Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 38 (21.9.1900)
- Date
- 1900-09-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wu-n, Freitag Jüdisches Volksblatt 21. September 1900 >r. 38 scheu Eultusgeineinde Prag, Dr. M. L i ch t e u st e r n als Repräsentant der böhmischen Landesjudenschaft, Dr. Friede. D uscheues,! Deputationen und Vertreter von Karolinenthal und anderen Nachbargemeinden, ebenso einige Collegen. Die Antrittsrede hielt Dr. Herzog am Samstag. Friedek. (Einweihung.) Samstag den 15. d. M. fand in Friedet die Einweihung des neuen Schul- und Gemeindehauses statt, welche durch einen Schulgottesdienst eröffnet wurde, dem auch viele Erwachsene beiwohnten. Die Festvredigt hielt Rabbiner Dr. Bergmann. Hierauf begaben sich die erschienenen Ausschussmitglieder der Cultusgemeinde (die Opposition, welche gegen eine israelitische Schule gestimmt hatte, war der Feier fern geblieben) unter Führung des Vorstehers Herrn Hermann L ö w in das neben dem Tempel befindliche Schulgebäude, wo bereits die Festtheilnehmer im Fest- und Sitzungssaals versammelt^waren. Mit dem Bürgermeister Herrn Koltscharsch an der Spitze war eine Deputation des Gemeinderathes erschienen. Ferner bemerkten wir den Obmann des Bezirksschulrathes Herrn Z a m a r s k y. Vorsteher Herr L ö w begrüßte die Festversauunlung^ und übergab dem Schulleiter Herrn Oberlehrer Kraus die Schulräume uüt der Aufforderung, ersprießlich wie bisher in den neuen Räumen zu wirken. In glänzender Weise hielt hierauf Herr Dr. Bergmann die Weiherede, in der er die Schule das wahre Symbol des Judenthums nennt und an die Slinbcr die Aufforderung richtet, stets dem angestammten Glauben treu zu sein. Hieraus ergriff das Vorstandsmitglied Herr Mathias Schwarz das Wort und führte unter Beifall den inneren Inhalt und Wert des „eigenen Heinis" aus. Nach Herrn Sch w a r z besteigt Herr Oberlehrer Kraus die Rednertribüne. Er constatiert, dass während des Wartens auf das eigene Heim und dessen Vollendung ein Jubiläum vorübergegangen sei, indem rm Jahre 1875 der jüoischen Volksschule das Oeffentlichkeitsrecht verliehen wurde. Nachdem noch Herr Bürgermeister Koltscharsch als Vertreter der politischen Behörde und der Stadt Friede! und Herr Bezirksschulraths-Obmann Zamarsky dem Vorsteher Herrn Löw für die erhebende Feier ihren Dank ausgedrückt, wurde die schöne Feierlichkeit mit Absingung der Volkshymne geschlosien. Beim Mussaph-Gottesdienste wurde im Tempel die erste Barmizwa-Feier unter der Amtsthätigkeit des ersten Rabbiners Dr. Bergmann an dem Sohne des allgemein beliebten Cultus - Ausschussmitgliedes Herrn Mathias Schwarz abgehalten. ... Ick. Biala-Lipnik. (Die israelitische -Cultusgemeinde.) Die „Troppauer Zeitung" berichtet: In einer kürzlich stattgefundenen Versammlung von Mitgliedern der israelitischen Cultusgemeinde B i a l a-L i p n i k wurde folgender Beschluss gefasst: „In Erwägung des tief bedauerlichen Umstandes, dass die Cultusgemeinde unter der Leitung des bisherigen Präses Dr. Samuel Reich unaufhaltsam ihrer voll- Lemberg. (Zum Brande in Uhu6w.) Der jüngst in der Gemeinde Uhndw bei Rawa ausgebrochene Brand hat nahezu 500 jüdische dürftige Familien um ihr Hab und Gut gebracht und in denkbar verzweifelte Lage gebracht, besonders da der Herbst vor der Thüre steht und weder Herd noch Dach vorhanden ist. Nur derjenige kann einen Begriff von der Nothlage der Abbrändler haben, der mit den hierländischen Verhältnissen bekannt ist. Das Land, besonders die jüdische Bevölkerung, ist nicht iu der Lage, den Verunglückten in reicherem Masse beiznspringen, und die Gemeinde Uhnc'nv ist daher auf auswärtige Hilfe angewiesen. Helfe daher, wer es kann. Spenden nimmt entgegen der Depositeur des Rettungs-Comites Herr Samuel R o k a ch, Gutsbesitzer in Lemberg und werden von demselben ausgewiesen. Tarnopol. (Zwei B e r d i c t e.) Im Juli vorigen Jahres beschäftigten sich viele Tagesblätter mit dem Straffalle des Leib K w a s m a n n, welcher vor dem hiesigen Schwurgerichte des Betruges durch ränkevolle Creditverlängerung angeklagt war. Dieser Process erregte hauptsächlich darum großes Aufsehen, weil der Staatsanwalt in seinem Plaiboyer die Behauptung aufgestellt hatte, die jüdische Religion gebiete den Juden, Betrügereien zu verüben, eine Aeußerung, welche in der hiesigen jüdischen Bevölkerung, sowie auch in anderen weiten Kreisen die größte Entrüstung hervorrief. Die Haranguierung des Staatsanwaltes führte wirklich dazu, dass der Angeklagte trotz des mangelnden Thatbestandes von den Geschworenen schuldig erklärt und zu drei Jahren schweren Kerkers, sowie zur Landesverweisung verurtheilt wurde. Infolge der gegen dieses Urtheil erhobenen Nichtigkeitsbeschwerde hob der Cassationshof das Erkenntnis auf und wies die Angelegenheit zur neuerlichen Verhandlung vor das Tarnopoler Schwurgericht. Der zweite Process wurde am 13. und 14. September durchgeführt, wobei die auf Betrug lautende Hauptfrage einstimmig, die Eventualfrage auf leichtsinnige Crida mit Stimmenmehrheit verneint wurde, so dass die Freisprechung des Angeklagten erfolgte. Unter den Geschworenen befand sich, gleichwie bei der ersten Verhandlung, kein Jude. Bemerkenswert ist, dass bei der zweiten Verhandlung das Plaidoyer des Staatsanwaltes frei von Ausschreitungen und maßvoll war. Als Vertheidiger fungierte neben dem Anwälte des früheren Processes der hiesige Advocat ständigen Auflösung entgegengeht; in fernerer Erwägung, dass! Dr. Schwarz. Nach der Verkündigung des Freispruches fiel Dr. E Samuel Reich trotz der Thatsache, dass der derzeitige j K w a s ni a n n in Ohnmacht und konnte nur mit Mühe zum Vorstand in seiner mangelhaften Zusammensetzung schon seit Bewusstsein gebracht werden. Dieser Wahrspruch der Jnry hat längerer Zeit absolut beschlussunfähig ist, sein Mandat als fllrmpä Sor :ff_rri-.. cm _a.'iLi /_^ Präses der Gemeinde in der illegalsten Weise ausübt (nach dem alten Statut hat der Ausschuss aus neun, nach dem neuen Statut sogar aus 15 Mitgliedern zu bestehen, während der dermalige Ausschuss nur aus drei Mitgliedern, inclusive des Herrn Präses besteht) in weiterer Erwägung, dass Dr. Samuel Reich „gegen Gesetz und Statut" zum Ueberfiuss auch noch die Cassierstelle usurpiert und damit den Gemeindemitgliederu die Controle über die finanzielle Gebahrung entzogen hat; in schließlicher Erwägung, dass Dr. Samuel Reich durch sein bisheriges Verhalten seine totale Unfähigkeit zur Leitung einer Cultusgemeinde bewiesen hat, ist 1. dem Herrn Dr. Samuel Reich nicht nur im Publicum, sondern auch bei den Richtern, die der Verhandlung beiwohnten, große Befriedigung hervorgernfen. Budapest. (T e in p e l e in w e i h u n g.) Samstag, den l(j. d. M. wurde der glänzend restaurierte Allofener israelitische Tempel eingeweiht. Der Einweihung gieng eine Festsitzung der Repräsentanz der israelitischen Altofener Cultusgemeinde voran. Der unermüdliche und verdienstvolle Gemeinde-Präses Samuel Ehrlich eröffnete die Sitzung mit einer längeren Rede, in welcher er die Geschichte des Tempels skizzierte und allen jenen Factoren, welche zur Deckung der Restaurationskosten beitrugen, Dank votierte. Die Herren Samuel Berthold Goldberg er de B u d a und Julius Ullman n, Vorstandsmitglieder, authenticierten das Prorokoll. Herr A u g e n st e i n, Sparcassen-Director, sprach unter lebhafter Zustimmung der Anwesenden dem Präses Samuel E h r l i ch für dessen Bemühungen im Interesse der Verdas volle Misstrauen der heutigen Versammlung aus . v . - „ „ „ zusprechen und derselbe aufzufordern, sein Mandat als Präses ^bnerung des Gotteshau,es Dank aus. Unter sturmuchen El)enw rr 3 r.j. , ’ , ■ r , ,! rufen aut drn Prajes wurde die Festiitzung geschloyen. Nachher e l tu3genieuibe, dessen er sich total unfähig erwiesen hat, begaben sich die Herren in den Tempel. Eine festlich gekleidete sofort mederzulegen; 2. für den Fall, als Herr Dr. Samuel Menge nahm im Tempel, dessen Vorderseite mit Tricoloren reich Reich drei Tage nach Bekanntgabe dieser Resolution den geschmückt war und der Hofraum in einen Palmengarten umge- Beschluss der heutigen Veriammluna nickt reivertierend sein wandelt wurde, Platz Der Einladung der Cultusgemeinde hatten S'ZJ “if . -omalmmuug Nicht respecllerenv, ,em die meisten Folge geleistet. Es waren erschienen: der Nenm ga » Mandat nicht niederlegen sollte, ist unverzüglich sowohl! ftxftcr römisch-katholische Pfarrer Dr. Adam Ott, der ref. an die k. f. Bezirkshauptmannschaft als auch an die hohe k. k.! Pastor Meßaros (im geistlichen Ornat), die Rabbiner Lazar Statthalterei unter Anschluss einer Abschrift der heute gefassten Po llak (in Vertretung des PesterRabbinats), Dr. Lud. Vene- Resolution eine drinaende Beickwerde ru ickleuniaster Abstell,,na!tianer (Neu-Pest). Außerdem waren mehrere delegierte Officiere L ir,:* 37f, Lwich.veroe zu Ich eumMer Avltellung . öer hiesigen Garnison anwesend. Die Hauptstadt war vertreten durch d.leses ungesetzllchen Zustandes zu richten. Mit der Durch- Bürgermeister-Stellvertreter Rozsavölgyi und Bankdirector fuhrung der Versammlungsbeschlüsse wurden die Herren Julius Ä^ .^ .'u.: Korn, Simon Krieger, Samuel Rappaport und Moriz K o h n beauftragt. H e u f f e l, es hatten auch die Pester und Neupester Gemeinde Vertreter entsendet. Seitens des hauptstädtischen Municipal-Ausschusses erschienen die Stadtreprüsentanten Rudolf Pa lotai, Dr. R e i ß und Alexander Schubert. Nachdem der Gemeinde- Präses Herr Ehrlich, von den Mitgliedern der Repräsentanz umgeben, in der Vorhalle des Tempels dem Bürgermeister-Stellvertreter Rozsavölgyi für die Munificenz der Hauptstadt während ' ßedankt halte, erklärte Letzterer, dass die Hauptstadr mit Freude ' 1 ihr Mögliches dazu beigetragen habe, 'damit das Altofener or , iYr. . .... ~ . . Gotteshaus in neuem Glanze prange. Mit dem Einzüge der Augen wurde. „Meine Sohne sind ja zum Jahrmarkt gefahrerr,! Vornehmsten der israelitischen Cultusgemeinde in das Innere des um Ware zu verkauseu. Heute sollen sie ja zurückkehreu." j im elektrischen Lichte strahlenden Tempels, nahm die Einiveihungs- „Jch weiß, ich weiß, Bruder," antwortete Jefimowitsch. i fciertidjfeit ihren Anfang. Den Zug eröffnete ein Mitglied des «Sie hatten Waren zu vertansen und haben auch alles »«r.I kauft, und gestern haben sie sich taufen lassen. Jch warPathe." „Unmöglich, unmöglich, ich kann es nicht glauben," jammerte der unglückliche Vater und raufte sich das Haar ans. schmunzelnd. „Gestern haben sie sich vom Popen in den Schoß unserer heiligen Kirche aufnehmen lassen." „Du scherzest, Jefimowitsch," schrie Jossel auf, sich seine Züge seltsam verzerrten und es ihm dunkel vor den | Gottesh „Wie konnten sie das thun?" „Das siehst Du ja. Was verstehst Du nicht? Jetzt haben sie ein schönes Stück Geld in Händen, was sie für ihre Waren eincassiert haben. Sie gedenken, ein kleines Gut in der Nachbarschaft zu erwerben. Ich werde ihnen etwas zuleihen, den Rest erhalten sie in der Bank. Jetzt haben sie ja das Recht, auf eigenem Namen'Boden zu erwerben . . . Nun, freust Du Dich nicht, dummer Jossel?" 4- * Und jetzt, wo er vor seinem Schöpfer steht, überdenkt Jossel alles, was er durchgemacht und ausgestanden hat. Sein Herz ist zerrissen, fein Geist ist gebeugt, sein Leben vernichtet. Doch er murrt nicht. Er sieht in seinem Schicksal nur eine gerechte Strafe des Himmels, weil er den Mahnungen seiner Gattin kein Ohr lieh. Und nur um ihretwillen nagt der Kummer an ihm, da ihr Grab einsam und verlassen ist, da keiner ihrer Nachkommen ihrer Seele gedenkt, und dass am Tage der Auferstehung ihrer ein noch größerer Kummer harrt. . . „Keduscha! Keduscha!" machte einer der Nebenstehenden den Traumverlorenen aufmerksam, indem er ihn am Aermel zupfte. Jossel erwachte aus seinem Brüten und wandte sein Gesicht gen Osten. armigen silbernen Leuchter trug, sodann folgte der Oberrabbiner Dr. Elias Adler, nachher 38 Mitglieder der Cultusgemeinde — jedes einzelne eine Thorarolle in Händen — nachdem der Altar dreimal umkreist wurde, zündete Ehrw. Herr Oberrabbmer Dr. Adler das ewige Licht au, worauf er die Kanzel bestieg, und in einer anderthalbstündigen, gedaukenreicheu Rede betonte, dass das Judenthum trotz der seit vielen Jahrhunderten andauernden Feindseligkeiten nie daran vergessen habe, dass das höchste menschliche Gebot die Nächstenliebe ist. Mit der Mahnung, die Religion nicht zu verlassen und mit einem Gebete für das Wohl des Königs schloss Redner seine andächtig angehörte Predigt. Zum Schlüsse sang der verstärkte Tempelchor den „Hymnus" und damit hatte die Einweihung ihr Ende. Nagyvärad. (N i ch t g e l u n g e n.) Aus Nagyvürad wird ein sehr interessantes Geschichtchen berichtet: Dle Elite der hiesigen arischen Gesellschaft veranstaltete zugunsten eines katholischen Vereines eine Tauzunterhaltung mit der Bedingung, dass zur selben kein einziger Jude oder Jüdin eingeladeu werde. Die Unterhaltung ist auch vortrefflich gelungen, indem dort die Luft thatsächlich ganz j u d e u r e i u war oder — besser gesagt — zu sein schien. Ein junger Cavalier dieser Gesellschaft gab auch seiner besonderen Freude in überschwenglichen Worten Ausdruck. Er gesellte sich nämlich zu den voruehmeu Damen: Frau B u l y o v ß k y (Gattin des Nagyvürader Bürgermeisters Dr. Josef Bulyov ß ky), Frau K v n r ii d (Gattin des künigl. Raches M. K o ii r u d) und Frau Szunyogh (Gattin des Ober-Matrikenaufsehers L. S z u n y v g h), der junge Mann sagte ganz vergnügt zu den schöneu Damen: „Nun, meine Damen, aber jetzt sind »vir doch unter uns, ganz judenrein. Ich war der Arrangeur, das habenSie mir z u v e r d a n k e n." Die erwähnten Damen lächelten ihm ironisch entgegen und bemerkten: „Es ist Ihnen doch nicht ganz gelungen, denn drei Jüdinnen sind unter u n s." „Wie denn, wo sind sie?" „Hier stehen sie vor Ihnen. Wir alle drei sind Jüdinnen." Tableau . . . Ausland. Berlin. Graf P ü ck l er- Klein- T s ch i r n e hat am 5. September eine neue Prügelrede losgelassen. Wie die „Deutsche Wacht" zu melden weiß, erhielt Graf P ückle r unmittelbar vor Beginn der Versammlung ein Telegramm, dass sein Gutshof in Klein-Tschirne in Flammen stehe, mehrere Scheunen mit der Ernte seien schon vernichtet. Graf P ückler sprach nach der Versammlung die feste Ueberzeugung aus. dass die Juden ihre Hand im Spiele haben. Die „Deutsche Wacht" bemerkt hierzu: Das sei „durchaus glaublich, da sich der Graf bei seinen Arbeitern u. s. w. großer Beliebtheit erfreut, ein Racheakt eines von diesen also ausgeschlossen sein dürfte". Berlin. (B ü r g e r m e i st e r B r i n k m a n n und der A ii t i s e in i t i s m u s.) Von dem nunme hr bestätigten zweiten Bürgermeister von Berlin entwirft das „B. T.' folgende Charakteristik: „Er ist ein guter Redner, besonders auch, wenn er sich für den Gegenstand, über den er spricht, erwärmt. Bekannt und in Aller Gedächtnis dürfte es noch sein, mit welcher Wärme und welchem Eifer er sich seinerzeit der Bekämpfung des in Königsberg auftauchenden agitatorischen Antisemitismus widmete. Seine Rede zu jener Zeit erregte bekanntlich die Aufmerksamkeit außerhalb Königsberg und brachte ihm die Todfeindschaft derer vnn L i e b e r m a n n v. S o n n e n b e r g und Consorten ein. Paris. (Eine r o y a l i st i s ch e A c t i o it.) Ein Brief, welchen der Herzog Philipp von Orlans an seine Getreuen vom „Soleil" gerichtet, gilt als Programm für die royalistische Agitation, welche im Herbste neuerdings beginueu soll. Der Prätendent stützt sich auf die antisemitisch-nationalistische Partei, welche seine letzte Hoffnung ist. Er sagt: „Ich habe die Armee vertheidigt, welche die Ehre Frankreichs verkörpert und seine Rettung bedeutet. Ich habe vor dem Cosmvpolitismus der Juden und der Freim.au rer ei, dem Verderben und der Schande des Landes gewarnt. Dann entwickelt Herzog Philipp seine Ideen über die Nochwendigkeit der Decentralisation der Verwaltung, welche nur eine starke Gewalt durchzuführen vermag. „Ich allein bin imstande," sagte er, „die Lebenskraft den Städten und dem flachen Lande zu geben, und Frankreich der administrativen Umschlingung zu entreißen, durch welche es erdrückt wird; denn nur von der königlichen Macht hängt die Decentralisation ab." In der Enquete, welche der „Soleil" über die Wiederherstellung des Königthums angestellt, und für welche Philipp in diesem Briefe dankt, hat sich Paul Bvurget, der bekannte Schrifsteller, welcher schon lange rvyalistische Gesinnungen hegt, für das Königthum ausgesprochen. Paris. (D r e y f n s — reactiuier ,t.) Das Rochefor t'sche Organ „Jntransigeaut" schreibt in seiner letzten Nummer, dass, sobald die Kammer das Amnestiegesetz angenommen hat, wird auch Dreyfus reactiviert und als Hauptmaun zu seiner Brigade nach Caen einrücken; nach einigen Wochen wird er dann zum General ernannt werden, um in Pension gehen zu können. Von diesem Projecte hat man — wie die obengenannte Quelle angibt — Dreyfus schon verständigt, wozu er auch seine Zustimmung gab. Petersburg. (Die j ü d i s ch e A b t h e i l u n g im M i nisterium.) Die jüdische Abtheilung, welche, wie wir kürzlich gemeldet haben, im russischen Ministerium des Innern errichtet wurde, hat die hartbedrückten Juden Rußland mit neuen Hoffnungen belebt. Man erwartet, dass die neue Institution nun bald in Thätigkeit treten wird, und Leute, die als gut unterrichtet gelten, wollen bereits die Richtung kennen, in welcher sich diese Thätigkeit bewegen dürfte. Es soll zunächst allen Personen, denen der Aufenthalt im Innern Russlands gestattet ist, erlaubt sein, ihre unterstützungsbedürftigen Eltern dauernd um sich zu Häven. Ferner sollen alle im Innern Russlands lebenden jüdischen Handwerker, welche durch Alter oder dauernde Krankheit an der 4lusübung ihres Handwerkes verhindert sind, nicht wieder nach dem Ansiedlungsrayon ausgewiesen werden. Endlich sollen die Kinder der außerhalb des Ansiedlungsrayons lebenden jüdischen Gelehrten und Handwerker nach erlangter Majorennität nicht mehr ausgewiesen werden, selbst wenn sie weder einen akademischen Grad erworben, noch ein Handwerk erlernt haben. Letztere Erleichterung würde insoferne von großer Tragweite sein, als dadurch in der den Ansiedlungsrayon umgebenden unsichtbaren chinesischen Ataner eine weite Bresche gelegt würde, durch welche zahlreiche Juden in das Innere Russlands ziehen und da für alle Zeiten sich anfhalten könnten. Im Uebritzen hat auch der russische Senat eine neue, für die Juden günstige Entscheivuug gefällt. Danach dürfen die Juden ans dem platten Lande unbewegliches Eigenthum besitzen, wenn dieses Eigentbum ihnen testamentarisch vermacht, oder sonstwie geschenkt wird. Die Mai- . gesetze — so begründete der Senat sein Urtheil — sollen beschränkend wirken, beschränkende Gesetze unterliegen aber keiner Interpretation, sondern müssen nach ihrem buchstäblichen Wortlaute genommen werden. Diesem Wortlaute nach aber dürfen die Juden auf dein platten Lande keine Güterkaufen, dagegen kann ihnen niemand verbieten, sich diese Güter schenken oder testamentarisch vermachen zu lassen. Es ist eben iu den Maigesetzen eine Lücke gelassen worden, die jetzt, wo kein Jgnatiew am Ruder ist, niemand mehr ausfüllen wird. Moskau. (Russen für Inden.) Zugunsten der uns N i s ch n i-N o w g v r o d Ausgewiesenen circuliert, wie „Mvskvwsk. Wjedom." mittheilen, auf der jetzt gelegentlich der großen Messe von der Kaufmanuschast des ganzen russischen Reiches besuchten Börse von Nischni-Nowgvrod eine Petition an den Minister des Innern, in welcher gebeten wird, die Ausweisungen rückgängig zu machen. London. (Die Juden in P a n a m a.) Aus Colon, Republik Columbia, wird der „Jewish-Chronikle" geschrieben, dass die Nachricht, laut welcher während der jüngsten politischen Wirren in Central-Amerika, zwölf Juden verhaftet und zwei von diesen hingerichtet wurden, völlig ans der Luft gegriffen sei. Die in Panama wie in Colon ansässigen Inden stammen größtentheils aus Cnracao (Holland. Columbien), ans dem dänischen St. Thomas, sowie ans Jamaica. Einige sind auch aus Europa, oder aus den Vereinigten Staaten in Panama eingewanoert. Es geht ihnen in ihrem neuen Wohnort gut, da sie daselbst große Geschäftshäuser besitzen und von niemand verfolgt werden. Trotz ihrer erheblichen Anzahl und ihrer Wohlhabenheit, haben sich die Juden von Panama bis dat