig; die Assimilanten können sie verneinen oder verstoßen, sie existieren und wirken dennoch. Unsere Nationalität ist ein Product der Geschichte und der Vorsehung, dem die Parteigänger der Assimilation nichts anhaben können. Es gibt also eine jüdische Nationalität. Einer der Führer der englischen Socialsten, Herr Herbert Burns, sagte unseren jüdischen Soeialisten: „Ich begreife nicht, warum sich die Juden ihrer Nationalität mehr zu schämen brauchen, als irgend jemand." Und Herr Dr. Rosenbaum in seiner Broschüre „Jüdische Realpolitik in Oesterreich' empfiehlt den Juden Oesterreichs, indem er das Bestehen einer jüdischen Nationalität constatiert, sich zu einer nationalen Gruppe zusammenzuschließen, ähnlich, wie es schon längst die Czechen, Polen, Slovenen u. s. w. gethan haben. Erwähnt muss noch werden, dass, wenn man heute aufgehört hat den Juden den Namen Nation zu geben, dies die Schuld der Assimilanten ist. Bis zum Jahre 1858 bildeten die Juden in Italien eine „Nazione hebrea“ (jüdische Nation). Man findet diese Worte in den Archiven jeder Gemeinde, man kann sie auf den Aharoths und Rimonims jeder Synagoge lesen. Man fand die Worte sehr natürlich und sehr logisch. Heute sind sie eine Ketzerei, weil wir fürchten, wir könnten unsere Bürgerrechte verlieren, und weil wir die „L i b r e P a r o l e" des Herrn Dr umont fürchten. Aber Herr Levy, der ein tiefer Denker, ein freier, wagemuthiger Geist ist, darf diese Schwächen nicht haben. Bor allem darf er die Geschenke und Ehren der Geschichte nicht ablehnen, ebenso wie er nicht so leicht und gleichgiltig den Ruhm von sich weisen darf, einer ewigen und unglücklichen Nation anzugehören, und den noch weit höheren und wahreren Ruhm, sie bis in den Tod zu vertheidigen. Gerichts-Saal. Gin Urrssproerss aus Anlass des Koniher Mordes. Berlin, 25. Septernber. Wegen Beleidigung richterlicher, st a a t s a n w a l l l i ch e r u n d Verwaltungsbehörden und Beamten aus Anlass der M o r d t h a t in Könitz wurde gestern der verantwortliche Redaeteur der „Germania", Hans Contzen zur Verantwortung gezogen. Unter Anklage standen zwei Artikel in Nr. 122 und 127 der „Germania". Der erste ist eine Correspondenz aus Könitz, in der an die Bestattung der Ueberreste des ermordeten Winter Betrachtungen geknüpft wurden. Es hieß darin unter anderem, dass die tausende von Tyeilnehmern am Begräbnisse protestieren wollten gegen die Art und Weise, wie der Mord behandelt und untersucht worden sei. Die Vertreter der Behörden hätten leicht erfahren können bei Jung und Alt, Hoch und Niedrig, was man im Volke denkt. Vielleicht mit Schrecken würden sie beinerkt haben, mit welch überein. Er anerkennt, dass die „Nationalität" sich mit dem nationalen Bewusstsein deckt. Eine Nation ist vor allem das Erzeugnis der Geschichte. Was sie erzeugt und erhält, ist eine Gemeinsamkeit von Interessen, Traditionen, Gefühlen. Die Nationalität hat gewöhnlich mehrere Faetoren, und mehr als in einem Lande war die Religion einer dieser Faetoren. Die Gleichmäßigkeit der moralischen und religiösen Erzieh»,lg, das Studium der Sprache und der hebräischen Traditionen, welche durch alle Zeiten und allerorts sich erhalten haben, das feste Bewusstsein, Jude zu sein und sich als solcher zu fühlen, können sehr gut das Land ersetzen, können die nationale Kette der Menschen an Stelle eines Stückes Erde bilden. Das Land ist einer der Factoren, Gedanke fand noch weitere Ausführung in dem zweiten Artikel, der die Ueberschrift „Betrachtungen über den Konitzer Mord" trug. Auch in diesem wird es als vox populi hingestellt: „Es komrnt nichts heraus, denn es soll und darf nichts herauskonunen." Es wird dann die Behauptung aufgestellt, dass das Untersuchunßsverfahren eine merkwürdige Abneigung gegen energische Schritte habe erkennen lassen, sobald diese sich gegen Inden richten würden. Die Untersuchung sei von Anfang an ungeschickt angelegt und etwas lästig betrieben worden. Auffallend sei die Behandlung aller Personen, die sich zu Aussagen meldeten, um die Juden zu belasten, auffallend die Behandlung der Ellern des ermordeten Winter, auf der anderen Seite auffallend die liebenswürdige eines der Zeichen der Nationalität, soweit es die materielle Behandlung der belasteten Juden. Es wird schließlich in dem Einigkeit und Solidarität unter den Mitgliedern derselben Station > Artikel behauptet, dass das Rechtsbewusstsein, die Rechtssicherheit, erhält. Aber die Nation ist nicht das Land, wie Herr Levy be-' sowie der Glauben an die Unparteilichkeit der Justiz im Volke hauptet, auch ist der Boden nicht der einzige und ausschließliche! untergraben worden sei. Die Anklage fasst die Betrachtungen der Factor derselben. Ich glaube, dass der Wille eines Bolkes seine „Germania" dahin zusammen: Die Beamten hätten absichtlich Gefühle, seine Aspirationen, ebenso große Kräfte bilden wie der; ihre Pflicht verletzt und zugunsten der Juden und zu Ungunsten Boden. „Was die Menschen zu einem Volke zusammenschließt," der Christen die Untersuchung so geführt, dass sie ergebnislos

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