Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 38 (21.9.1900)
- Date
- 1900-09-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 21. September 1000 Seite 5 noch nicht zu einer Gemeinde organisiert und besitzen weder einen Rabbiner, noch eine Synagoge. T. Neu,Südwales. (Die Stellung der Juden in Australie n.) Aus dem statistischen Handbuche der Regierung von Neu-Südwales ersieht man, welchen Antheil die Juden an der Regierung und Verwaltung dieser Colonie nehmen: Im gesetzgebenden Rathe sitzen drei Juden: Herbert Salomon, H p) a m und Henry Moses. Im Parlamente sitzen auch drei Juden: John Jakob Cohen, David Davis und Simeon Philips. In der Ackerbanverwaltung ist Victor Cohen, in der Gefängnisverwaltung I. I. M o ß und ebenso befinden sich jüdische Persönlichkeiten m den übrigen Regierungsdepartements. Der Tag von Rennes. Paris, 9. September. Die »Aurore" erinnert daran, dass heute vor einem Jahre Dreyfus nochmals in Rennes verurtheilt wurde, während die wahren Verbrecher, die Mercier und Genossen, nicht nur unbestraft geblieben, sondern sich heute noch in hohen Ehrenstellen brüsten. „Oteele" betont, die Richter in Rennes hätten ihr Gewissen durch d'.e unerhörte Gewährung mildernder Umstände zu beschwichtigen gesucht. Da Mercier die Wahl gestellt, „Dreyfus oder ich", hätten die Richter sich nicht getraut, durch Freisprechung Dreyfus einen General zu verurtheilen, mit welchem auch Boisdeffre, Gonse, Billot, Cavaignac, Zurlinden, Chomoine u. s. w. gestürzt worden wären. „Aber: das Renner Urtheil lastet schwer auf Frankreich. So lange es Leute giebt, welche Dreyfus ungestraft Verräther, seine Freunde Vertheidiger des Berräthers; die Minister, welche ihn begnadigt, Freunde des Berräthers. den Präsidenten, welcher die Begnadigung unterschrieb, Mitschuldiger des Berräthers neunen können, bleibt ein gefährlicher Gährstoff im Bew'östsein des Bolkes. Mit Dreyfus wurden die Pariser Gemeindewahlen gemacht. Der Nationalismus beruht auf der Dreyfus-Geschichte und muss dieselbe fortwährend ausbenten, um sich zu halten." Die „Köln. Bvlks.-Ztg." bemerkt dazu: „Leider richtig. Die Nationalisten tragen die Schuld, wenn die Dreyfus-Geschichte nochmals Frankreich aufregen sollte. Sie wollen mit derselben Loubet stürzen gleich nach der Weltausstellung. Wenn nun aber Loubet ebenfalls bis zum Aeußersten geht, Mercier und Genossen wegen Mittheilung geheimer Schriftstücke, Gebrauchs falscher Urkunden n. s. w. am Kragen fassen lässt? Waldeck-Rousfeau könnte der Mann sein, um solches zu thun, und durch Offenlegung des Sachverhaltes das Heer wie die Mehrheit des Bolkes für die Regierung zu haben." Der Hauptmann Dreyfus hat von dem ehemaligen Justizminister Trarieux, der sich um die Revision des Processes große Berdienste erworben hat und Präsident der Liga zum Schutz der Menschen- und Bürgerrechte ist, Brief erhalten, in dem er auch u. A. schreibt: „Mein Herr! Wir stehen am Borabend des 9. September und wir wollen nicht die Feigheit begehen, den Jahrestag des Urtheils von Rennes vorübergehen zu lassen, ohne Ihnen wieder einmal die Bestätigung unserer Sympathien für Ihr Unglück auszusprechen. Qhne Zweifel haben Ihre physischen Qualeil aufgehört und Dank einem Acte der sühnenden Menschlichkeit bewegen Sie sich frei unter den Ihrigen, aber Sie fühlen die Bitterkeit im Grund Ihres Herzens, die Zurückbleiben muss, wenn Sie sehen müssen, wie die moralischen Wirkungen eines Jrrthnms sich verlängern, den die Gerechtigkeit bis jetzt nicht wieder gut machen konnte, und so lauge diese innere Strafe Sie in Sorgen hält, müssen auch alle Diejenigen, die Ihre Bertheidigung übernahmen und das Ihnen angethane Unrecht bekämpften^ mit Ihnen um Ihre Znkuiisc besorgt sein." rc. Tempel-Einweihung im zwanzigsten Bezirke. Gestern nachmittags wurde der vom Brigittenauer Bet- Haus-Bereine gestiftete Tempel in der Kluckygasse in feierlicher Weise und in Anivesenheit zahlreicher Festgäste eingeweiht. Der Präsident des Brigittenauer Bethaus-Bereines Herr Hermann Ellbogen leitete die Feier durch folgende Ansprache ein: Das Herz von Freude bewegt und doch auch im tiefsten Innern erregt, betrete ich diesen Platz, am einer angenehmen und ehrenden Pflicht zu entsprechen und Sie als Obmann deS Bethaus-Verecnes Brigittenau auf das höflichste zu begrüßen und für ihr freundliches Erscheinen bestens zu danken. Das Herz von Freude bewegt, dass in diesem in der schö>lsten Entwictlnng befindlichen Theile der Hauptstadt unseres geliebten Vaterlandes ein Gotteshaus sich erhebt, das auch nach außen würdig ist, dem Dienste unserer Religion gewidmet zu sein. Wir wollen unseren Glaubensdrüdern Gelegenheit geben, unseren althergebrachten Gottesdienst in schöner Form zu begehen und wir wollen die Jugend zum Eintritte in die Hallen laden, auf dass sie stillschweigend im Drange der Ereignisse und im Sturine der Zeit im Gebete sich neue Kraft zu neuer Arbeit hole. Ich wage aber auch noch den Wunsch in dieser feierlichen Stunde, dass das einst in besseren Zeiten bestandene gute Einvernehmen zivischen beiden Confessionen aus diesen Mauern heraus seinen Weg nehme zu neuem Leben. Dank sei dem Stadtbauamte für sein gütiges Entgegenkommen, den, Herrn Architekten und Bauineister für die Entfaltung ihres künstlerischen Sinnes, Dank den opferfähigen, allezeit hilfsbereiten Brigittenauer Vereinsmitgliedern, die zur Ehre ihres Namens ihr Bestes zum Gelingen dieses Werkes beigetragen haben. Aus vollem Herzen meinen — damit zugleich unseres Vereines — tiefgefühlten Dank der Cultusgemeinde und ihren Vertretern, welche ,n liebenswürdigster Weise den Bau unterstützten. Kurz Dank, innigen Dank allen denjenigen, die dnrch Theilnahme und Opferwilligkeit dieses vorzügliche Werk gefördert. Wir dürfen mit doppelter Freude die heutige Feier begehen, denn sie fällt nahe zusanunvn mit einer Feier, die unser ganzes geliebtes Vaterland berührt. Geleitet von den Gefühlen dar Anhänglichkeit und Verehrung für unseren Kaiser und Herrn, in Liebe zu unserem Vaterlande, wollen wir die Bitte um seine Huld und Güte emporsenden. Und indem wir Gott den, Herrn danken, dass er uns diesen herrlichen Tag, diese erhebende Feier erleben ließ, wollen wir im Geiste und im Sinne unseres altbewährten Glaubens desjenigen gedenken, dessen gnädiges Herrscherwort allen Völkern seines weiten Reiches zur Erhebung und Ermuthigung dient und welcher alle mit gleicher Liebe umfasst. Möge in diesem Hause stets Friede walten, möge Friede einkehren in die Bevölkerung unserer Vaterstadt, damit sie durch das einträchtige Zusammenwirken aller ihrer Bewohner jenen Fortschritt und jene Entwicklung nehme, welcher ihrer würdig ist. Und so sei nach dem Dankgebete an den Herrscher des Weltalls der erste Ruf, der in diesen heiligen Hallen erschalle und in welchen einzustimmen ich Sie hiermit bitte : Unser geliebter Kaiser Franz Josef I. lebe hoch! Das Entzünden des Ewigen Lichtes begleitete Oberrabbiner Dr. Güdemann mit einem Hinweise auf die Mission des Judenthnms. Die Festrede hielt der Hausrabbiner Dr. Templer, das Kaiser-Gebet sprach Rabbiner Doctor Schmiedel. Vertreten war der Unterrichtsminister dnrch Hofrath von P l a c z e k, der Polizeipräsident durch Regierungsrath Frankel, der Bürgermeister durch Gemeinderath R. v. G o l d s ch m i d t. weiters waren anwesend Vertreter der Statthalterei und des magistratischen Bezirksamtes, ferner Hofcath Kar eis, kais. Rath K l i n g e r, Landesschnlrath Dr. K o h n, Dr. Berger, Ingenieur v. Mises, Architekt Gärtner, der Erbauer des Hauses, Gemeinderath Eltbogen und Armenrath S ch r e i b e r. Zum Schlüsse sei noch der Verdienste des Executiv- Comites des „B. B.-B." ehrend gedacht. Ihm gehörten an die Herren Armenrath Heinrich Weiner als Obmann, Emil Fürth als Obmann-Stellvertreter, Th. R o b i t s ch e k als Schriftführer, sowie die Herren I. Steiner, I. Wünsch, S. D u b, H. E l t b o g e n, N. M a n d e l t o r t uns A. W ü n f ch. Gerichts-Saal. Gin antisemitischer Heid. In den letzten Tagen fand die Verhandlung über die Ehrenbeleidigungsklage der Frau Rosalia H o fb au er, Gattin des Modehändlers B. H o f b a u e r, I., Tuchlauben, gegen den Redacteuc des „Deutschen Bolksblatt", Franz Mohr, statt, welche mit der Verurtheilnng des Angeklagten zu acht Tagen Arrest endete. Der Klage lag folgender Thatbestand zugrunde: „Donnerstag den 16. August, l/,9 Uhr abends, fuhr Frau Rosalia H o f b a u e r mit einem Stellwagen nach Pötzleinsdorf. Auf der Währingerstraße ersuchte sie den Conducteur, sie auf einen Augenblick aussteigen zu lassen. (Bemerkt fei, dass so ziemlich bei jeder Tour die Conducteure die Wagen zwei- bis dreimal anhalten, um rasch Commissionen zu verrichten.) Der Conducteur wollte dem Verlangen der Dame willfahren, doch im selben Momente schrie der im Wagen befindliche Franz Mohr, dass dies unstatthaft sei, worauf die Dame das Aussteigen unterließ. Darauf meinte Mohr: „Das kann einem nur passieren, wenn man mit so einer gemeinen Person, wie Sie sind, fährt; Sie gemeine Tarnopoler Jüdin, Sie sind eine Ganslerin von der Glockengasse." Auf die Bemerkung von Frau Hofbauer, dass sie sich das nicht gefallen lasse, wurde der ganze antisemitische Schimpf-Lexikon schreiend und krächzend hergesagt: „Ich bin grob, ein sehr grober Mensch, aber nur gegen die Juden; seit unser Lueger Bürgermeister ist, seid Ihr Juden der Niemand, nicht einmal so viel, als der abgetragene Stiefelfetzen. Und wann S' niet glei stüll san, bekommen S' zwa Flaschen!" Bis dahin war das vordere Coupe besetzt; jetzt stiegen einige Passagiere aus. Fürchtend, wirklich thätlich misshandelt zu werden, setzte sich Fran Hofbauer zum Kutscher. Beim Aussteigen sagte noch M o h r : „Jetzt ruhig benehmen, sonst gibt's jetzt auch noch was!" Franz M o h r, der früher bei der „Reichswehr", jetzt beim „Deutschen Volksblatt" ist, hatte nicht den Muth, zur Verhandlung am 16. September zu erscheinen, schrieb vielmehr an das Gericht, dass er wohl das Jncriminierte begangen, es aber nicht der Mühe wert wäre, wegen einer solchen Lapalie bei Gericht zu erscheinen; er wolle Frau Rosalie Hofbauer "Abbitte leisten, eventuell möge das Gericht die Verhandlung vertagen. Das Bezirksgericht fand genügende Ursache, in eine Vertagung nicht einzugehen. Der Conducteur und die Cassierin bestätigten die Anklage vollinhaltlich, worauf Doctor E l b o g e n in besonders scharfer Weise betonte, dass nicht nur Frau Rosalie H o f b a u e v, sondern durch den Passus: „Seit unser Lueger Bürgermeister ist, seid Ihr Juden der Niemand, nicht einmal so viel, als der abgetragene Stiefelfetzen", die ganze jüdische Slammesgenossenschaft beleidigt erscheine, und beantragte daher, nach dem höheren Strafmaße vorzugehen, umsomehr, da das cynische Schreiben des Mohr ihn selbst charakterisiere. Das Gericht gieng auf die Ausführungen des Dr. Elb o gen vollinhaltlich ein und verurtheilte Franz Mohr zu einer Woche Arrest und Tragung aller Kosten. Bücherschau. Hermann L. Strack: Einleitung in das Alte Testament, einschließlich Apokryphen und Pseudoepigraphen. Mit eingehender Angabe der Literatur. Fünfte, vielfach vermehrte und verbesserte Auflage. München. C. H. B e ck'sche Verlagsbuchhandlung. Unter den unzähligen „Einleitungen in das Alte Testament", welche in den letzten Jahrzehnten in Deutschland das Licht der Welt erblickt haben, nimmt das vorliegende Buch eine exceptivnelle Stellung ein. Man kann es füglich das Muster einer Einleitung nennen. Nahezu alle anderen Bücher oieser Art führen den Namen zu Unrecht, sie sind eher zum Schluffe des Studiums der Heiligen Schrift, als am Anfänge desselben zu setzen. Sie setzen nämlich bereits eine Vertrautheit mit dem Texte und dem Inhalte voraus, dann eine Erörterung allgemeiner Fragen, und legen das Hauptgewicht auf die Probleme der Kritik, wobei selbstverständlich der jeweilige Standpunkt des Verfassers als der einzig berechtigte supponiert wird, die anderen aber nur insofern« in Betracht kommen, als es nörhig erscheint, mit ihnen zu polemisieren. Anders hier. Der Verfasser wendet sich an solche, die nach genügender grammatischer und sprachlicher Vorbereitung an das Studium der biblischen Bücher heranlreten und ihnen will j er ein treuex zuverlässiger Führer sein. Und er geleitet sie mit sicherer Hand. Einer kurzen Vorbemerkung über die Einleitungs- Wissenschaft überhaupt folgt die „Specielle Einleitung", welche die größere Hälfte des Buches füllt. Die einzelnen Bücher der Heiligen Schfift werden durchgenommen, der Inhalt wird angegeben und zergliedert, der historische Hintergrund klar und durchsichtig gezcl'öne.l, der Stil wird analysiert, das Geographische, Archäologischie und die Realien, und was sonst zum richtigen l Verständnis des Inhaltes gehört, wird an passender Stelle leicht-j fasslich und s übersichtlich dargelegt, die auftrelenden Persönlichkeiten werdet, charakterisiert. Die kritischen Fragen erörtert der Verfasser unbefangen, führt vorurtheilssrei das Für und Wider an, stellt mit größter Objektivität die verschiedenen Lehrmeinungen dar, seine eigenen Anschauungen, die er in dem von ihm h e r a u s g c g e b e n e n umfassenden C v m m e n t a r z um Alten Testament voll zur Geltung gebracht hat, hier einstweilen zurückdrängend, so dass der Studierende in der Lage ist sich ein klares Bild von dem gegenwärtigen Stande der kritischen Wissenschaft zu machen. Die „Allgemeine Einleitung" (Seite 169 bis 269) behandelt die das Ganze betreffenden Probleme, also Bildung und Geschichte des Canons, Geschichte des Textes und der Uebersetzungen, Hilfswissenschaften. Besonders wertvoll sind die mit unvergleichlicher Akribie zusammengestellten Literaturangaben über alle Znieige der Bibelwissenschaft. Das Buch bietet, alles in allem, ein gediegenes und umfassendes Compendium alles dessen, was jeder Bibelbeflissene wissen muss; die gefällige, handliche Ausstattung und der unglaublich billige Preis (2.n0 Mk. — 3 Kr.) sichern ihm Verbreitung in den weitesten Kreisen. 8. D. S. S i l b e r b u s ch: Machasoth. Skizzen und Humoresken. Krakau, 1900. Selbstverlag des Verfassers. (Hebräisch.) Der rühmlich bekannte Novellist, dessen Bilder aus dem Leben und Leiden der r u m ä n i s ch e n Juden gerade jetzt an Actualität gewinnen, hat in diesem Bändchen zehn hübsche Skizzen und Novellen, theils humorvollen und amüsanten, rheils ernsten Inhaltes zu einem Ganzen vereinigt. Man findet hier liebenswürdige Schilderungen aus dem Leben der Kleinstadt neben ergötzlichen Darstellungen des Treibens und Gebarens der „großen Welt". Besonders zeitgemäß dürfte die „Unterredung mit Lueger" sein, die mit ihrer hübschen Pointe eine prächtige Satire bildet. Dasselbe gilt von der Schilderung jener berühmten Obstructionsnacht im Wiener Reichsrath, da der redegewaltige Dr. Lecher seinen zwölsstündigen Speech vom Stapel ließ. Man wird das reizend ausgestattete Büchlein nicht ohne Anregung und Genuss aus der Hand legen. S. Dr. S. Bernfeld: Der Talmud, sein Wesen, seine Bedeutung und seine Geschichte. Berlin. Verlag von S. Calvary & Co. 1900. Das vorliegende Buch will nicht eine gelehrte Einleitung in das talmudische Schriftthum sein, sondern eine leichtsassliche und gemeinverständliche, für den gebildeten Laien, der sich Belehrung holen will, bestimmte Darstellung des Gegenstandes bieten. Und diesen Zweck erreicht es vollkommen. Der Verfasser ist ein gediegener.Kenner des Talmud, beherrscht alle einschlägigen wissenschaftlichen Probleme vollkommen und schöpft überall aus dem Vollen. Seinem Stoff steht er mit jener sachlichen und ruhigen Objectivität gegenüber, welche den modernen Juden und Mann der Wissenschaft kennzeichnet. Er führt uns durch die ganze Geschichte des Talmud von der Zeit seiner Entstehung bis auf unsere Tage. Die Probleme und ihre Entfaltung, wie sie der Verfasser bietet, ergeben sich organisch auseinander. Die ersten zwei Capitel behandeln die Entstehung der Mischna und die der Gemara. In ersterer ist die „Mündliche Lehre" niedergelegt, die, seit alten Zeiten neben dem Schriftwort einhergehend, durch die „Sopherim" eine Erweiterung und Vertiefung, den politischen und socialen Bedürfnissen der Zeit angemessen, erfahren hat. Hierbei war die hauptsächliche Triebkraft, besonders in der Folgezeit, der Gegensatz zivischen der demokratischen, die volkschümlichen Bestrebungen repräsentierenden Peruschim und der innerlich faulen, selbstsüchtigen und herrschbegierigen sadducäischen Aristokratie. Aus dem, der Geschmacksrichtung jener Zeit entsprechenden Willen für alles, ein» Stütze oder wenigstens einen Hinweis in der Bibel zu finden, entsprang die eigenthümliche, hermeneutische Methode, welche auch für die fernere Entwicklung des Talmud bezeichnend bleibt. Der Verfasser versteht es sehr geschickt, durch illustrierende Citate ein anschauliches Bild von der halachischen, sowohl wie auch von der hagadischen Mischna zu bieten. Eingehend und geschmackvoll wird die Entstehung, Entwicklung und das Wesen der Gemara auf dem kulturhistorischen und politischen Hintergründe der Zeit geschildert. Besonders interessant gestaltet sich die Darstellung der Geschichte des Talmud seit seinem Abschlüsse bis auf die Gegenwart, also der Recipierung und Verbreitung desselben in der ganzen Judenheit, ferner der antitalmudffchen Sectenbewegung innerhalb des Judenthums und der aus derselben entsprungenen Kämpfe, dann der Codifieierungen des halachischen Inhaltes von Maimonides bis Caro, wie auch der Fortentwicklung der mündlichen Lehre bis auf die Gegenwart. Eine Skizze der „äußeren Schicksale" des Talmud, vornehmlich der Anfeindungen und Bertheidigungen desselben von nichtjüdischer Seite, beschließt diese inhaltsreiche und empfehlenswerte kleine Schrift. 8. VereinsnnH VechMAinngsdenihle. Wien. (I ü d i f ch e r Turnverein.) Wegen Renovierung unseres bisherigen Turnsaales muss die Eröffnung der Turnabende bis zum 1. October verschoben werden. Wien. Der Verein jugendlicher Arbeiter hält Samstag den 2-2. d. M. in Valentins Gasthaus, II., Rembrandtstraße 18, seine constituierende Gencral-Versammlung ab. Beginn halb 8 Uhr. Zuschriften, sowie Geld- oder Büchersvenden sind an M. Strauß, II., Reinbrandtstraße 60 zu richten. Das Vereinslocal befindet sich im Locale des „Jüdischen Volksverein", IL, Leopoldsgasse 49. Kolin. (Jüdischer V o l k s v e r e i n.) Am 16. d. M. fand die erste General-Versammlung des jüdischen Volksvereines „Zion" in Kolin statt, die von dein Umstande Zeugnis ablegte, dass die jüdische Volksidee beinahe sämmtliche Angehörige dieser Cultusgemeinde um sich schart. Der Ausschuss setzt sich aus folgenden Herren zusammen: Präsident: Emanuel Gelber. 8 Ausschussmitglieder: Eduard Bergmann, Heinrich Beutler, Moriz E i s n e r, Wilhelm N e u s ch u l, JUDr. Josef Ornstei n, Heinrich P o l a * f d) c f, Max Saudek, Max Tauber. 6 Ersatzmänner: MUDr. Max Braun, Sigmund Feld mann, Adolf G o l d s ch m i d t. 5 Schiedsrichter: Adolf Eisler, Sigmund Ko blitz, Gustav Fleischn er, Simon Mai, Leopold Rudolf. 2 Revisoren : Adolf G o l d s ch m i d t, Adolf L ö w i n. M. T. Czernotvitz. (I ü d i s ch - a k a d e m i s ch e F eri a lv erb i n d u n g „H e b r o n i a".) In dein am 16. d. M. erfolgten Wahlconvente der jüdisch-akademischen Ferialverbindung„Hebronia" wurden gewählt: Präses: ing. M. Maurüber X. Biee- Präses: mg. M. Niemer XX, Schriftführer: mg. S. Tirst XXX- Wittheilungen ans dem Publicum. (Eine kleine Aufmerksamkeit) ist es doch, wenn man — so wie unser strebsamer Glaubensgenosse Herr A. Steinfeld, Schuhwarenhändler, V., Schönbrunnerstraße 38 (Krystallpalast) — die für den bevorstehenden Versöhnungstag (Jom Kipur) üblichen Pantoffel vorzüglicher Qualität seinen verehrten Kunden schon von heute an ganz unentgeltlich zu deren Verfügung stellt. (Wir verweisen die Aufmerksamkeit) unserer Leser auf das in unserer Nummer enthaltene Inserat der Kaffee- und T h e e - V e r s a n d t - F i r m a K a r l P e r l e s, W i e n, 16. Bez., G r u n d ft e i n g a s s e 6l, welche die feinsten Kaffeesorten zu den billigsten Preisen offeriert. Briefkasten. D. S. 80. Wir werden eines der eingesandten Feuilletons acceptieren. Den Artikel können wir leider nicht verwenden, da dasselbe Thema bereits besprochen wurde. D. L. in Pr. Leider nickt verwendbar. 414. Sehr gut. Soll gebracht werden.